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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Zwölftes Kapitel.
Eleonore.

Molly öffnete die Thür. »Sie werden Fräulein Eleonore im Empfangszimmer finden,« sagte sie, mich einlassend.

Von unbestimmter Furcht erfüllt, eilte ich nach dem mir bezeichneten Zimmer. Die prächtige Halle, durch die ich kam, mit dem antiken Mosaikboden, den kunstvollen Holzschnitzereien und den bronzenen Ornamenten stand in scharfem Gegensatz zu der Tragödie, die sich hier im Hause abspielte.

Ich legte die Hand auf den Drücker und horchte; doch alles war ruhig. Langsam öffnete ich die Thür, erhob die schwere, seidene Portiere, die bis auf den Fußboden herabhing, und schaute hinein. Was für ein Anblick bot sich mir dar! Eleonore saß im Licht einer einzigen Gasflamme, deren schwacher Schimmer gerade dazu hinreichte, den glänzenden Atlas und den makellosen Marmor des Prachtzimmers sichtbar zu machen. Bleich wie die Statue der Psyche, die über ihr im Halbdunkel auf dem Bogenfenster stand, neben welchem sie saß; schön wie diese und fast ebenso regungslos verharrte das Mädchen, anscheinend unempfindlich gegen jeden Laut, jede Bewegung, ein trostloses Bild stummer Verzweiflung angesichts eines unentrinnbaren Schicksals.

Ueberwältigt von dem Eindruck, blieb ich stehen, mit der Hand den Vorhang fassend; ich schwankte, ob ich vortreten oder mich zurückziehen sollte; als plötzlich ein starkes Zittern die unbewegliche Gestalt erschütterte, die starren Hände löste, den wilden Blick milderte. Mit einem Aufruf der Befriedigung sprang sie auf und kam auf mich zu.

»Fräulein Leavenworth!« rief ich, über den Klang meiner eigenen Stimme erschrocken.

Sie blieb stehen und preßte die Hände vor das Gesicht, als ob die Welt und alles, was sie soeben noch vergessen hatte, beim bloßen Nennen ihres Namens wieder auf sie einstürmte.

»Was ist geschehen?« fragte ich.

Die Hände sanken ihr kraftlos nieder. »Wissen Sie es nicht?« stöhnte sie. »Man fängt an, es offen auszusprechen, daß ich –«

Sie vermochte nicht weiter zu sprechen. »Lesen Sie!« murmelte sie, auf ein am Boden liegendes Zeitungsblatt zeigend.

Ich bückte mich und hob ein Exemplar des » Evening Telegram« auf; ein einziger Blick auf dasselbe genügte, um mir zu zeigen, worauf sie sich bezog. Dort stand es mit großen, deutlichen Buchstaben:

Der Leavenworthsche Mord.

Die neuesten Enthüllungen in dem geheimnisvollen Falle.
Ein Mitglied der Familie des Ermordeten der That stark verdächtig.
Das Vorleben von Eleonore Leavenworth
.

Ich war darauf vorbereitet gewesen, gerade darauf hatte ich mich gerüstet, und dennoch setzte mich die Wirklichkeit in Schrecken. Das Blatt entfiel meiner Hand, und so stand ich vor ihr; ich sehnte mich, in ihr Antlitz zu schauen, und doch fürchtete ich mich auch davor.

»Was hat das zu bedeuten?« keuchte sie, »was soll das heißen?« Mit starren, verglasten Augen blickte sie mich an, als fände sie es unmöglich, den Sinn der Schmach zu fassen.

Ich schüttelte den Kopf; etwas zu erwidern vermochte ich nicht.

»Mich anzuklagen!« murmelte sie, »mich – mich!« und sie schlug sich mit der geballten Hand vor die Brust, »mich, die den Boden liebte, den sein Fuß betrat, die den eigenen Leib zwischen ihn und die tödliche Kugel geworfen haben würde, hätte ich die That geahnt! O!« rief sie, »das ist mehr als Schmach, das ist ein Dolch, den sie mir ins Herz stoßen!«

Aufs tiefste ergriffen, aber dennoch entschlossen, mein Mitgefühl nicht eher zu verraten, als bis ich von ihrer vollkommenen Unschuld überzeugt worden wäre, antwortete ich nach einer Pause: »Es scheint Sie das aufs höchste zu überraschen, Fräulein Leavenworth; haben Sie sich denn gar nicht vorstellen können, was die Folge Ihres hartnäckigen Schweigens über gewisse Punkte sein mußte? Kennen Sie die menschliche Natur so wenig, um sich einzubilden, daß Sie in Ihrer Lage bezüglich aller mit dem Verbrechen in Verbindung stehenden Verhältnisse eine solche Verschwiegenheit beobachten durften, ohne den Argwohn des Publikums wachzurufen, von dem Verdacht der Polizei noch gar nicht zu sprechen?«

»Aber –«

Ich winkte abwehrend mit der Hand. »Als Sie dem Coroner gegenüber leugneten, ein verdächtiges Papier in Ihrem Besitz zu haben; als Sie,« fügte ich noch schärfer hinzu, »sich weigerten, Herrn Gryce zu erklären, auf welche Weise der Schlüssel in Ihre Hände gekommen ist –«

Sie trat hastig zurück, und ein heftiger Schreck schien sich ihrer bei meinen Worten zu bemächtigen.

»Still!« flüsterte sie, sich angstvoll umschauend, »zuweilen fühle ich mich versucht zu glauben, daß die Wände Ohren haben, und die Schatten horchen.«

»Ah!« warf ich ein, »hoffen Sie etwa vor der Welt zu verbergen, was den Detektivs bekannt ist?«

Sie antwortete nicht.

»Fräulein Leavenworth,« fuhr ich fort, »ich fürchte, Sie haben keinen Begriff von der Lage, in der Sie sich befinden; bemühen Sie sich einmal, diese Lage im Licht einer vorurteilslosen Person zu betrachten, dann werden Sie selbst die Notwendigkeit einsehen, zu erklären –«

»Aber ich kann nichts erklären!« murmelte sie heiser.

»Sie können nicht?«

War es nun der Ton meiner Stimme, oder das einfache Wort selbst, kurz es schien, als habe sie einen Schlag ins Gesicht erhalten. »O!« rief sie zurückweichend, »auch Sie zweifeln an mir? Ich dachte – ich ließ es mir nicht träumen, daß ich –« plötzlich erbebte ihre ganze Gestalt. »Sie haben mir vom ersten Augenblick an mißtraut, – der Schein ist so sehr gegen mich gewesen.« Sie sank kraftlos vor Scham und Verzweiflung auf ihren Sitz zurück. »Ah! jetzt bin ich ganz verlassen!«

Das rührte mein Herz; ich trat auf sie zu und rief: »Fräulein Leavenworth, ich bin nur ein Mensch, ich kann Sie nicht so verzweifelt sehen; sagen Sie mir, daß Sie unschuldig sind, und ich glaube Ihnen trotz alles Scheines gegen Sie.«

Sie erhob sich und schritt auf mich zu. »Kann jemand mir ins Auge schauen und mich einer Schuld anklagen?« Als ich traurig den Kopf schüttelte, fügte sie hastig hinzu: »Sie wollen einen noch stärkeren Beweis,« und wie ein aufgescheuchtes Reh eilte sie der Thür zu. »Kommen Sie, kommen Sie!« rief sie und Entschlossenheit blitzte in ihren Augen.

Ergriffen, erregt, folgte ich Eleonore in die Halle hinaus. Von einer mir selbst unbegreiflichen Scheu erfaßt, war ich erst am Fuß der Treppe, als sie dieselbe schon halb erstiegen hatte. Ich eilte hinter ihr her nach dem oberen Korridor und sah, wie sie aufrecht und stolz an der Thür stand, die zum Schlafzimmer ihres Onkels führte. »Kommen Sie!« mahnte sie nochmals, aber jetzt in einem ruhigen und ehrfurchtsvollen Ton; dann öffnete sie die Thür und trat ein.

Ich unterdrückte das Staunen, welches mich ergriffen hatte, und folgte ihr langsam.

Es war kein Licht in dem Zimmer des Todes; aber die Gasflamme am Ende des Korridors leuchtete mit gespensterhaftem Schein hinein, und bei ihrem Flimmern sah ich Eleonore an dem Bett knieen, ihr Haupt über dasjenige des Ermordeten gebeugt, ihre Hand auf seiner Brust. »Sie haben mir versichert, daß, wenn ich meine Unschuld erklärte, Sie mir glauben würden,« rief sie aus, die Hand erhebend, als ich eintrat, »schauen Sie her!«

Sie legte ihre Wange auf die bleiche Stirn ihres toten Wohlthäters, sie küßte seine kalten Lippen sanft, mild, verzweifelt, dann sprang sie auf und rief in gedämpftem, aber doch ergreifendem Ton: »Könnte ich das thun, wenn ich schuldig wäre? Würde mir nicht der Atem auf den Lippen erstarren, das Blut in den Adern gefrieren, das Leben aus dem Herzen fliehen? Sie sind doch selbst der Sohn eines von Ihnen geliebten und verehrten Vaters, können Sie mich für ein blutbeflecktes Weib halten, indem ich dies thue?« Und wieder kniete sie nieder, schlang die Arme um die entseelte Gestalt und schaute mich dabei mit einem Blick an, den keine Zunge beschreiben, keines Malers Pinsel wiedergeben kann.

»In alten Zeiten,« fuhr sie fort, »pflegte man zu sagen, daß der Leichnam zu bluten anfange, wenn der Mörder mit ihm in Berührung käme; was würde wohl geschehen, wenn ich, seine Tochter, sein geliebtes, mit Wohlthaten überhäuftes Kind, das gethan hätte, dessen man mich beschuldigt? Würde nicht der Körper des beschimpften Toten sein Bahrtuch abwerfen und mich zurückstoßen?«

Ich vermochte nicht zu antworten; angesichts mancher Szenen verliert die Zunge ihre Kraft.

»O,« fuhr sie fort, »falls ein Gott im Himmel thront, der die Gerechtigkeit liebt und das Verbrechen haßt, so mag er jetzt mich hören. Wenn ich durch einen Gedanken oder eine That mit oder ohne Absicht das Werkzeug gewesen bin, dieses teure Haupt in den Tod zu betten, wenn auch nur ein Schatten von Schuld auf meinem Herzen liegt, so mag der Zorn seiner Rache vor aller Welt mich treffen. Auf die Brust des Ermordeten hier mag meine schuldige Stirn sich senken, um nimmer wieder sich zu erheben!«

Ein feierliches Schweigen folgte dieser Anrufung. Es schien mir, als stände die Welt still, um zu horchen; dann hob ein langer Seufzer meine bebende Brust; all die unterdrückten Gefühle, unwillkürliche Verehrung, schrankenloses Interesse, unsägliches Mitleid, Hoffnung, Sehnsucht, Liebe, die gegen mein besseres Urteil ihren Weg zu meinem Herzen gefunden hatten, brachen die Fesseln. Ich beugte mich zu ihr und nahm ihre Hand in die meinige.

»Sie halten mich also nicht für befleckt durch ein Verbrechen? Sie können es auch jetzt nicht mehr!« flüsterte sie, und ein Lächeln, welches nicht bloß die Lippen umspielt, sondern wie das Aufblühen eines inneren Friedens das Antlitz verschönt, glitt über ihre Wangen.

Anstatt der Antwort legte ich ihre Hand, die in der meinigen ruhte, auf die Brust des Toten.

Langsam, anmutig neigte sie das Haupt. »Jetzt mag der Kampf beginnen!« flüsterte sie, »hier ist wenigstens einer, der an mich glaubt, wie sehr der Schein auch gegen mich spricht.«

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