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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Zweites Kapitel.
Die Untersuchung nimmt ihren Anfang.

Die Umgebung, in welcher die Untersuchung vorgenommen werden sollte, rief in ihren scharfen Kontrasten einen höchst eigentümlichen Eindruck bei dem Beschauer hervor. Der palastähnliche Bau, die fürstliche Einrichtung, die Erinnerungen an das friedliche Leben des gestrigen Tages, so z. B. der Anblick des offenen Pianos, das durch einen zierlichen Damenfächer am Notengestell festgehaltene Musikheft, – fesselten meine Aufmerksamkeit in gleichem Maße wie das düstere Bild der heute zusammengewürfelten und ungeduldigen Schar, die sich um mich drängte.

Ganz besonders zog mich auch ein lebenswahres Porträt an, welches an der Wand mir gegenüber hing; es war ein reizendes, von poetischem Duft überhauchtes Gemälde. Das Bild einer jungen, goldlockigen, blauäugigen Schönen im Kostüme des ersten Kaiserreichs. Sie stand auf einem Waldpfade und schaute über die Schulter zurück, als ob ihr jemand folge, mit so schelmischem Auge und so frischem Kindermunde, daß es mir wie eine getreue Nachahmung der Wirklichkeit erschien. Hätte sie nicht das ausgeschnittene Kleid mit der hohen Taille und die kurzgeschnittenen Löckchen auf der Stirn gehabt, ich würde das kleine Kunstwerk für das wohlgetroffene Porträt einer der Damen des Hauses gehalten haben.

Von dieser lieblichen Mädchengestalt glitt mein Blick auf das tiefernste, kluge und aufmerksame Gesicht des Coroners sowie auf die Gruppe der Geschworenen und auf die zitternden Gestalten der sich in einer Ecke zusammendrängenden Dienerschaft des Hauses, endlich auf den blassen, schäbig gekleideten Reporter, der an einem kleinen Tische saß und mit geschäftsmäßiger Hast seine Notizen machte.

Der Coroner Hammond war mir von früher her bekannt; er galt für einen Beamten von außergewöhnlichem Scharfsinn, der seines schwierigen Berufes mit großer Gewissenhaftigkeit, Gewandtheit und Umsicht waltete.

Was die Geschworenen anbelangt, so trugen sie im großen und ganzen das bei derartigen Gelegenheiten gewöhnliche Gepräge.

Wie es der Zufall brachte, waren sie von den Straßen aufgelesen, aber von solchen Straßen, in denen sich der Hauptverkehr regt; sie machten den Eindruck von intelligenten Geschäftsleuten, welche, voll Entrüstung über den Mord, im Begriff standen, ihre Bürgerpflicht zu erfüllen. Nur ein einziger von ihnen schien ein wirkliches Interesse an der Untersuchung selbst zu empfinden.

Als erster Zeuge wurde der Arzt aufgerufen, welcher von der Familie des Verstorbenen herbeigeholt worden war. Derselbe sagte hauptsächlich über die Wunde aus, die sich an dem Kopfe des Ermordeten befand. Er hatte den Toten, auf einem Bette im Vorderzimmer des zweiten Stockwerkes liegend, angetroffen, wohin man denselben offenbar aus einem anstoßenden Gemach einige Stunden nach seinem Ableben gebracht hatte. Die Wunde am Hinterkopfe war die einzige, die man am Körper entdeckte. Die Kugel hatte der Arzt herausgezogen und übergab sie jetzt den Geschworenen; sie war unten an der Basis der Schädeldecke in das Gehirn eingedrungen und hatte, einen augenblicklichen Tod herbeiführend, die medulla oblongata getroffen.

Die Beschaffenheit des Loches in der Schädeldecke sowie die Richtung, welche die Kugel genommen hatte, schlossen jede Möglichkeit eines Selbstmordes aus, zumal das Aussehen des die Wunde umgebenden Haares die Thatsache feststellte, daß der Schuß in einer Entfernung von drei bis vier Fuß abgefeuert sein mußte. Zog man ferner den Winkel in Betracht, in welchem die Kugel die Hirnschale durchbohrt hatte, so war es offenbar, daß der Entseelte zur Zeit der That nicht nur in seinem Stuhl gesessen hatte, sondern auch in einer Beschäftigung begriffen war, bei der er das Haupt vorwärts gesenkt hielt. Wäre nämlich die Kugel in den Kopf eines aufrecht sitzenden Mannes in einem Winkel von 45° wie hier eingedrungen, so hätte der Mörder das Pistol in einer eigentümlichen Lage und sehr niedrig halten müssen; hatte jedoch der Getroffene beim Schreiben den Kopf vornüber geneigt, so konnte der Mörder mit gekrümmtem Ellenbogen den Schuß sehr leicht in der erwähnten Richtung abgeben.

Als der Arzt über den Gesundheitszustand des Herrn Leavenworth befragt wurde, antwortete er, der Verstorbene habe sich, seiner Ansicht nach, zur Zeit seines Todes im besten körperlichen Wohlsein befunden; da er jedoch nicht Hausarzt gewesen sei, könne er sich ohne vorherige Untersuchung darüber nicht aussprechen. Eine Pistole habe er übrigens weder auf dem Fußboden des Zimmers, in welchem der Mord geschehen, noch in einer der anstoßenden Räumlichkeiten entdeckt. Aus den weiteren Aussagen des Arztes ging noch folgendes als unzweifelhaft hervor: Die Gruppierung des Tisches, des Stuhles und der dahinter liegenden Thür bewies, daß der Mörder unter den obwaltenden Umständen auf oder vor der Schwelle des Ganges gestanden haben mußte, der in das andere Zimmer führte. Da ferner die Kugel klein und aus einem gezogenen Lauf abgefeuert worden war und infolgedessen beim Durchdringen des Knochens leicht nach rechts oder links hätte abweichen können, erschien es dem Arzt als sicher, daß das Opfer keine Bewegung gemacht hatte, um aufzustehen oder den Kopf nach seinem Angreifer umzuwenden. Daraus ergab sich der zwingende Schluß, daß der Tritt des Thäters ein dem Ermordeten wohlbekannter, daß also die Anwesenheit des Meuchlers in dem Gemache keine ungewöhnliche oder unerwartete war.

Nachdem der Arzt seine Aussage beendigt hatte, nahm der Coroner die vor ihm auf dem Tisch liegende Kugel, rollte sie einen Moment überlegend zwischen den Fingern, zog dann einen Bleistift aus der Tasche, warf rasch einige Zeilen auf ein Blatt Papier, rief einen Polizisten zu sich herein und übergab ihm dasselbe, indem er ihm zugleich im Flüsterton einen Befehl erteilte.

Der Sicherheitsbeamte nahm das Billet in Empfang, sah mit einem verständnisvollen Aufblitzen des Auges die Adresse an, setzte sich den Hut auf und verließ den Saal. In der nächsten Minute verkündete ein lautschallendes ›Hurra‹ der Straßenjugend, daß er vor die Hausthür getreten war.

Von meinem Sitze aus hatte ich die volle Aussicht durch das Eckfenster. Ich bemerkte, daß der Polizist einen Fiaker anrief, schnell hineinsprang und in der Richtung nach dem Broadway hinwegfuhr.

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