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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Vierzehntes Kapitel.
Gryce in seiner Wohnung.

Daß die schuldige Person, für welche Eleonore sich aufzuopfern bereit war, jemand sein müsse, für den sie früher eine warme Zuneigung empfunden hatte, konnte ich nicht länger bezweifeln. Nur das Gefühl der Liebe oder die mächtige Triebkraft der Pflicht, welche aus jener Leidenschaft erwächst, ob dieselbe nun erloschen oder noch lebendig war, schien mir ein hinreichender Beweggrund für solche Handlungsweise. So sehr ich mich dagegen sträubte, drängte sich mir immer ein Name auf, derjenige des Sekretärs, dessen eigentümliches und wechselndes Benehmen sowie seine offenbar erzwungene Selbstbeherrschung mir aufgefallen waren.

Nicht etwa, daß Eleonore mich irgendwie auf eine derartige Vermutung gebracht hätte oder sein eigenes Gebahren bei der Coroners-Untersuchung mir Anlaß zu einem begründeten Verdacht lieferte. Wenn aber die Liebe als ein Faktor in dieses Trauerspiel eintrat, dann durfte sich die Sache doch etwas anders gestalten. James Harwell als einfacher Schreiber eines früheren Theehändlers, kam wenig in Betracht; aber James Harwell, entflammt von Leidenschaft für ein so schönes Weib wie Eleonore, war ein ganz anderer Mann. Wenn ich ihn auf die Liste der Verdächtigen setzte, so war das bei genauer Erwägung aller Wahrscheinlichkeiten höchst natürlich.

Doch zwischen Verdacht und Beweis, welche Kluft gähnte da! James Harwell für schuldig zu halten und genug Beweismaterial zu einer Anklage gegen ihn zu finden, das waren zwei sehr verschiedene Dinge. Ich schrak unwillkürlich zurück vor diesem Unternehmen, bevor ich mich überhaupt fest entschlossen hatte, es durchzuführen; bei näherer Ueberlegung erschien mir mein Argwohn gegen ihn aus einem persönlichen Widerwillen entsprungen, wenn nicht gänzlich ungerecht. Hätte ich den Mann besser leiden mögen, so würde ich ihn vielleicht gar nicht in so zweifelhaftem Lichte betrachtet haben.

Doch Eleonore mußte unter allen Umständen gerettet werden. Wenn sich erst der Mehltau des allgemeinen Verdachtes auf sie herabsenkte, wer konnte die Folgen davon vorhersehen? Ihre Verhaftung mußte einen Schatten auf sie werfen, der vielleicht nie mehr von ihrem jungen Leben wich. Um dem zuvorzukommen, nahm ich mir vor, Gryce am nächsten Tage einen frühen Besuch abzustatten.

Bis spät nach Mitternacht verfolgte mich die Gestalt Eleonores, wie sie am Bette kniete, die Hand auf der Brust des Toten, während ihr emporgehobenes Antlitz die Klarheit des Himmels wiederstrahlte, den sie anrief, und Marys Bild, wie diese eine halbe Stunde später entrüstet von ihrer Cousine floh. Es war eine doppelte Vision von Licht und Dunkel, die ich in keinen Einklang zu bringen vermochte. So sehr ich mich auch bemühte, jene Erscheinungen zu verbannen, sie ließen nicht ab von mir und erfüllten meine Seele wechselweise mit Hoffnung und Mißtrauen, bis ich nicht wußte, ob ich meine Hand mit der Eleonores auf die Brust des Ermordeten legen, auf ihre Unschuld und Wahrheit schwörend, oder ob ich wie Mary mein Gesicht abwenden und vor dem fliehen sollte, was ich weder begreifen noch mit einander vereinbaren konnte.

Auf Schwierigkeiten gefaßt, begab ich mich am nächsten Morgen zu Gryce mit dem festen Entschluß, mich durch keine Enttäuschung, keinen Mißerfolg abschrecken zu lassen. Um zu meinem Ziele zu gelangen, mußte ich unter allen Umständen meinen Gleichmut und meine Selbstbeherrschung bewahren.

Was ich am meisten fürchtete, war, daß die Verwicklung zu einer Krisis kommen möchte, bevor ich das Recht oder die Gelegenheit fand, dazwischen zu treten; indessen tröstete mich einigermaßen der Umstand, daß Herrn Leavenworths Beisetzung auf heute angesagt war; ich glaubte, Gryces Charakter so weit zu kennen, um mit Sicherheit annehmen zu dürfen, daß er nicht eher zu strengen Maßregeln greifen würde, bis die Trauer-Zeremonie vorüber war.

Bald stand ich vor der Wohnung des Detektivs und zog die Klingel. Ein blasser, rothaariger Bursche öffnete mir und antwortete auf meine Frage, ob Herr Gryce anwesend sei, mit einem Knurren, das ebenso gut Ja als Nein bedeuten konnte.

»Mein Name ist Raymond, ich wünsche den Herrn zu sprechen.«

Er musterte mich mit einem Blick, als wolle er sich jede Einzelheit meiner äußeren Erscheinung merken, und wies nach einer Thür am Kopf der Treppe; ohne auf eine weitere Erklärung zu warten, eilte ich hinauf und klopfte. Als ich eintrat, erblickte ich den breiten Rücken von Gryce, der über einen altmodischen Schreibtisch gebeugt saß.

»Sie sind's,« rief er aus, sich umwendend, »was verschafft mir die Ehre?« Dabei stand er auf und schloß die Thür eines mächtigen Ofens, welcher die Mitte des Zimmers einnahm. »Ein naßkalter Tag, nicht wahr?«

»Ja,« erwiderte ich und beobachtete ihn mit prüfenden Blicken, ob er wohl bei mitteilsamer Laune sei. »Ich habe indessen wenig Zeit, mich über das Wetter mit Ihnen zu unterhalten. Der Mord –«

»Natürlich!« unterbrach er mich, die Augen auf den Schürhaken heftend, obwohl keineswegs in Mordgedanken. »Das ist eine heikle Sache, aber vielleicht nicht für Sie; ich sehe, Sie haben mir etwas zu erzählen.«

»Gewiß,« entgegnete ich, »obschon ich nicht glaube, daß es Ihrer Erwartung entspricht. Herr Gryce,« fuhr ich fort, indem ich ihm näher rückte, »seitdem ich Sie zum letztenmal gesehen, sind meine Ansichten über einen gewissen Punkt zur festen Ueberzeugung geworden. Der Gegenstand Ihres Verdachtes ist ein unschuldiges Weib.«

Ich hatte geglaubt, ihn durch diese Erklärung zu überraschen, mich darin jedoch gewaltig geirrt.

»Das ist ja eine recht angenehme Ueberzeugung,« antwortete er, »und ich spreche Ihnen meine Anerkennung dafür aus, Herr Raymond.«

Ich unterdrückte meinen aufsteigenden Aerger. »Diese meine Ueberzeugung ist so unerschütterlich,« sagte ich, entschlossen, ihn aus seiner Gleichgültigkeit aufzurütteln, »daß ich Sie aufgesucht habe, um Sie im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu bitten, jedes weitere Vorgehen nach dieser Richtung hin aufzuschieben, bis wir uns nach einer richtigeren Spur umgesehen haben.«

Er zeigte noch keinen Grad von Neugier mehr als vorher. »Wirklich!« rief er aus, »aus Ihrem Munde ist das in der That eine seltsame Bitte.«

Ich ließ mich indessen nicht abschrecken. »Herr Gryce,« fuhr ich fort, »Eleonore Leavenworth ist ein zu edles Wesen, als daß man sie in dieser so entscheidenden Krisis auf eine Weise bloßstellen darf, die ihren Ruf vernichtet; wenn Sie mir Ihre Aufmerksamkeit schenken wollen, so versichere ich Ihnen, es soll Sie nicht gereuen.«

Er lächelte und ließ seine Augen von dem Schürhaken auf die Lehne meines Stuhles schweifen. »Gut,« versetzte er, »reden Sie, ich bin bereit Sie anzuhören.«

Ich holte mein Taschenbuch mit den Notizen heraus und legte es auf den Tisch.

»Was? – Notizen?« rief er; »das ist eine unsichere Politik, vertrauen Sie Ihre Pläne niemals dem Papier an.«

Ich achtete nicht auf die Unterbrechung und entgegnete: »Mir hat sich eine Gelegenheit geboten, um Eleonores Wesen zu prüfen und zu erkennen, die Ihnen mangelt, Herr Gryce. Ich habe sie in einer Situation erblickt, die keine Schuldige einzunehmen wagt, und unerschütterlich fest steht meine Ueberzeugung, daß nicht nur ihre Hand, sondern auch ihr Herz rein ist von dem Verbrechen. Sie mag einige Kenntnis von den Umständen des Mordes haben, das will ich nicht leugnen; der in ihrem Besitz gefundene Schlüssel rechtfertigt eine solche Annahme. Aber soll ein so holdes Weib auf das schmählichste verdächtigt werden, weil sie mit Eröffnungen zurückhält, die zu verschweigen sie für ihre Pflicht erachtet? Wir können ja auch ohne ihre Mitteilungen durch Geduld und Klugheit unser Ziel erreichen.«

»Aber,« antwortete der Detektiv, »selbst wenn dem so wäre, vermögen wir doch keinerlei Aufklärung darüber zu erlangen, ohne die einzige Spur zu verfolgen, die uns gegeben ist.«

»Sie werden niemals erfahren, was Sie zu wissen wünschen, wenn Sie einer Spur folgen, die Eleonore Ihnen angiebt.«

Er zog die Augenbrauen zusammen, sagte aber nichts.

»Fräulein Eleonore steht unter dem Einfluß eines Menschen, der ihre Hochherzigkeit, ihre Festigkeit und vielleicht auch die Kraft ihrer Liebe kennt. Lassen Sie uns denjenigen aufsuchen, der hinreichende Macht besitzt, um sie bis zu einem solchen Grade zu beherrschen, und wir haben den Mann, welchen wir suchen.«

»Hm!« war der einzige Laut, der von Gryces zusammengepreßten Lippen kam.

Ich hielt jedoch meinen Entschluß fest, ihn zum Reden zu bringen, und wartete daher.

»Sie beargwöhnen also jemanden?« bemerkte er leichthin.

»Ich nenne keinen Namen,« antwortete ich; »alles, was ich verlange, ist Aufschub.«

»Sie beabsichtigen demnach, aus dem vorliegenden Falle eine persönliche Angelegenheit zu machen?«

»Allerdings.«

Der Detektiv pfiff leise vor sich hin. »Darf ich fragen,« sprach er endlich, »ob Sie ganz auf ihre eigene Hand vorgehen wollen, oder ob Sie den Beistand eines geschickten Gehilfen nicht verschmähen würden, wenn ich Ihnen einen solchen vorschlage?«

»Ich wünsche weiter nichts, als Sie zum Kollegen zu haben.«

Er lächelte spöttisch. »Sie fühlen sich wohl ziemlich sicher?« fragte er.

»Was Fräulein Leavenworth betrifft, gewiß!«

Die Antwort schien ihm zu gefallen. »Lassen Sie mich hören, was Sie zunächst zu thun gesonnen sind.«

Ich schwieg; denn einen festen Plan hatte ich noch nicht gefaßt.

»Es scheint mir,« fuhr er fort, »daß Sie als Dilettant in solchen Dingen eine zu schwere Aufgabe übernommen haben; es wäre besser, Herr Raymond, wenn Sie mir dieselbe überließen.«

»Aber,« schaltete ich ein, »ich möchte gern –«

»Indessen,« unterbrach er mich, »würde mir hier und da ein Wink von Ihnen willkommen sein. Ich bin durchaus kein Egoist, höre auch gern auf die Meinungen anderer. Wenn Sie jetzt z. B. die Güte hätten, mir alles mitzuteilen, was Sie Neues in der Sache gesehen oder vernommen haben, so wäre mir das sehr angenehm.«

Erfreut, ihn so zugänglich zu finden, fragte ich mich, was ich eigentlich zu erzählen hätte, und ich mußte mir gestehen, daß es im Grunde nichts Wesentliches war; ich durfte indes nicht zögern. »Ich habe Ihnen nur wenig Tatsächliches zu berichten,« begann ich. »Es handelt sich überhaupt mehr um Ansichten als um Thatsachen. Daß Eleonore jenes Verbrechen nicht nur nicht begangen hat, sondern auch bis nach dessen Ausführung ganz und gar keine Kenntnis davon besaß, dessen bin ich sicher. Zugleich bin ich jedoch davon überzeugt, daß sie den wirklichen Thäter zum mindesten ahnt, und daß sie es aus irgend einem Grunde als ihre heilige Pflicht erachtet, selbst auf die Gefahr ihrer eigenen Sicherheit hin den Mörder zu schützen. Wenn wir uns auf diese Annahme stützen, so dürfte es Ihnen und mir nicht gar so schwer fallen, die gesuchte Person aufzuspüren; hätte man nur etwas mehr Kenntnis von den Familienverhältnissen –«

»Also von der Geheimgeschichte der Leavenworth ist Ihnen nichts bekannt?«

»Nichts.«

»Sie wissen selbst nicht einmal, ob die Mädchen verlobt sind oder Liebhaber besitzen?«

»Keine Silbe,« antwortete ich, betroffen darüber, daß er meine eigenen innersten Gedanken ausgesprochen hatte.

Er schwieg einen Augenblick. »Herr Raymond,« begann er endlich wieder, »haben Sie einen Begriff davon, mit welchen Schwierigkeiten ein Detektiv zu kämpfen hat? Sie stellen sich vielleicht vor, daß ich mich in alle möglichen Gesellschaftsklassen einzuführen vermag; aber Sie irren sich. Es wird mir z. B. sehr schwer, einen Herrn aus der vornehmen Welt zu spielen; ich werde sehr bald erkannt.«

Trotz der mich quälenden Besorgnisse konnte ich nicht umhin, zu lächeln.

»Sie dagegen sind ein geborener Weltmann; Sie können sogar eine Dame zum Tanz auffordern, ohne zu erröten, nicht wahr?« scherzte er.

»Je nun,« antwortete ich, »ich hoffe –«

»Ich kann es nicht,« unterbrach er mich. »Ich geniere mich allerdings nicht, ein Haus zu betreten und der Herrin desselben, mag sie auch eine noch so elegante Dame sein, meine Aufwartung zu machen, sobald ich einen Verhaftsbefehl in der Tasche oder ein anderes amtliches Geschäft mit ihr habe; wenn es aber gilt, in Glacéhandschuhen zu erscheinen, oder mit einem Glas Champagner in der Hand auf einen Toast zu antworten, – da bin ich nicht einen Pfifferling wert.« Er fuhr sich dabei mit beiden Händen durch das Haar und fixierte den Knopf meines Spazierstockes. »Das ist indessen mit unserer ganzen Sippschaft der Fall,« fügte er hinzu; »wenn wir eines feinen Herrn bedürfen, so finden wir ihn nicht in unserer Mitte, sondern müssen außerhalb unserer Berufsgenossen nach ihm suchen.«

Ich fing an zu ahnen, worauf er hinaus wollte, sagte indessen nichts.

»Kennen Sie einen Herrn, Namens Clavering,« fragte er plötzlich, »der gegenwärtig im ›Hoffmann-Haus‹ wohnt?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Er ist ein fein gebildeter Herr; wäre es Ihnen vielleicht angenehm, seine Bekanntschaft zu machen?«

Ich folgte Gryces Beispiel und faßte den Kaminsims ins Auge. »Ich kann Ihnen nicht antworten, bis Sie sich etwas näher erklären,« entgegnete ich schließlich.

»Da ist nicht viel zu erklären,« erwiderte er; »Henry Clavering wohnt, wie gesagt, im ›Hoffmann-Haus‹. Er ist ein Fremder in der Stadt, ohne fremd in derselben zu sein; er amüsiert sich, geht und fährt spazieren, macht aber keine Besuche; er bewundert die Damen, ohne sich ihnen jedoch zu nähern, – kurzum er ist ein Mann, mit dem es sich wohl verlohnt, bekannt zu werden. Da er jedoch stolz ist und die Vorurteile der Alten Welt gegen den Freimut und das dreiste Wesen der Yankees hegt, so vermöchte ich mich ebenso wenig ihm zu nähern wie dem Kaiser von Deutschland.«

»Und Sie wünschen –«

»Er wäre ein sehr guter Gefährte für einen jungen, strebsamen Rechtsanwalt von guter Familie und zweifelloser Respektabilität; ich versichere Ihnen, Sie werden sehen, daß es der Mühe wert ist, seine Freundschaft zu gewinnen.«

»Aber –«

»Führen Sie Ihn auch in Ihre Familie ein; suchen Sie allmählich sein Vertrauen zu gewinnen und dann –«

»Herr Gryce,« unterbrach ich ihn heftig; »ich werde mich niemals darauf einlassen, mich in jemandes Freundschaft zu stehlen und ihn der Polizei zu verraten.«

»Für Ihre Pläne ist es aber unumgänglich nötig, mit Henry Clavering bekannt zu werden,« versetzte er trocken.

»O,« erwiderte ich, und ein Licht ging mir auf, »er steht also mit unserem Kriminalfall in irgend welchem Zusammenhang?«

Gryce strich sich nachdenklich den Rockärmel glatt. »Ich weiß nicht, ob es für Sie gerade notwendig sein wird, ihn zu verraten, – aber haben Sie etwas dagegen, seine Bekanntschaft zu machen?«

»Nein.«

»Auch nicht, sich mit ihm zu unterhalten, wenn Sie seinen Verkehr angenehm finden?«

»Nein.«

»Auch dann nicht, wenn Sie im Laufe des Gespräches auf etwas stießen, das Ihnen in Ihren Bemühungen, Eleonore zu retten, als Hilfsmittel dienen könnte?«

Das ›Nein‹, welches ich diesmal sagte, lautete weniger bestimmt; die Rolle eines Spions in der Weiterentwicklung des Dramas war die letzte, welche ich spielen wollte.

»Nun,« fuhr er fort, ohne den zögernden Ton meiner Antwort zu beachten, »dann rate ich Ihnen, Ihr Quartier sofort im ›Hoffmann-Hause‹ zu nehmen.«

»Ich glaube nicht, daß dies zweckmäßig sein würde,« entgegnete ich; »wenn ich nicht irre, habe ich den Herrn schon gesehen und gesprochen.«

»Wo?«

»Beschreiben Sie mir ihn zuerst.«

»Er ist groß und schlank von Wuchs, hat eine aufrechte, stolze Haltung, ein einnehmendes Gesicht, dunklen Teint, braunes leicht mit Grau gesprenkeltes Haar, ein durchdringendes Auge und ein weltmännisches Benehmen; im ganzen ist er eine imposante Persönlichkeit.«

»Ich habe Grund anzunehmen, daß ich ihn schon sah,« erwiderte ich und erzählte ihm mit wenigen Worten wann und wo.

»Hm!« bemerkte er, »offenbar interessiert er sich ebenso sehr für Sie als wir für ihn; schade, daß Sie schon mit ihm gesprochen und möglicherweise einen ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht haben; für uns hängt alles davon ab, daß er bei Ihrer Begegnung kein Mißtrauen faßt.«

Er stand auf und wanderte durch das Zimmer. »Wir müssen langsam und bedächtig vorgehen,« fuhr er nach einer Pause fort. »Begeben Sie sich in das Lesezimmer des ›Hoffmann-Hauses‹, zeigen Sie sich, wie Sie in Wahrheit sind; vielleicht trifft es sich, daß Sie dort mit Männern von Ansehen und Bedeutung sprechen können, – das übrige wird sich dann schon machen.«

»Wenn ich mich nun aber geirrt habe, und der Mann, welchem ich an der Ecke der 37. Straße begegnete, nicht Clavering war?«

»Das würde mich in der That sehr in Erstaunen setzen,« antwortete der Detektiv.

»Herr Gryce,« hob ich nach kurzem Schweigen an; denn ich wollte ihm zeigen, daß unser Gespräch über eine mir unbekannte Person meine eigenen Pläne keineswegs geändert hatte, »es ist noch jemand, über den ich mit Ihnen sprechen wollte.«

»So,« versetzte er, indem er sich umdrehte, so daß sein breiter Rücken mir zugewandt war, »wer mag das wohl sein?«

»Wer sonst als –« Hier stockte ich; hatte ich das Recht, in diesem Zusammenhange den Namen eines Mannes zu nennen, für dessen Beteiligung an dem Morde ich nicht die geringsten Beweise besaß? »Verzeihen Sie,« fügte ich hinzu; »aber ich denke, es ist besser, wenn ich meinem ersten Antrieb folge und keine Namen nenne.«

»Harwell,« sagte er obenhin.

Die schnelle Röte, welche mein Gesicht überzog, war eine schweigende Zustimmung.

»Ich sehe keinen Grund, warum wir nicht von ihm sprechen sollten,« fügte er hinzu, »das heißt, wenn etwas dabei herauskommt. Halten Sie sein Zeugnis bei der Coroners-Untersuchung für aufrichtig?«

»Es ist nicht widerlegt worden. Es ist ein eigentümlicher Mensch.«

»Das bin ich auch,« antwortete der Detektiv ruhig.

Ich fühlte mich ein wenig verletzt, und da ich mir bewußt war, im Nachteil zu sein, nahm ich meinen Hut vom Tisch, um mich zu verabschieden. Doch plötzlich mußte ich an Hannah denken und fragte, ob über die Verschwundene noch keine Nachrichten eingelaufen wären.

Er schien mit sich selbst zu kämpfen und zögerte so lange, daß ich schon glaubte, er wolle mich nicht ganz in sein Vertrauen ziehen; dann aber rief er ärgerlich: »Es ist gerade, als ob der Satan sein Spiel treibe. Hätte die Erde sich geöffnet und das Mädchen verschlungen, spurloser könnte es nicht verschwunden sein; ich habe zahlreiche Agenten nach allen Richtungen der Windrose ausgeschickt, ganz abgesehen von dem hohen Interesse, welches das große Publikum an der Sache nimmt; aber bis jetzt hat man auch nicht das allergeringste von ihrem Aufenthalt entdeckt; ich fürchte, wir fischen sie eines schönen Tages ertrunken im Hudson oder East-River auf.«

»Es hängt alles von der Aussage des Mädchens ab,« bemerkte ich.

»Was sagt Fräulein Leavenworth darüber?« fragte er

»Das Mädchen könne ihr nicht helfen.«

Ich glaubte, er würde erstaunt über meine Antwort sein, aber das war keineswegs der Fall. »Sie muß unter allen Umständen aufgefunden werden,« sagte er, »und selbst wenn ich die ›Spürnase‹ aussenden sollte.«

»Die Spürnase?«

»Ist einer meiner Agenten, den wir seines unübertrefflichen Spürsinns halber so nennen.«

Als ich mich wieder zum Gehen wandte, fügte er hinzu: »Sobald der Inhalt des Testamentes bekannt ist, kommen Sie wieder zu mir.«

Das Testament! Das hatte ich rein vergessen!

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