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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 126
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Baumzucht.

Der Adjunkt tritt mit schwarzen Lippen, ohne daß er's weiß, mit blauen Zähnen und herabhängenden Schnüren an den Beinkleidern zu dem Hausfreund. »Die Kirschen,« sagte er, »schmecken mir doch nie besser, als wenn ich selber frei und keck wie ein Vöglein auf dem lustigen Baum kann sitzen und essen frisch weg von den Zweigen die schönsten, – auf einem Ast ich, auf einem anderen ein Spatz.«

»Wir nähren uns doch alle,« sagt er, »an dem nämlichen großen Hausvaterstisch und aus der nämlichen milden Hand, die Biene, die Grundel im Bach, der Vogel im Busch, das Rößlein und der Herr Vogt, der darauf reitet.«

»Hausfreund,« sagte der Adjunkt, »singt mir einmal in Eurer Weise das Liedlein vom Kirschbaum. Ich will dazu pfeifen auf dem Blatt.«

          Der lieb' Gott het zum Frühlig gseit:
»Gang, deck im Würmli au si Tisch!«
Druf het der Chriesbaum Blätter treit,
Viel tuusig Blätter grün und frisch.

          Und 's Würmli usem Ei verwacht's,
's het gschlofen in si'm Winterhuus,
Es streckt si und sperrt's Müüli uf
Und ribt die blöden Augen us.

          Und druf se het's mit stillem Zahn
Am Blättli g'nagt enander no
Und gseit: »Wie ist das Gmües so gut!
Me chunnt schier nimme weg dervo.«

          Und wieder het der lieb' Gott gseit:
»Deck jez im Imli au si Tisch!«
Druf het der Chriesbaum Blüete treit,
Viel tuusig Blüete wüß und frisch.

          Und 's Imli sieht's und fliegt druf los,
Früeih in der Sunne Morge-Schin,
Es denkt: »Das wird mi Kaffee sy.
Sie hen doch chosper Porzelin.«

          »Wie sufer sin die Chächeli g'schwenkt!«
Es streckt si trochche Züngli dri.
Es trinkt und seit: »Wie schmeckt's so süeß,
Do muß der Zucker wohlfel sy.«

          Der lieb' Gott het zum Summer gseit:
»Gang, deck im Spätzli au si Tisch!«
Druf het der Chriesbaum Früchte treit,
Viel tuusig Chriesi rot und frisch.

          Und 's Spätzli seit: »Isch das der B'richt?
Do sitzt me zu und fragt nit lang.
Das gibt mer Chraft in Mark und Bei'
Und stärkt mer d' Stimm' zum neue G'sang.«

»Hausfreund,« sagt der Adjunkt, »hat Euch auch manchmal der Feldschütz verjagt ab den Kirschbäumen in Eurer Jugend? Und habt Ihr, wenn's noch so dunkel war, den Weg doch gefunden auf die Zwetschenbäume im Pfarrgarten zu Schopfen, und Aepfel und Nüsse eingetragen auf den Winter, wie meiner Frau Schwiegermutter ihr Eichhörnlein, das sie Euch geschenkt hat? Man denkt doch am längsten daran, was einem in der Jugend begegnet ist.«

»Das geht natürlich zu,« sagt der Hausfreund, »man hat am längsten Zeit, daran zu denken.«

          Der lieb' Gott het zum Spötlig gseit:
»Nuum ab! sie hen jez alli g'ha!«
Druf het a chüele Bergluft g'weiht,
Und 's het scho chleini Rifa g'ha,

          Und d' Blättli werden gel und rot
Und fallen eis im andere no,
Und was vom Boden obsi chunnt,
Muß au zum Bode nidsi go.

          Der lieb' Gott het zum Winter gseit:
»Deck weidle zu, was übrig ist.«
Druf het der Winter Flocken gstreut –

»Hausfreund,« sagte der Adjunkt, »Ihr seid ein wenig heiser. Wenn ich die Wahl hätte: ein eigenes Kühlein oder ein eigener Kirschbaum, oder Nußbaum, lieber ein Baum.«

Der Hausfreund sagt: »Adjunkt, Ihr seid ein schlauer Gesell. Ihr denkt, wenn ich einen eigenen Baum hätte, so hätt' ich auch einen eigenen Garten, oder Acker, wo der Baum darauf steht. Eine eigene Hausthüre wäre auch nicht zu verachten, aber mit einem eigenen Kühlein auf seinen vier Beinen könntet Ihr übel dran sein.«

»Das ist's eben,« sagt der Adjunkt, »so ein Baum frißt keinen Klee und keinen Haber. Nein, er trinkt still wie ein Mutterkind den nährenden Saft der Erde und saugt reines warmes Leben aus dem Sonnenschein, und frisches aus der Luft, und schüttelt die Haare im Sturm. Auch könnte mir das Kühlein zeitlich sterben. Aber so ein Baum wartet auf Kinder und Kindeskinder mit seinen Blüten, mit seinen Vogelnestern und mit seinem Segen. Die Bäume wären die glücklichsten Geschöpfe, meint der Adjunkt, wenn sie wüßten, wie frei und lustig sie wohnen, wie schön sie sind im Frühling und in ihrem Christkindleinsstaat im Sommer, und alles stehen bleibt und sie betrachtet und Gott dankt, oder wenn der Wanderer ausruht in ihrem Schatten, und ein Pfeiflein Tabak genießt, oder ein Stücklein Käs, und wie sie gleich dem Kaiser Wohlthaten austeilen können und jung und alt froh machen umsonst, und im Winter allein nicht heimgehen. Nein, sie bleiben draußen und weisen den Wandersmann zurecht, wenn Fahrwege und Fußpfade verschneit sind: – Rechts – jetzt links – jetzt noch ein wenig links über das Berglein.«

»Hausfreund,« sagt der Adjunkt, »wenn Ihr einmal Vogt werdet, Stabhalter seid Ihr schon, oder gar Kreisrat, das Alter hättet Ihr, so müßt Ihr Eure Untergebenen fleißig zur Baumzucht und zur Gottseligkeit anhalten und ihnen selber mit einem guten Beispiel voranleuchten. Ihr könnt Eurer Gemeinde keinen größeren Segen hinterlassen. Denn ein Baum, wenn er gesetzt oder gezweigt wird, kostet nichts oder wenig; wenn er aber groß ist, so ist er ein Kapital für die Kinder und trägt dankbare Zinsen. Die Gottseligkeit aber hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens.«

»Wenn ich mir einmal so viel bei Euch erworben habe,« sagt der Adjunkt zum Hausfreund, »daß ich mir ein eigenes Gütlein kaufen und meiner Frau Schwiegermutter ihre Tochter heiraten kann, und der liebe Gott beschert mir Nachwuchs, so setze ich jedem meiner Kinder ein eigenes Bäumlein, und das Bäumlein muß heißen wie das Kind, Ludwig, Johannes, Henriette, und ist sein eigenes erstes Kapital und Vermögen, und ich sehe zu, wie sie miteinander wachsen und gedeihen und immer schöner werden, und wie nach wenig Jahren das Büblein selber auf sein Kapital klettert und die Zinsen einzieht. Wenn mir aber der liebe Gott eins von meinen Kindern nimmt, so bitte ich den Herrn Pfarrer oder den Dekan und begrabe es unter sein Bäumlein, und wenn alsdann der Frühling wiederkehrt, und alle Bäume stehen wie Auferstandene von den Toten in ihrer Verklärung da, voll Blüten und Sommervögel und Hoffnung, so lege ich mich an das Grab und rufe leise hinab: ›Stilles Kind, dein Bäumlein blüht. Schlafe du indessen ruhig fort! Dein Maitag bleibt dir auch nicht aus?‹«

Es ist kein unwäger Mensch, der Adjunkt.

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