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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Einunddreißigstes Kapitel.
Frau Beldens Bedrängnis.

»Es war alles Schwindel, kein Mensch ist krank; man hat mich hintergangen, nichtswürdig hintergangen!« schalt Frau Belden, während sie keuchend eintrat und ihren Hut ablegte. Als sie mich erblickte, hielt sie plötzlich inne und rief: »Was ist geschehen? Warum schauen Sie mich so an; es giebt doch nichts Schlimmes?«

»Es hat sich allerdings etwas sehr Ernstes ereignet,« entgegnete ich; »Sie waren nur kurze Zeit abwesend; aber unterdessen ist eine Entdeckung gemacht worden –« Hier schwieg ich absichtlich, um sie durch Angst zum Reden zu bringen; aber obwohl sie erbleichte, verriet sie doch weniger Aufregung, als ich erwartet hatte, und ich fuhr fort: »Eine Entdeckung, welche von den schwerwiegendsten Folgen sein kann.«

Zu meiner Ueberraschung brach sie in einen heftigen Thränenstrom aus. »Ich wußte es!« murmelte sie, »ich wußte es! Ich sagte immer, daß es unmöglich sein würde, es geheim zu halten, wenn ich jemand in das Haus ließe; sie ist so unruhig. Aber,« fügte sie plötzlich erschreckt hinzu, »Sie haben mir ja noch gar nicht gesagt, was für eine Entdeckung es ist; vielleicht meinen Sie etwas ganz anders als ich dachte, vielleicht –«

»Frau Belden,« unterbrach ich sie, »ich will nicht versuchen, den Schlag, der Sie trifft, zu mildern. Eine Frau, die angesichts der dringendsten Aufforderung von seiten des Gesetzes und der Gerechtigkeit eine Zeugin von solcher Wichtigkeit wie Hannah in ihr Haus aufnimmt und dort beherbergt, braucht nicht eben sehr geschont zu werden, um zu hören, daß ihre Bemühungen nur zu erfolgreich waren; daß es ihr gelungen ist, eine äußerst wertvolle Zeugenaussage zu vernichten; daß Recht und Gerechtigkeit aufs gröblichste verletzt sind, und daß die Unschuldige, welche durch jenes Mädchens Aussage hätte gerettet werden können, für immer vor der Welt, wo nicht vor dem Auge des Richters verdächtig ist.«

»Was wollen Sie damit sagen?« rief sie mit verstörtem Blick, »ich habe nicht beabsichtigt, irgend welches Unrecht zu thun, sondern nur versucht, jemanden zu retten. Ich – ich – aber wer sind Sie; was haben Sie damit zu thun; was geht es Sie an, was ich thue oder lasse? Sie behaupteten, ein Rechtsanwalt zu sein, kommen Sie etwa von Mary Leavenworth, um zu sehen, wie ich ihre Aufträge erfülle und –?«

»Frau Belden,« warf ich ein, »es ist jetzt so ziemlich einerlei, wer ich bin oder zu welchem Zwecke ich mich hier aufhalte; doch um meinen Worten noch mehr Nachdruck zu geben, will ich Ihnen sagen, daß ich Sie hinsichtlich meines Namens und meiner Stellung nicht getäuscht habe, und daß ich ferner ein Freund der Damen Leavenworth bin, es interessiert mich demnach alles, was sie irgendwie berührt. Wenn ich Ihnen also erkläre, daß Eleonore Leavenworth durch den Tod dieses Mädchens –«

»Durch den Tod? – Was heißt das?«

Ihr Staunen war zu natürlich, ihr Ton zu entsetzt, um den geringsten Zweifel aufkommen zu lassen, daß der Frau gänzlich unbekannt war, was sich soeben in ihrem Hause zugetragen hatte.

»Ja,« wiederholte ich, »das Mädchen, welches Sie so lange und so gut versteckt hielten, ist Ihnen jetzt entrückt, Sie sind nur noch im Besitz ihrer irdischen Ueberreste, Frau Belden.«

Noch immer klingt mir der Schrei in den Ohren, den sie ausstieß: »Ich glaube es nicht! Ich kann es nicht glauben!« Dann stürzte sie hinaus und flog die Treppe empor.

Auch die Scene, welche sich vor der Toten abspielte, werde ich niemals vergessen. Die unglückliche Witwe rang die Hände und versicherte unter Schluchzen und mit Ausdrücken des tiefsten Schmerzes, daß sie von alledem nichts wisse. Am Abend vorher habe sie das Mädchen in bester Gesundheit und heiterster Laune verlassen und habe die Thür verschlossen, wie sie zu thun pflege, wenn ein Fremder im Hause sei. Sollte ein Schlaganfall Hannahs Leben ein Ende gemacht haben, so müsse dies in aller Stille geschehen sein, denn sie hätte keinen Laut während der ganzen Nacht gehört, obwohl sie mehr als einmal an der Thür gelauscht, aus Furcht, Hannah möchte durch irgend ein Geräusch den anwesenden Gast stören.

»Aber Sie waren doch heute morgen in ihrer Kammer,« wandte ich ein.

»Gewiß, doch ich habe nichts Ungewöhnliches gehört; ich war in Eile und glaubte, sie schliefe; daher stellte ich das Frühstück so hin, daß sie es leicht erreichen konnte, und schloß dann wie gewöhnlich die Thür.«

»Das ist seltsam,« entgegnete ich; »also krank war sie gestern nicht?«

»Nein, sie war sogar lebhafter und fröhlicher als sonst; ich habe gar nicht daran gedacht, daß sie überhaupt krank sein könnte. Hätte ich –«

»Sie haben gar nicht daran gedacht, daß sie überhaupt krank sein könnte?« unterbrach sie hier eine Stimme; »warum haben Sie ihr denn gestern abend eine Dosis Arznei verabfolgt?« Es war Spürnase, der aus dem anstoßenden Zimmer eingetreten war.

»Das that ich nicht,« sagte sie, offenbar unter dem Eindruck, daß ich zu ihr gesprochen. »Nicht wahr, Hannah, das that ich nicht, mein armes Mädchen?« fügte sie hinzu, die kalte Hand der Toten in aufrichtigem Schmerze streichelnd.

»Aber wie in aller Welt kam sie denn dazu? Woher erhielt sie die Medizin, wenn Sie sie ihr nicht gaben?«

Jetzt erst schien sie gewahr zu werden, daß noch jemand außer mir zu ihr sprach; denn sie stand schnell auf und schaute verwundert den fremden Mann an, bevor sie antwortete: »Ich weiß nicht, wer Sie sind, mein Herr; aber soviel kann ich Ihnen sagen, das Mädchen nahm keine Arznei; sie war gar nicht krank, soviel ich weiß.«

»Aber ich habe doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie ein Pulver einnahm.«

»Gesehen? – Ist die Welt toll, oder bin ich es? Gesehen, wie sie ein Pulver einnahm? Auf welche Weise war Ihnen das möglich, da das Mädchen volle 24 Stunden in ihrer Kammer eingeschlossen war?«

»Durch das Dachfenster in die Kammer zu blicken, wurde mir nicht so sehr schwer, Madame.«

»O!« rief sie, zusammenzuckend, »ich habe also einen Spion in meinem Hause? Aber ich verdiene es; ich hielt sie innerhalb ihrer vier Wände eingeschlossen und habe die ganze letzte Nacht nicht einmal nach ihr gesehen. Doch was hat sie eingenommen? Medizin? – Gift?«

»Ich habe nicht Gift gesagt.«

»Aber Sie glauben es, Sie glauben, daß sie sich vergiftet hat, und daß ich die Hand dabei im Spiele habe.«

»Nein,« beeilte ich mich, zu berichtigen, »er meint nicht, daß Sie dabei beteiligt gewesen sind; er sagt nur, daß er das Mädchen etwas einnehmen sah, was er für die Ursache ihres Todes hält, und fragt Sie jetzt, woher sie sich jenes Mittel verschafft hat.«

»Wie kann ich Ihnen das sagen? Ich selbst habe ihr nichts gegeben und weiß überhaupt nicht, daß sie etwas Derartiges hatte.«

Ich schenkte ihren Beteuerungen Glauben und mochte die Scene nicht noch verlängern, besonders da wir die Besorgung der Depesche nicht mehr aufschieben durften. So nahm ich denn Frau Belden an die Hand, um sie hinauszuführen; aber sie leistete entschiedenen Widerstand und setzte sich neben das Bett mit dem Ausruf: »Ich will sie nicht wieder verlassen; hier ist mein Platz, von dem ich nicht weiche.« Als ich nun Spürnase drängte, das Telegramm an Herrn Gryce aufzugeben, war er zum erstenmal widerhaarig.

»Nicht eher, als bis die Frau die Kammer geräumt hat,« versetzte er, »und bis Sie mir das Versprechen gegeben haben, sie an meiner Statt zu bewachen.«

»Sie gehen in Ihrem Verdacht zu weit,« flüsterte ich, »und sind meiner Ansicht nach zu hart; noch haben wir nichts entdeckt, was uns zu einer solchen Handlungsweise berechtigen könnte, und außerdem sehe ich nicht ein, was sie hier Schlimmes anzurichten vermag; übrigens verspreche ich Ihnen, sie zu beobachten, falls das Sie beruhigt.«

»Ich will nicht, daß sie hier bewacht wird,« entgegnete der Polizist fest, »nehmen Sie die Frau mit hinunter; ich werde das Haus nicht verlassen, so lange sie hier in der Kammer bleibt.«

»Sie spielen ja den Herrn im Hause,« erwiderte ich.

»Vielleicht; aber wenn ich das thue, so habe ich meine Gründe dazu. Es befindet sich etwas in meinem Besitz, was mein Benehmen erklärt.«

»Der Brief etwa?«

»Ja.«

»Lassen Sie mich ihn sehen,« bat ich, die Hand ausstreckend.

»Nicht, so lange die Frau hier ist.«

Da ich ihn so unerbittlich sah, wandte ich mich an Frau Belden. »Ich muß Sie bitten, jetzt mit mir zu kommen,« sagte ich, »es ist dies kein gewöhnlicher Todesfall; wir müssen den Coroner und die Jury entbieten; es ist besser, wenn Sie hinuntergehen.«

»Das hat nichts auf sich, der Coroner ist mein Nachbar, und ich werde hier bleiben, bis er kommt.«

»Aber was kann das helfen?« stellte ich ihr vor, »wenn Sie auf Ihrem Willen bestehen, so bin ich gezwungen, Sie in der Obhut dieses Mannes zu lassen und selbst die Behörde aufzusuchen.«

Diese Worte verfehlten ihren Eindruck nicht; mit einem Blick des Abscheus auf Spürnase stand sie auf und sprach: »Sie haben mich in Ihrer Gewalt.« Dann verhüllte sie das Antlitz der Toten mit ihrem Taschentuch und verließ ohne ein weiteres Wort die Kammer.

Nach zwei Minuten hielt ich den Brief, von welchem der Polizist gesprochen hatte, in den Händen.

»Nur diesen einen konnte ich auffinden,« versicherte er, »und zwar in der Tasche des Kleides, das Frau Belden gestern abend anhatte, der andere muß irgendwo umherliegen; aber ich habe ihn noch nicht entdecken können. Indessen dieser eine genügt, denke ich; Sie werden kein Verlangen nach dem andern tragen.«

Ohne auf den bedeutsamen Ton zu achten, mit welchem er sprach, öffnete ich das Billet. Es war das kleinere von den beiden, die ich sie am Tage vorher auf dem Postamt unter dem Shawl hatte hervorziehen sehen, und lautete folgendermaßen:

»Meine teure Freundin!

Ich befinde mich in einer entsetzlichen Bedrängnis; das muß ich Ihnen mitteilen, denn ich weiß, Sie lieben mich. Näheres kann ich nicht schreiben; doch habe ich eine dringende Bitte an Sie. Vernichten Sie, was Ihnen zur Aufbewahrung übergeben worden ist, heute, unverzüglich, ohne Frage und Zögern. Die Zustimmung seitens einer andern Person hat nichts damit zu thun, Sie müssen gehorchen; denn ich bin verloren, wenn Sie sich weigern. Erfüllen Sie meine Bitte, und retten Sie Eine, welche Sie liebt.«

Der Brief war an Frau Belden adressiert und in New-York aufgegeben, er trug weder Unterschrift noch Datum, doch ich kannte die Handschrift; sie rührte von Mary Leavenworth her.

»Ein sehr verdächtiges Billet,« kam es in trockenem Ton von Spürnases Lippen, »und ein sehr starkes Beweismittel gegen die Absenderin sowohl als gegen die Empfängerin.«

»Ein furchtbares Beweismittel in der That!« entgegnete ich. »Wenn ich nicht zufälligerweise wüßte, daß dieser Brief sich auf die Vernichtung von etwas ganz Anderem bezieht, als Sie im Sinne haben, nämlich auf gewisse in Frau Beldens Verwahrung befindliche Schriftstücke.«

»Sind Sie dessen sicher, mein Herr?«

»Ganz sicher, doch davon sprechen wir später; es ist jetzt die höchste Zeit, daß Sie das Telegramm absenden und den Coroner herbeiholen.«

»Wie Sie befehlen,« antwortete er und verließ eiligst das Haus.

Ich traf Frau Belden unten im Hausflur, wo sie erregt auf und ab ging; sie klagte über ihre schreckliche Lage, was die Nachbarn wohl von ihr sagen würden, was der Prediger davon denken könnte, und wünschte, daß sie gestorben wäre, ehe sie sich in die Angelegenheit gemischt hätte.

Nach einer Weile gelang es mir, sie zu beruhigen. Ich nötigte sie, sich zu setzen und mir zuzuhören. »Sie schaden sich nur, wenn Sie sich so durch Ihre Gefühle fortreißen lassen,« sagte ich; »und machen sich unfähig für alles, was Ihnen heute noch bevorsteht.« Nun bemühte ich mich, die unglückliche Frau nach Kräften zu trösten, erklärte ihr die ganze Sachlage und fragte sie, ob sie keine befreundete Seele besäße, an welche sie sich in dieser Not wenden könne.

Zu meiner Ueberraschung verneinte sie meine Frage. Sie hatte zwar gefällige Nachbarn und gute Freunde, aber niemanden, dem sie sich in einem derartigen Falle anvertrauen konnte; und wenn ich mich ihrer nicht erbarme, müsse sie suchen, allein fertig zu werden, »wie immer,« schloß sie, »von Beldens Tode an bis zu dem Verlust meiner geringen Ersparnisse, welche mir eine Feuersbrunst im vergangenen Jahre raubte.«

Das rührte mich, und ohne Zögern erbot ich mich, für sie zu thun, was in meinen Kräften stand, vorausgesetzt, daß sie selbst mir diejenige Offenheit entgegenbrächte, welche die Umstände in so gebieterischer Weise verlangten.

Zu meiner großen Erleichterung erklärte sie sich ohne Bedenken bereit, meine Bedingungen zu erfüllen. »An Geheimnissen,« sagte sie, »habe ich für mein ganzes Leben genug. Mir ist zu Mute,« fuhr sie fort, »als müsse ich in die ganze Welt hinausschreien, was ich für Mary Leavenworth gethan habe. Aber zuerst sagen Sie mir um Gottes willen, in welcher Lage befinden sich die beiden Mädchen? Ich habe es nicht gewagt, danach zu fragen, oder an sie zu schreiben; die Zeitungen sprechen viel von Eleonore, aber nichts von Mary, und doch schreibt gerade Mary von ihrer Bedrängnis und von der Gefahr, welche ihr droht, wenn gewisse Thatsachen bekannt würden; wo liegt nun die Wahrheit?«

»Frau Belden,« erwiderte ich, »Eleonore ist dadurch in ihre gegenwärtige schlimme Lage geraten, daß sie nicht alles ausgesagt hat, was man von ihr wissen wollte. Mary – aber ich kann von ihr nicht sprechen, bis ich weiß, was Sie mir mitzuteilen haben; die Lage der beiden Damen ist eine so außergewöhnliche, daß ich sie Ihnen nicht zu erklären vermag. Von Ihnen wollen wir erfahren, wie es kam, daß Sie in jene traurige Angelegenheit verwickelt wurden; welcher Art Hannahs Mitwissenheit an dem Verbrechen war; was sie zwang, New-York zu verlassen und hier Zuflucht zu suchen.«

»Sie werden es mir nimmermehr glauben,« rief Frau Belden, die Hände ringend; »aber mir ist nicht bekannt, ob Hannah etwas von dem Morde wußte; ich weiß gar nicht, was sie in jener verhängnisvollen Nacht sah oder hörte; sie hat es mir nicht erzählt, und ich habe sie nicht danach gefragt. Sie sagte mir nur, daß Fräulein Leavenworth sie auf kurze Zeit verborgen zu halten wünsche, und da ich Mary über alle Maßen liebte und bewunderte, war ich so schwach, ihrem Wunsche Folge zu leisten und –«

»Wollen Sie damit sagen,« unterbrach ich sie, »daß, obwohl Sie von dem Morde und seinen geheimnisvollen Nebenumständen erfahren hatten, Sie auf den bloßen Wunsch von Fräulein Leavenworth hin das Mädchen versteckt hielten, ohne ihr irgend welche Fragen vorzulegen, oder irgend welche Aufklärung zu verlangen?«

»Das that ich allerdings, mein Herr; Sie werden mir nicht Glauben schenken wollen; aber dennoch verhält es sich so. Ich dachte, da Mary das Mädchen herschickte, so müsse sie auch ihre Gründe dafür haben, und – und – ich kann es Ihnen jetzt nicht erklären, jetzt, nun die Sache so ganz anders aussieht.«

»Das war aber eine sehr seltsame Handlungsweise von Ihrer Seite; hatten Sie denn solche Veranlassung, Mary Leavenworth blindlings zu gehorchen?«

»O, mein Herr!« stöhnte sie, »ich glaubte, alles zu verstehen: daß Mary, jenes wunderbare Geschöpf, welches von ihrer stolzen Höhe herabgestiegen war, um mit einer armen Frau zu verkehren und mich zu lieben, auf irgend welche Weise an den Verbrecher gekettet war, und daß es besser für mich sein würde, wenn ich nichts weiter darüber erführe und nur das thäte, was sie mich hieße, in der Hoffnung, es würde sich alles schon wieder zum Guten wenden. Ich zog meinen Verstand dabei nicht zu Rate, sondern handelte nur nach dem Gefühl. Wenn eine von mir geliebte Person mich um etwas bittet, so kann ich es ihr nicht abschlagen.«

»Und Sie lieben Mary Leavenworth, obgleich Sie dieselbe eines so großen Verbrechens für fähig halten?«

»Das habe ich nicht behauptet; sie mag mit der That irgendwie in Verbindung stehen; aber die wirkliche Thäterin ist sie keinesfalls.«

»Frau Belden,« fragte ich, »was wissen Sie von Mary, das Sie zu einer derartigen Annahme berechtigt?«

Das blasse Gesicht meiner Wirtin wurde von heißer Röte übergossen. »Ich weiß nicht recht, was ich Ihnen darauf antworten soll,« entgegnete sie, »es ist eine lange Geschichte und –«

»Das thut nichts!« unterbrach ich sie, »lassen Sie mich alles hören.«

»Das ganze Unglück war, daß Mary sich in einer Bedrängnis befand, aus welcher einzig und allein der Tod ihres Onkels sie erlösen konnte.«

»Und welcher Art war diese Bedrängnis?«

Doch hier wurden wir durch Schritte auf der Veranda unterbrochen, und als ich zum Fenster hinaussah, erblickte ich Spürnase, der allein in das Haus trat.

Ich verließ Frau Belden auf einige Minuten und ging in die Halle. »Was giebt es?« fragte ich den Polizisten, »haben Sie den Coroner nicht gefunden? Ist er nicht zu Hause?«

»Nein, er ist ausgefahren; ein Unglücksfall hat ihn nach einem 10 Meilen weit entfernten Ort gerufen, und,« fügte er mit einem bedeutsamen Augenzwinkern hinzu, »es würde lange Zeit in Anspruch nehmen, wenn man ihn von dort holen wollte.«

»So,« erwiderte ich mit einem Seufzer der Erleichterung, »schlechter Weg wohl?«

»Sehr schlecht! Man würde ebenso schnell zu Fuß hingelangen wie zu Wagen.«

»Um so besser für uns,« bemerkte ich, »Frau Belden hat mir eine lange Geschichte zu erzählen und –«

»Sie wünschen, nicht dabei gestört zu sein, ich verstehe.«

Ich nickte, und er wandte sich der Thüre zu.

»Haben Sie an Herrn Gryce telegraphiert?«

»Jawohl.«

»Glauben Sie, daß er kommen wird?«

»Ohne Zweifel, und wenn er auf Krücken gehen müßte.«

»Um welche Zeit erwarten Sie ihn?«

»Für Sie wird er um 3 Uhr da sein.« Damit setzte Spürnase seinen Hut auf und schlenderte die Straße hinab wie jemand, der den ganzen Tag vor sich hat und nicht weiß, was er anfangen soll.

Ich begab mich wieder zu Frau Belden zurück und teilte ihr mit, der Coroner sei nicht in der Stadt und würde auch nicht so bald zurückkehren, wir hätten daher einige Stunden vor uns und könnten sie nicht besser ausfüllen, als indem sie mir ihre Geschichte erzählte.

Sie erklärte sich gern bereit dazu und begann ohne Umschweife ihren Bericht.

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