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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Sechzehntes Kapitel.
Das Vermächtnis eines Millionärs.

Die » Tribune« brachte am nächsten Morgen einen Auszug aus Herrn Leavenworths Testament. Die Bestimmungen desselben überraschten mich nicht mehr. Während der größte Teil des ungeheuren Nachlasses seiner Nichte Mary zufiel, ging aus einem, dem letzten Willen beigefügten Kodizill hervor, daß Eleonore nicht ganz vergessen, sondern mit einem recht stattlichen Legat bedacht war.

Nachdem ich den verschiedenen Ansichten meiner Kompagnons über diesen Gegenstand zugehört, begab ich mich nach Gryces Wohnung, da mich derselbe ersucht hatte, sobald als möglich nach der Testamentseröffnung zu ihm zu kommen.

»Guten Morgen!« begrüßte er mich nach meinem Eintritte, »wollen Sie nicht Platz nehmen?«

Ich rückte einen Stuhl an seine Seite und setzte mich. »Ich bin neugierig zu erfahren,« bemerkte ich, »wie Sie über dieses Vermächtnis und seinen vermutlichen Einfluß auf unsere Angelegenheit denken.«

»Was ist Ihre Meinung darüber?«

»Im ganzen glaube ich, daß die Bekanntmachung des Testamentes keinen sonderlichen Wechsel in der öffentlichen Meinung hervorbringen wird. Diejenigen, welche Eleonore bisher für schuldig gehalten haben, werden zu der Ueberzeugung gelangt sein, daß sie jetzt noch mehr Grund besitzen, an ihrer Unschuld zu zweifeln; während andere, die noch immer zögerten, sie zu verdächtigen, das verhältnismäßig geringe ihr ausgesetzte Legat für kein genügendes Motiv zu einem so großen Verbrechen betrachten werden.«

»Sie haben das Gerede der Leute gehört; wie läßt man sich im allgemeinen über die Sache aus?«

»Man sucht die Veranlassung zu der Parteilichkeit des seltsamen Testamentes, obgleich man sich gestehen muß, daß der Mord dadurch nicht hinlänglich begründet ist.«

Gryce beschäftigte sich angelegentlich mit einem der kleinen Schubfächer seines Schreibtisches. »Und das alles hat Sie nicht zum ernstlichen Nachdenken bestimmt?« fragte er.

»Zum Nachdenken?« erwiderte ich; »ich weiß nicht, wie Sie das meinen; im Grunde genommen, thue ich seit drei Tagen weiter nichts als Nachdenken.«

»Regen Sie sich nicht auf!« rief er, »es lag keineswegs in meiner Absicht Sie zu kränken. Haben Sie Herrn Clavering gesehen?«

»Gesehen, – weiter nichts.«

»Und werden Sie Harwell beistehen, das Buch des Verblichenen zu vollenden?«

»Woher wissen Sie das?«

Er lächelte nur.

»Ja,« entgegnete ich, »Fräulein Leavenworth hat mich gebeten, ihr diese kleine Gefälligkeit zu erweisen.«

»Sie ist ein herrliches Geschöpf!« versetzte er mit einem Anflug von Begeisterung; dann aber verfiel er sogleich wieder in den gewöhnlichen Geschäftston. »Sie haben jetzt die beste Gelegenheit, das Geheimnis aufzuklären, Herr Raymond. Zwei Dinge sind es hauptsächlich, die ich von Ihnen erfahren möchte: erstens, welches Verhältnis besteht zwischen den Damen und Henry Clavering –«

»Es besteht also wirklich ein Verhältnis zwischen ihnen?«

»Unzweifelhaft! Und zweitens, welches ist der Grund für die gegenseitige Entfremdung der beiden Cousinen?«

Ich lehnte mich zurück und überlegte, was er von mir forderte. Ich sollte ein Spion in dem Hause eines schönen Weibes sein; wie konnte ich das wohl mit meinen Begriffen von Ehre und Anstand vereinbaren! »Wäre es Ihnen nicht möglich, jemand anderes aufzufinden, der sich besser auf die Aufspürung dieser Geheimnisse versteht als ich?« fragte ich endlich; »die Rolle eines Spions ist mir sehr zuwider.«

Gryce zog die Augenbrauen zusammen.

»Ich werde Harwell in seinen Bemühungen, das Manuskript druckfertig zu machen, beistehen,« erklärte ich; »ferner will ich versuchen, mit Clavering bekannt zu werden, und zusehen, ob Fräulein Mary mich zu ihrem Vertrauten erwählt; – aber an den Thüren herumzuhorchen, auf Ueberraschungen zu sinnen und Manöver anzustellen, die eines Ehrenmannes unwürdig sind, das weise ich als nicht zu meinem Wirkungskreis gehörig entschieden zurück. Meine Arbeit mag darin bestehen, alles herauszubringen, was ich auf geradem Wege vermag; aber an Ihnen liegt es, in die Winkel und Verstecke dieser vermaledeiten Geschichte zu spähen.«

»Mit anderen Worten: ich soll für Sie die Kastanien aus dem Feuer holen!« spottete der Detektiv; »auch ich weiß, was sich für einen anständigen Mann schickt.«

»Und nun,« fragte ich, »was giebt es Neues in Bezug auf Hannah?«

»Nichts!« seufzte er und schüttelte verzweiflungsvoll das Haupt.

Ich kann nicht sagen, daß ich gerade sehr erstaunt war, nach einstündiger Arbeit mit Harwell, Fräulein Leavenworth zu begegnen, die am Fuße der Treppe auf mich wartete. Es hatte etwas in ihrem Benehmen am Abend vorher gelegen, das mich eine baldige abermalige Besprechung mit ihr vermuten ließ, obgleich mich die Art und Weise, wie sie dieselbe in Szene setzte, nicht wenig überraschte. »Herr Raymond,« sagte sie, verlegen vor sich niederblickend, »ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen. Ich halte Sie für einen guten Menschen und glaube, daß Sie mir mit der Aufrichtigkeit eines Bruders antworten werden,« fügte sie flüsternd hinzu und sah mir einen Moment voll ins Gesicht. »Ich weiß, daß es Ihnen sonderbar erscheinen wird; aber bedenken Sie, daß Sie mein einziger Ratgeber sind. Glauben Sie wohl, daß jemand etwas sehr Unrechtes thun könnte, was sich in seinen Folgen dennoch als durchaus gut erweist?«

»Gewiß,« antwortete ich, »wenn er seinen Fehler ernstlich bereut.«

»Aber nehmen wir an, es sei kein bloßer Fehler gewesen; würde nicht die Erinnerung an das begangene Unrecht, und sei es auch das einzige seines Lebens, einen Schatten auf sein ganzes Dasein werfen, dem er nicht zu entfliehen vermöchte?«

»Das kommt darauf an,« erwiderte ich, »welcher Art jenes Unrecht gewesen ist, und was es für Folgen für den Benachteiligten gehabt hat. Wenn jemand einem Mitmenschen einen nicht wieder gut zu machenden Schaden zugefügt hat, so dürfte er sich wohl schwerlich jemals wieder glücklich fühlen, obgleich er hinterher vielleicht ein tadelloses Leben führen mag.«

»Um jedoch tadellos leben zu können, müßte man da nicht der Welt sein Unrecht eingestehen? Wäre es recht gehandelt, wenn man es verheimlichen wollte?«

»Falls man durch ein Bekenntnis das Geschehene einigermaßen wieder gut machen könnte, wäre ein solches unbedingt geboten.«

Meine Antwort schien sie zu verwirren. Einen Moment stand sie in Gedanken versunken da, dann raffte sie sich auf und führte mich in das Besuchszimmer. In unserer nun folgenden Unterhaltung kam sie auf dieses Thema nicht wieder zurück, sondern bemühte sich augenscheinlich, mich ihre Worte vergessen zu lassen, was ihr indessen nicht gelang.

Als ich das Haus verließ, sah ich Thomas am Gitter stehen. Sogleich kam mir der Gedanke, ihn über eine Person, die mich seit der Coroners-Untersuchung beschäftigte, auszufragen, nämlich über jenen Le Roy Robbins, der Eleonore am Abend des Mordes einen Besuch gemacht hatte.

Thomas zeigte sich jedoch schweigsam und verschlossen; er erinnerte sich wohl jenes Mannes, behauptete aber, ihn nicht beschreiben zu können, und sagte nur, er sei von stattlichem Wuchs gewesen. So drang ich denn nicht weiter in ihn.

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