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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 96
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Heimliche Enthauptung.

Hat der Scharfrichter von Landau früh den 17. Juni seiner Zeit die sechste Bitte des Vaterunsers mit Andacht gebetet, so weiß ich es nicht. Hat er sie nicht gebetet, so kam ein Brieflein von Ranzig am geschicktesten Tag. In dem Brieflein stand geschrieben: »Nachrichter von Landau! Ihr sollt unverzüglich nach Ranzig kommen und Euer großes Richtschwert mitbringen. Was Ihr zu thun habt, wird man Euch sagen und wohl bezahlen.« – Eine Kutsche zur Reise stand auch schon vor der Hausthüre. Der Scharfrichter dachte: »Das ist meines Amts,« und setzte sich in die Kutsche. Als er noch eine Stunde herwärts Nanzig war, es war schon Abend, und die Sonne ging in blutroten Wolken unter, und der Kutscher hielt stille und sagte: »Wir bekommen morgen wieder schön Wetter,« da stunden auf einmal drei starke, bewaffnete Männer an der Straße, die setzten sich auch zu dem Scharfrichter und versprachen ihm, daß ihm kein Leids widerfahren sollte, »aber die Augen müßt Ihr Euch zubinden lassen;« und als sie ihm die Augen zugebunden hatten, sagten sie: »Schwager, fahr zu.« Der Schwager fuhr fort, und es war dem Scharfrichter, als wenn er noch gute zwölf Stunden wäre weiter geführt worden, und konnte nicht wissen, wo er war. Er hörte die Nachteulen der Mitternacht; er hörte die Hähne rufen; er hörte die Morgenglocke läuten. Auf einmal hielt die Kutsche wieder still. Man führte ihn in ein Haus und gab ihm eins zu trinken und einen guten Wurstwecken dazu. Als er sich mit Speise und Trank gestärkt hatte, führte man ihn weiter im nämlichen Haus, Thür ein und aus, Treppe auf und ab, und als man ihm die Binde abnahm, befand er sich in einem großen Saal. Der Saal war ringsum mit schwarzen Tüchern behängt, und auf den Tischen brannten Wachskerzen. In der Mitte saß auf einem Stuhl eine Person mit entblößtem Hals und mit einer Larve vor dem Gesicht und muß etwas in dem Mund gehabt haben, denn sie konnte nicht reden, sondern nur schluchzen. Aber an den Wänden standen mehrere Herren in schwarzen Kleidern und mit schwarzem Flor vor den Angesichtern, also daß der Scharfrichter keinen von ihnen erkannt hätte, wenn er ihm in der anderen Stunde wieder begegnet wäre, und einer von ihnen überreichte ihm sein Schwert mit dem Befehl, dieser Person, die auf dem Stühllein saß, den Kopf abzuhauen. Da ward's dem armen Scharfrichter, als wenn er auf einmal im eiskalten Wasser stünde bis übers Herz, und sagte: »Das soll man ihm nicht übel nehmen, sein Schwert, das dem Dienste der Gerechtigkeit gewidmet sei, könne er mit einer Mordthat nicht entheiligen.« Allein einer von den Herren hob ihm aus der Ferne eine Pistole entgegen und sagte: »Entweder – oder! Wenn Ihr nicht thut, was man Euch heißt, so seht Ihr den Kirchturm von Landau nimmermehr.« Da dachte der Scharfrichter an Frau und Kinder daheim, »und wenn es nicht anders sein kann,« sagte er, »und ich vergieße unschuldiges Blut, so komme es auf Euer Haupt,« und schlug mit einem Hieb der armen Person den Kopf vom Leibe weg. Nach der That, so gab ihm einer von den Herren einen Geldbeutel, worin zweihundert Dublonen waren. Man band ihm die Augen wieder zu und führte ihn in die nämliche Kutsche zurück. Die nämlichen Personen begleiteten ihn wieder, die ihn gebracht hatten. Und als endlich die Kutsche stille hielt, und er bekam die Erlaubnis, auszusteigen und die Binde von den Augen abzulösen, stand er wieder, wo die drei Männer zu ihm eingesessen waren, eine Stunde herwärts Nanzig auf der Straße nach Landau, und es war Nacht. Die Kutsche aber fuhr eiligst wieder zurück.

Das ist dem Scharfrichter von Landau begegnet, und es wäre dem Hausfreund leid, wenn er sagen könnte, wer die arme Seele war, die auf einem so blutigen Weg in die Ewigkeit hat gehen müssen. Nein, es hat es niemand erfahren, wer sie war, und was sie gesündigt hat, und niemand weiß das Grab.

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