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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Die Spinnen.

1.

Die Spinne ist ein verachtetes Tier; viele Menschen fürchten sich sogar davor, und doch ist sie auch ein merkwürdiges Geschöpf und hat in der Welt ihren Nutzen. Zum Beispiel: Die Spinne hat nicht zwei Augen, sondern acht. Mancher wird dabei denken, da sei es keine Kunst, daß sie die Fliegen und Mücken, die an ihren Fäden hängen bleiben, so geschwind erblickt und zu erhaschen weiß. Allein das macht's nicht aus. Denn eine Fliege hat nach den Untersuchungen der Naturkundigen viele hundert Augen und nimmt doch das Netz nicht in acht und ihre Feindin, die groß genug darin sitzt. Was folgt daraus? Es gehören nicht nur Augen, sondern auch Verstand und Geschick dazu, wenn man glücklich durch die Welt kommen und in keine verborgenen Fallstricke geraten will. – Wie fein ist ein Faden, den eine Spinne in der größten Geschwindigkeit von einer Wand bis an die andere zu ziehen weiß! Und doch versichern abermals die Naturkundigen, daß ein solcher Faden, den man kaum mit bloßen Augen sieht, wohl sechstausendfach zusammengesetzt sein könne. Das bringen sie so heraus: Die Spinne hat an ihrem Körper nicht nur eine, sondern sechs Drüsen, aus welchen zu gleicher Zeit Fäden hervorgehen. Aber jede von diesen Drüsen hat wohl tausend feine Oeffnungen, von welchen keine umsonst da sein wird. Wenn also jedesmal aus allen diesen Oeffnungen ein solcher Faden herausgeht, so ist an der Zahl sechstausend nichts auszusetzen, und dann kann man wohl begreifen, daß ein solcher Faden, obgleich so fein, doch auch so fest sein könne, daß das Tier mit der größten Sicherheit daran auf und ab steigen und sich in Sturm und Wetter darauf verlassen kann. Muß man nicht über die Kunst und Geschicklichkeit dieser Geschöpfe erstaunen, wenn man ihnen an ihrer stillen und unverdrossenen Arbeit zuschaut, und an den großen und weisen Schöpfer denken, der für alles sorgt und solche Wunder in einem so kleinen und unscheinbaren Körper zu verbergen weiß?

2.

Das mag alles gut sein, denkt wohl mancher, wenn sie nur nicht giftig wären, und läuft davon, oder zertritt sie, wo er eine findet. Aber wer sagt denn, daß unsere Spinnen giftig seien? Noch kein Mensch ist in unseren Gegenden von einer Spinne vergiftet worden. Gibt es nicht hie und da Leute, die sie aufs Brot streichen und verschlucken? Wohl bekomm's, wem es schmeckt! Auch sonst thun diese Tierlein, die nur für die Erhaltung ihres eigenen Lebens besorgt sind, keinem Menschen etwas zuleide. Im Gegenteil leisten sie in der Natur einen großen Nutzen, den man aber, wie es oft geschieht, nicht hoch anschlägt, weil jede einzelne wenig dazu beizutragen scheint. Es ist das Geringste, daß sie hie und da einer Stubenfliege den Garaus machen. Für diese wäre noch anderer Rat. Aber sie verzehren auch jährlich und täglich eine große Anzahl anderer sehr kleiner Mücklein, die uns durch ihre Menge erstaunlich beschwerlich und schädlich werden, und gegen welche man sich nicht erwehren könnte, wenn sie überhand nähmen. Sind nicht manchmal ganze Ackerfurchen mit Spinnengewebe überzogen und glänzen im Morgentau? Da geht manches Mücklein zu Grunde, das die aufkeimende Saat vielleicht angegriffen und verletzt hätte. Ein Gefangener machte einst in seinem einsamen Kerker eine Spinne so zahm, daß sie seine Stimme kannte und allemal kam, wenn er sie lockte und etwas für sie hatte. Sie verkürzte ihm an einem Orte, wo kein Freund zu ihm kommen konnte, manche traurige Stunde. Aber als der Kerkermeister es merkte, brachte er sie ums Leben. Was ist verabscheuungswürdig? Ein solches Tier, das doch noch einem Unglücklichen einiges Vergnügen machen kann, oder ein solcher Mensch, der dem Unglücklichen auch dieses Vergnügen mißgönnt und zerstört? Ein anderer Gefangener, der sonst nichts zu thun wußte, gab lange Zeit auf die Spinnen acht und merkte, daß sie auch Wetterpropheten seien. Bald ließen sie sich sehen und arbeiteten, bald nicht. Einmal spannen sie träge, ein andermal hurtig, lange Fäden oder kurze, einmal näher zusammen, ein andermal weiter auseinander, so oder so, und endlich konnte er daran erkennen, was für Wetter kommt, Sturm, Regen oder Sonnenschein, anhaltend oder veränderlich. Also auch dazu sind sie gut, und wenn sich jemand verwundet hat und findet geschwind ein Spinnengewebe, das er auf die blutende Wunde legen kann, so ist er doch auch froh darüber. Wenn es rein ist, so kann es Blut und Schmerzen stillen. Wenn es aber voller Staub ist, so schmerzt es noch mehr, weil der unreine Staub in die Wunde kommt.

3.

Daß es mancherlei Tiere dieser Gattung gebe, sieht man schon an der Verschiedenheit ihres Gewebes in der freien Luft, an Fensterscheiben, in den Winkeln, auf den Feldern, da und dort. Manche spinnen gar nicht, sondern springen nach ihrer Beute. Im Frühjahre und noch viel mehr im trockenen, warmen Nachsommer sieht man oft gar viele weiße Fäden in der Luft herumfliegen. Alle Bäume hängen manchmal voll, und die Hüte der Wanderer auf der Straße werden davon überzogen. Man konnte lange nicht erraten, wo diese Fäden und Flocken herkommen, und machte sich allerlei wunderliche Vorstellungen davon. Jetzt weiß man gewiß, daß es lauter Gespinst ist von unzählig viel kleinen schwarzen Spinnen, welche deswegen die Spinnen des fliegenden Sommers genannt werden. Da sieht man wieder, wieviel auch durch kleine Kräfte kann ausgerichtet werden, wenn nur viele das Nämliche thun. –

Aber eine gefürchtete Spinne lebt in dem untersten heißen Italien. Sie ist unter dem Namen Tarantel bekannt. Diese soll wohl die Menschen beißen und durch den giftigen Biß krank und schwermütig machen. Ein Mittel dagegen soll ein gewisser Tanz sein, die Tarantala genannt. Wenn die Kranken die Musik dazu hören, so fangen sie an, zu tanzen, bis sie vor Müdigkeit umfallen, und sind alsdann genesen. Es ließe sich wohl begreifen, daß durch die heftige Bewegung das Gift aus dem Körper herausgetrieben werde. Allein es ist doch, wie man für gewiß weiß, viel Einbildung und Uebertreibung dabei, und wohl auch Betrug.

Ein anderes merkwürdiges Tier dieser Art lebt in einer Gegend von Amerika und heißt Buschspinne. Diese nimmt nicht mit Stubenfliegen und Mücklein vorlieb. Nein, einer gewissen Art von Vögeln geht sie nach, greift sie an und zwingt sie, tötet sie und saugt ihnen das Blut und die Eier aus. Worüber soll man sich am meisten verwundern, über die große Spinne oder über die kleinen Vögel?

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