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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Fünfunddreißigstes Kapitel.
Feine Arbeit.

Gryce hatte mir, bevor wir dem Städtchen R. den Rücken kehrten, soviel von seinen Plänen mitgeteilt, daß ich wußte, welcher Fährte er zu folgen beabsichtigte. »Wenn wir herausbringen,« hatte er gesagt, »in wessen Besitz das Buch ist, aus dem jener Bogen genommen ward, so haben wir den Doppelmörder.«

Bei meinem Besuch am nächsten Morgen fand ich ihn am Tische sitzend, vor sich eine Damenbriefmappe. Zu meiner Ueberraschung erzählte er mir, daß es Eleonorens Mappe sei. »Was,« rief ich, »sind Sie auch jetzt noch nicht von ihrer Unschuld überzeugt?«

»Ganz gewiß; aber unsereiner muß gründlich verfahren; eine Schlußfolgerung ist nur dann zwingend, wenn die Untersuchung eine genaue und vollständige war. Sehen Sie,« fügte er hinzu, indem er die Feuerzange ins Auge faßte, »ich habe soeben Claverings Habseligkeiten durchstöbert, – natürlich ohne daß er eine Ahnung davon hatte, – obwohl das Bekenntnis unmöglich von ihm herrühren kann. Man muß nach Beweisen nicht nur da suchen, wo man sie zu finden hofft, sondern nicht selten auch da, wo man sie am wenigsten erwartet. Jetzt glaube ich zwar nicht, hier das zu entdecken, was ich will; aber die Möglichkeit ist doch nicht ausgeschlossen, und das reicht für einen Detektiv hin.«

»Haben Sie Fräulein Eleonore heute morgen gesehen?« fragte ich ihn, als er sich anschickte, seine Absicht auszuführen, indem er den Inhalt der Mappe auf den Tisch vor sich ausschüttete.

»Allerdings, es wäre mir sonst nicht möglich gewesen, das, was ich wünschte, zu erhalten. Sie benahm sich dabei sehr liebenswürdig; sie überreichte mir die Mappe eigenhändig und ohne Widerspruch. Wahrscheinlich glaubte sie, ich bäte darum, um mich zu überzeugen, ob nicht etwa jenes vielbesprochene Papier noch darin verborgen sei. Aber es hätte auch nichts ausgemacht, wenn ihr der wahre Grund meines Begehrens bekannt gewesen wäre; hier ist nichts, was sie vor den Augen anderer zu verheimlichen hätte.« Er legte die Mappe beiseite.

»Befand sich Fräulein Leavenworth wohl?« fragte ich, unfähig meine Besorgnis länger zu unterdrücken, »und hatte sie von Hannahs plötzlichem Tode gehört?«

»Ja, sie war in großer Aufregung darüber; ich glaube fast, daß ihre Ansichten betreffs der Schuld ihrer Cousine durch dieses Ereignis bestärkt worden sind. Aber lassen Sie uns einmal zusehen, was wir hier haben,« fuhr er fort, ein Päckchen Schreibpapier mit dem Ausdruck großer Spannung vor sich hinschiebend. »Dieses Päckchen fand ich in dem Schubfach des Tisches, der im Bibliothekzimmer des Leavenworthschen Hauses steht; wenn ich mich nicht irre, so werden wir hier finden, was wir suchen.«

»Aber –«

»Aber das Papier, auf dem das Bekenntnis niedergeschrieben ist, hat ein anderes Format, wollen Sie sagen. Das weiß ich selbst recht gut; doch Sie werden sich erinnern, daß der Bogen beschnitten war. Lassen Sie uns einmal die Qualität vergleichen!«

Mit diesen Worten zog er das Bekenntnis aus der Tasche, nahm dann einen Bogen aus dem vor ihm liegenden Päckchen, prüfte beide auf das genaueste und überreichte sie darauf mir. Ein Blick genügte, um zu erkennen, daß sie von derselben Farbe waren.

»Halten Sie die Bogen ans Licht.«

Ich that es, und das Aussehen beider war ganz das nämliche.

»Nun wollen wir die Liniierung vergleichen.« fuhr er fort, legte die Papiere auf den Tisch, und zwar so, daß die Ränder genau an einander paßten. Die Linien auf dem einen Bogen entsprachen vollkommen denjenigen auf dem andern, und damit war diese Frage erledigt.

»Ich war hiervon überzeugt!« triumphierte Gryce. »Von dem Moment an, als ich das Schubfach aufzog und dieses Papier so versteckt darin liegen sah, wußte ich, was nunmehr kommen mußte.«

»Aber,« warf ich ein, »ist denn jeder Zweifel ausgeschlossen? Das Papier ist von der allergewöhnlichsten Sorte, und jede Familie kann einen Vorrat davon besitzen.«

»Durchaus nicht,« erwiderte er, »es ist von einem Format, welches man nicht mehr im Handel antrifft; jedenfalls hat es Herr Leavenworth für sein Manuskript benutzt, sonst würde es sich wohl kaum in der Bibliothek vorgefunden haben. Wenn Sie aber noch nicht daran glauben, so lassen Sie uns einmal nachsehen, was sich noch thun läßt,« fügte er hinzu, erhob sich von seinem Sitz, trat mit dem Bekenntnis an das Fenster, prüfte es von allen Seiten, und nachdem er endlich entdeckt zu haben schien, was er wollte, kam er zurück und legte es vor mich hin, mit dem Finger auf eine der Zeilen der Liniierung deutend, die merklich fetter war als die übrigen, während eine andere sich als so schwach erwies, daß man sie kaum zu erkennen vermochte. »Fehler wie diese laufen oft durch eine Anzahl aufeinanderliegender Bogen; wenn wir das halbe Buch auffinden, aus welchem jener Bogen genommen ist, dann wäre Ihnen wohl damit der sicherste Beweis geliefert, der alle ferneren Zweifel zerstreuen muß.«

Er nahm nach dieser Erklärung die zu oberst liegenden Bogen und zählte sie rasch nach; es waren nur acht. »Möglicherweise ist er hiervon genommen,« meinte er; als er jedoch die Liniierung genau betrachtete, stellte sich heraus, daß sie durchaus gleichförmig und deutlich war. »Hm! Das wäre also nichts,« kam es von seinen Lippen.

Das übrige Papier, etwa ein Dutzend Bogen, ergab ebenfalls nichts, so daß Gryce schon ungeduldig die Stirne runzelte. »So ein prachtvolles Beweismittel!« rief er aus, »es wäre jammerschade, wenn wir es nicht fänden.« Dann nahm er die nächste Lage auf und überreichte sie mir. »Zählen Sie die Bogen,« sagte er, während er selbst eine andere Lage ergriff.

Ich that, wie er geheißen. »Zwölf!« zählte ich.

Er zählte seine Lage nach und legte sie nieder. »Fahren Sie fort!« rief er.

Ich zählte die Bogen der nächsten Lage; es ergaben sich wiederum zwölf.

Er that dasselbe mit der darauf folgenden und hielt plötzlich inne. »Elf!« sprach er.

»Zählen Sie noch einmal nach,« mahnte ich.

Er that es und legte das Papier ruhig beiseite. »Ich habe mich geirrt,« bemerkte er.

Aber er ließ sich nicht entmutigen; er nahm eine andere Lage auf und machte mit ihr die nämliche Probe durch – umsonst. Mit einem Seufzer des Mißmutes warf er sie auf den Tisch und blickte mich an. »Holla!« rief er, »was giebt's?«

»In dieser Lage befinden sich nur elf Bogen,« erklärte ich ihm.

Die Aufregung, in welche ihn diese Entdeckung versetzte, wirkte ansteckend; doch obwohl ich selbst aufs höchste gespannt war, konnte ich seiner Neugier nicht widerstehen und schob ihm das Papier hin.

»Herrlich!« rief er aus, »wundervoll! Sehen Sie hier die helle Linie auf der Innen- und die dunkle auf der Außenseite, beide in ihrer Lage derjenigen auf Hannahs Bogen vollkommen entsprechend! Was sagen Sie jetzt? Wünschen Sie noch mehr Beweise?«

»Der ungläubigste Thomas müßte sich damit zufrieden geben,« erwiderte ich.

»Ich kann mir allerdings Glück wünschen,« sprach Gryce mit fast freudiger Bewegung trotz des furchtbaren Ernstes der soeben gemachten Entdeckung. »Es ist so einfach, so ganz einfach und dabei so zwingend, ich selbst bin ganz erstaunt über die feste Kette, welche die einzelnen Beweisglieder bilden. Aber welch' ein Weib ist das!« rief er plötzlich im Tone der größten Bewunderung aus, »welche Schlauheit, welchen Scharfsinn, welches Geschick besitzt sie! Es thut mir beinahe leid, über einem Weibe die Schlinge zusammenziehen zu müssen, das so Außerordentliches fertig gebracht hat; einen Bogen von der unteren Seite eines ganzen Paketes zu nehmen, ihn zu einem anderen Format zurecht zu schneiden und dann daran zu denken, daß jenes irische Mädchen nicht schreiben konnte, und deren plumpes Malen der Buchstaben nachzuahmen, – großartig!« Ganz aufgeregt und glühend vor Begeisterung, betrachtete er den von der Decke herabhängenden Kandelaber.

In meiner verzweifelten Stimmung ließ ich ihn ruhig reden.

»Hätte sie es wohl klüger anfangen können, bewacht, umstellt, wie sie war? Ich glaube nicht. Doch die Thatsache, daß Hannah nach ihrer Flucht schreiben gelernt hatte, wurde verhängnisvoll; gegen diesen Umstand vermochte sie sich in keiner Weise zu schützen.«

»Herr Gryce,« schaltete ich hier ein, unfähig, seine Auseinandersetzung noch länger anzuhören, »hatten Sie heute morgen eine Unterredung mit Fräulein Mary?«

»Nein,« erwiderte er, »das lag auch gar nicht in meiner Absicht. Ich zweifle überhaupt daran, ob sie wußte, daß ich in ihrem Hause war. Ein Dienstmädchen, die mit ihrer Herrin nicht in gutem Einvernehmen steht, ist für einen Detektiv eine sehr schätzbare Gehilfin; mit Molly auf meiner Seite hatte ich es nicht nötig, ihrer Gebieterin meine Aufwartung zu machen.«

»Herr Gryce,« begann ich nach einer Pause, »was beabsichtigen Sie jetzt zu thun? Sie haben ihre Fährte bis an das Ende derselben verfolgt und sind mit dem erreichten Ziel zufrieden, eine derartige Beweissammlung ist die Vorläuferin einer entscheidenden Handlung.«

»Hm! Wir wollen einmal sehen,« entgegnete er, trat an sein Schreibpult und nahm das Kästchen mit den Schriftstücken heraus, das wir während unseres Aufenthaltes in R. nicht Zeit gehabt hatten, näher zu untersuchen. »Lassen Sie uns zuerst diese Dokumente prüfen; vielleicht enthalten sie einen Wink, der uns von Nutzen sein kann.« Er nahm die losen Blätter zur Hand, welche aus Eleonores Tagebuch herausgerissen waren und begann zu lesen.

Während er damit beschäftigt war, fand ich Muße, den übrigen Inhalt des Kästchens zu durchforschen; derselbe bestand in der That aus den Papieren, die Frau Belden aufgezählt hatte: Aus dem Trauschein Marys und Claverings und etwa einem halben Dutzend Briefen. Indem ich die ersteren überflog, machte mich ein kurzer Ausruf aus Gryces Munde aufschauen.

»Was giebt's?« fragte ich.

»Lesen Sie selbst,« entgegnete er, mir die Blätter aus Eleonores Tagebuch überreichend. »Das meiste ist eine Wiederholung desjenigen, was Sie bereits von Frau Belden vernommen haben, obwohl von einem andern Standpunkte aus betrachtet; aber hier ist eine Stelle, die, wenn ich mich nicht irre, uns einen Weg zu der Erklärung des Mordes bahnt, wie wir ihn bis jetzt noch nicht gehabt haben. Fangen wir von vorn an; es wird Sie nicht langweilen.«

Langweilen! Eleonores Gefühle und Gedanken während jener sorgenvollen Zeit sollten mich langweilen! Ich breitete die einzelnen Blätter in ihrer Reihenfolge vor mir aus und fing an zu lesen. Die Stelle aus dem Tagebuch, welche für uns von höchster Wichtigkeit war, lautete folgendermaßen:

»18. Juli. – Der Onkel traf heute unerwartet mit dem Eilzug ein und suchte mich in meinem Zimmer auf, nahm mich in seine Arme und fragte nach Mary. Ich ließ den Kopf sinken und vermochte bei meiner Antwort nur zu stammeln, daß sie sich in ihrem Boudoir befände. Sofort wurde er unruhig, verließ mich und eilte nach dem Gemach seines Lieblings, wo er, wie ich hinterher hörte, sie vor ihrem Toilettentisch fand, in Gedanken versunken, Claverings Verlobungsring an ihrem Finger betrachtend. Was nun folgte, weiß ich nicht, jedenfalls ein sehr stürmischer Auftritt; denn Mary ist heute morgen krank und Onkel äußerst melancholisch und trübe.

»Nachmittags. – Wir sind eine unglückliche Familie; Onkel weigert sich nicht nur, die Frage einer Verbindung Marys mit Clavering selbst für einen Augenblick in Erwägung zu ziehen, sondern geht sogar so weit, von ihr zu verlangen, daß sie unverzüglich und bedingungslos mit dem Verlobten breche, wenn sie sich nicht der Gefahr seiner höchsten Ungnade aussetzen wolle. Sobald ich den Stand der Dinge erfahren hatte, lehnte ich mich gegen die Macht eines Vorurteiles auf, welches zwei so für einander geschaffene Menschen auf ewig trennen wollte, besuchte den Onkel nach dem Frühstück und trat lebhaft für die Sache der Unglücklichen ein. Doch er ließ mich kaum zu Worte kommen. ›Du solltest die letzte sein, meine uneigennützige Eleonore,‹ sprach er, ›welche diese Heirat begünstigt.‹ Erstaunt fragte ich nach dem Grunde. ›Weil du, wenn du es thust, ganz gegen Marys Interesse arbeitest.‹ Mehr und mehr verwirrt, bat ich ihn, sich deutlicher zu erklären. ›Ich meine,‹ entgegnete er, ›daß, wenn Mary mir ungehorsam ist und sich mit jenem Engländer vermählt, ich sie ohne Zögern enterben und deinen Namen an Stelle des ihrigen in meinem Testament und in meiner Liebe setzen werde.‹ Hierauf kehrte er mir den Rücken und verließ ohne ein weiteres Wort finster das Zimmer.«

»Da haben Sie's!« rief Gryce, als ich entmutigt das Blatt sinken ließ, »was ist jetzt Ihre Ansicht? Ist es nun nicht klar wie die Sonne, welches Motiv Mary für jenen Mord hatte? Herr Leavenworth drohte, Mary zu Gunsten Eleonores zu enterben, wenn sie auf einer Heirat bestände, die seinen Wünschen so schnurstracks zuwider lief, und welchen andern Schluß können wir nunmehr ziehen, als daß er einige Zeit nach der Vermählung von der Fortsetzung des ihm verhaßten Verhältnisses hörte, seine Drohungen wiederholte und – damit sein Schicksal besiegelte?«

»Dagegen läßt sich nichts einwenden,« erwiderte ich traurig, »es ist nur allzu klar; so wäre denn Mary, ihre Cousine oder fast ihre Schwester, rettungslos verloren!«

Gryce schob die Hände in die Taschen und schien in trübes Nachdenken versunken. »Ja,« murmelte er endlich, »ja, ich fürchte, die Sache steht schlimm für sie, sehr schlimm. Solch' ein entzückendes Geschöpf! Es ist ein Jammer, ein wahrer Jammer! Nun, da wir mit unserm Geschäft am Ende sind, thut es mir fast leid, daß es uns so gut geglückt ist. – – Wenn sich nur eine einzige Lücke in der Beweiskette vorfände,« fuhr er nach einer Pause fort; »aber es ist alles so unumstößlich wie das ABC.«

Plötzlich stand er auf und begann das Zimmer mit unruhigen Schritten zu durchmessen, indem er die Blicke bald hierhin, bald dorthin warf. »Es würde Ihnen wohl großen Kummer bereiten, Herr Raymond,« hob er dann wieder an, »wenn Fräulein Leavenworth auf die Anklage des Mordes hin verhaftet würde?«

»Ja,« beteuerte ich, »es würde mir äußerst schmerzlich sein.«

»Und doch muß es geschehen,« versicherte er, aber mit einem gewissen, ihm sonst fremden Zögern in der Stimme. »Als zuverlässiger Kriminalbeamter, der von der Oberbehörde mit der Untersuchung dieses Falles betraut ist, bin ich genötigt, sie ihrem Schicksal zu überliefern.«

Wiederum dachte er eine Weile nach, als schwanke er noch, seinen Entschluß auszuführen. »Herr Raymond,« sprach er endlich, »finden Sie sich um 3 Uhr wieder bei mir ein, dann werde ich meinen Bericht an den Polizei-Präsidenten fertig haben; ich möchte Ihnen denselben zuerst zeigen, also lassen Sie mich nicht warten.«

»Demnach sind Sie wirklich entschlossen?«

»Ja.«

»Und Sie werden jene Verhaftung vollziehen?«

»Sprechen Sie um 3 Uhr bei mir vor.«

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