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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Gryce erklärt sich.

Es kommt mir nicht in den Sinn, die verschiedenen Gefühle, welche ich bei diesen Worten empfand, zu schildern. Wie ein Ertrinkender in einem einzigen furchtbaren Augenblick die Ereignisse seines ganzen Lebens vor seinem geistigen Auge vorüberziehen sehen soll, so zog jedes Wort, das ich von Mary seit meinem ersten Betreten ihres Zimmers am Morgen der Coroners-Untersuchung bis zu unserer letzten Unterredung gehört hatte, in wildem Gedankenfluge durch mein Gehirn, und ich erschrak über die Deutung, welche ihr ganzes Benehmen unter dem Licht zu erhalten schien, das jetzt auf sie fiel.

»Ich sehe, daß Sie von Zweifeln bestürmt werden,« redete mich Gryce mit überlegener Ruhe an; »haben Sie denn niemals an diese Möglichkeit gedacht?«

»Fragen Sie nicht, woran ich gedacht habe; ich weiß nur soviel, daß ich niemals an die Möglichkeit einer solchen Thatsache glauben werde. Wieviele Vorteile Mary auch von dem Tode ihres Onkels haben mag, ihre Hand hat sie niemals bei dem Verbrechen im Spiele gehabt, zum wenigsten nicht im eigentlichen Sinne des Wortes,« fügte ich zornig hinzu.

»Und was giebt Ihnen diese Ueberzeugung?«

»Und was veranlaßt Sie zu einer entgegengesetzten Ansicht? Ihre Sache ist es, zu beweisen, daß sie schuldig ist; an mir liegt es, ihre Unschuld darzuthun.«

»Ah!« spottete Gryce, »jetzt erinnern Sie sich jenes Rechtsgrundsatzes; entsinne ich mich recht, so sind Sie nicht immer besonders peinlich in dem Wunsche gewesen, denselben berücksichtigt zu sehen, namentlich in der Frage, ob Clavering der Mörder ist oder nicht.«

»Aber er ist ein Mann, und es schien mir weniger furchtbar, ihn einer solchen That zu bezichtigen; doch sie ist ein Weib, und welch' ein Weib! Nichts als ihr eigenes Geständnis wäre im stande, mich von ihrer Schuld zu überzeugen; der Mord war ein zu überlegter, ein bis ins einzelne zu durchdachter, um –«

»Lesen Sie die Kriminalberichte,« unterbrach mich Gryce.

Aber ich blieb hartnäckig. »Was gehen mich die Kriminalberichte an!« warf ich ein, »alle Kriminalberichte der Welt hätten mich nicht zu dem Glauben an Eleonores Schuld zwingen können, und dasselbe gilt mir von ihrer Cousine; Mary hat ihre Fehler, aber schuldig ist sie nicht!«

»Dann sind Sie in Ihrem Urteil milder, als ihre Cousine es war.«

»Ich verstehe Sie nicht,« murmelte ich, und es fing an, noch schrecklicher für mich zu tagen.

»Wie? Haben Sie bei der Ueberstürzung der jüngsten Ereignisse jene Anklage vergessen, welche am Morgen der Coroners-Untersuchung zwischen den beiden Damen fiel?«

»Nein; aber –«

»Sie glaubten, Mary habe die verhängnisvollen Worte zu Eleonore gesprochen?«

»Natürlich! Sie etwa nicht?«

Ein sarkastisches Lächeln glitt über Gryces Antlitz. »Keineswegs,« entgegnete er; »diesen Glauben wollte ich Ihnen nicht nehmen; es war genug, wenn einer von uns jener Spur folgte.«

»Sie wollen doch nicht etwa sagen,« rief ich ganz verwirrt, »daß es Eleonore war, die damals jene Anschuldigung aussprach, daß ich die ganze Zeit über unter einem schrecklichen Irrtum litt, und daß ein Wort von Ihnen mich hätte darüber aufklären können?«

»Was das anbetrifft,« versetzte er, »so hatte ich meinen Zweck, indem ich Sie eine Zeit lang auf jener Fährte ließ. In erster Linie war ich selbst nicht einmal ganz sicher, wer gesprochen hatte, obwohl ich nur geringe Zweifel darüber hegte. Die Stimmen ähneln sich sehr, wie Sie wohl bemerkt haben werden, während die Stellungen, in welchen wir die beiden Damen bei unserem Eintritt antrafen, beide Erklärungen zuließen, daß nämlich Mary eine Anklage sowohl geschleudert, als zurückgewiesen haben konnte. Während ich nicht daran zweifelte, wie die sich vor uns abspielende Szene zu erklären sei, kam es mir ganz erwünscht, daß Sie dieselbe im entgegengesetzten Sinne deuteten; denn auf diese Weise konnten beide Theorien erprobt werden, was bei einem so schwierigen Falle ganz in der Ordnung ist. Sie gingen demgemäß von einem ganz andern Gesichtspunkt aus als ich und sahen jede neue Thatsache unter dem Lichte, daß Mary an Eleonores Schuld glaubte, wogegen bei mir das Umgekehrte der Fall war. Und was ist das Resultat davon gewesen? Bei Ihnen Zweifel, Widerspruch, beständige Ungewißheit und immerwährendes Schwanken zwischen seltsamen Vermutungen, um den äußern Schein mit Ihrer eigenen Ueberzeugung in Einklang zu bringen, – bei mir zunehmende Gewißheit und eine Annahme, welche bis jetzt durch die Entwicklung der Dinge immer wahrscheinlicher und begründeter geworden ist.«

Wieder flog jenes wilde Heer von Worten, Blicken und Ereignissen an mir vorüber: Marys wiederholte Versicherung von der Unschuld ihrer Cousine, Eleonores stolzes Schweigen bezüglich gewisser Punkte, die auf den vermutlichen Mörder hätten hinleiten können. »Ihre Ansicht muß die richtige sein,« sagte ich endlich; »unzweifelhaft war es Eleonore, die jene Worte sprach. Sie glaubt an Marys Schuld, und ich bin wirklich blind gewesen, daß ich dies nicht vom ersten Augenblick an bemerkt habe.«

»Wenn Eleonore ihre Cousine für schuldig hält, so muß sie wohl ihre Gründe dafür haben.«

Das mußte ich zugeben.

»Sie verbarg auch den berüchtigten Schlüssel, den sie – der Himmel weiß wo? – gefunden haben mag, in ihren Busen nicht so ohne weiteres, noch suchte sie den Brief, der ihre Cousine bloßgestellt haben würde, der Vernichtung preiszugeben, ohne ein bestimmtes Ziel dabei zu verfolgen.«

»Gewiß nicht!«

»Und trotz der Haltung, welche Eleonore von vornherein angenommen und bewahrt hat, verharren Sie bei Ihrer Ansicht, daß Mary unschuldig ist? Bedenken Sie doch, daß Sie mit den Verhältnissen im Leavenworthschen Hause erst jetzt bekannt geworden sind und Mary nur in dem Lichte gesehen haben, in dem sie für gut fand, sich darzustellen.«

»Aber,« entgegnete ich, nur mit Widerwillen seinen Beweisgründen und Schlüssen folgend, »Eleonore ist doch nur auch eine Sterbliche und kann sich in ihren Vermutungen leicht irren; sie hat sich niemals geäußert, worauf sich ihr Verdacht gründet. Clavering kann ebensogut der Mörder sein als Mary, nach dem zu urteilen, was wir von ihm in Erfahrung gebracht haben.«

»Sie scheinen in Ihrem Glauben an Claverings Schuld fast abergläubisch zu sein.«

Ich zuckte zusammen. War ich wirklich abergläubisch? – War es möglich, daß Harwells phantastische Mitteilungen über diesen Mann mein besseres Urteil beeinflußt hatten?

»Und Sie mögen auch darin recht haben,« fuhr Gryce fort, »ich will meine Folgerungen keineswegs als Gewißheit hinstellen; die bevorstehende Untersuchung muß uns ja Aufschluß darüber geben, obgleich ich seine Teilnahme an dem Verbrechen für kaum wahrscheinlich halte. Daß sein Benehmen in allen Einzelheiten genau so gewesen ist, wie man es von dem heimlichen Gatten einer Frau, welche Beweggründe zur Verübung eines Mordes besitzt, erwarten würde, läßt sich freilich nicht in Abrede stellen.«

»Bis auf den Umstand, daß er sie verlassen hat.«

»Er hat sie ja nicht verlassen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Herr Clavering hat sich nur den Anschein gegeben, von New York abzureisen; er ist nicht auf Marys Geheiß nach Europa gegangen, sondern hat nur sein Quartier gewechselt und wohnt jetzt in einem Hause, welches demjenigen seiner Frau gegenüber liegt, wo er Tag für Tag an einem bestimmten Fenster sitzt und acht giebt, wer drüben aus- und eingeht.«

»Aber man sagte mir doch im ›Hoffmann-Hause‹,« warf ich nach einigem Nachdenken ein; »er sei nach Europa zurückgekehrt, und ich selbst sprach den Mann, der ihn nach dem Dampfer gefahren hatte.«

»Ganz richtig.«

»Und Clavering hat sich darauf wieder nach der Stadt begeben?«

»Ja; in einem andern Wagen und nach einem andern Hause.«

»Und dennoch behaupten Sie, der Mann sei unverdächtig?« fragte ich erstaunt.

»Das gerade nicht,« antwortete er, »ich meine nur, es ruht auf ihm auch nicht der Schatten eines Verdachtes, daß er es ist, welcher Leavenworth erschossen hat.«

Ich erhob mich von meinem Sitz und schritt einige Male durch das Zimmer, während wir beide schwiegen; dann aber erinnerte mich das Schlagen der Uhr, wie sehr die Zeit drängte; ich blieb stehen und fragte Gryce, was er zu thun gedächte.

»Für mich giebt es jetzt nur eine einzige Aufgabe,« erwiderte er.

»Und die wäre?«

»Auf Grund der Beweise, welche ich habe, die Verhaftung von Fräulein Leavenworth zu veranlassen.«

Bis jetzt hatte ich mich beherrscht und hörte auch diese Ankündigung ohne einen Ausruf des Unwillens an; aber ich durfte nicht gehen, ohne eine Anstrengung gemacht zu haben, seinen Entschluß zu ändern. »Aber,« sagte ich, »ich sehe gar keine positiven Beweise, welche Sie zu einem solchen Vorgehen berechtigen; Sie haben selbst zugegeben, daß das Vorhandensein eines Motivs allein noch nicht genüge, selbst in Verbindung mit der Thatsache, daß die verdächtige Person zur Zeit des Mordes in dem betreffenden Hause gewesen sei, und was haben Sie mehr gegen Fräulein Leavenworth vorzubringen?«

»Verzeihen Sie,« entgegnete er, »ich sagte Fräulein Leavenworth; ich hätte sagen sollen Eleonore Leavenworth!«

»Eleonore? Höre ich recht? Halten wir sie denn nicht von allen Personen, welche mit dem Morde in irgend welchem Zusammenhange stehen, allein für ganz und gar unschuldig?«

»Und doch ist sie die einzige, gegen die man bis jetzt etwas hat beweisen können.«

Das mußte ich allerdings zugeben.

»Herr Raymond,« fuhr der Detektiv mit nachdrücklichem Ernst fort, »das Publikum wird unruhig, und es muß etwas gethan werden, um es zufrieden zu stellen, wenn es auch nur für den Augenblick geschieht. Eleonore hat sich der Polizei selbst verdächtig gemacht und muß die Folgen ihrer Handlungsweise tragen. Es thut mir leid, denn sie ist ein edles Wesen, und ich bewundere sie; aber Gerechtigkeit bleibt Gerechtigkeit, und obwohl ich von ihrer Unschuld überzeugt bin, so werde ich dennoch gezwungen sein, sie zu verhaften, wenn nicht –«

»Aber das kann ich nicht zugeben!« unterbrach ich ihn empört, »es würde dadurch ein nicht wieder gut zu machendes Unrecht einer Dame zugefügt, deren einziger Fehler eine übelangebrachte und mißverstandene Aufopferung für eine unwürdige Cousine ist. Wenn Mary die That –«

»– Wenn nicht zwischen heute und morgen etwas Neues vorfällt,« fuhr Gryce in seinem Satze fort, als hätte ich gar nicht gesprochen.

»Zwischen heute und morgen?«

»So sagte ich.«

Ich vermochte den Gedanken nicht zu fassen, daß alle meine bisherigen Bemühungen vergeblich gewesen waren.

»Wollen Sie mir nicht noch einen weiteren Tag zugestehen?« fragte ich verzweifelt.

»Um was zu thun?«

»Um Clavering aufzusuchen und von ihm die Wahrheit zu erzwingen.«

»Um alles zu verderben!« rief Gryce aus. »Nein, der Würfel ist gefallen; Eleonore Leavenworth kennt die eine Thatsache, welche ihre Cousine als Mörderin hinstellt; sie muß uns diese Thatsache entdecken oder die Folgen ihrer Weigerung tragen.«

Ich machte noch einen Versuch. »Aber warum morgen?« bat ich, »warum können wir uns nicht noch einen Tag mehr gönnen, nachdem wir schon soviel Zeit mit Nachforschungen verbracht haben, zumal da wir jetzt auf der richtigen Fährte zu sein scheinen? Noch ein wenig mehr nachspüren –«

»Wäre ein wenig mehr Zeit vergeudet!« schalt Gryce, der die Geduld verlor. »Nein, lieber Freund, die Zeit des Nachspürens ist vorbei; es muß ein entscheidender Schritt gethan werden; obschon, wenn ich nur das eine fehlende Glied hätte –«

»Welches fehlende Glied?«

»Das unmittelbare Motiv zur That, den Beweis dafür, daß Herr Leavenworth seine Nichte mit seiner Ungnade, oder Clavering mit seiner Rache bedroht hat; alsdann wäre allerdings die Verhaftung Eleonores unnötig. Aber so ein fehlendes Glied an einer Beweiskette läßt sich nicht so leicht auffinden; wir haben nun schon Wochen lang danach gesucht ohne jeglichen Erfolg; nur das Geständnis eines der bei dem Verbrechen Beteiligten wird uns liefern, was wir brauchen. Ich will Ihnen sagen, was ich thun werde,« rief er plötzlich aus. Mary Leavenworth hat mich gebeten, ihr Bericht zu erstatten; sie wünscht nichts sehnlicher, als den Mörder entdeckt zu sehen, und hat dafür eine bedeutende Belohnung ausgesetzt. Ich werde ihr diesen Wunsch erfüllen; die Verdachtsmomente, welche ich habe, und die Begründung derselben wird zu interessanten Aufschlüssen führen; es sollte mich in der That nicht wundern, wenn letztere, ihr vorgehalten, ein ebenso interessantes Geständnis ihr abnötigen würden.«

Ich sprang erschreckt auf.

»Unter allen Umständen werde ich es versuchen,« fuhr Gryce gleichgültig fort.

»Das wird Ihnen nichts helfen,« warf ich ein; »wenn Mary schuldig ist, so wird sie es niemals gestehen, wenn nicht –«

»So wird sie den Thäter nennen.«

»Nicht,« entgegnete ich, »wenn Clavering, ihr Gatte, es ist.«

»Gewiß!« versetzte er, »auch wenn Clavering, ihr Gatte, es ist. Sie besitzt nicht die Aufopferungsfähigkeit Eleonores.«

Das mußte ich freilich einräumen; Mary würde, um eine andere zu schützen, keinen Schlüssel verbergen; sie würde sprechen, falls man sie beschuldigte.

Als ich bald darauf durch die belebten Straßen schritt, erfüllte mich der freudige Gedanke, daß Eleonore frei war, und machte diesen Tag zu einem der denkwürdigsten meines Lebens. Erst mit Anbruch der Nacht wurde es mir klar, in welcher kritischen Lage Mary sich befand, wenn Gryces Theorie auf Wahrheit beruhte.

Obwohl ich mich früh zu Bett begab, konnte ich doch weder Schlaf noch Ruhe finden; die ganze Nacht warf ich mich auf meinem Lager hin und her, und immer wieder tönten mir die Worte in die Ohren: »Es muß sich etwas Neues ereignen zwischen heute und morgen!«

Dann fuhr ich aus meinem Halbschlummer auf und fragte mich, was in aller Welt vorfallen müsse; vielleicht legte Clavering ein Geständnis ab, oder Hannah tauchte wieder auf, oder Mary sprach jenes Wort, welches schon längst auf ihren Lippen zitterte; aber wenn ich weiter darüber nachdachte, so fühlte ich selbst die Unwahrscheinlichkeit derartiger Vermutungen. Erst mit Morgengrauen versank ich in einen unruhigen Schlaf und träumte, Mary stehe Gryce mit einem Pistol in der Hand gegenüber.

Aus diesem Alpdrücken erweckte mich ein lautes Klopfen an der Thür. Ich stand schnell auf und fragte, was es gäbe.

Die Antwort erfolgte in Gestalt eines durch die Thür geworfenen Briefes. Als ich ihn erbrach, sah ich, daß er von Gryce kam und folgendermaßen lautete: »Besuchen Sie mich unverzüglich, Hannah Chester ist aufgefunden.«

In einer Stunde war ich bei Gryce.

»Ist es wahr,« begann ich, »Hannah Chester aufgefunden?«

»Wir haben wenigstens alle Ursache es zu glauben.«

»Wann – wo – durch wen?«

»Nehmen Sie vorerst Platz, dann werde ich es Ihnen erzählen.«

Ich holte mir schnell einen Stuhl und setzte mich neben ihn.

»So ganz sicher sind wir unserer Sache allerdings nicht,« begann der Detektiv; »wir haben indessen die Mitteilung erhalten, daß ein Mädchen von Hannahs Aeußerem an einem der oberen Fenster eines Hauses in R., in welchem sie während ihres dortigen Aufenthaltes mit den Damen Leavenworth häufig Besuche machte, gesehen worden ist. Da es nun eine ausgemachte Sache ist, daß sie in der Nacht des Mordes mit der dorthin führenden Eisenbahn abreiste, obgleich wir nicht im stande waren, in Erfahrung zu bringen, wo sie ausstieg, so glauben wir, daß es der Mühe wert ist, der uns zugegangenen Kunde auf den Grund zu gehen.«

»Aber –«

»Wenn sie wirklich dort ist,« unterbrach mich Gryce, »so wird sie sorgsam versteckt gehalten; keine Menschenseele, außer unserem Berichterstatter, hat sie erblickt, noch haben ihre nächsten Nachbarn die leiseste Ahnung von ihrer Anwesenheit.«

»In einem Hause zu R. wird Hannah verborgen gehalten! Und wem gehört jenes Haus?«

Gryce lächelte mit überlegenem Spott. »Der Name der Besitzerin des Hauses wird als ›Belden‹ angegeben; Frau Amy Belden.«

»Amy Belden? der Name, welchen ein Dienstmädchen Claverings in London auf einem zerrissenen Briefkouvert fand?«

»Ja.«

Ich konnte meine Befriedigung nicht verhehlen. »Dann stehen wir vor einer neuen wichtigen Entdeckung,« versetzte ich. »Wann erhielten Sie diese Mitteilung?«

»Heute morgen, Spürnase brachte sie mir.«

»Es war also ein Telegramm an Spürnase?«

»Ja; das Ergebnis seiner Forschungen in R., glaube ich.«

»Von wem war die Depesche unterzeichnet?«

»Von einem ehrenwerten Klempner, der dicht neben Frau Belden wohnt.«

»Und ist dies das erste, was Sie von jener Frau Amy Belden hören?«

»Das erste, Genaueres weiß ich über sie gar nicht.«

»Aber Sie haben Spürnase schon hingeschickt, um nähere Erkundigungen einzuziehen?«

»Noch nicht; die Aufgabe ist für ihn ein wenig zu schwierig, und ich schwanke, ob ich sie ihm allein anvertrauen soll; es könnten Umstände eintreten, wo sein Scharfsinn nicht zureicht; großen Anforderungen ist er nicht gewachsen, und es wäre wünschenswert, daß er jemand über sich hätte, der ihn leitet.«

»Kurzum –«

»Ich möchte, daß Sie hingingen; ich selbst bin nicht im stande zu reisen, und ich weiß niemand, der geeigneter wäre, die Angelegenheit zu einem günstigen Ende zu führen als Sie. Wie Sie sich denken können, genügt es nicht, das Mädchen aufzufinden und zu identifizieren; die gegenwärtige Lage der Dinge erheischt, daß die Verhaftung einer so wichtigen Zeugin ganz geheim gehalten wird. In einem fremden Hause Zutritt zu erlangen, ein dort verborgenes Mädchen aufzufinden, sie von ihrem Versteck aus nach dem Bureau eines New Yorker Geheimpolizisten durch Ueberredung, Furcht oder Zwang, wie es sich nun gerade macht, zu bringen und zwar, ohne daß die nächsten Nachbarn davon Wind bekommen, – das ist ein Kunststück, welches Vorsicht, Takt und Genie erfordert. Die Frau, welche Hannah versteckt hält, muß ihre Gründe für eine solche Handlungsweise haben, – auch die müssen wir erfahren; alles in allem ist es eine heikle Geschichte. Trauen Sie sich wohl zu, damit fertig zu werden?«

»Ich will es wenigstens versuchen.«

Gryce fuhr sich mit der Hand nach dem schmerzenden Bein. »Und dieses Vergnügen muß ich mir so durch die Finger gehen lassen!« brummte er. »Doch nun gleich zum Geschäft! Wann können Sie abreisen?«

»Auf der Stelle.«

»Gut, um zwölf Uhr fünfzehn Minuten fährt der nächste Zug ab, benutzen Sie denselben. Sobald Sie in R. angelangt sind, wird es Ihr ernstes Bemühen sein, sich bei Frau Belden einzuführen, ohne deren Verdacht zu erregen. Spürnase, der Ihnen folgen wird, soll sich stets bereit halten, falls Sie seines Beistandes bedürfen; da er jedoch verkleidet sein wird, so müssen Sie jeden Schein, als ob Sie ihn kennen, vermeiden und gar nicht mit ihm verkehren, bis er selbst Ihnen ein vorher verabredetes Zeichen giebt. Sie verfahren auf Ihre Weise und er auf die seinige, bis gegenseitige Unterstützung und gegenseitiges Einvernehmen wünschenswert sind. Ich kann nicht einmal sagen, ob Sie ihn überhaupt sehen werden; aber dessen können Sie sicher sein, daß er weiß, wo Sie zu finden sind und daß das Wehen eines rotseidenen Taschentuchs – besitzen Sie ein solches Tuch?«

»Ich werde mir ein solches kaufen.«

»Daß Sie also dadurch zu erkennen geben, daß Sie seine Gegenwart oder seinen Beistand wünschen, ob Sie nun jenes Tuch an sich selbst tragen, oder an Ihrem Fenster zeigen.«

»Sind das alle Anweisungen, welche Sie mir zu erteilen haben?« fragte ich, als er eine Pause machte.

»Ja, ich wüßte wenigstens keine mehr; Sie müssen sich auf Ihr eigenes Urteil und auf die Anforderungen des Augenblicks verlassen; Ihr eigener Scharfsinn wird Ihr bester Führer sein. Lassen Sie sich nur, wenn es irgend möglich ist, morgen um diese Zeit bei mir sehen oder von sich hören.«

Nach diesen Worten händigte er mir eine Chiffreschrift ein für den Fall, daß ich an ihn zu telegraphieren hätte.

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