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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Achtzehntes Kapitel.
Auf der Treppe.

Erstaunt, bestürzt, aufgeregt über diesen unerwarteten Vorfall, blieb ich einen Augenblick stehen, um mich zu sammeln, als der eintönige Klang einer Stimme aus der Richtung des Bibliothekzimmers mein Ohr traf. Ich schritt auf dasselbe zu und hörte, daß Harwell sich eine Stelle aus dem Manuskript seines verstorbenen Prinzipals laut vorlas. Ich öffnete die Thür und trat ein.

»Sie kommen sehr spät,« murmelte er, stand auf und schob mir einen Stuhl zu.

»Ja,« antwortete ich, wobei jedoch meine Gedanken eine Treppe tiefer weilten.

»Ich fürchte, Sie sind nicht wohl,« bemerkte er.

Ich raffte mich zusammen. »Ich bin nicht krank,« entgegnete ich, nahm das Schriftstück und begann darin zu lesen. Aber die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, und ich fühlte, daß es mir an diesem Abend unmöglich sein würde, meine Arbeit fortzusetzen. »Ich fürchte, Ihnen heute abend nicht viel helfen zu können, Herr Harwell; es wird mir wirklich schwer, meine volle Aufmerksamkeit dieser Thätigkeit zuzuwenden, so lange derjenige, dessen feiger Mord sie nötig gemacht hat, unbestraft bleibt.«

Der Sekretär schob nun auch, wie von einem plötzlichen Widerwillen erfaßt, seine Papiere beiseite, gab mir aber keine Antwort.

»Als Sie zum erstenmal mit mir über dieses schreckliche Trauerspiel sprachen, sagten Sie, dasselbe sei ein Geheimnis; es muß aber unter allen Umständen enthüllt werden, Herr Harwell; denn es quält und martert Personen, die wir lieben und achten.«

Der Sekretär warf mir einen fragenden Blick zu. »Fräulein Eleonore,« flüsterte er.

»Und Fräulein Mary,« fuhr ich fort, »mich, Sie und noch andere –«

»Sie haben in der That von Anfang an großes Interesse für die Sache gezeigt,« unterbrach er mich, seine Feder in das Tintenfaß ausspritzend.

Ich blickte ihn erstaunt an. »Und Sie?« entgegnete ich, »interessieren Sie sich denn gar nicht für eine Angelegenheit, welche nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Ehre und das Glück einer Familie betrifft, der Sie so lange angehört haben?«

Er schaute mich mit noch größerer Kälte an. »Ich habe Sie ersucht, Herr Raymond,« entgegnete er, »über diesen Gegenstand nicht mehr mit mir zu sprechen; ich rede nicht gern darüber.« Nach diesen Worten stand er auf.

»Ob Sie gern davon reden oder nicht, darauf kommt es hier gar nicht an,« versetzte ich ärgerlich; »wenn Ihnen irgend welche mit jenem rätselhaften Ereignis verknüpfte Thatsachen, die Sie bisher verschwiegen haben, bekannt sind, so ist es Ihre Pflicht, damit nicht länger zurückzuhalten. Die Lage, in der Fräulein Eleonore sich gegenwärtig befindet, muß in jeder treuen Brust –«

»Wenn ich etwas wüßte, was sie von einem so schweren Verdacht befreien könnte,« warf der Sekretär ein, »so würde ich es längst geäußert haben.«

Ich biß mir in die Lippe und erhob mich gleichfalls.

»Wenn Sie mir nichts mehr zu sagen haben,« fuhr er fort, »und sich nicht zur Arbeit aufgelegt fühlen, so erlauben Sie mir wohl, daß ich mich entferne, ich habe mich mit einem Freunde –«

»Ich will Sie nicht zurückhalten,« entgegnete ich bitter.

Mit einer höflichen Verbeugung verließ er das Zimmer.

Ich hörte ihn die Treppe hinaufgehen, und es war mir angenehm, jetzt allein zu sein. Ich setzte mich nieder, um meinen Gedanken nachzuhängen, fühlte aber bald, daß die Einsamkeit in diesem Zimmer unerträglich sei. Unterdessen war Harwell wieder hinabgestiegen, und da ich nicht länger in dem verhängnisvollen Zimmer bleiben wollte, trat ich in die Halle hinaus und sagte ihm, daß ich ihn eine kurze Strecke begleiten wolle, wenn er nichts dagegen habe.

Er verneigte sich steif und ging mir voran die Treppe hinab. Während ich die Thür zum Bibliothekzimmer schloß, war er die Hälfte der Stufen bereits hinuntergestiegen, als er plötzlich stehen blieb, das Geländer krampfhaft umklammerte und sich an dasselbe lehnte. In seinem mir halb zugekehrten Gesicht lag ein so tödlicher Schrecken, daß ich zuerst vor Erstaunen wie gebannt dastand; dann eilte ich zu ihm hinab, ergriff ihn beim Arme und rief: »Was fehlt Ihnen, was ist geschehen?«

Er jedoch streckte seine Hand aus und drängte mich wieder nach oben. »Gehen Sie zurück!« flüsterte er, und seine Stimme zitterte in höchster Erregung.

Er faßte mich beim Arme und zog mich buchstäblich die Treppe hinauf. Erst als wir oben angelangt waren, ließ er mich wieder los, lehnte sich, bebend vom Scheitel bis zur Sohle, über das Geländer und blickte hinunter.

»Wer ist das?« rief er, »wie heißt jener Mann?«

Ueberrascht durch sein mir unerklärliches Benehmen schaute ich ebenfalls hinunter und sah Henry Clavering aus dem Empfangssalon treten. »Das ist ein Herr Clavering!« raunte ich dem Sekretär zu, »kennen Sie ihn vielleicht?«

Harwell sank an die gegenüberliegende Wand. »Clavering – Clavering,« murmelte er mit zitternden Lippen. Dann sprang er mit einem plötzlichen Satz auf mich zu, seine sonst stoische Ruhe war von ihm gewichen; er hielt sich am Geländer fest, seine Augen sprühten Flammen und mit heiserer Stimme stieß er die Worte heraus: »Sie wollen wissen, wer der Mörder von Herrn Leavenworth ist? Nun wohl, der dort unten, das ist der Mörder, – Clavering!« Nach diesen Worten stürzte er, wie ein Betrunkener schwankend, fort und verschwand in dem oberen Korridor.

Ich stürmte ihm nach, pochte an seine Zimmerthüre, erhielt aber keine Antwort; ich rief ihn beim Namen, doch auch das war umsonst; er schien entschlossen, sich nicht zu zeigen. Aber auch ich hatte mir vorgenommen, daß er mir nicht entgehen sollte. Ich kehrte daher in das Bibliothekzimmer zurück und schrieb ihm eine kurze Notiz, in welcher ich ihn aufforderte, mir eine Erklärung seiner furchtbaren Anklage zu geben, hinzufügend, daß ich ihn am nächsten Abend um sechs Uhr in meiner Wohnung erwarte.

Nachdem ich das gethan, verfügte ich mich hinab, um Mary wieder aufzusuchen; doch dieser Abend war für mich reich an Enttäuschungen. Die junge Dame hatte sich, während ich im Bibliothekzimmer war, in ihr Boudoir zurückgezogen. »Sie ist glatt wie ein Aal,« murmelte ich ärgerlich, »sie hüllt sich in den Schleier des Geheimnisses und erwartet doch von mir eine Achtung, welche man nur einer offenen und freimütigen Natur erzeigt.«

Ich war eben im Begriff, das Haus zu verlassen, als Thomas, der Hausmeister, auf mich zukam und mir ein Billet überreichte. »Fräulein Leavenworth läßt vielmals um Entschuldigung bitten; aber sie ist zu abgespannt, als daß sie heute noch jemand empfangen könnte.«

Ich trat beiseite, um das Billet zu lesen, und ich empfand etwas wie Gewissensbisse, als ich die in hastigen, zitternden Schriftzügen geschriebenen Worte las:

»Sie fragen mehr, als ich beantworten kann; die Dinge müssen ohne Erklärung von meiner Seite ihren Weg gehen. Es ist qualvoll für mich, Sie so abweisen zu müssen; doch mir bleibt keine andere Wahl. Gott vergebe uns allen und bewahre uns vor Verzweiflung. M.«

Darunter stand noch geschrieben:

»Da wir uns fernerhin nicht ohne gegenseitige Verlegenheit treffen können, so dürfte es wohl besser sein, wenn wir unsere Sorgen schweigend und jeder für sich allein tragen. Herr Harwell wird Sie morgen besuchen. Leben Sie wohl!« –

Als ich die 32. Straße kreuzte, hörte ich einen raschen Schritt hinter mir und, mich umwendend, erblickte ich Thomas. »Verzeihen Sie, Herr,« sprach er mich an, »daß ich Sie belästige; aber ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Als Sie mich neulich Abend fragten, wer der Herr gewesen sei, der am Tage des Mordes Fräulein Eleonore besucht habe, gab ich Ihnen nicht die Antwort, die ich Ihnen hätte erteilen sollen. Die Detektivs hatten dasselbe aus mir herausbringen wollen, und deshalb war ich scheu geworden. Aber Sie, mein Herr, sind ein Freund der Familie, und darum will ich Ihnen sagen, daß der nämliche Herr, wer er auch sein mag, – Le Roy Robbins nannte er sich damals – heute abend wieder im Hause war, sich diesesmal jedoch als Herr Clavering bei Fräulein Leavenworth melden ließ. Jawohl,« fuhr er fort, als er meine Ueberraschung bemerkte, »und wie ich schon zu Molly sagte, benimmt er sich für einen Fremden seltsam genug. Als er an jenem Abend kam, zögerte er lange, bevor er nach Fräulein Eleonore fragte, und als ich ihn um seinen Namen bat, zog er eine Karte hervor und schrieb den andern darauf, außerdem –«

»Nun –«

»Herr Raymond,« fuhr der Hausmeister mit leiser, erregter Stimme fort, »ich habe noch außerdem etwas für mich behalten, was außer Molly und mir keine lebende Seele weiß; vielleicht kann es für die von Nutzen sein, denen daran liegt, den Mörder zu entdecken.«

»Eine Thatsache oder einen bloßen Verdacht?« fragte ich.

»Eine Thatsache, Herr; und ich bitte Sie nochmals um Verzeihung, daß ich Sie damit aufhalte. Aber Molly läßt mir keine Ruhe, bis ich mit Ihnen oder Herrn Gryce darüber gesprochen habe; sie bangt sich Hannahs wegen so sehr, von der wir alle wissen, daß sie unschuldig ist; obwohl die Leute das arme Mädchen zu bezichtigen wagen, weil sie gerade zu der Zeit, in der man sie braucht, nicht aufzufinden ist.«

»Aber die Thatsache!« drängte ich.

»Die Thatsache ist folgende: Sehen Sie, ich würde es Herrn Gryce mitteilen, doch ich fürchte mich vor diesen Detektivs, sie kriegen einen so unerwarteterweise zu packen und glauben dann immer, daß man mehr wisse, als man wirklich weiß.«

»Aber die Thatsache!« unterbrach ich ihn abermals.

»Nun ja, Herr; die Thatsache war, daß ich an jenem Abend, demjenigen des Mordes, wie Sie wissen, Herrn Clavering, Robbins, oder wie er sonst heißen mag, wohl in das Haus eintreten sah; aber kein Mensch hat ihn wieder hinausgehen sehen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Die reine Wahrheit. Als ich von Fräulein Eleonore zurückkam und Herrn Robbins, wie er sich damals nannte, meldete, daß meine Herrin sich nicht wohl fühle und ihn nicht sehen könne, verließ jener Herr nicht etwa das Haus, wie es in der Ordnung gewesen wäre, sondern ging in den Empfangssalon und ließ sich dort nieder. Er mag krank gewesen sein; blaß genug sah er wenigstens aus und bat mich um ein Glas Wasser. Ich ging nach der Küche, um es ihm zu holen; doch bevor ich es eingegossen hatte, hörte ich die Vorderthür gehen. ›Was ist das?‹ fragte Molly. ›Ich weiß es nicht; vielleicht ist der Herr des Wartens überdrüssig geworden und fortgegangen.‹ ›Dann braucht er ja auch kein Wasser,‹ meinte sie. Ich setzte also die Karaffe hin und stieg hinauf; aber er war fort, wenigstens glaubte ich es. Doch wer vermag es mit Bestimmtheit zu behaupten? Konnte er nicht ebenso gut in der Dunkelheit irgendwo sich verborgen halten?«

Ich erwiderte ihm darauf nichts; aber meine Ueberraschung war so groß, daß ich mich bemühen mußte, sie nicht zu verraten.

»Sehen Sie, ich würde niemals über jemanden sprechen, welcher einer der jungen Damen einen Besuch macht; aber wir wissen alle, daß sich ein Mensch in unserem Hause befand, der in jener Nacht unsern Herrn ermordete; und da es Hannah nicht gewesen ist –«

»Fräulein Eleonore weigerte sich also, jenen Mann zu empfangen?«

»Wie ich Ihnen sagte, Herr. Als sie einen Blick auf die Karte geworfen, war sie erst unschlüssig; im nächsten Moment gab sie mir errötend jenen Bescheid. Ich würde überhaupt nicht wieder daran gedacht haben, wäre der Mann heute abend nicht wiedergekommen, und zwar unter anderem Namen. Ich will ihm auch jetzt noch nichts Böses nachsagen; aber Molly bestimmte mich, es Ihnen mitzuteilen. Das ist alles, Herr.«

Als ich an jenem Abend nach Hause kam, nahm ich mein Notizbuch und trug darin ein anderes Verzeichnis verdächtiger Umstände ein; diesesmal jedoch mit dem Buchstaben ›C‹ statt des früheren ›E‹ an der Spitze.

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