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Schein und Schuld

Anna Katherine Green: Schein und Schuld - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleSchein und Schuld
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorM. Lortzing
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160603
projectid8be18b36
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Neuntes Kapitel.
Eine Entdeckung.

Mary Leavenworth, welche sich bisher nicht von ihrem Platz gerührt hatte, wo alles, was vorging, unter ihrer unmittelbaren Beobachtung stand, wich, sobald man uns allein gelassen hatte, von meiner Seite, zog sich in eine entfernte Ecke zurück und überließ sich ihrem Kummer.

Als ich meine Aufmerksamkeit auf Gryce richtete, sah ich ihn damit beschäftigt, seine Fingernägel zu zählen; doch ließ er bei meiner Annäherung, vielleicht überzeugt, daß er nicht mehr als die gewöhnliche Anzahl besitze, seine Hände sinken und begrüßte mich mit einem schwachen Lächeln, welches in Anbetracht der Umstände viel zu bedeutsam war, um angenehm zu sein.

»Ich kann Sie zwar nicht tadeln,« begann ich, mich vor ihn hinstellend, »Sie hatten ein Recht, zu thun, was Sie für das Beste hielten. Aber wo steckte Ihr Herz? War sie nicht schon hinreichend gefährdet auch ohne das Beibringen jenes verwünschten Taschentuches? Ist etwa das Auffinden desselben, obwohl es mit Pulverspuren befleckt war, ein Beweis dafür, daß sie ihre Hand bei dem Morde im Spiele hatte?«

»Herr Raymond,« antwortete er, »ich bin als Kriminalist und Detektiv beauftragt worden, diesen Fall zu untersuchen, und ich gedenke es zu thun!«

»Selbstverständlich,« beeilte ich mich zu erwidern, »und ich bin der letzte, der Sie von Ihrer Pflicht abzubringen wünscht, aber Sie können doch nicht die Stirn haben, zu erklären, daß jenes junge und zarte Geschöpf in irgend welcher Weise in ein so abscheuliches und unnatürliches Verbrechen verwickelt sei. Die bloße Behauptung seitens einer anderen weiblichen Person, sie hege Verdacht, – sollte nicht –«

Doch hier unterbrach mich Gryce. »Sie schwatzen, während Ihre Aufmerksamkeit wichtigeren Dingen zugewandt sein sollte. Jene andere weibliche Person, – wie Sie die schönste Zierde der New-Yorker Gesellschaft zu nennen belieben, sitzt dort, in Thränen zerflossen; gehen Sie hin und trösten Sie dieselbe.«

Ich sah ihn erstaunt an und zögerte, seiner Aufforderung Folge zu leisten; da ich aber merkte, daß er es ernst meinte, so ging ich zu Mary Leavenworth und setzte mich neben sie.

Sie weinte, doch ihre Thränen flossen langsam und ihr selbst wie unbewußt, als habe die Furcht ihren Kummer überwältigt. Diese Furcht war zu unverhüllt, und der Kummer zu ungekünstelt, als daß man an seiner Echtheit hätte zweifeln können.

»Fräulein Leavenworth,« sagte ich, »jeder Trostversuch von seiten eines Fremden würde in diesem Falle der bitterste Hohn sein; bedenken Sie indessen, daß ein Indizienbeweis nicht immer unumstößlich ist.«

Sie raffte sich auf, als sei sie vom Rande eines Abgrundes gerade in dem Augenblick zurückgerissen worden, wo die Vernichtung unausbleiblich schien, und heftete ihre Augen mit verständnisvollem Blick auf mich. »Nein,« murmelte sie, »ein Indizienbeweis ist nicht unumstößlich, aber davon weiß Eleonore nichts. Sie ist in eine Schlinge geraten« – dabei preßte sie meinen Arm leidenschaftlich – »ach, glauben Sie, daß irgend welche Gefahr vorhanden ist? Wird man –« Sie konnte nicht weiter sprechen.

»Fräulein Leavenworth,« flüsterte ich mit einem warnenden Blick nach dem Detektiv, »was wollen Sie damit sagen?«

Sie war rasch meinem Blick gefolgt und änderte sofort ihr Benehmen. »Ich verstehe nicht, was das heißen soll,« fuhr ich in gleichgültigem Tone fort, »wenn Sie sagen, Ihre Cousine sei in eine Schlinge geraten.«

»Ich meine damit,« antwortete sie fest, »sie hat die ihr in diesem Saale vorgelegten Fragen wissentlich oder unwissentlich so beantwortet, daß jeder, der es hörte, glauben muß, sie wisse mehr von dem entsetzlichen Ereignis. Sie benimmt sich,« flüsterte Mary, aber nicht so leise, daß es nicht überall im Zimmer hätte vernommen werden können, »als wäre sie bemüht, irgend etwas ängstlich zu verbergen; aber das ist ganz gewiß nicht der Fall. Eleonore und ich stehen nicht auf sehr freundschaftlichem Fuße; aber nichts in der Welt wird mich überzeugen, daß sie von dem Mord mehr wisse als ich. Könnte nicht jemand, – könnten nicht Sie ihr sagen, daß ihr Benehmen wie berechnet ist, um Verdacht zu erregen, ja, daß das sogar schon geschehen sei? Und dann erklären Sie ihr auch,« fügte sie noch leiser hinzu, »daß ein Indizienbeweis noch immer kein absoluter sei.«

Ich beobachtete sie mit nicht geringem Erstaunen; was für eine Schauspielerin war dieses Weib?

»Sie ersuchen mich, ihr das mitzuteilen?« erwiderte ich. »Wäre es nicht besser, wenn Sie selbst mit ihr sprächen?«

»Eleonore und ich haben wenig oder gar keinen vertraulichen Umgang mit einander,« versetzte sie.

Das vermochte ich kaum zu glauben; überhaupt lag in ihrem Gebahren für mich etwas Unbegreifliches. Da ich nicht wußte, was ich ihr antworten sollte, so bemerkte ich: »Das ist in der That schlimm, man müßte ihr sagen, daß der gerade Weg unter allen Umständen der beste ist.«

Mary Leavenworth brach in Thränen aus. »O, wie konnte doch nur ein so schreckliches Unheil über mich kommen! War es nicht genug, daß der teure Onkel auf so entsetzliche Weise endete, mußte nun auch noch meine eigene Cousine –«

Ich drückte leise ihren Arm, und das schien sie wieder zu sich selbst zu bringen. Sie brach ab und biß sich auf die Lippe.

»Fräulein Leavenworth,« flüsterte ich, »lassen Sie uns das Beste hoffen; ich glaube wirklich, daß Sie sich unnötigerweise ängstigen. Wenn sich nichts Neues ereignet, so dürfte für Ihre Cousine keine Gefahr bestehen.« Ich sprach diese Worte nur, um zu erfahren, wie sie über den möglichen Verlauf der Angelegenheit dächte, und ich erreichte meinen Zweck.

»Etwas Neues? Wie sollte sich etwas Neues ereignen, da sie doch so ganz und gar unschuldig ist?« Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen. »Herr Raymond,« fuhr sie fort, sich nach mir umwendend, so daß ihr duftiges Gewand meine Kniee streifte, »warum hat man mir nicht mehr Fragen vorgelegt? Ich hätte bestätigen können, daß Eleonore am verflossenen Abend ihr Zimmer mit keinem Schritt verlassen hat.«

»Das könnten Sie?« Was sollte ich von diesem Mädchen denken?

»Ja! Mein Zimmer ist der Treppe näher als das ihrige; um hinunter zu gelangen, hätte sie an meiner Thür vorbeigehen müssen, und ich würde es gehört haben.«

»Das ist nicht unbedingt nötig,« antwortete ich traurig; »können Sie keinen anderen Beweis für die Unschuld Ihrer Cousine angeben?«

»Ich würde alles aussagen, was zu ihrer Rettung dienen kann.«

Ich schrak zurück. Ja, dieses Weib wollte jetzt lügen! Sie hatte schon während der Coroners-Untersuchung gelogen; damals war ich ihr dankbar gewesen, jetzt aber flößte sie mir Abscheu ein. »Fräulein Leavenworth,« versetzte ich, »keine Rücksicht rechtfertigt es, die Mahnungen des eigenen Gewissens zu überhören!«

»O,« murmelte sie mit zitternder Lippe; ihr Busen wogte heftig, und trübe blickte sie zur Seite. »Ich glaubte, damit nichts Schlimmes zu thun,« fügte sie nach einer Pause hinzu, »denken Sie deshalb nicht gar zu schlecht von mir.«

Bevor ich etwas darauf erwidern konnte, öffnete sich die Thür, und auf der Schwelle erschien ein Mann, welchen ich als denjenigen wiedererkannte, der vor kurzer Zeit Eleonore gefolgt war.

»Herr Gryce,« sagte der Ankömmling und blieb in der Thür stehen, »auf ein Wort, wenn ich bitten darf.«

»Was giebt's?« fragte der Detektiv, an seinen Untergebenen herantretend. Der Mann zuckte die Achseln und zog seinen Vorgesetzten durch die offene Thür. Als sie in der Halle standen, sanken ihre Stimmen zu einem Flüstern herab, und da nur ihre Rückseiten sichtbar waren, wandte ich mich wieder zu meiner Gefährtin.

Sie war bleich, aber gefaßt. »Kommt er von Eleonore?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht; allein ich fürchte es,« antwortete ich. »Wäre es möglich, daß Ihre Cousine etwas in ihrem Besitz hätte, das sie gern verbergen möchte?«

»Glauben Sie denn, daß sie wirklich etwas zu verbergen sucht?«

»Ich will es nicht gerade behaupten; aber es war so viel von einem Papier die Rede –«

»Man wird in Eleonores Besitz weder ein Papier noch etwas anderes finden, das Verdacht erregen könnte,« unterbrach sie mich. »Es existiert hier überhaupt kein Schriftstück, das wichtig genug gewesen wäre, um geheim gehalten zu werden. Ich hätte es erfahren müssen, da ich die Vertraute meines Onkels war.«

»Aber konnte Ihre Cousine nicht mit irgend einem Geheimnis bekannt sein, von dem Sie nichts wußten?«

»Es gab keine Geheimnisse zwischen uns, Herr Raymond; und ich kann nicht begreifen, warum man soviel Wert auf jenes angebliche Papier legt. Mein Onkel ist ohne Zweifel durch einen Einbrecher ermordet worden. Wollen Sie denn die Behauptung eines irischen Dieners, daß alle Thüren und Fenster geschlossen gewesen, als unfehlbar annehmen? Wenn Sie mit meiner Ansicht nicht übereinstimmen können, so suchen Sie nach einer anderen wahrscheinlicheren Erklärung der That, und wenn Sie es nicht um der Familienehre willen thun wollen, nun dann,« und hierbei sah mich das schöne Mädchen mit einem Blick an, der auch einen Stein gerührt haben würde, »thun Sie es um meinetwillen!«

In diesem Moment kehrte Gryce zu uns zurück.

»Würden Sie die Güte haben, auf einen Augenblick herzukommen, Herr Raymond?« sagte er.

Froh, aus meiner augenblicklich so peinlichen Lage erlöst zu werden, gehorchte ich rasch. »Was ist vorgefallen?« fragte ich.

»Wir beabsichtigen, Sie in unser Vertrauen zu ziehen,« flüsterte der Detektiv. »Sie erlauben, Herr Raymond – Herr Fobbs.«

Ich verbeugte mich vor dem Beamten und harrte ängstlich der Mitteilung, die mir werden sollte. So gespannt ich auch auf das war, was ich hören sollte, so empfand ich doch eine unwillkürliche Abneigung vor dem Verkehr mit einem Menschen, den ich als einen Polizeispion ansah.

»Es ist eine Sache von Wichtigkeit,« begann Gryce, »und ich habe wohl nicht nötig, Sie noch einmal daran zu erinnern, daß wir Sie als eine Vertrauensperson betrachten.«

»Durchaus nicht.«

»Dann haben Sie die Güte, mit Ihrem Bericht zu beginnen, Fobbs.«

Sofort änderte sich das Aussehen des Mannes. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck selbstbewußter Wichtigkeit an; er legte seine große Hand auf die Brust und hob an: »Durch Herrn Gryce beauftragt, das Thun von Fräulein Eleonore zu beobachten, verließ ich dieses Zimmer, nachdem sie aus demselben gegangen, und folgte ihr und den beiden Mädchen, welche sie geleiteten, nach dem Boudoir der jungen Dame. Dort angelangt –«

»Wo angelangt?« unterbrach ihn Gryce.

»Auf ihrem Zimmer.«

»Wo liegt dieses?«

»Am Kopf der Treppe.«

»Das ist nicht ihr Zimmer; doch fahren Sie fort.«

»Nicht ihr Zimmer? Nun, dann war es das Kaminfeuer, welches sie aufsuchte,« rief Fobbs und schlug sich auf die Kniee.

»Das Feuer?«

»Entschuldigen Sie, ich habe meiner Erzählung vorgegriffen. Sie schien mich kaum zu bemerken, obwohl ich dicht hinter ihr war; erst als sie das Dienstmädchen an der Thüre entließ, wurde sie gewahr, daß ich ihr folgte. Zuerst warf sie mir einen Blick der Entrüstung zu, der aber bald einem Ausdruck stiller Ergebenheit wich.

»Da ich kein anderes Mittel, sie im Auge zu behalten, wußte, so betrat ich nach ihr das Zimmer, dessen Thür sie offen gelassen hatte, und nahm meinen Sitz in einer entfernten Ecke des Gemaches. Sie folgte mir mit dem Blicke, während sie ruhelos auf und ab wanderte. Plötzlich blieb sie in der Mitte des Gemaches stehen und rief: »Bringen Sie mir ein Glas Wasser, schnell! Dort auf dem Ecktisch steht die Karaffe.«

»Um dorthin zu gelangen, mußte ich hinter einem Toilettespiegel herum, der fast bis zur Decke reichte, und ich zauderte deshalb, ihr Geheiß zu vollführen. Aber sie wandte sich mir wieder zu und schaute mich mit einer so rührenden Bitte in den schönen Augen an – ich glaube, meine Herren,« unterbrach er sich, »auch Sie würden sich beeilt haben, ihr diesen geringen Dienst zu leisten.«

»Schon gut! Nur weiter, weiter!« drängte Gryce ungeduldig.

»Ich verlor sie also nur einen Moment aus den Augen; aber dieser schien für ihren Zweck zu genügen; denn als ich mit dem Glase wieder zum Vorschein kam, kniete sie volle fünf Schritte von der Stelle entfernt, an welcher sie zuletzt gestanden hatte, am Rostfeuer und nestelte an der Taille ihres Kleides in einer Weise, die mich davon überzeugte, daß sie daselbst etwas verbarg, dessen sie sich zu entledigen wünschte. Ich beobachtete sie scharf, als ich ihr das Wasser überreichte; aber sie schaute wie abwesend in die Flammen, ohne von mir Notiz zu nehmen. Darauf gab sie mir das Glas, nachdem sie kaum einen Tropfen genippt, zurück und hielt die Hände über das Feuer. »Es ist so kalt,« murmelte sie, »so kalt,« und das konnte man ihr wirklich glauben; denn sie zitterte am ganzen Leibe.

»Auf dem Rost lagen nur wenige verglimmende Kohlen; und als ich sah, wie sie abermals in den Falten ihres Kleides wühlte, wurde ich mißtrauisch, näherte mich ihr leisen Schrittes und blickte ihr über die Schultern. Deutlich bemerkte ich, daß sie etwas in den Kamin fallen ließ, was einen klirrenden Ton von sich gab. Da ich vermutete, was den Klang verursacht hatte, wollte ich eben dazwischen treten, als sie schnell wieder aufstand, die neben dem Herde stehende Kohlenschütte ergriff und deren ganzen Inhalt auf einmal über die erlöschenden Flammen ausleerte. »Ich muß Feuer haben!« rief sie.

»Auf diese Weise werden Sie es schwerlich fertig bringen,« erwiderte ich, nahm sorgfältig eine Kohle nach der andern vom Rost und legte sie in den Kohleneimer zurück, bis –«

»Bis?« fragte ich, als ich sah, wie er und Gryce einen bedeutsamen Blick wechselten.

»Bis ich dies hier fand,« ergänzte Fobbs, öffnete seine große Hand und zeigte mir einen Schlüssel mit zerbrochenem Griff.

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