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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 59
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Die Planeten.

(Fortsetzung.)

Der Rheinländische Hausfreund stellt sich seinem Leser gegenüber und fragt: Weißt du auch noch, geneigter Leser, wovon im vorigen Artikel über das Weltgebäude ist geredet worden?

Leser. Ja! von den Planeten ist geredet worden.

Hausfreund. Weißt du auch noch, was man Planeten nennt?

Leser. Ja! Planeten nennt man elf Sterne, die mit den anderen nicht gleichen Schritt halten, denn sie laufen in großen Kreisen um die Sonne herum und kommen, der eine heute, der andere morgen, aber jeder zu seiner Zeit.

Hausfreund. Weißt du denn auch noch, welche Planeten sind in der Betrachtung des Weltgebäudes im vorigen Artikel abgehandelt worden?

Leser. Ja! der Merkurius ist betrachtet worden und die Venus, das ist der Abendstern.

Der Hausfreund kann sich nicht genug darüber verwundern, daß der geneigte Leser so wohl begriffen und es so lange im Kopf behalten hat, und fährt nun also fort:

Der nächste Planet nach der Venus, oder der dritte von der Sonne weg ist unsere Erde selber mit ihrem Beiläufer, dem Mond. Sie hat 5400 deutsche Meilen im Umfang. Sie ist 21 Millionen Meilen weit von der Sonne entfernt und bekommt doch von ihr ein so schönes Tageslicht und so kräftige Wärme. Sie läuft um die Sonne herum in 365 Tagen und 6 Stunden und legt in dieser Zeit einen Raum von mehr als 131 Millionen Meilen zurück, ohne ein einzigesmal auszuruhen. Was aber sonst noch von der Erde zu sagen ist, und wie ihre Einwohner thäten, was dem Herrn übel gefiel, bisweilen aber doch auch etwas, das ihm wohl gefiel, siehe das ist geschrieben in einem eigenen Abschnitt und in den Erzählungen des Rheinländischen Hausfreundes.

Nach der Erde kommt der wunderschöne Planetstern Mars, der nicht wie die anderen ein gelbes oder weißes, sondern ein rötliches Licht hat, als wenn unaufhörlich ein großes Freudenfeuer dort brennte. Er erscheint uns, wie die anderen Planeten, nicht immer gleich, weil seine Weite von uns weg nicht immer die nämliche ist. Er ist größer und schöner, wenn er näher bei der Erde ist; unscheinbar und klein, wenn er weit weg steht. Er ist übrigens von der Sonne fast 32 Millionen Meilen weit entfernt, braucht doch nur ein Jahr und 322 Tage zu seinem Umlauf um dieselbe und durchläuft in solcher Zeit eine Bahn von 200 Millionen Meilen. Dagegen ist er fünfmal kleiner als die Erde und fast zehnmal leichter, und kann also schon flüchtiger fortkommen.

Für den nächsten Planeten nach dem Mars hat man von den ältesten Zeiten an bis vor wenig Jahren den Jupiter gehalten, und war mit keiner Lieb' zwischen ihnen noch ein anderer zu entdecken. Die Sternseher aber behaupteten herzhaft, zwischen ihnen fehle einer, ob ihn gleich noch kein sterblicher Mensch gesehen habe. Entweder, sagten sie, ist er so klein, daß wir ihn nicht sehen können, oder er hat seinen jüngsten Tag und die Auferstehung seiner Toten schon erlebt und ist nachher im Feuer aufgegangen, oder sonst verkommen.

Dies brachten sie folgendermaßen heraus: Wenn man sich von der Sonne weg bis zu dem Planeten Saturn, der für den letzten gehalten wurde, in einer geraden Linie gleichweit voneinander hundert Pünktlein vorstellt, so steht von der Sonne weg auf dem vierten Pünktlein der Planet Merkurius, und kann niemand etwas dafür, daß er dort steht und an keinem anderen Ort. Wenn man aber weiter zählt drei, dort steht die Venus. Zählt man weiter zweimal drei ist sechs, dort steht unsere Erde; zählt man weiter zweimal sechs ist zwölf, dort steht der Mars und fehlt sich nicht. Zählt man weiter zweimal zwölf, gibt vierundzwanzig, dort sah man nichts, und doch, wenn man wieder weiter fortfährt und sagt: zweimal vierundzwanzig ist achtundvierzig, so steht daselbst wieder der Planet Jupiter, und zweimal achtundvierzig ist sechsundneunzig, dort ist der Saturn. Sechsundneunzig aber addiert mit den vier ersten Punkten von der Sonne weg bis zum Merkurius thut hundert, so daß also der Saturnus richtig auf dem hundertsten Pünktlein steht. Weil nun alle diese Planeten in einer so sichtbaren Proportion und Ordnung voneinander abstehen und doch auf dem Pünktlein 24 nichts zu sehen war, deswegen sagten die Sternkundigen, dort müsse auch noch einer stehen, wenn er nicht schon wieder verschwunden sei. So etwas erzählt der Hausfreund nicht allen Leuten, aber seinen Lesern kann er nichts vorenthalten, damit sie sehen, was wir Sternseher und Kalendermacher für respektable Leute sind, die die Sterne des Himmels überschauen, wie ein Hirt seine Schäflein oder ein Schulherr seine Kinder, und merkt gleich, wenn eins fehlt. Wie gewiß wir aber unserer Sache sind, das hat sich vor einigen Jahren zu großer Freude gezeigt. Denn als der berühmte Mann, Namens Herschel, vor mehreren Jahren eine neue Art von Fernröhren oder Perspektiven erfunden hatte, die noch viel weiter tragen als die alten, so hat man einen kleinen Planeten auf Nr. 24 richtig entdeckt und sich etwas Rechtschaffenes darauf eingebildet. Allein das ist noch nicht alles. Denn da dieser Planet so klein erschien, so hatte man das Herz, zu behaupten, er sei nimmer ganz, sondern nur ein Stück von einem Ganzen. Auch diese Vermutung scheint durch die Erfahrung bestätigt zu sein, indem man nachher in kurzer Zeit nacheinander noch drei Sternlein ungefähr in der nämlichen Weite von der Sonne weg entdeckte, so daß man jetzt statt einem, der zu fehlen schien, vier auf einmal hat. Es ist daher fast nicht mehr zu zweifeln, daß einmal ein großer Planetstern an jener Stelle gewesen und schon vor undenklichen Zeiten in diese vier Stücke zersprungen sei, und muß ein rechtes Betrübnis gewesen sein, wenn ein Vater oder eine Mutter auf einem Stück geblieben ist und die Kinder auf einem anderen, und konnten hernach nichts mehr voneinander erfahren und einander durch niemand grüßen lassen.

Da jeder Stern einen Namen haben muß, wenn man von ihm reden will, so nannte man diese vier: die Pallas, die Juno, die Ceres und die Vesta. Drei davon sind durch deutsche Männer entdeckt worden.

Nach diesem kommt nun 108 Millionen Meilen von der Sonne weg der neunte Planet, Jupiter genannt. Ob er gleich in unseren Augen nicht größer als ein Brabanter Thaler aussieht, so ist er doch 1474mal größer als die Erde und der größte unter allen Planeten. Er vollendet seine Laufbahn um die Sonne in zwölf Jahren nur einmal, und um ihn selbst bewegen sich in ungleichen Entfernungen vier Monde, was schön aussehen muß, wenn sie in einer Nacht alle zugleich am Himmel stehen. Auch laufen mehrere veränderliche graue Streifen über ihn weg, und man weiß nicht recht, was man davon halten soll.

Der zehnte Planet ist der Saturn. Dieser ist von der Sonne fast noch einmal so weit entfernt, als der Jupiter, nämlich 199 Millionen Meilen. Sein Weg um die Sonne umfaßt mehr als 1280 Millionen Meilen, wozu er 29½ Jahr von nöten hat. Da er so entsetzlich weit von der Sonne entfernt ist, so muß auf ihm das Licht derselben 90mal schwächer als aus unserer Erde sein, und muß einer schon gute Augen haben, wenn er dabei eine Nadel will einfädeln.

Dafür hat er aber sieben Monde, die ihm seine trüben Tage erfreulich machen und seine langen Nächte erheitern. Ueberdies hat dieser Planet noch etwas, was kein anderer hat, einen Ring, der aber doppelt ist. Dieser Ring zieht sich in einer nicht gar großen Entfernung um den Saturn ringsherum, ist sehr breit, nicht gar dick, und wird ebenfalls von der Sonne erleuchtet. Ohne Zweifel wirft er sein Licht ebenso wie die Monde auf den dunkeln Körper des Planeten zurück und hilft zu seiner Erhellung. Sonst weiß man von ihm nicht viel zu sagen.

Lange hat man geglaubt, dieser Saturn sei nun der letzte Planet, an den die Sonne scheinet, und jetzt sei man fertig, bis der berühmte Herschel, von welchem oben Erwähnung geschah, ebenfalls ein geborener Deutscher, am 13. Mai 1781 zur großen Verwunderung und Freude der Gelehrten noch einen neuen entdeckte, welcher nun an der Zahl der elfte ist und vielleicht noch nicht der letzte ist. Denn der schwache Mensch kommt der göttlichen Allmacht nie an das Ende, und man muß nie sagen: wo ich nichts mehr sehe, dort ist nichts mehr. Dieser neue Planet heißt Uranus, wird aber ohne Zweifel der älteste sein. Er ist noch einmal so weit von der Sonne entfernt als der Saturn, nämlich 400 Millionen Meilen. Er muß in einem Kreis von 2514 Millionen Meilen um die Sonne herumgehen. Ein Jahr auf diesem Planeten wahrt so lang, als bei uns 83 Jahre oder ein langes Menschenleben, und ein hundertjähriger Kalender thut daselbst 8300 Jahre lang gut. Wegen der großen Entfernung ist daselbst die Wirkung der Sonne 361mal schwächer als bei uns. Dagegen wird er von sechs und vielleicht noch mehreren Monden erleuchtet, die um ihn herum aufgehen und untergehen, jeder zu seiner Stunde, und muß der Kalendermacher allda ein ganzer Mann sein und ein recht Stück Arbeit haben, bis er fertig ist, wenn er für jeden Tag des langen Jahres jedes Mondes Aufgang und Untergang und ihre Brüche ausrechnen und anzeigen soll.

Das sind nun die Planetsterne, welche man bis jetzt kennt und entdeckt hat, nach ihrer Reihe, Massen und Zeiten. Weil man aber so eine Zahl von ein paar hundert Millionen Meilen leicht wegliest und nicht daran denkt, wieviel sie ausweist, so merke: Wenn auf der Sonne ein Artillerist vom zweiten Bataillon in diesem Augenblick eine Kanone abbrennte, die Kugel flöge in ihrer bekannten Geschwindigkeit, Tag und Nacht, Sonntag und Werktag in gerader Linie immer fort und fort, so käme sie doch in dem Merkur erst ungefähr nach 10 Jahren, in der Venus nach 18, auf der Erde, wie oben gesagt, nach 25, auf dem Mars nach 38, auf dem Jupiter nach 130 Jahren an. Bis zu dem Saturnus aber hätte sie zu fliegen 238 und zu dem Uranus 470 Jahre. So weit sind diese 11 Sterne einer nach dem andern von der Sonne entfernt, die gleichsam ihre Mutter und Säugamme ist; und sie verbreitet doch rings um sich bis zu dem letzten so viel Licht und Wärme und Segen, als jedem nötig ist, und der unsichtbare Gott, der sie erschaffen hat, ist mit seiner Allmacht und Güte überall zugegen und sättiget und erfreuet alles, was da lebet, mit Wohlgefallen.

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