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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 93
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Der kluge Sultan.

Zu dem Großsultan der Türken, als er eben an einem Freitag in die Kirche gehen wollte, trat ein armer Mann von seinen Unterthanen mit schmutzigem Bart, zerfetztem Rock und durchlöcherten Pantoffeln, schlug ehrerbietig und kreuzweise die Arme übereinander und sagte: »Glaubst du auch, großmächtiger Sultan, was der heilige Prophet sagt?« Der Sultan, der ein gütiger Herr war, sagte: »Ja, ich glaube, was der Prophet sagt.« Der arme Mann fuhr fort: »Der Prophet sagte im Alkoran: Alle Muselmänner (das heißt, alle Mohammedaner) sind Brüder. Herr Bruder, so sei so gut und teile mit mir das Erbe.« Dazu lächelte der Kaiser und dachte: »Das ist eine neue Art, ein Almosen zu betteln,« und gibt ihm einen Löwenthaler. Der Türke beschaut das Geldstück lang auf der einen Seite und auf der anderen Seite. Am Ende schüttelt er den Kopf und sagt: »Herr Bruder, wie komme ich zu einem schäbigen Löwenthaler, da du doch mehr Silber und Gold hast, als hundert Maulesel tragen können, und meinen Kindern daheim werden vor Hunger die Nägel blau, und mir wird nächstens der Mund ganz zuwachsen. Heißt das geteilt mit einem Bruder?« Der gütige Sultan aber hob warnend den Finger in die Höhe und sagte: »Herr Bruder, sei zufrieden und sage ja niemand, wieviel ich dir gegeben habe, denn unsere Familie ist groß, und wenn unsere anderen Brüder alle auch kommen und verlangen ihr Erbteil von mir, so wird's nicht reichen und du mußt noch herausgeben.« Das begriff der Herr Bruder, ging zum Bäckermeister Abu Tlengi und kaufte ein Laiblein Brot für seine Kinder, der Kaiser aber begab sich in die Kirche und verrichtete sein Gebet.

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