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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Einundzwanzigstes Kapitel.
Ein Vorurteil.

Einen Moment saß ich da, wie von einem Geisterhauch durchschauert; dann aber machte sich mein Unglaube bemerkbar. Ich blickte ihn an und sagte: »Und dies alles, was Sie mir da erzählten, hat in der Nacht vor dem wirklichen Morde stattgefunden?«

Er nickte mit dem Kopf. »Als ein Warnungszeichen«, murmelte er.

»Sie scheinen es aber nicht als ein solches genommen zu haben?«

»Nein; ich werde häufig von entsetzlichen Träumen gequält und faßte deshalb meine Vision nicht eher als eine Vorbedeutung auf, als bis ich am nächsten Tage Herrn Leavenworths Leiche sah.«

»Dann wundere ich mich auch nicht darüber, daß Sie sich bei der Coroners-Untersuchung so seltsam benahmen.«

»O, mein Herr!« versetzte er mit trübem Lächeln, »niemand weiß, wieviel ich in dem Bemühen litt, nicht mehr auszusagen, als ich in der That wußte, ohne jede Rücksicht auf meinen Traum.«

»Sie glauben also,« bemerkte ich, »daß Ihr Traum die Art und Weise des Mordes, wie er in Wirklichkeit begangen wurde, vorhermalte?«

»Das ist meine Ueberzeugung.«

»Dann ist es sehr zu bedauern, daß Sie nicht noch weiter träumten und es so mit ansahen, wie der Mörder aus einem so wohlverschlossenen Hause entweichen konnte.«

Ueber sein Gesicht flog ein heißes Erröten. »Das wäre freilich sehr gelegen gewesen,« spottete er; »vielleicht hätte ich dann auch erfahren, was aus Hannah geworden ist, und warum ein fremder, vornehmer Herr sich eines solchen Verbrechens schuldig machen konnte.«

»Warum nennen Sie ihn einen Fremden?« fragte ich; »sind Sie mit allen, welche jenes Haus besuchen, so bekannt, um unterscheiden zu können, wer der Familie fremd ist und wer nicht?«

»Ich kenne die Gesichter der Freunde des Hauses sehr wohl, Herr Raymond, und Henry Clavering befindet sich nicht unter denselben; aber –«

»Haben Sie jemals Herrn Leavenworth begleitet,« unterbrach ich ihn, »wenn er außerhalb des Hauses war? Auf dem Lande etwa, oder auf Reisen?«

»Nein,« erwiderte der Sekretär.

»Soviel ich weiß, pflegte er öfters zu verreisen.«

»Gewiß.«

»Können Sie mir sagen, wo er vergangenen Juli mit den jungen Damen war?«

»Jawohl; sie gingen nach R., dem berühmten Badeort, und blieben dort einige Zeit. Ah!« rief er, als er sah, wie der Ausdruck meines Gesichtes sich änderte, »Sie glauben doch nicht gar, daß er dort mit ihnen zusammengetroffen ist?«

Eine Sekunde lang blickte ich ihn scharf an, dann stellte ich mich vor ihn hin und sagte: »Sie verhehlen mir etwas, Herr Harwell! Sie wissen mehr von jenem Mann, als Sie bisher eingestehen wollten. Heraus mit der Sprache!«

Meine Behauptung schien ihn zu überraschen; doch entgegnete er nur: »Ich weiß nicht mehr von jenem Mann, als ich Ihnen bereits mitgeteilt habe; aber –« zögerte er, »wenn Sie entschlossen sind, die Sache energisch zu verfolgen –«

Er hielt inne und warf mir einen forschenden Blick zu.

»Ich habe die feste Absicht, alles über Henry Clavering zu erfahren, was ich kann.«

»Dann,« antwortete er mit einem raschen Aufleuchten des Auges, »will ich Ihnen noch eine Mitteilung machen. Wenige Tage vor dem Morde schrieb Henry Clavering an Herrn Leavenworth einen Brief, der, wie ich Grund habe anzunehmen, eine auffallende Wirkung auf die Mitglieder der Familie hervorbrachte.« Nach diesen Worten kreuzte der Sekretär die Arme und stand ruhig da, die nächste Frage erwartend.

»Woher wissen Sie das?« forschte ich.

»Aus Versehen öffnete ich den Brief. Es gehörte zu meinen Berufspflichten, Herrn Leavenworths Geschäftsbriefe zu lesen, und da das fragliche Schreiben von jemandem kam, der unsere Gepflogenheit nicht kannte, so hatte er es unterlassen, auf dem Couvert zu vermerken, daß sein Billet privaten Charakters war.«

»Und Sie lasen den Namen Clavering?«

»So ist es, – Henry Ritchie Clavering.«

»Haben Sie auch den Brief selbst gelesen?«

Der Sekretär antwortete nicht.

»Herr Harwell,« beharrte ich, »es ist jetzt keine Zeit, falsches Zartgefühl zu zeigen; haben Sie den Brief gelesen?«

»Ich that es, aber eilig und mit schlechtem Gewissen.«

»Sie können jedoch den allgemeinen Inhalt desselben angeben?«

»Es war eine Klage über die Behandlung, welche eine der Nichten des Herrn Leavenworth dem Absender hatte zu teil werden lassen. Das ist alles, dessen ich mich entsinne.«

»Welcher Nichte?«

»Es war kein Name genannt.«

»Aber Sie vermuteten –«

»Nichts, mein Herr, – ich habe gar nichts vermutet.«

»Und doch behaupten Sie, jenes Schreiben habe eine auffallende Wirkung auf die Mitglieder der Familie ausgeübt.«

»Das ist mir jetzt erst zum Bewußtsein gekommen; keine der beiden jungen Damen hat seitdem mit der anderen in der früheren Art und Weise verkehrt.«

»Als Sie wegen eines Briefes vernommen wurden, den Herr Leavenworth empfangen haben konnte, und der möglicherweise mit dem Trauerspiel zusammenhing, da leugneten Sie, etwas davon zu wissen; warum thaten Sie das?«

»Würden Sie es etwa über das Herz gebracht haben, selbst wenn Sie zwischen dem Brief und dem Mord einen möglichen Zusammenhang annahmen, ein Schreiben zu erwähnen, das eine der Nichten verdächtigte? Würden Sie geglaubt haben, daß es Wichtigkeit genug besäße, um bei einer Coroners-Untersuchung in Betracht gezogen zu werden?«

Ich mußte verneinend den Kopf schütteln.

»Und welchen Grund hatte ich zu der Annahme, daß jener Brief von Wichtigkeit war? Ich kannte keinen Henry Ritchie Clavering.«

»Und doch schienen Sie es zu glauben,« murmelte ich; »denn ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie bei der Coroners-Untersuchung zauderten, bevor Sie die Frage beantworteten.«

»Das ist wahr; aber ich würde jetzt nicht zaudern, wenn man mir die Frage noch einmal vorlegte.«

Nach diesen Worten trat ein kurzes Schweigen ein, während dessen ich im Zimmer einigemale auf und ab schritt. »Das sind alles leere Phantasiegebilde,« begann ich endlich wieder, indem ich vor ihm stehen blieb.

Er neigte zustimmend das Haupt. »Das weiß ich,« versetzte er; »am hellen, lichten Tage bin auch ich ein praktischer Mann und sehe die Lächerlichkeit einer Anklage ein, die sich auf den Traum eines armen Sekretärs stützen würde, gerade so gut wie Sie. Das ist auch der Grund, warum ich überhaupt nicht davon sprechen mochte. Träume sind keine Beweise, mit denen man jemandem vor Gericht entgegentreten kann: aber Herr Raymond,« fügte er hinzu, und seine lange, hagere Hand faßte meinen Arm mit einem nervösen Druck, der mir fast das Gefühl eines elektrischen Schlages verursachte, »wenn der Mörder jemals seine That gestehen sollte, so wird er – merken Sie es wohl – der Mann meines Traumes sein.«

»Sie sprechen mit seltsamer Ueberzeugung,« erwiderte ich, »aber aller Wahrscheinlichkeit nach sind Sie in einer Täuschung befangen. So viel ich weiß, ist Clavering ein ehrenwerter Mann.«

»Ich denke gar nicht daran, ihn anzuklagen; ich bin kein Narr, Herr Raymond, und habe zu Ihnen nur deshalb so offen gesprochen, um Ihnen zu erklären, warum ich mich in der verflossenen Nacht so auffällig benahm; zugleich verlasse ich mich darauf, daß Sie diese meine Mitteilungen als vertrauliche behandeln werden; auch hoffe ich, daß Sie meine Stellung zu der ganzen Angelegenheit begreifen, sowie daß ich unter den obwaltenden Umständen nicht anders handeln konnte.« Dabei streckte er mir die Hand entgegen.

»Gewiß,« antwortete ich, dieselbe schüttelnd. »Ich werde heute abend nicht zu Hause sein, auch weiß ich nicht, wann ich hierher zurückkehre; persönliche Geschäfte halten mich auf einige Zeit von den Damen Leavenworth fern, und ich hoffe, daß Sie die Arbeit, welche wir unternommen haben, auch ohne meine Mithilfe fortführen werden, wenn Sie das Manuskript nicht lieber herbringen wollen.«

»Das kann ich thun.«

»Dann erwarte ich Sie morgen abend.«

»Abgemacht!« sagte er und war schon im Begriff aufzubrechen, als ein plötzlicher Gedanke ihn zu erfassen schien. »Da wir auf diesen Gedanken nicht mehr zurückkommen wollen, und ich eine erklärliche Neugier hinsichtlich des Mannes hege, dessen Gesicht und Gestalt mir so vertraut waren, bevor ich ihn persönlich kannte, würden Sie wohl die Güte haben, mir mitzuteilen, was Sie von ihm wissen? Sie halten ihn für einen ehrenwerten Mann, kennen Sie ihn denn?«

»Ich kenne seinen Namen und Wohnort.«

»Und wo befindet sich der letztere?«

»In London; er ist Engländer.«

»Ah!« murmelte er mit auffallender Betonung.

»Was macht Sie so betroffen?«

Er biß sich auf die Lippe, schaute zu Boden und heftete dann seine Augen fest auf die meinigen, indem er nachdrücklich sagte: »Ich war in der That überrascht.«

»Ueberrascht?«

»Ja; Sie sagen, er sei ein Engländer. Herr Leavenworth hegte den glühendsten Haß gegen diese Nation; es war dies eine seiner hervorstechenden Eigentümlichkeiten; wenn es irgendwie möglich war, so empfing er nie einen Briten.«

Jetzt war es an mir, Ueberraschung zu zeigen.

»Sie wissen,« fuhr der Sekretär fort, »daß Herr Leavenworth seine Vorurteile häufig auf die Spitze trieb. Er verfolgte die Engländer mit einem Haß, der an Manie grenzte, und pflegte zu sagen, daß er seine Tochter, wenn er eine solche besäße, lieber tot als an einen Engländer verheiratet sähe.«

Ich kehrte mich schnell zur Seite, um die Wirkung zu verbergen, welche diese Worte auf mich ausübten.

»Sie glauben, ich übertreibe,« fuhr der Sekretär fort, »fragen Sie nur Herrn Veeley.«

»Ich habe keinen Grund, an Ihren Worten zu zweifeln.«

»Er hatte unbedingt triftige Gründe, das britische Volk so zu hassen, doch sind uns dieselben unbekannt,« bemerkte der Sekretär. »Als junger Mann lebte er längere Zeit in Liverpool und hatte dort natürlich Gelegenheit genug, die Sitten und Gewohnheiten jener Nation kennen zu lernen.« Jetzt wandte sich der Sekretär abermals der Thüre zu.

Nun aber hielt ich ihn zurück. »Entschuldigen Sie,« bat ich; »aber Sie haben so lange mit Herrn Leavenworth in engen Beziehungen gestanden, – nehmen wir einmal an, daß eine seiner Nichten den Wunsch gehegt hätte, einen Herrn jener Nationalität zu heiraten; glauben Sie wohl, daß sein Vorurteil stark genug gewesen wäre, um eine solche Partie ganz und gar zu verbieten?«

»Davon bin ich überzeugt.«

Ich hielt den Mann nicht länger auf. Ich hatte erfahren, was ich wünschte, und sah keinen weiteren Grund, die Unterredung zu verlängern.

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