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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Der Mensch in Kälte und Hitze.

Der Mensch kann nichts Nützlicheres und Besseres kennen lernen, als sich selbst und seine Natur; und mancher, der bei uns an einem heißen Sommertage fast verschmachten will, oder im kalten Januar sich nicht getraut, vom warmen Ofen wegzugehen, wird kaum glauben können, was ich sagen werde, und doch ist es wahr.

Bekanntlich ist die Wärme des Sommers und die Kälte des Winters nicht in allen Gegenden der Erde gleich, auch kommen sie nicht an allen Orten zu gleicher Zeit und sind nicht von gleicher Dauer. Es gibt Gegenden, wo der Winter den größten Teil des ganzen Jahrs Herr und Meister ist und entsetzlich streng regiert, wo das Wasser in den Seen zehn Schuh tief gefriert und die Erde selbst im Sommer nicht ganz, sondern nur einige Schuh tief auftaut, weil dort die Sonne etliche Monate lang gar nicht mehr scheint und ihre Strahlen auch im Sommer nur schief über den Boden hingleiten. Und wiederum gibt es andere Gegenden, wo man gar nichts von Schnee und Eis und Winter weiß, wo aber auch das Gefühl der höchsten Sommerhitze fast unerträglich sein muß, zumal wo es tief im Land an Gebirgen und großen Flüssen fehlt, weil dort die Sonne den Einwohnern gerade über den Köpfen steht und ihre glühenden Strahlen senkrecht auf die Erde hinabwirft. Es muß daher an beiderlei Orten auch noch manches anders sein, als bei uns, und doch leben und wohnen Menschen, wie wir sind, da und dort. Keine einzige Art von Tieren hat sich von selber so weit über die Erde ausgebreitet, als der Mensch. Die kalten und die heißen Gegenden haben ihre eigenen Tiere, die ihren Wohnort freiwillig nie verlassen. Nur sehr wenige, die der Mensch mitgenommen hat, sind imstande, die größte Hitze in der einen Weltgegend und die grimmigste Kälte in der anderen auszuhalten. Auch diese leiden sehr dabei, und die anderen verschmachten oder erfrieren, oder sie verhungern, weil sie ihre Nahrung nicht finden. Auch die Pflanzen und die stärksten Bäume kommen nicht auf der ganzen Erde fort, sondern sie bleiben in der Gegend, für welche sie geschaffen sind, und selbst die Tanne und die Eiche verwandeln sich in den kältesten Ländern in ein niedriges unscheinbares Gesträuch und Gestrüppe auf dem ebenen Boden, wie wir's auf unseren hohen, kahlen und kalten Bergen auch bisweilen wahrnehmen. Aber der Mensch hat sich überall ausgebreitet, wo nur ein lebendiges Wesen fortkommen kann, ist überall daheim, liebt in den heißesten und kältesten Gegenden sein Vaterland und die Heimat, in der er geboren ist, und wenn ihr einen Wilden, wie man sie nennt, in eine mildere und schönere Gegend bringt, so mag er dort nicht leben und nicht glücklich sein. So ist der Mensch. Seine Natur richtet sich allmählich und immer mehr nach der Gegend, in welcher er lebt, und er weiß wieder durch seine Vernunft seinen Aufenthalt einzurichten und so bequem und angenehm zu machen, als es möglich ist. Das muß der Schöpfer gemeint haben, als er über das menschliche Geschlecht seinen Segen aussprach: »Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllet (oder bevölkert) die Erde, und machet sie euch unterthan.«

Ich will jetzt einige Beispiele anführen, was für hohe Kälte und Hitze die Menschen aushalten können.

Zu Jeniseisk in Sibirien trat einst im Januar 1735 eine solche Kälte ein, daß die Sperlinge und andere Vögel tot aus der Luft herabfielen, und alles, was in der Luft gefrieren konnte, wurde zu Eis, und doch leben Menschen dort.

Zu Krasnaiarsk, ebenfalls in Sibirien, wurde im Jahr 1772 den 7. Dezember die Kälte so heftig, daß eine Schale voll Quecksilber, welches man in die freie Luft setzte, in ein festes Metall zusammengefror. Man konnte es wie Blei biegen und hämmern, und doch hielten es die Menschen aus.

Eine ähnliche Kälte erlitten einst die Engländer in Nordamerika an der Hudsonsbai. Da fror ihnen selbst in den geheizten Stuben der Branntwein in Eis zusammen. Sie konnten ihn nicht flüssig erhalten. In den langen dunkeln Wintertagen erleuchtete man die Stuben mit glühenden Kanonenkugeln, und die starke Ofenhitze daneben konnte doch nicht hindern, daß nicht die Wände und Bettstätten mit Eis und Duft überzogen wurden.

Was für eine Hitze hingegen wieder die nämliche Menschennatur aushalten kann, das sehen wir schon an unseren Feuerarbeitern, z. B. in Glashütten, Eisenschmelzen, Hammerschmieden, wo die Leute sich durch schwere Arbeit noch mehr erhitzen müssen. In Breitlingen, das ist eine Erzgrube am Tammelsberg in Sachsen, mußte das feste Gestein unter der Erde durch Feuer mürbe gemacht werden. Da sind nun viele schweflichte Teile und Dünste, die in Entzündung geraten und eine so erstaunliche und unerträgliche Hitze verursachen, daß die Bergleute selbst noch den Tag nach der Löschung des Feuers nackt arbeiten und alle Stunden innehalten und sich wieder abkühlen müssen.

Manche Personen, die in Krankheiten viel aufs Schwitzen halten, kriechen in einen heißdünstigen Backofen, wenn das Brot herausgenommen ist, lassen nur so viel Oeffnung zu, als zum Atemholen nötig ist, und schwitzen so nach Herzenslust. Das mag nun freilich nicht viel nützen, und ein vernünftiger Arzt wird es nicht groß loben. Wer das aber weiß, der wird nun folgende wahre Erfahrungen nicht mehr so unglaublich finden. Vier bekannte und berühmte Männer ließen einst ein kleines Zimmer so stark erhitzen, als nur möglich war. Da kam die Hitze der Luft fast der Hitze des kochenden Wassers gleich. Und doch hielten dieselben sie zehn Minuten lang aus, wiewohl nicht ohne Beschwerden. Einer von ihnen trieb den Versuch noch weiter. In einer Hitze, wo frische Eier in zehn Minuten in der Luft hart gebacken wurden, hielt er acht Minuten aus.

Das war nun freilich eine gemachte künstliche Hitze. Aber auch in der Natur geht es manchen Orten nicht viel besser. So weht bisweilen in heißen Gegenden auf einmal ein so trockener und heißer Wind von den Sandwüsten her, daß die Blätter an den Bäumen, wo er durchzieht, augenblicklich versengt werden und abdorren, Menschen, die alsdann im Freien sind, müssen sich freilich ohne Verzug mit dem Gesicht auf die Erde niederlegen, damit sie nicht ersticken, und haben gleichwohl noch viel dabei auszustehen. Selbst in geschlossenen Zimmern kann man sich vor Mattigkeit fast nicht mehr bewegen. Aber gleichwohl übersieht man es, wenn man vorsichtig ist und Erfahrungen benutzt.

Wenn man so etwas liest oder hört, so lernt man doch zufrieden sein daheim, wenn sonst schon nicht alles ist, wie man gerne möchte.

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