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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 49
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Der schlaue Pilgrim.

Vor einigen Jahren zog ein Müßiggänger durch das Land, der sich für einen frommen Pilgrim ausgab, gab vor, er komme von Paderborn und laufe geradeswegs zum heiligen Grab nach Jerusalem, fragte schon in Mühlheim an der Post: Wie weit ist es noch nach Jerusalem? Und wenn man ihm sagte: Siebenhundert Stunden; aber auf dem Fußweg über Mauchen ist es eine Viertelstunde näher, so ging er, um auf dem langen Weg eine Viertelstunde zu ersparen, über Mauchen. Das wäre nun so übel nicht. Man muß einen kleinen Vorteil nicht verachten, sonst kommt man zu keinem großen. Man hat öfter Gelegenheit, einen Batzen zu ersparen oder zu gewinnen, als einen Gulden. Aber 15 Batzen sind auch ein Gulden, und wer auf einem Wege von 700 Stunden nur allemal an fünf Stunden weiß eine Viertelstunde abzukürzen, der hat an der ganzen Reise gewonnen – wer rechnet aus, wie viel? Allein unser verkleideter Pilgrim dachte nicht ebenso, sondern weil er nur dem Müßiggang und guten Essen nachzog, so war es ihm einerlei, wo er war. Ein Bettler kann nach dem alten Sprichwort nie verirren, muß in ein schlechtes Dorf kommen, wenn er nicht mehr darin bekommt, als er unterwegs an den Sohlen zerreißt, zumal wenn er barfuß geht. Unser Pilgrim aber dachte doch immer darauf, sobald als möglich wieder an die Landstraße zu kommen, wo reiche Häuser stehen und gut gekocht wird. Denn der Halunke war nicht zufrieden, wie ein rechter Pilgrim sein soll, mit gemeiner Nahrung, die ihm von einer mitleidigen und frommen Hand gereicht wurde, sondern wollte nichts fressen als nahrhafte Kieselsteinsuppen. Wenn er nämlich irgendwo so ein braves Wirtshaus an der Straße stehen sah, wie zum Exempel das Posthaus in Krotzingen, oder den Baselstab in Schliengen, so ging er hinein und bat ganz demütig und hungrig um ein gutes Wassersüpplein von Kieselsteinen, um Gottes willen, Geld habe er keines. – Wenn nun die mitleidige Wirtin zu ihm sagte: »Frommer Pilgrim, die Kieselsteine könnten Euch hart im Magen liegen!« so sagte er: »Eben deswegen! die Kieselsteine halten länger an als Brot, und der Weg nach Jerusalem ist weit. Wenn Ihr mir aber ein Gläschen Wein dazu bescheren wollt, um Gottes willen, so könnt' ich's freilich besser verdauen.« Wenn aber die Wirtin sagte: »Aber, frommer Pilgram, eine solche Suppe kann Euch doch unmöglich Kraft geben!« so antwortete er: »Ei, wenn Ihr anstatt des Wassers wolltet Fleischbrühe dazu nehmen, um Gottes willen, so wär's freilich nahrhafter.« Brachte nun die Wirtin eine solche Suppe und sagte: »Die Tünklein sind doch nicht so gar weich worden,« so sagte er: »Ja, und die Brühe sieht gar dünn aus. Hättet Ihr nicht ein paar Gabeln voll Gemüs darein, oder ein Stücklein Fleisch, oder beides, um Gottes willen?« Wenn ihm nun die mitleidige Wirtin auch noch Gemüs und Fleisch in die Schüssel legte, so sagte er: »Vergelt's Euch Gott! Gebt mir jetzt Brot, so will ich die Suppe essen.« Hierauf streifte er die Aermel seines Pilgergewandes zurück, setzte sich und griff an das Werk mit Freuden, und wenn er Brot und Wein und Fleisch und Gemüs und die Fleischbrühe aufgezehrt hatte bis auf den letzten Brosamen, Faser und Tropfen, so wischte er den Mund am Tischtuch oder an dem Aermel ab, oder auch gar nicht, und sagte: »Frau Wirtin, Eure Suppe hat mich rechtschaffen gesättigt, so daß ich die schönen Kieselsteine nicht einmal mehr zwingen kann. Es ist schade dafür! Aber hebt sie auf. Wenn ich wieder komme, so will ich Euch eine heilige Muschel mitbringen ab dem Meeresstrand von Askalon, oder eine Rose von Jericho.«

Drum hüte dich; nicht das Gewand macht den Pilgrim, sondern der fromme Sinn, und eine Sünde ist es, dasselbe zu mißbrauchen.

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