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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Dreiunddreißigstes Kapitel.
Ein unerwartetes Bekenntnis.

Frau Belden schwieg, in düsteres Sinnen verloren, und erst nach einer Pause fragte ich sie, wie es ihr möglich gewesen sei, Hannah in ihr Haus zu nehmen, ohne daß die Nachbarn etwas davon gemerkt hätten.

»Das kam so,« antwortete sie, »es war eine naßkalte Nacht und ich hatte mich früh zu Bett begeben, als es gegen ein Uhr leise an das Fenster pochte, welches dem Kopfende meines Bettes zunächst ist. In der Meinung, es sei jemand von den Nachbarsleuten plötzlich erkrankt und bedürfe meiner Hilfe, richtete ich mich empor und fragte, was es gäbe. ›Ich bin Hannah, das Kammermädchen der Leavenworthschen Damen!‹ tönte es im Flüsterton zurück, ›bitte, lassen Sie mich durch die Küchenthüre hinein.‹ Ueberrascht durch die wohlbekannte Stimme und von einer unbestimmten Furcht ergriffen, stand ich auf, zündete eine Lampe an und öffnete.

»Ich fuhr erschrocken zurück; denn Hannah sah bleich und verstört aus, sie war ohne jedes Gepäck und glich eher einem unstäten Geist als einem menschlichen Wesen. ›Hannah!‹ rief ich, ›was ist vorgefallen? – was führt Sie in diesem Zustande und in so später Nachtzeit hierher?‹ – ›Miß Leavenworth hat mich geschickt,‹ erwiderte sie in einem Ton, als ob sie etwas ihr Eingelerntes aufsagte, ›sie meinte, daß Sie mich in Ihrem Hause behalten würden; ich werde dasselbe mit keinem Tritt verlassen, und niemand darf wissen, daß ich hier bin.‹ – ›Aber warum?‹ fragte ich ängstlich, ›was hat sich denn zugetragen?‹ – ›Das kann ich Ihnen nicht sagen,‹? murmelte sie, ›man hat es mir verboten und mich geheißen, eine Zeit lang gänzlich verborgen zu bleiben.‹ – ›Nun, mir werden Sie es wohl sagen können,‹ versetzte ich, indem ich ihr ablegen half, ›es ist Ihnen doch nicht verboten worden, es mir mitzuteilen?‹ – ›Niemand darf eine Silbe davon erfahren!‹ beharrte das Mädchen, ›auch Sie nicht; ich habe einmal mein Wort darauf gegeben, und keine Macht der Erde wird mich zwingen, es zu brechen; wollen Sie mich unter diesen Bedingungen behalten oder mich wieder hinausweisen?‹ – ›Nein,‹ entgegnete ich, ›Sie dürfen bei mir wohnen.‹ – ›Und werden Sie niemandem von meiner Anwesenheit etwas mitteilen?‹ fragte sie. – ›Keiner Menschenseele!‹ lautete meine bestimmte Antwort.

»Das schien ihr Herz zu erleichtern; sie dankte mir und folgte mir ruhig in die Kammer, die ich ihr anwies, weil sie der abgelegenste Raum des Hauses ist, und dort blieb sie still und zufrieden bis zu ihrem schrecklichen Tode.«

»Und das ist alles?« forschte ich, »hat sie Ihnen auch später keine Aufklärung gegeben? Ihnen nichts von den Umständen erzählt, welche ihre Flucht veranlaßten?«

»Nein, sie hat hartnäckig geschwiegen; auch als ich ihr, die Zeitung in der Hand, mit der direkten Frage auf den Lippen gegenübertrat, ob ihr Entweichen mit dem Morde im Leavenworthschen Hause in irgend welchem Zusammenhang stände, verweigerte sie mir alle Auskunft darüber; es war gerade, als habe ihr jemand den Mund versiegelt.«

Abermals trat eine Pause ein, dann nahm ich wieder das Wort. »Bildet die Geschichte von Mary Leavenworths Vermählung und die Bedrängnis, aus welcher sie nur der Tod ihres Onkels zu erlösen vermochte, zusammen mit Hannahs Behauptung, daß sie auf Marys Geheiß entflohen sei und bei Ihnen Zuflucht gesucht habe, die Grundlage des Verdachtes, den Sie vorhin aussprachen?«

»Allerdings, und dazu kommt als weiteres verdächtiges Moment der Brief, den ich gestern von ihr empfing, und der, wie Sie sagen, sich jetzt in Ihrem Besitz befindet. Ich weiß,« fügte Frau Belden seufzend hinzu, »daß es unrecht ist, in einer so furchtbar ernsten Sache wie diese voreilige Schlüsse zu ziehen; aber – o, mein Gott! – kann ich denn anders nach allem, was ich erfuhr?«

Ich antwortete ihr nicht und legte mir im Geist die alte Frage vor: »War es möglich, angesichts aller dieser Enthüllungen noch ferner zu glauben, daß Marys Hand unschuldig sei an dem vergossenen Blute?«

»Es ist entsetzlich, solche Schlüsse zu ziehen!« wiederholte die alte Frau, »und wären nicht ihre eigenen Worte, geschrieben von ihrer eigenen Hand, so würde mich nichts in der Welt –«

»Frau Belden,« unterbrach ich sie, »verzeihen Sie; Sie sagten im Beginn unserer Unterredung, Sie glaubten nicht, daß Mary direkt an jenem entsetzlichen Verbrechen beteiligt sei; sind Sie bereit, diese Ansicht zu wiederholen?«

»Ja, das bin ich! Welcher Art ihr Einfluß dabei auch gewesen sein mag, die eigene Hand hat sich nicht mit dem Blut ihres Oheims befleckt; nur der Mann, welcher sie liebte, sich nach ihr sehnte und doch die Unmöglichkeit fühlte, sie durch andere Mittel zu erringen, war imstande, sich zu einer so furchtbaren That zu entschließen.«

»Dann vermuten Sie also –«

»Daß Clavering der Mörder sei? Gewiß! Und ist der Gedanke nicht schon schrecklich genug, daß er ihr Gatte ist?«

»Allerdings,« bestätigte ich und erhob mich, um die Aufregung zu verbergen, in welche ihre Schlüsse mich versetzt hatten.

Ein gewisses Etwas trieb mich an, die Treppe hinaufzugehen und die verhängnisvolle Kammer aufzusuchen, welche unmittelbar über Beldens Stube lag. Das Mädchen, welches dort den ewigen Schlaf schlief, hätte aller Wahrscheinlichkeit nach das für uns so schwierige Rätsel zu lösen vermocht. Ich trat an ihr Bett und betrachtete die regungslose Gestalt fast mit einem Gefühle des Verdrusses; aber was lag da unter ihrer Schulter; war es nicht ein Brief oder etwas Aehnliches?

Auf das höchste überrascht durch diese plötzliche Entdeckung und neue Hoffnung fassend, beugte ich mich zu ihr nieder und zog das Papier hervor; der Umschlag war versiegelt, aber nicht adressiert; ich brach ihn auf, und ein flüchtiger Blick auf die ungeschickten Schriftzüge zeigte mir, daß das Mädchen selbst diese Zeilen geschrieben haben mußte. Ich trat an das Fenster und bemühte mich, die Buchstaben zu entziffern, die von ungelenker Hand auf ein Blatt gewöhnlichen Schreibpapiers gemalt waren: »Ich bin ein schlechtes Geschöpf, ich habe die ganze Zeit über Dinge gewußt, die ich hätte erzählen müssen; aber ich wagte es nicht, da er drohte, er würde mich töten; ich meine den stattlichen, schönen Mann mit dem dunklen Schnurrbart, der in der Nacht, in welcher Herr Leavenworth ermordet wurde, mit einem Schlüssel in der Hand aus dem Bibliothekzimmer kam. Er sah so verstört aus und gab mir Geld, damit ich wegginge und über alles schwiege wie das Grab. Aber ich kann nicht länger schweigen; ich glaube immer, Fräulein Eleonore zu sehen, wie sie weint und mich bittet, ich möchte sie doch nicht in das Gefängnis sperren lassen. Das ist die lautere Wahrheit und mein letztes Wort; ich bitte Gott um Verzeihung, und daß er Fräulein Eleonore aus ihrer Not retten möge.«

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