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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Vierunddreißigstes Kapitel.
Gryce übernimmt wieder die Führung.

Eine halbe Stunde verrann; der Zug, mit welchem ich Gryce erwarten durfte, war angekommen und ich stand in unbeschreiblicher Aufregung an der Hausthür, das langsame Nahen der Schar von Männern und Frauen verfolgend, die ich vom oberen Fenster aus auf der Station aus den Waggons hatte steigen sehen. Schon begann ich zu verzweifeln, als ich unter der Menge, welche in die nach Frau Beldens Hause führende Straße einbog, zu meiner Freude den Detektiv erblickte, der auf seinem Krückstock mühsam heranhinkte.

Sein Gesicht war eine förmliche Studie. »Das ist ja ein schöner Morgengruß,« rief er, mir am Gitter die Hand reichend, »Hannah tot und alle unsere Berechnungen über den Haufen geworfen! Hm, und was halten Sie jetzt von Mary Leavenworth?«

Wenn der geneigte Leser denkt, ich hätte in der nun folgenden Unterredung meine Erzählung damit begonnen, daß ich ihm Hannahs schriftliches Bekenntnis zeigte, so irrt er sich. Mochte es nun der Wunsch sein, ihn denselben Wechsel von Hoffnung und Furcht durchmachen zu lassen, den ich seit meiner Ankunft in R. hatte erfahren müssen, oder war es die Rache dafür, daß er meine Behauptung von Claverings Schuld stets ungläubig aufgenommen hatte, – kurzum, ich sparte mir das Bekenntnis der Toten bis zuletzt auf.

Ich werde niemals den Ausdruck seines Gesichts vergessen, als ich es ihm übergab. »Gütiger Himmel!« rief er aus, »was ist das?«

»Das Bekenntnis einer Sterbenden, von Hannahs eigener Hand; ich selbst fand es vor einer halben Stunde in ihrem Bett.«

Er überflog es mit einem verwunderten Blick, der sich in grenzenloses Staunen verwandelte, nachdem er die Zeilen gelesen hatte. Er kehrte das Papier um und um und wurde gar nicht müde, es genau zu untersuchen.

»Ein merkenswertes Beweisstück!« rief ich, nicht ohne ein Gefühl des Triumphes, »es ändert die ganze Sachlage mit einem Schlage.«

»Meinen Sie?« antwortete er scharf. »Sie sagen mir, Sie hätten dieses Papier in ihrem Bett gefunden, wollen Sie mir das nicht genauer beschreiben?«

»Es lag unter dem Körper des Mädchens,« entgegnete ich; »ich sah es unter ihrer Schulter ein wenig hervorgucken und zog es heraus.«

»War es zusammengefaltet oder offen, als Sie es entdeckten?«

»Zusammengefaltet und in dieses Couvert gesteckt,« erklärte ich, indem ich ihm letzteres zeigte.

Er betrachtete es und fuhr dann in seinen Fragen fort: »Das Couvert sieht sehr zerknittert aus und ebenso der Brief; war dies schon der Fall, als Sie den Fund machten?«

»Ja, und nicht nur das, sondern auch zusammengekniffen, wie Sie sehen.«

»Zusammengekniffen? sind Sie dessen sicher? Gefaltet, gesiegelt und dann zusammengekniffen: so hat sich das Mädchen noch lebend darüber gewälzt?«

»Allerdings.«

»Haben Sie sich auch nicht täuschen lassen? Rief das ganze nicht den Eindruck hervor, als wäre es erst nach ihrem Tode ihr untergeschoben worden?«

»Keineswegs! Mir schien im Gegenteil, als hätte sie den Brief, nachdem sie sich niedergelegt, in der Hand gehalten, ihn fallen lassen und wäre darauf eingeschlafen.«

Gryces Augen verdüsterten sich, als wenn ihn meine Antwort enttäuscht hätte. Er legte den Brief auf den Tisch und sann eine Weile nach; dann nahm er ihn wieder auf, untersuchte die Ränder des Papiers, auf welches er geschrieben war, warf mir einen raschen Blick zu und verschwand darauf hinter dem Fenstervorhang. Sein Benehmen war so seltsam, daß ich unwillkürlich aufstand, ihm zu folgen; aber er winkte mich zurück und sprach: »Vertreiben Sie sich nur die Zeit mit dem zinnernen Kästchen, von welchem Sie so viel Wesens machen, und sehen Sie, ob sich alles so verhält, wie Frau Belden Ihnen erzählt hat, ich möchte einen Moment für mich allein sein.«

Ich unterdrückte mein Erstaunen und setzte mich an den Tisch, um seinem Geheiß nachzukommen; aber ich hatte kaum den Deckel des Kästchens emporgehoben, als er wieder auf mich zutrat, den Brief auf den Tisch warf und im Tone der höchsten Aufregung rief: »Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß dies die verwickeltste Geschichte ist, die mir je in meinem Leben vorgekommen ist? Herr Raymond,« fügte er hinzu, und zum erstenmale trafen seine Augen die meinigen, so erregt war er, »machen Sie sich auf eine Täuschung gefaßt. Dieses angebliche Bekenntnis Hannahs ist eine Fälschung!«

»Eine Fälschung?«

»Ganz gewiß! Das Mädchen hat diesen Brief in ihrem Leben nicht geschrieben.«

Fast beleidigt sprang ich vom Stuhl empor. »Woher wollen Sie das wissen?« fragte ich ungestüm.

»Sehen Sie sich das Schriftstück selbst an,« erwiderte er, mir den Brief überreichend, »und prüfen Sie es genau. Jetzt sagen Sie mir,« fragte er nach einer Pause, während welcher ich das Blatt einer scharfen Untersuchung unterworfen hatte, »was fällt Ihnen zunächst darin auf?«

»Nun, das erste, was mir auffällt, ist der Umstand, daß die Buchstaben förmlich hingemalt sind, gerade wie man es von einem ungebildeten Mädchen erwarten darf.«

»Und weiter?«

»Daß sie auf die Innenseite eines gewöhnlichen Papierbogens gemalt sind.«

»Eines gewöhnlichen Bogens?«

»Jawohl.«

»Das heißt, wie ihn Kaufleute zu benutzen pflegen. Jetzt sehen Sie sich die Zeilen einmal genauer an.«

»O, sie laufen bis dicht an den oberen Rand des Papiers; offenbar ist hier die Schere in Anwendung gekommen.«

»Kurzum, es ist ein großer Bogen, der zu einem kleineren beschnitten worden ist, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Ist das alles, was Ihnen auffällt?«

»Ich wüßte nicht, was noch besonderes zu bemerken wäre.«

»Begreifen Sie denn nicht, was durch das Beschneiden verloren gegangen ist?«

»Nun, weiter nichts, als die Fabrikmarke des Papiers in der Ecke; aber ich wüßte nicht, daß dies von so großer Bedeutung wäre.«

»Wirklich nicht? Sehen Sie denn gar nicht, daß wir dadurch des einzigen Mittels beraubt sind, zu erfahren, woher der Bogen genommen ist?«

»Ja; aber ich sehe nicht –«

»Hm, dann sind Sie noch mehr Dilettant, als ich bisher glaubte. Hannah konnte doch unmöglich irgend ein Interesse daran haben, die Marke der Firma zu vernichten, welche jenes Papier geliefert hat, also muß jemand anders es derartig zugeschnitten haben.«

»Das klingt nicht unwahrscheinlich; aber –«

»Dazu kommt noch ein zweiter Punkt: lesen Sie das Bekenntnis noch einmal durch und sagen Sie mir dann, was Sie davon halten.«

Ich that, was er verlangte. »Das Mädchen hat, von beständiger Furcht gepeinigt, zum Selbstmord ihre Zuflucht genommen,« sagte ich dann, »und Henry Clavering –«

»Henry Clavering?«

Die Frage war mit so bedeutsamem Nachdruck gestellt, daß ich betroffen aufschaute. »Ja,« sagte ich.

»Ah, ich wußte nicht, daß Claverings Name darin erwähnt ist; entschuldigen Sie.«

»Sein Name ist allerdings nicht erwähnt; allein die Schilderung der Persönlichkeit des Mörders –«

»Aber kommt es Ihnen nicht ganz merkwürdig vor,« unterbrach mich Gryce, »daß ein Mädchen wie Hannah sich damit begnügt haben sollte, das Aeußere eines Mannes zu schildern, ohne seinen Namen zu nennen, obwohl sie denselben genau kannte?«

Das mußte ich freilich zugeben.

»Sie glauben an Frau Beldens Erzählung, nicht wahr?« fragte der Detektiv weiter.

»Ja.«

»Und sind auch der Ueberzeugung, daß ihr Bericht über dasjenige, was sich während des verflossenen Jahres zugetragen hat, genau ist?«

»Das bin ich.«

»Dann müssen Sie also auch annehmen, daß Hannah, die Zwischenträgerin der beiden Liebenden, Clavering persönlich kannte und seinen Namen wußte.«

»Ohne Zweifel.«

»Und warum hat sie ihn denn nicht in ihrem Bekenntnis genannt? Wenn ihre Absicht, wie sie sich darin ausspricht, wirklich dahin ging, Eleonore von dem falschen Verdacht, der auf sie gefallen war, zu befreien, so war für sie doch nichts einfacher, als den geraden Weg einzuschlagen. Jene Schilderung eines Mannes, dessen Identität sie durch die Nennung seines Namens außer allem Zweifel setzen konnte, ist nicht das Werk eines armen, unwissenden Mädchens, sondern einer Person, die sich bemüht hat, dessen Rolle zu spielen, aber mit diesem Versuch gründlich durchgefallen ist. Doch das ist noch nicht alles. Wie Sie mir mitteilten, behauptet Frau Belden, Hannah habe, als sie in das Haus kam, gesagt, daß Mary Leavenworth sie hierher sende; aber in diesem Schriftstück erklärt sie, der Mann mit dem schwarzen Schnurrbart habe es gethan.«

»Ich weiß es,« warf ich ein; »aber können sie nicht beide das Mädchen hierher geschickt haben?«

»Allerdings,« entgegnete Gryce: »indessen ist es immer ein verdächtiger Umstand, wenn die mündliche und die schriftliche Aussage einer und derselben Person nicht miteinander übereinstimmen. Aber warum stehen wir hier und vertrödeln die Zeit, während einige Worte aus Frau Beldens Munde die ganze Frage wahrscheinlich erledigen würden?«

»Einige wenige Worte von Frau Belden!« wiederholte ich; »ich habe mehrere Tausende heute mit ihr gesprochen, ohne dadurch dem Ziele um eines Zolles Breite näher gerückt zu sein.«

» Sie haben mit ihr gesprochen,« versetzte Gryce, und es zuckte wie Spott um seine Mundwinkel; »aber nicht ich! Haben Sie die Güte, die Frau hereinzuholen.«

»Noch eins!« sagte ich. »Wenn nun Hannah jenen Bogen Papier gefunden und selber zugeschnitten hat, ohne zu ahnen, zu welchem Verdacht dies führen würde?«

»Ah,« entgegnete Gryce, »das ist es gerade, was wir ausfindig machen wollen.«

Frau Belden befand sich, als ich ihr Zimmer betrat, in großer Ungeduld und Aufregung. Auf meine Mitteilung, daß Herr Gryce sie sprechen wolle, erhob sie sich schnell und folgte mir.

Der Detektiv, der in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit die Art und Weise seines Auftretens vollständig geändert hatte, empfing die alte Frau mit einer ehrerbietigen Verbeugung und benahm sich ihr gegenüber so liebenswürdig, daß sie sofort Zutrauen zu ihm faßte. »Das ist also die Dame,« begann er, »in deren Hause sich dieser höchst bedauerliche Vorfall ereignet hat? Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen, wenn es überhaupt einem Fremden erlaubt ist, eine Dame in ihrem eigenen Hause zum Sitzen zu nötigen.«

»Es scheint mir fast, als ob mir dieses Haus nicht mehr gehörte,« erwiderte Frau Belden traurig, »es ist kaum besser als ein Gefängnis, in dem ich schweige oder rede, je nachdem es mir geboten wird, und das alles jenes unglücklichen Geschöpfes wegen, welches ich aus ganz uneigennützigen Beweggründen bei mir aufgenommen habe.«

»Es ist leider so, wie Sie sagen,« bedauerte Gryce; »aber ich hoffe, daß wir die Sache in Ordnung bringen; jener plötzliche Todesfall wird sich wohl auf natürliche Weise erklären lassen. Sie hatten kein Gift im Hause, nicht wahr?«

»Nein, mein Herr.«

»Und das Mädchen ist während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes nicht ausgegangen.«

»Sie hat keinen Schritt aus dem Hause gethan.«

»Und es hat sie auch niemand aufgesucht?«

»Niemand.«

»Sie wäre demnach gar nicht imstande gewesen, sich Gift zu verschaffen, selbst wenn sie es gewollt hätte?«

»Das würde ihr unmöglich gewesen sein.«

»Außer wenn sie es mitgebracht hätte, als sie in Ihr Haus kam.«

»Schwerlich, mein Herr. Sie führte gar kein Gepäck bei sich, und was sie in ihrer Kleidertasche hatte, das habe ich alles gesehen.«

»Was war das?«

»Papiergeld in so großen Scheinen, daß es bei einem solchen Mädchen auffallen mußte, einige Pfennige und ein ganz gewöhnliches Taschentuch.«

»Dann kann also das Mädchen unmöglich an Gift gestorben sein, da im Hause kein solches existierte,« sprach Gryce in so überzeugendem Ton, daß er meine Wirtin vollständig täuschte.

»Das habe ich schon Herrn Raymond gegenüber behauptet,« bestätigte Frau Belden, indem sie mir einen triumphierenden Blick zuwarf.

»Es muß demnach ein Herzschlag gewesen sein,« fuhr der Detektiv fort; »sagten Sie nicht, daß sich das Mädchen gestern im besten Wohlsein befand?«

»Gewiß, wenigstens schien es mir so.«

»Und sie war immer in heiterer Stimmung?«

»So lange sie bei mir wohnte, ja.«

»Das ist aber doch sehr auffallend,« meinte Gryce, mir bedeutsam zuwinkend, »ich verstehe das nicht recht. Sie mußte doch hinsichtlich derer, die sie in der Stadt zurückgelassen hatte, in großer Besorgnis schweben.«

»Das war auch meine Ansicht,« entgegnete Frau Belden; »aber sie schien sich im Gegenteil um nichts Derartiges zu härmen.«

»Was?« rief der Detektiv, »auch um Fräulein Eleonore nicht, die sich in einer so schrecklichen Lage befand? – Oder wußte vielleicht Hannah nichts davon?«

»Sie wußte es recht gut; denn ich selbst habe es ihr erzählt. Ich betrachtete Eleonore von jeher als eine Dame, die über jeden Vorwurf hoch erhaben stand, und es setzte mich deshalb in maßloses Erstaunen, daß die Zeitungen derartig über sie schreiben konnten. Deshalb ging ich zu Hannah und las ihr die betreffenden Artikel vor, indem ich ihre Gesichtszüge dabei scharf beobachtete.«

»Und wie nahm sie es auf?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen; sie that, als verstände sie es gar nicht, und bat mich, mit ihr über die Mordgeschichte überhaupt nicht mehr zu sprechen.«

»Wann war das?«

»Vor etwa drei Wochen.«

»Und seitdem hat sie den Gegenstand nicht mehr erwähnt?«

»Nicht ein einzigesmal.«

»Hm! Hat sie denn gar nicht danach gefragt, wie es mit Eleonore, ihrer Herrin, stand?«

»Mit keiner Silbe.«

»Haben Sie denn nicht bemerkt, daß sie von Furcht, Angst oder Gewissensbissen gequält wurde?«

»Im Gegenteil, sie machte stets den Eindruck, als trüge sie ein freudiges Geheimnis mit sich herum.«

»Aber,« rief Gryce, mir einen Seitenblick zuwerfend, »das ist doch sehr seltsam; ich kann es mir nicht recht erklären.«

»Auch ich nicht, mein Herr. Zuerst nahm ich an, ihr Gefühlsleben sei ein stumpfes, oder ihre Unwissenheit zu groß, als daß sie die ganze Wucht jenes traurigen Ereignisses hätte ermessen können; aber als ich sie mit der Zeit besser kennen lernte, änderte ich allmählich meine Ansicht über das Mädchen. Es drängte sich mir der Gedanke auf, daß sie sich für eine gewisse Zukunft vorbereite, die ihr in sicherer Aussicht stand. So fragte sie mich z. B. eines Tages, ob ich wohl glaubte, daß sie noch Klavier spielen lernen könne; endlich gelangte ich zu dem Schluß, daß man ihr viel Geld versprochen habe, wenn sie das ihr anvertraute Geheimnis bewahren würde, und dies schien ihr so verlockend zu sein, daß sie das Düstere der Vergangenheit darüber gänzlich vergaß. Jedenfalls war dies die einzige Erklärung, welche ich für ihren großen Fleiß und für ihr auffallendes Bestreben, sich weiter zu bilden, zu entdecken vermochte; auch deutete ich mir das zufriedene, glückliche Lächeln so, welches sich hin und wieder über ihr Antlitz stahl, sobald sie sich unbeobachtet glaubte.«

Gryce wurde bei dieser Erzählung sehr aufmerksam.

»Alles dies war es,« fuhr Frau Belden fort, »was mir ihren Tod so gänzlich unbegreiflich machte; ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß ein so heiteres und gesundes Geschöpf auf solche Weise gestorben sein sollte: aber –«

»Warten sie einen Moment,« unterbrach Gryce sie hier; »Sie sprachen von dem Bestreben des Mädchens, sich weiter zu bilden; was wollten Sie damit sagen?«

»Ich meine ihr Bemühen, Dinge zu lernen, von denen sie vorher nichts verstand, z. B. Lesen und Schreiben. Sie konnte nur Gedrucktes lesen und die Buchstaben nur ungeschickt malen, als sie in mein Haus kam.«

Ich glaubte, Gryce wolle mir den Arm zerquetschen, so kniff er ihn. »Als sie in Ihr Haus kam?« fragte er dann, »soll das heißen, daß Hannah seit ihrem Aufenthalt bei Ihnen schreiben gelernt hat?«

»Gewiß, mein Herr; ich pflegte sie nach Vorschriften arbeiten zu lassen, und dann –«

»Wo haben Sie ihre Schreibübungen?« warf Gryce ein; »ich möchte einige derselben sehen; sind Sie nicht im stande, uns solche zu besorgen?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe sie meist vernichtet, sobald sie ihren Zweck erfüllt hatten; ich liebte es nicht, daß dergleichen Dinge hier umherlagen; aber ich will zusehen, ob ich Ihnen damit dienen kann.«

»Haben Sie die Güte,« bat der Detektiv, »ich selbst will mit Ihnen gehen; ich wollte so wie so einmal nachschauen, wie es oben aussieht.« Und ohne seine gichtischen Füße zu beachten, stand er auf und machte sich fertig, die alte Dame zu begleiten. »Die Sache wird ja höchst interessant,« flüsterte er mir im Vorbeigehen zu.

Nach zehn Minuten langem Warten, das mich eine halbe Ewigkeit dünkte, kehrten beide mit einigen Papierschachteln zurück, welche sie auf den Tisch ausschütteten. »Das ist alles Schreibpapier, welches sich im Hause befand; jeden halben Bogen und jedes Schnitzelchen haben wir zusammengesucht, und sehen Sie einmal her.« Dabei hielt er mir ein Blatt Schreibpapier vor, auf welchem einige Sprüche wie ›Schönheit verwelkt bald‹ und ›Böse Beispiele verderben gute Sitten‹ vor- und nachgeschrieben waren. »Wie finden Sie das?« fragte er mich.

»Sehr hübsch und lesbar.«

»Das sind Hannahs letzte Studien, die einzigen Zeilen von ihrer Hand, die noch aufzutreiben waren; sie gleichen nicht sehr jenen Krähenfüßen, welche wir eben sahen, nicht wahr?«

»Keineswegs.«

»Frau Belden sagt, schon vor einer Woche hätte Hannah diese Proben geliefert; sie war ordentlich stolz darauf und sprach viel von dem, was sie schon könne. Was Sie da in der Hand halten,« zischelte er mir darauf ins Ohr, »das muß sie schon einige Zeit vorher gemacht haben, wenn sie es überhaupt that.« Dann fügte er laut hinzu: »Doch lassen Sie uns einmal das Papier betrachten, auf welchem sie sich zu üben pflegte.«

Nach diesen Worten nahm er die noch unbeschriebenen Bogen aus der Schachtel und breitete sie vor mir aus; ein Blick darauf bewies, daß sie sämtlich von ganz anderer Qualität waren als dasjenige, auf welchem das von der Toten angeblich herrührende Bekenntnis stand. »Weiter existiert kein Papier im ganzen Hause,« erklärte Gryce.

»Ist das ganz gewiß?« fragte ich, den Blick auf Frau Belden gerichtet, die nicht wenig verdutzt aussah. »Konnte nicht noch eine andere Sorte Papier in irgend einem Zimmer umherliegen, welche das Mädchen benutzt haben mochte?«

»Nein, mein Herr, ich besitze nur diese Sorte hier; außerdem hatte Hannah einen ganzen Stoß davon auf ihrem Zimmer und brauchte nicht nach umherliegenden Papierbogen zu suchen.«

»Das kann man nicht mit solcher Bestimmtheit von einem derartigen Mädchen behaupten,« warf ich ein. »Blicken Sie einmal her,« fuhr ich fort, ihr die leere Seite des Bekenntnisses zeigend, »könnte nicht ein Bogen wie dieser hier auf irgend welche Weise in das Haus gekommen sein? Prüfen Sie das Papier genau, die Sache ist von höchster Wichtigkeit.«

»Ich darf mit Bestimmtheit behaupten,« erwiderte sie, »daß ich niemals auch nur ein Blatt von dieser Sorte Papier in meinem Hause hatte.«

Gryce trat auf mich zu und nahm mir das Bekenntnis aus der Hand, indem er mir zuraunte: »Wie denken Sie jetzt darüber? Glauben Sie noch, daß Hannah dieses wertvolle Schriftstück aufgesetzt hat?«

Ich war endlich von der Unmöglichkeit, daß dies hätte geschehen können, überzeugt und schüttelte den Kopf. »Wenn Hannah es aber nicht schrieb, wer hat es dann gethan?« gab ich ihm ebenso leise zurück, »und auf welche Weise hat es den Weg in dieses Haus und unter den Körper der Unglücklichen gefunden?«

»Das ist es eben, was wir jetzt in Erfahrung bringen müssen.« Nach diesen Worten begann er abermals sein Verhör und legte der Frau Frage nach Frage über die Lebensweise des Mädchens in ihrem Hause vor. Aus den Antworten, welche er darauf empfing, ergab sich klar, daß Hannah das Dokument unmöglich mitgebracht, viel weniger aber noch durch einen geheimen Boten empfangen haben konnte.

Wenn wir Frau Beldens Aussagen für wahr halten wollten, – und wir hatten keinen Grund, daran zu zweifeln, – so erschien das Geheimnis undurchdringlich, und schon hatte ich jede Hoffnung auf Erfolg aufgegeben, als Gryce, mit einem Seitenblick auf mich, sich zu Frau Belden hinbeugte und sie fragte: »Sie haben gestern einen Brief von Fräulein Mary Leavenworth erhalten, wie ich hörte?«

»Jawohl, mein Herr.«

»War es dieser Brief?« fuhr der Detektiv fort, ihr ein Billet vorzeigend.

»Gewiß.«

»Nun beantworten Sie mir noch eine Frage: Enthielt das Couvert, in welchem jener Brief steckte, weiter gar nichts, als diesen letzteren? Waren nicht einige Zeilen für Hannah mit eingeschlossen?«

»Nein,« entgegnete sie, »in dem an mich gerichteten Brief fand sich nichts vor, was für das Mädchen bestimmt gewesen wäre; aber mit der nämlichen Post traf auch ein Schreiben für Hannah ein.«

»Ein Brief an Hannah!« riefen wir beide zugleich aus, »und durch die Post?«

»Wie ich Ihnen sage; aber nicht an sie selbst adressiert, sondern an mich; indessen war in der einen Ecke des Couverts ein gewisses Merkzeichen, das nur ich kannte, und –«

»Gerechter Gott!« unterbrach ich sie, »wo ist der Brief? Warum haben Sie nicht früher davon gesprochen? Weshalb lassen Sie uns hier im Dunkeln umhertappen, während ein Blick auf jenes Schreiben uns vielleicht sofort auf die richtige Fährte gebracht hätte?«

»Ich habe erst in dieser Minute daran gedacht und konnte nicht wissen, daß die Sache von so großer Wichtigkeit war, ich –«

Doch ich hielt mich nicht länger zurück. »Frau Belden,« rief ich aus, »wo ist der Brief, haben Sie ihn noch?«

»Nein,« entgegnete sie, »ich habe ihn gestern an das Mädchen abgeliefert und ihn seitdem nicht wiedergesehen.«

»Dann muß er also oben sein; ich will sogleich einmal nachsehen,« versetzte ich und eilte auf die Thüre zu.

»Sie werden nichts mehr vorfinden,« sprach Gryce, mich am Arm fassend, »ich habe bereits nachgesehen und nichts als ein Häufchen verbrannten Papiers entdeckt. Was mag das wohl gewesen sein?« wandte er sich an Frau Belden.

»Das weiß ich nicht, mein Herr; ich wüßte auch nicht, was sie anders verbrannt haben könnte, als den fraglichen Brief.«

»Dann will ich doch noch einmal nachsehen!« murmelte ich, stieg rasch die Treppe empor und brachte bald darauf das Waschbecken mit seinem Inhalt herunter. »Wenn es derselbe Brief war, den ich gestern am Post-Bureau in Ihrer Hand erblickte, so steckte er in einem gelben Couvert.«

»In der That.«

»Gelbe Couverts verbrennen anders als die aus weißem Papier angefertigten; man kann es leicht an der Asche unterscheiden. Ah!« fügte er hinzu, »der Brief selbst ist vernichtet; aber hier ist ein kleines Stückchen von dem Couvert.« Dabei zog ich es aus dem Häufchen verbrannten Papiers hervor.

»Dann ist es für uns von keinem Nutzen, weiter nach dem Inhalt des Briefes zu spüren,« bemerkte Gryce und schob das Waschbecken beiseite, »wir müssen Sie danach fragen, Frau Belden.«

»Aber ich weiß von gar nichts!« lautete die ablehnende Antwort, »freilich war der Brief an mich adressiert; aber Hannah erwartete einen solchen, und da sie jetzt Geschriebenes lesen konnte, so öffnete ich ihn nicht, sondern gab ihn ihr unerbrochen.«

»Waren Sie nicht bei ihr, als sie ihn las?«

»Nein, ich war zu sehr beschäftigt; Herr Raymond hatte sich gerade bei mir einquartiert, und so blieb mir keine Zeit, an Hannah zu denken; außerdem machte mir das Billet, welches ich selbst empfangen hatte, viel Unruhe.«

»Sie haben sie aber doch am Abend danach gefragt?«

»Gewiß, als ich ihr den Thee brachte; sie war aber verschwiegen wie das Grab und wollte mir nicht einmal zugeben, daß der Brief von ihrer Herrin herrührte.«

»Ah, dann glaubten Sie also, daß Fräulein Leavenworth ihn abgesendet hatte?«

»Allerdings, was sollte ich anders denken, als ich jenes Merkmal in der Ecke des Couverts erblickte? Freilich könnte es auch Herr Clavering dorthin gesetzt haben,« fügte sie nachdenklich hinzu.

»Sie sagten, Hannah habe sich gestern in sehr heiterer Laune befunden, war dies auch nach Empfang des Briefes der Fall?«

»Jawohl, soweit ich bemerken konnte. Ich hielt mich nur kurze Zeit bei ihr auf; die Notwendigkeit, irgend etwas mit dem mir zur Aufbewahrung übergebenen Kästchen anzufangen, – aber vielleicht hat Ihnen Herr Raymond davon erzählt?«

Gryce nickte.

»Es war für mich ein höchst aufregender Abend, der mich an Hannah garnicht denken ließ; aber –«

»Bitte, warten Sie einen Moment,« unterbrach sie Gryce, indem er mich in eine Ecke winkte und mir zuflüsterte: »Jetzt kommen Spürnases Entdeckungen an die Reihe. Während Sie vom Hause entfernt waren, und bevor Frau Belden Hannah wiedersehen konnte, erspähte er, wie das Mädchen sich in einer Ecke ihrer Kammer über einen Gegenstand beugte, der recht gut das Waschbecken gewesen sein kann; darauf sah er sie aus einem Papier eine Dosis verschlucken; – hat er sonst noch etwas entdeckt?«

»Weiter nichts,« erwiderte ich.

Der Detektiv trat wieder auf Frau Belden zu. »Was hatten Sie mir noch weiter mitteilen wollen?« fragte er.

»Als ich mich zur Ruhe begab, erinnerte ich mich des Mädchens, ging an die Thür ihrer Kammer und öffnete. Da das Licht jedoch ausgelöscht war, und sie zu schlafen schien so schloß ich die Thür wieder und entfernte mich.«

»Ohne ein Wort mit ihr zu sprechen?«

»Ich wollte sie nicht stören.«

»Haben Sie die Lage vielleicht beachtet, in der sie sich befand?«

»Nicht sonderlich; ich denke, sie lag auf dem Rücken.«

»Etwa in derselben Lage, in welcher man sie heute morgen vorfand?«

»Ich denke, ja.«

»Und das ist alles, was Sie uns von dem Briefe und dem geheimnisvollen Tode Hannahs erzählen können?«

»Alles, mein Herr!«

»Frau Belden,« fuhr Gryce fort, sich emporrichtend; »Sie würden Herrn Claverings Handschrift erkennen, wenn man Ihnen eine Probe davon vorlegte?«

»Ich glaube wohl.«

»Auch Fräulein Leavenworths Schriftzüge?«

»Ohne Zweifel.«

»Von welcher Hand rührte also die Aufschrift des Couverts her, in welchem der an Hannah gerichtete Brief steckte?«

»Das kann ich Ihnen nicht genau sagen; die Schriftzüge mochten sowohl von seiner als von ihrer Hand herrühren; aber ich denke –«

»Was?«

»Daß sie mehr Marys Schriftzügen glichen, obwohl nicht ganz.«

Mit einem bedeutsamen Lächeln schob Gryce das Bekenntnis in das Couvert, in welchem es vorgefunden worden war. »Erinnern Sie sich der Form des Briefes, den Sie Hannah übergaben?« fragte er.

»O, er war ganz ungewöhnlich groß.«

»Auch stark?«

»Stark genug für zwei Briefe.«

»Stark genug, daß er auch dieses Papier hätte enthalten können?« forschte der Detektiv weiter, indem er das zusammengefaltete und couvertierte Bekenntnis vor sich hinlegte.

»Gewiß, mein Herr,« bestätigte sie mit einem erstaunten Blick darauf.

Gryces Augen funkelten förmlich, während sie durch das Zimmer flogen und schließlich auf einer Fliege haften blieben, die über meinen Rockärmel kroch. »Zweifeln Sie jetzt noch daran,« murmelte er, »woher und von wem dieses sogenannte Bekenntnis kam?«

Gryce gestattete sich einen Moment schweigenden Triumphes; dann raffte er die auf dem Tische liegenden Papiere zusammen und steckte sie in die Tasche.

»Was gedenken Sie jetzt zu thun?« fragte ich ihn.

Er nahm mich am Arm und führte mich durch den Korridor in das Wohnzimmer. »Ich gehe nach New York zurück, um die Sache weiter zu verfolgen,« antwortete er. »Ich muß herausbringen, woher das Gift stammt, das jenes arme Mädchen in den Tod schickte, und wer dieses Bekenntnis gefälscht hat.«

»Aber Spürnase und der Coroner werden binnen kurzem ankommen,« wandte ich ein; »wollen Sie nicht lieber warten?«

»Nein,« entgegnete er, »Spuren wie diese hier müssen verfolgt werden, solange sie noch frisch sind; ich darf nicht länger zögern.«

»Wenn ich nicht irre, sind sie schon da,« bemerkte ich, als wir Männertritte vor der Thür hörten.

»In der That, es ist so,« rief der Detektiv, indem er sich beeilte, die Herren einzulassen.

Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge mußten wir befürchten, daß, sobald der Coroner auf der Scene erschien, es mit jedem weiteren Vorgehen von unserer Seite ein Ende haben würde; aber glücklicherweise für uns, sowie für den Verlauf der Untersuchung war Dr. Fink aus R. ein sehr verständiger Mann, der, sobald ihm die Sachlage vorgetragen worden war, die Wichtigkeit und die Notwendigkeit eines höchst vorsichtigen Verfahrens erkannte. Er erklärte sich bereit auf unsere Pläne einzugehen und uns die etwaige Benutzung von Schriftstücken zu gestatten, zugleich übernahm er alle nötigen Förmlichkeiten für die Voruntersuchung, so daß wir Zeit zu weiteren Nachforschungen hatten.

So war es Gryce möglich, schon mit dem nächsten Zuge wieder abzufahren, und ich folgte ihm um 10 Uhr abends nach New York.

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