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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Nützliche Lehren.

1.

Die Menschen nehmen oft ein kleines Ungemach viel schwerer auf und tragen es ungeduldiger als ein großes Unglück, und der ist noch nicht am schlimmsten daran, der viel zu klagen hat und alle Tage etwas anderes. Erfahrung und Uebung im Unglück lehrt schweigen. Aber wenn ihr einen Menschen wißt, der nicht klagt, und doch nicht fröhlich sein kann, ihr fragt ihn, was ihm fehle, und er sagt's euch kurz und gut, oder gar nicht, dem sucht ein gutes Zutrauen abzugewinnen, wenn ihr es wert seid, und ratet und helft ihm, wenn ihr könnt.

2.

Ist denn der Mensch deswegen so schlimm und so schlecht, weil die bösen Neigungen zuerst in seinem Herzen erwachen und das Gute nur durch Erziehung und Unterricht bei ihm anschlägt? Euer bester Ackerboden trägt doch auch nur Gras und Unkraut aus eigener Kraft und euer Leben lang keine Weizenernte; und ein dürres Sandfeld, das nicht einmal aus eigener Kraft Unkraut treibt, wird auch euern Fleiß und eure Hoffnung nie mit einer Fruchtgarbe erfreuen. Aber wenn ihr den guten Boden ansäet zur rechten Zeit, sein wartet und pfleget, wie sich's gebühret, so steigt im Morgentau und Abendregen eine fröhliche Saat empor, und die Raden und Kornrosen und mancherlei taubes Gras möchten gern, aber es kann nicht mehr emporkommen. Die gesunde Aehre schwankt in der Luft und füllt sich mit kostbaren Körnern. So ist es mit dem Menschen und mit seinem Herzen auch. Was lernen wir daraus? Man muß nicht unzeitig klagen und hadern und die Hoffnung aufgeben, ehe sie erfüllt werden kann. Man muß den Fleiß, die Mühe und Geduld, die man an eine Handvoll Fruchthalme gerne verwendet, an den eigenen Kindern sich nicht verdrießen lassen. Man muß dem Unkraut zuvorkommen und guten Samen, christliche schöne Tugenden in das weiche, zarte Herz hineinpflanzen und Gott vertrauen, so wird's besser werden.

3.

Man vergißt im menschlichen Leben nichts so leicht, als das Multiplizieren, wenn man es noch so gut in der Schule gelernt hat und kann. Und doch lernt man in der Schule für das Leben, und die Weisheit besteht nicht im Wissen, sondern in der rechten Anwendung und Ausübung davon.

Es kann jemand einen Tag in den anderen nur einen Groschen unnötigerweise ausgeben. Mancher, der den Groschen übrig hat, thut es und meint, es sei nicht viel. Aber in einem Jahre sind es 365 Groschen, und in dreißig Jahren 10 950 Groschen. Facit 547 fl. 30 kr. weggeworfenes Geld, und das ist doch viel.

Ein anderer kann einen Tag in den anderen zwei Stunden unnütz und im Müßiggang zubringen und meint jedesmal, für heute lasse es sich verantworten. Das multipliziert sich in einem Jahr zu 730 Stunden, und in dreißig Jahren zu 21 900 Stunden. Facit 912 verlorene Tage des kurzen Lebens. Das ist noch mehr als 517 fl., wer's bedenkt. – Die Erde hat 5100 deutsche Meilen oder 10 800 Stunden im Umkreis. Das ist ein weiter Weg. Aber wenn man in gerader Linie fortgehen könnte, und es wollte jemand jeden Tag nur eine Stunde davon zurücklegen, so könnte er im dreißigsten Jahre wieder daheim sein. Daraus ist zu lernen, wie weit ein Mensch in seinem Leben es nach und nach bringen kann, wenn er zu einem nützlichen Geschäft jeden Tag nur eine Stunde anwenden will, und wie viel weiter noch, wenn er alle Tage dazu benutzt, besser und vollkommener zu werden und sein eigenes Wohl und das Wohl der Seinigen als Christ zu befördern. Aber wer nie anfängt, der hört nie auf, und wem wenig auf einmal nicht genug ist, der erfährt nie, wie man nach und nach zu vielem kommt.

4.

Zum Erwerben eines Glückes gehört Fleiß und Geduld, und zur Erhaltung desselben gehört Mäßigung und Vorsicht. Langsam und Schritt für Schritt steigt man eine Treppe hinauf. Aber in einem Augenblick fällt man hinab und bringt Wunden und Schmerzen genug mit auf die Erde.

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