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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Die Geschichte einer schönen Frau.

»Sie haben also niemals von den näheren Umständen gehört, welche zu dieser Heirat führten?«

Es war mein Kompagnon, welcher diese Worte sprach. Ich hatte ihn gebeten, mir Herrn Leavenworths Abneigung gegen die englische Nation zu erklären.

»Nein,« lautete meine Antwort.

»Das ist nicht zu verwundern,« entgegnete er, sich in seinem Bette aufrichtend, – er hatte sich noch nicht gänzlich von seiner Krankheit erholt. »Es mögen wohl kaum noch ein halbes Dutzend Menschen am Leben sein, die Ihnen erzählen könnten, wo Horatio Leavenworth das schöne Mädchen entdeckte, das er zu seiner Gattin machte, nebst den näheren Umständen, welche diese Ehe veranlaßten.«

»Aber Ihnen sind diese Umstände bekannt, Herr Veeley?«

»Freilich – und ich will mit meinem Bericht nicht zurückhalten, wenn er Ihnen auch nicht viel helfen wird:

»Horatio Leavenworth war als junger Mann sehr ehrgeizig und beabsichtigte, eine reiche, vornehme Dame in Providence zu heiraten; da führten ihn Geschäfte nach England, und dort lernte er ein junges Weib kennen, dessen Anmut und Reize ihn so fesselten, daß er jene gute Partie aufgab, obgleich er vorläufig gar nicht daran denken konnte, sich nach seiner Neigung zu vermählen; denn seine Geliebte war nicht nur in den dürftigsten Verhältnissen, sondern hatte auch noch ein Kind bei sich, von dessen Eltern die Nachbarn nichts wußten, und sie selbst nichts sagen wollte. Aber wie es so oft geschieht, gewannen Liebe und Bewunderung die Oberhand über Klugheit und Familienrücksichten; er ließ alle Bedenken fahren, bat sie um ihre Hand, worauf sie ihm die Erklärung gab, welche er nicht hatte fordern mögen.

»Ihre Geschichte war eine sehr traurige. Sie scheint von Geburt eine Amerikanerin gewesen zu sein; denn ihr Vater war ein bekannter Kaufmann in Chicago, und, so lange er lebte, war sie von Luxus umgeben; doch er starb, als sie zur Jungfrau heranblühte. Bei seinem Leichenbegängnis begegnete sie zum ersten Mal dem Manne, einem Engländer, welcher ihr Lebensglück zerstören sollte. Er verstand es, das Herz des jungen Mädchens, das fast noch ein Kind war, zu bethören, und heiratete sie nach kurzer Zeit. Gleich am ersten Tage ihrer Ehe kam er betrunken nach Hause und schlug sie; aber das war nur der Anfang. Nachdem der Nachlaß ihres Vaters geregelt war, und es sich herausgestellt hatte, daß er weniger betrug, als ihr Mann erwartet hatte, brachte er sie nach England, um dort seine rohen Mißhandlungen fortzusetzen. Noch ehe sie das sechszehnte Jahr erreicht hatte, war sie durch die ganze Stufenleiter des ehelichen Leidens gelaufen, und dabei war ihr Gatte äußerlich kein gemeiner Raufbold, sondern ein schöner, eleganter Mann von Welt, der lieber ein Kleid von ihr in das Feuer warf, als daß er sie, gegen seinen Geschmack gekleidet, in Gesellschaft gehen ließ.

»Sie ertrug es bis zur Geburt ihres Kindes, dann entfloh sie. Zwei Tage, nachdem dasselbe das Licht der Welt erblickt hatte, nahm sie es in die Arme und flüchtete aus dem Hause; die wenigen Juwelen, welche sie noch besaß, fristeten ihr Leben, bis sie im stande war, sich einen kleinen Laden einzurichten. Von ihrem Manne hörte und sah sie nichts wieder. Etwa zwei Wochen, bevor sie mit Horatio Leavenworth bekannt wurde, hatte sie seinen Tod aus den Zeitungen erfahren.

»Jetzt war sie frei; aber obwohl sie Leavenworth von ganzem Herzen liebte, konnte sie sich nicht dazu entschließen, ihn zu heiraten; die Schmach und die Mißhandlungen des einen Jahres ihrer Ehe drückten sie zu sehr, und sie hielt sich seiner nicht für würdig. Erst als ihr Kind einige Monate später gestorben war, reichte sie ihm ihre Hand. Er führte sie nach New York, wo er sie mit allem erdenklichen Luxus und mit der zärtlichsten Sorge umgab; aber Schmerz und Kummer hatten zu sehr an ihr genagt, und schon nach zwei Jahren machte sie ihren Gatten zum Witwer.

»Dieser Schlag traf Horatio Leavenworth bis ins Mark hinein; er hat sich niemals davon erholen können. Obgleich Mary und Eleonore bald darauf in sein Haus kamen, hat er seine alte Freudigkeit nicht wiedergewonnen; das Geld wurde sein Götze, und der Ehrgeiz, ein großes Vermögen zu hinterlassen, leitete von nun an seine Handlungen. Doch das Weib seiner Jugend hat er nie vergessen, und er geriet außer sich, sobald er nur jemand von einem Engländer sprechen hörte.«

Als ich die Treppe hinabstieg, erinnerte ich mich daran, daß ich einen Brief an Herrn Veeleys Sohn Fred in der Tasche hatte. Da ich kein besseres Mittel wußte, den Brief an seine Adresse zu befördern, wollte ich ihn auf den Tisch des Bibliothekzimmers legen, welches an das Sprechzimmer stieß. Ich klopfte an der Thür und als ich keine Antwort empfing, öffnete ich und schaute hinein.

Das Gemach war nur durch den Schein des Feuers erleuchtet, welches im Kamin brannte; vor diesem saß eine Dame, die ich zuerst für Frau Veeley hielt. Sobald ich jedoch herantrat und sie beim Namen nannte, ward ich meinen Irrtum gewahr; die Dame stand auf, und diese hohe, edle Gestalt konnte das kleine, zarte Weib meines Kompagnons nicht sein.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte ich, und wollte das Zimmer verlassen. Da fiel mir ein gewisses Etwas in der Haltung der Dame auf, und in dem Glauben, sie sei Mary Leavenworth, fragte ich: »Habe ich wirklich die Ehre, Fräulein Leavenworth zu sehen?«

»Allerdings,« lautete die sanfte Antwort; und als mein Blick, der sich an das dort herrschende Halbdunkel allmählich gewöhnte, sie schärfer musterte, erkannte ich, daß es nicht Mary, sondern Eleonore war. Eleonore, an die ich im ersten Moment, da ich sie sah, mein Herz verloren hatte und deren Gatten ich entschlossen war, bis zu seiner Vernichtung zu verfolgen.

Die Ueberraschung war für mich zu groß, ich fühlte mich außer stande, sie zu verbergen. Ich trat langsam zurück und murmelte, ich hätte sie für ihre Cousine gehalten; dann wandte ich mich aber in dem Bewußtsein, daß ich in meiner jetzigen Stimmung jedes Zusammensein mit ihr vermeiden mußte.

Sie jedoch erhob nochmals ihre volle, wohltönende Stimme und sprach: »Sie wollen mich doch nicht ohne ein Wort verlassen, Herr Raymond, nachdem uns der Zufall einander finden ließ?« Dann trat sie auf mich zu und fragte: »Waren Sie wirklich so überrascht, mich hier zu finden?«

»Ich weiß nicht – ich erwartete nicht –« stotterte ich; »ich hatte erfahren, daß Sie krank seien und gar nicht ausgehen; daß Sie nicht wünschten, Ihre Freunde bei sich zu sehen.«

»Gewiß bin ich krank gewesen,« antwortete sie; »aber jetzt fühle ich mich wieder wohler und bin hergekommen, um den Abend in Frau Veeleys Gesellschaft zuzubringen, weil ich es innerhalb meiner vier Wände nicht auszuhalten vermochte.« Sie äußerte dies, ohne daß es wie eine Klage klang, als ob sie damit nur ihr Hiersein entschuldigen wollte.

»Sie sollten Ihren Wohnsitz lieber überhaupt hier nehmen, jenes traurige, einsame Kosthaus ist kein Platz für Sie, Fräulein Leavenworth, und es bekümmert uns alle, daß Sie sich zu einer solchen Zeit selbst verbannen.«

»Ich möchte nicht, daß sich jemand meinetwegen Kummer macht,« versetzte sie, »für mich ist mein gegenwärtiger Aufenthalt der beste; es ist keine Verbannung, auch bin ich nicht allein, ein kleines Mädchen leistet mir Gesellschaft, ein Kind, dessen unschuldige Augen auch in den meinigen nur Unschuld sehen; es rettet mich vor allzu großer Verzweiflung. Nur eines betrübt mich sehr,« fügte sie leiser hinzu, »daß ich nicht weiß, was zu Hause vorgeht; wollen Sie mir nicht etwas von Mary erzählen, und wie es in unserer alten Wohnung aussieht? Frau Veeley kann ich danach nicht fragen; sie ist zwar sehr freundlich gegen mich, weiß aber nichts von meinem Verhältnis zu Mary und von unserer beiderseitigen Entfremdung; sie hält mich für eigensinnig und macht mir Vorwürfe, daß ich meine Cousine allein lasse in ihren Nöten. Aber Sie wissen, daß ich nicht anders konnte, Sie wissen –« Ihre Stimme erstarb in einem unhörbaren Flüstern, und sie beendete den angefangenen Satz nicht.

»Viel kann ich Ihnen nicht berichten,« beeilte ich mich zu antworten, »was ich aber weiß, will ich Ihnen gern mitteilen. Haben Sie mir vielleicht eine besondere Frage vorzulegen?«

»Ich wünschte zu wissen, wie es Mary geht, ob sie sich wohlbefindet und ob sie gefaßt ist.«

»Ihre Cousine ist nicht krank,« entgegnete ich, »aber gefaßt darf ich sie schwerlich nennen, sie schwebt vielmehr in einer beständigen, großen Angst. Es ist nicht allein der Verlust des Oheims, der sie erschüttert hat, sondern es quält sie auch die Besorgnis um Sie.«

»Sie sehen Sie also öfters?«

»Ich unterstütze Herrn Harwell darin, das Buch Ihres Onkels für den Druck fertig zu stellen, und bin deshalb gezwungen, einen großen Teil meiner Zeit dort zuzubringen.«

»Das Buch meines Onkels?« fragte sie, als käme ihr das Gehörte unglaublich vor.

»Jawohl, man hielt es für das beste, das Werk sobald als möglich der Oeffentlichkeit zu übergeben und –«

»Und Mary ist es, welche Ihnen diese Arbeit übertragen hat?«

»Sie selbst.«

»Wie konnte sie das nur thun, gerade sie?« kam es im Ton der Empörung von ihren Lippen.

»Sie glaubt damit dem Wunsche des Verstorbenen nachzukommen. Wie Sie wissen, hegte er die Absicht, es im nächsten Juli herauszugeben und so –«

»Sprechen wir nicht weiter davon!« unterbrach sie mich; »ich mag nichts mehr davon hören. Doch etwas möchte ich gern noch von Ihnen erfahren: Geht alles im Hause nach wie vor in dem alten Geleise? Sind die Dienstboten noch dieselben und ist auch sonst nichts Wichtiges vorgefallen?«

»Ich wüßte von keiner wesentlichen Veränderung zu erzählen.«

»Spricht Mary nicht davon, das Haus zu verlassen?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Empfängt sie keine Besuche, um sich die Einsamkeit weniger fühlbar zu machen?«

»Ja, einige wenige.«

»Würden Sie wohl die Güte haben, mir die Namen zu nennen?«

»Gewiß.« antwortete ich, das Gesicht von ihr wendend; »Frau Veeley natürlich, Frau Gilbert, Frau Martin und einen – einen –«

»Fahren Sie fort!« flüsterte sie.

»Einen Herrn, Namens Clavering.«

»Sie sprechen den Namen mit offenbarer Verlegenheit aus,« forschte sie, aufmerksam geworden; »darf ich fragen warum?«

Ueberrascht erhob ich meine Augen zu ihrem Antlitz. Es war sehr bleich und sah aus wie Marmor im Feuerschein; doch trug es den mir so wohlbekannten Ausdruck erzwungener Ruhe.

Ich mußte den Blick wieder zu Boden schlagen. »Warum?« entgegnete ich, »weil gewisse Umstände ihn umgeben, die mir im hohen Grade auffallend sind.«

»Wieso?«

»Zunächst erscheint er unter zwei Namen; heute nennt er sich Clavering, und vor kurzer Zeit nannte er sich –«

»Wie denn?«

»Robbins.«

Ihr Gewand raschelte hörbar über den Boden und als sie sprach, war ihre Stimme so ausdruckslos wie diejenige eines Automaten. »Wie oft hat sich die Person, deren Namen zweifelhaft ist, bei Mary blicken lassen?«

»Einmal.«

»Wann war dies?«

»Am vergangenen Abend.«

»Blieb er lange?«

»Etwa 20 Minuten.«

»Und glauben Sie, daß er wiederkommen wird?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil er das Land verlassen hat.«

Ein kurzes Schweigen folgte auf diese Worte; ich fühlte, wie ihre Augen mich scharf anblickten, hätte aber die meinigen nicht zu ihr erheben können, selbst wenn sie ein geladenes Pistol in ihrer Hand gehalten und auf mich gerichtet hätte.

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