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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Zehntes Kapitel.
Gryce empfängt eine neue Anregung.

Die auf solche Weise gemachte Entdeckung war mir furchtbar; es verhielt sich also in Wirklichkeit so: Die schöne, liebenswürdige Eleonore war – – – Ich vermochte den Satz nicht zu vollenden, nicht einmal in der Stille meiner eigenen Gedanken.

»Sie sehen überrascht aus,« sagte Gryce, den Schlüssel neugierig betrachtend; »es giebt kein Weib, das um nichts und wieder nichts zittert, errötet, nach Ausflüchten sucht und gar in Ohnmacht fällt, besonders wenn dieses Weib ein Fräulein Leavenworth ist.«

»Ein Weib, das eine solche That verüben kann, würde die letzte sein, die da zittert, nach Ausflüchten sucht und in Ohnmacht fällt,« entgegnete ich; »lassen Sie mich den Schlüssel einmal sehen.«

Bereitwillig überreichte er mir denselben. »Es ist gerade der, den wir suchen,« bemerkte er dabei, »darüber herrscht gar kein Zweifel.«

Ich gab den Schlüssel zurück. »Wenn sie ihre Unschuld beteuert, so werde ich ihr glauben,« erwiderte ich.

Er schaute mich mit großer Verwunderung an. »Sie hegen festes Vertrauen zu der Aufrichtigkeit der Weiber,« lachte er; »ich hoffe, Sie werden lange genug leben, um zu erfahren, bis zu welchem Grade die Frauen dessen würdig sind.«

Darauf hatte ich keine Antwort; es folgte eine kurze Pause des Schweigens, das Gryce zuerst unterbrach. »Es bleibt uns nur eins zu thun übrig,« begann er; »Fobbs, bitten Sie Fräulein Leavenworth, herunter zu kommen; beunruhigen Sie aber die Dame nicht unnützerweise. Also nach dem Empfangssalon lasse ich sie bitten,« fügte er hinzu, als der Mann sich entfernte.

Kaum waren wir allein, so machte ich eine Bewegung, mich an Marys Seite zu begeben; doch der Detektiv hielt mich zurück. »Kommen Sie mit mir, und wohnen Sie der Szene bei,« flüsterte er, »Fräulein Eleonore wird sogleich unten sein.«

Ich zögerte; aber die Aussicht, das Mädchen wieder zu beobachten, war für mich ein unwiderstehlicher Magnet. Ich bat daher Gryce, einen Augenblick zu verziehen, und ging auf Mary zu, mich zu entschuldigen.

»Was giebt es? Was ist vorgefallen?« fragte sie atemlos.

»Nichts, was Sie erschrecken könnte, fassen Sie sich!« Doch mein Gesichtsausdruck verriet mich.

»Es ist doch etwas geschehen!« behauptete sie.

»Ihre Cousine kommt herunter.«

»Hierher?« fragte sie und schauderte sichtlich zusammen.

»Nein, in den Empfangssalon.«

»Das ist mir unbegreiflich! Ueberall lauert das Entsetzen, und niemand will mir etwas davon sagen.«

»Fräulein Leavenworth,« beschwichtigte ich sie, »ich bitte Gott, daß nichts vorfallen möge, was Sie beängstigen könnte. Sobald sich etwas ereignet, das zu Ihrer Kenntnis gelangen muß, sollen Sie es sicherlich erfahren.«

Mit einem Blick der Beruhigung verabschiedete ich mich von der jungen Dame, welche in stummer Verzweiflung in die Kissen des Sofas sank, und schloß mich Gryce an. –

Wir hatten kaum den Empfangssalon betreten, als Eleonore erschien. Langsam und in stolzer Haltung schritt sie auf uns zu und verneigte sich leicht. »Ich bin ersucht worden, hierher zu kommen,« sprach sie, sich ausschließlich an Gryce wendend, »und zwar durch einen Mann, der in Ihren Diensten zu stehen scheint. Wenn dem so ist, bitte ich Sie, mir Ihre Wünsche sogleich mitzuteilen; denn ich fühle mich gänzlich erschöpft und bedarf der Ruhe.«

»Fräulein Leavenworth,« antwortete der Detektiv, indem er sich die Hände rieb und den Thürknopf ins Auge faßte, »es thut mir sehr leid, daß ich gezwungen bin, Sie zu stören; aber ich möchte gern erfahren –«

»Wie ich zu dem Schlüssel kam,« unterbrach sie ihn, »den ich in die Asche fallen ließ. Jener Mensch hat es gesehen und es Ihnen unzweifelhaft hinterbracht.«

»Sie haben es erraten, Fräulein Leavenworth.«

»Ich weigere mich, Ihnen darüber irgend welche Aufklärung zu geben; ich habe nichts über den Gegenstand zu sagen, außer daß,« – hierbei sah sie ihn mit einem zwar schmerzlichen, aber doch mutigen Blick an, – »der Mann recht hatte, wenn er Ihnen erzählte, daß ich einen Schlüssel bei mir verbarg und den Versuch machte, ihn in die Asche des Kamins verschwinden zu lassen.«

»Aber –«

Sie hatte sich jedoch schon der Thür zugewandt. »Ich muß wegen dieser Antwort um Entschuldigung bitten,« fügte sie hinzu; »doch kein Einwand von Ihrer Seite wäre im stande, meinen Entschluß zu ändern; es würde daher nur eine Zeitverschwendung sein, wenn Sie sich bemühen wollten, mich umzustimmen.« Sie warf mir einen flüchtigen Blick zu und rauschte nach der Thür.

Einen Moment stand Gryce erstaunt da und blickte ihr nach, dann verbeugte er sich ehrfurchtsvoll und begleitete sie bis zur Treppe.

Ich hatte mich von der Ueberraschung, welche mir der unerwartete Auftritt verursacht hatte, kaum erholt, als ich einen raschen Schritt in der Halle vernahm, und Mary, glühend vor Aufregung und Angst, rasch auf mich zutrat. »Was giebt es?« fragte sie, »was hat Eleonore gestanden?«

»Ach,« antwortete ich, »nichts hat sie gestanden, und das ist eben das Unglück. Ihre Cousine bewahrt über gewisse Dinge ein beklagenswertes Stillschweigen; sie sollte es sich klar machen, daß, wenn sie dabei beharrt –«

»Was sollte dann geschehen?« fragte Mary erschreckt.

»Sie würde sich große Ungelegenheiten zuziehen, deren Folgen nicht abzusehen sind.«

Eine Sekunde lang schaute sie mich mit entsetztem, aber ungläubigem Auge an, dann sank sie auf einen Stuhl, bedeckte ihr Antlitz mit den Händen und stöhnte: »O, wären wir doch nie geboren! – warum ließ man uns nicht mit denen umkommen, die uns das Leben gaben?«

»Mein teures Fräulein,« tröstete ich sie, »für eine derartige Verzweiflung liegt gar kein Grund vor; die Zukunft sieht zwar dunkel aus; aber diese Dunkelheit ist nicht undurchdringlich. Ihre Cousine wird vernünftigen Vorstellungen Gehör geben und erklären –«

Aber Mary war taub für meine Worte, sprang auf und rief in einem Ton höchster Aufregung: »Es ist zum Wahnsinnigwerden, ja, zum Wahnsinnigwerden!«

Ich schaute sie mit wachsendem Erstaunen an und glaubte, sie endlich zu verstehen. Sie war sich bewußt, daß sie uns auf die Spur geholfen, und daß die finstere Wolke, welche über ihrer Cousine schwebte, durch sie heraufbeschworen war.

Ich versuchte, sie zu besänftigen; aber meine Bemühungen waren vergeblich. In dumpfes Brüten versunken, achtete sie wenig oder gar nicht auf mich, so daß ich mich, überzeugt, nichts mehr für sie thun zu können, zum Gehen wandte. »Ich bedaure sehr, Sie verlassen zu müssen,« sagte ich, »ohne Ihnen einen Trost geben zu können; darf ich Ihnen vielleicht jemanden zuschicken, eine Verwandte oder eine Freundin? Es ist gar zu traurig für Sie, zu einer solchen Zeit einsam in diesem Hause weilen zu müssen.«

»Glauben Sie denn, daß ich hier zu bleiben beabsichtige?« versetzte sie; »keine Nacht mehr, ich müßte sterben!« fügte sie schaudernd hinzu.

»Das ist auch gar nicht nötig,« ertönte eine sanfte Stimme hinter unserm Rücken.

Ueberrascht kehrte ich mich um und erblickte Gryce, der offenbar schon längere Zeit zugegen war. Er saß in einem Lehnstuhl nahe der Thür, die eine Hand in der Tasche, mit der andern über den Arm seines Stuhles streichend, und schaute uns mit einem Lächeln an, das um Entschuldigung für seine Zudringlichkeit zu bitten und uns zu versichern schien, daß er aus keinem unwürdigen Grunde gelauscht habe. »Es wird alles ordnungsmäßig besorgt werden, Fräulein Leavenworth; Sie können ruhig gehen, wohin Sie wollen.«

Ich erwartete, sie würde seine Einmischung zurückweisen; statt dessen jedoch verriet sie eine gewisse Befriedigung über seine Anwesenheit. Sie zog mich beiseite und flüsterte: »Sie halten Herrn Gryce für einen äußerst geschickten und scharfsinnigen Mann?«

»Das müßte er wenigstens in der Stellung sein, die er bekleidet,« antwortete ich vorsichtig; »die Behörden setzen offenbar großes Vertrauen in ihn.«

Rasch trat Mary jetzt auf Gryce zu. »Mein Herr,« begann sie und sah ihn bittend an, »ich höre, daß Sie ein sehr gewandter und erfahrener Kriminalist sind, daß Sie den wahren Thäter aus einer Menge Verdächtiger herauszuspüren vermögen, und daß nichts dem Scharfblick Ihres Auges entgeht. Wenn dem so ist, so haben Sie Mitleid mit zwei verwaisten Mädchen, die plötzlich ihres väterlichen Beschützers beraubt worden sind, und wenden Sie Ihren rühmlichst bekannten Scharfsinn an, um den verruchten Mörder zu entdecken. Es wäre thöricht von mir, wollte ich es verhehlen, daß ich sehr wohl fühle, wie verdächtig sich meine Cousine durch ihre Aussagen gemacht hat; aber ich erkläre hiermit, daß sie ebenso unschuldig ist, wie ich es bin. Mein Bestreben geht nur dahin, das Auge der Gerechtigkeit von dem Schuldlosen auf den Schuldigen zu lenken, wenn ich Sie bitte, den Thäter anderswo zu suchen als hier.« Sie streckte ihm flehend beide Hände entgegen. »Es muß irgend ein gemeiner Einbrecher gethan haben; können Sie ihn nicht vor den Stuhl des Richters bringen?«

Ihre ganze Haltung war so rührend, daß ich an Gryces Mienen sah, wie er seine Bewegung unterdrückte, obgleich sein Blick auf dem Kaffee-Service haftete, das er gleich bei ihrer Annäherung ins Auge gefaßt hatte.

»Sie müssen, Sie können den Thäter aufspüren,« fuhr sie fort. »Hannah, die Verschwundene, muß alles wissen. Forschen Sie nach ihr, durchsuchen Sie jeden Winkel der Erde, thun Sie, was in Ihrer Macht steht; meinen ganzen Reichtum stelle ich Ihnen zur Verfügung. Ich will eine große Belohnung für denjenigen aussetzen, der den Thäter entdeckt.«

Gryce erhob sich langsam. »Fräulein Leavenworth,« versetzte er, und seine Stimme zitterte, »es bedurfte Ihrer ergreifenden Bitte nicht, um mich zu den äußersten Anstrengungen zur Entdeckung des Thäters anzuspornen; persönlicher Stolz und der Ehrgeiz, den mir mein Beruf einflößt, genügten allein schon, um meine Thätigkeit zur höchsten Leistungsfähigkeit anzuspannen. Da Sie mir jedoch die Ehre erwiesen, mir Ihre Wünsche in so eindringlicher Weise zu offenbaren, so gestehe ich Ihnen gern, daß mein Interesse an dieser Angelegenheit seit dieser Stunde gestiegen ist. Was in menschlicher Macht liegt, werde ich thun, und wenn ich nach einem Monat, von heute ab gerechnet, nicht zu Ihnen komme, um mir meinen Lohn zu holen, dann ist Ebenezer Gryce nicht der Kerl, für den ich ihn bis jetzt gehalten habe.«

»Und Eleonore?«

»Wir wollen keine Namen nennen,« antwortete er mit freundlich abwehrender Handbewegung.

Wenige Minuten später verließ ich mit Mary Leavenworth das Haus, da sie gewünscht hatte, ich möchte sie nach der Wohnung ihrer Freundin, Frau Gilbert, begleiten, bei der sie vorläufig ihren Aufenthalt nehmen wollte.

Als wir in dem Wagen davonrollten, welchen Gryce für uns besorgt hatte, bemerkte ich, daß meine Gefährtin einen Blick des Bedauerns hinter sich warf, als fühle sie Gewissensbisse darüber, daß sie ihre Cousine im Stich ließ.

Aber dieser Ausdruck wechselte schnell, und es schien mir, als spähe sie aufmerksam umher aus Furcht, irgend einem bekannten Gesicht plötzlich zu begegnen. Sie schaute die Straße auf- und abwärts; sie blickte verstohlen in die Thorwege, an denen wir vorbeifuhren; sie zuckte zusammen, wenn eine Gestalt unerwartet auf dem Trottoir erschien, und atmete nicht eher in Ruhe, als bis wir die Avenue hinter uns gelassen hatten und in die 37. Straße eingebogen waren. Da erst kehrte die natürliche Farbe in ihr Antlitz zurück; sie beugte sich freundlich zu mir herüber und fragte mich, ob ich ihr nicht einen Bleistift und ein Stück Papier geben könne.

Glücklicherweise hatte ich beides und händigte es ihr ein, nicht ohne mich darüber zu verwundern, warum sie gerade jetzt schreiben wollte.

»Es ist nur eine kleine Notiz, die ich abzuschicken wünsche,« bemerkte sie, nachdem sie rasch einige Zeilen auf das Blatt geworfen hatte. »Würden Sie wohl die Güte haben, den Wagen halten zu lassen, bis ich das Billet adressiert habe?«

Ich that, wie sie geheißen, und im nächsten Augenblick war das Blatt, das ich aus meinem Notizbuch gerissen hatte, zusammengefaltet, adressiert und mit einer Freimarke zugeklebt.

»Warum warten Sie denn nicht, bis Sie an Ihren Bestimmungsort kommen?« meinte ich, »dort können Sie die Sache ja in aller Muße abmachen.«

»Ich bin in Eile und muß den Brief jetzt aufgeben. Sehen Sie, dort an der Ecke ist ein Briefkasten; bitte, lassen Sie den Kutscher noch einmal halten.«

»Wollen Sie mir nicht erlauben, das Billet aufzugeben?« fragte ich, die Hand ausstreckend.

Doch sie schüttelte den Kopf, und, ohne meine Beihilfe abzuwarten, stieß sie die Wagenthür auf und hüpfte auf die Straße. Selbst dann noch blickte sie sich unruhig um, ehe sie es wagte, den Brief in den Kasten zu stecken. Als sie das aber gethan, sah sie heiterer und hoffnungsvoller aus als jemals zuvor, und als wir einige Minuten später an dem Hause ihrer Freundin hielten, nahm sie einen beinahe fröhlichen Abschied von mir, reichte mir die Hand und bat mich, am nächsten Tage wieder vorzusprechen und ihr den Fortgang der Untersuchung mitzuteilen. – –

Den ganzen Abend verbrachte ich damit, die Zeugenaussagen genau mit einander zu vergleichen und eine andere Theorie aufzustellen als diejenige von Eleonores Schuld. Ich nahm einen Bogen Papier und verzeichnete darauf die Verdachtsmomente wie folgt:

Erstens: Ihr Zerwürfnis mit dem Onkel und ihre offenbare Entfremdung von demselben, wie Harwell bezeugt hatte.

Zweitens: Das geheimnisvolle Verschwinden eines der Dienstmädchen des Hauses.

Drittens: Die Anschuldigung seitens ihrer Cousine, die indessen nur Gryce und ich gehört hatten.

Viertens: Ihre Ausflüchte betreffs des mit Pulverruß bedeckten Taschentuches, welches man auf dem Schauplatz des Verbrechens aufgefunden hatte.

Fünftens: Ihre Weigerung, sich hinsichtlich des Papieres zu äußern, welches sie von Herrn Leavenworths Tisch unmittelbar nach Entfernung der Leiche genommen hatte.

Sechstens: Der in ihrem Besitz gefundene Schlüssel zur Bibliothek.

»Das ist ein sehr schlimmes Verzeichnis!« rief ich aus, indem ich meine Notizen überblickte, schrieb aber nichtsdestoweniger auf die andere Seite folgende erklärende Bemerkungen:

Erstens: Zerwürfnisse und Entfremdungen zwischen Verwandten sind keine außergewöhnlichen Erscheinungen, und Fälle in welchen derartige Vorkommnisse zu Verbrechen führen, gehören eher zu den Seltenheiten.

Zweitens: Hannahs Verschwinden läßt sich ebenso nach der einen Richtung wie nach der andern deuten.

Drittens: Wenn Marys private Anklage für ihre Cousine sehr gravierend war, so wirkte auf der andern Seite ihre öffentliche Erklärung, daß sie den Thäter weder kenne noch irgend eine auch nur annähernde Vermutung hege, wieder entlastend; freilich besaß die erste Aeußerung den Vorteil der Unmittelbarkeit; sie war aber auch wiederum in augenblicklicher Erregung gesprochen worden, ohne Rücksicht auf mutmaßliche Folgen und möglicherweise auch ohne gehörige Ueberlegung der Thatsache.

Vier und fünf: Unschuldige machen oft unter dem Einflusse der Furcht Ausflüchte, die geeignet sind, sie zu verdächtigen.

Aber der Schlüssel! Was sollte man dazu sagen? – Gar nichts! Mit diesem Schlüssel in unerklärtem Besitz blieb Eleonore unter dem Schatten des Verdachts, den selbst ich, der ich geneigt war, an ihre Unschuld zu glauben, anerkennen mußte.

Auf diesem Punkt angelangt, schob ich das Papier in die Tasche und nahm den » Evening Express« zur Hand. Sofort fielen meine Augen auf nachstehende Worte:

Ein geheimnisvoller Mord.

Herr Leavenworth, der wohlbekannte Millionär, tot in seinem Zimmer aufgefunden.
Keine Spur des Mörders.
Das furchtbare Verbrechen mit einem Pistol verübt.
Außerordentliche, die That begleitende Umstände
.

Ah! Das war wenigstens ein Trost; sie war noch nicht als des Mordes verdächtig genannt. Aber was konnte der nächste Tag bringen?

Ich dachte an Gryces ausdruckvollen Blick, als er mir jenen Schlüssel einhändigte, und schauderte.

»Sie muß unschuldig sein!« wiederholte ich mir, und dann fragte ich mich, welche Bürgschaft ich denn dafür hätte. Nur ihr wunderschönes Gesicht. Niedergeschlagen ließ ich die Zeitung fallen und ging die Treppe hinab in der Erwartung, den Telegraphen-Boten anzutreffen, den ich jeden Augenblick mit einer Depesche von Herrn Veeley erwartete. Er war wirklich da. Ich nahm ihm das Telegramm ab und öffnete es auf der Thürschwelle; es war von dem Besitzer des Hotels, in welchem Veeley logierte, und lautete:

»Washington. D. C.

Herrn Everett Raymond.

Herr Veeley in meinem Hause krank, Depesche nicht gezeigt, Folgen fürchtend. Soll möglichst bald geschehen.

Thomas Lowerthy.«

Gedankenvoll ging ich auf mein Zimmer zurück. Warum in aller Welt fühlte ich eine plötzliche Erleichterung? Hatte ich unbewußt Furcht vor der Rückkehr meines älteren Kollegen gehegt? Wer anders kannte die geheimen Fäden, welche jene Familie leiteten, besser als er, wer anders konnte mich auf die richtige Fährte bringen? War es möglich, daß ich, Everett Raymond, davor bangte, die Wahrheit in einer Untersuchungssache zu erfahren?

Nein, das sollte niemand von mir behaupten! Ich zog meine Notizen aus der Tasche hervor, überlas sie noch einmal aufmerksam und schrieb unter Nummer 6 das Wort: Verdächtig!

Da stand es, und niemand sollte von mir behaupten, daß ich mich von einem schönen Gesicht blenden ließe, um da nichts zu sehen, wo andere fast unzweifelhafte Beweise der Schuld fanden.

Und trotzdem wiederholte ich immer die Worte: »Wenn sie ihre Unschuld beteuert, werde ich ihr glauben.« So vollständig sind wir die Sklaven unserer eigenen Neigungen und Vorurteile.

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