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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 120
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Der fremde Herr.

Einem Schneider in der Stadt waren seit ein paar Jahren die Nadeln ein wenig verrostet und die Schere zusammengewachsen, also nährt er sich, so gut er kann. »Gevatter,« sagt zu ihm der Perückenmacher, »Ihr tragt nicht gerne schwer; wollt Ihr nicht dem Herrn Dechant von Brassenheim eine neue Perücke bringen in einer Schachtel? Sie ist leicht, und er zahlt Euch den Gang.« – »Gevatter,« sagt der Schneider, »es ist ohnedem Jahrmarkt in Brassenheim. Leiht mir die Kleider, die Euch der irrende Ritter im Versatz gelassen hat, der Euch angeschmiert hat, so stell' ich auf dem Jahrmarkt etwas vor.«

Der Adjunkt hat die Tugend, wenn er auf drei Stunden im Revier einen Markt weiß, so ist ihm der Gang auch nicht zu weit, und ist er von dem Hausfreund wohl bezahlt, so gibt er dem Jahrmarkt viel zu lösen für neue weltliche Lieder und feine Damaszener Maultrommeln. Also saß jetzt der Adjunkt auch zu Brassenheim im Wilden Mann und musterte die Lieder. Erstes Lied: Ein Lämmlein trank vom frischen etc. Zweites Lied: Schönstes Hirschlein über die Maßen etc. Drittes Lied: Kein schöner Leben auf Erden etc., und probierte die Trommeln. Kommt auf einmal der Schneider herein mit rotem Rock, hirschledernen Beinkleidern, Halbstiefeln und Zotteln daran und zwei Sporen. Der Wirt zog höflich die Kappe ab, die Gäste auch, und: »Hat Euch, Herr Ritter, der Hausknecht das Pferd schon in den Stall geführt?« fragte ihn der Wirt. »Mein Normänder, der Scheck?« sagte der Schneider. »Ich hab' ihn au cerf eingestellt im Hirschen. Ich will hier nur ein Schöpplein trinken. Ich bin der berühmte Adelstan und reise auf Menschenkenntnis und Weinkunde; Platz da!« sagte er zum Adjunkt. »Holla,« denkt der Adjunkt, »der meint auch, grob sei vornehm. Was gilt's, er ist nicht weit her?« Als aber der Schneider die Gerte breit über den Tisch legte und räusperte sich wie ein Kamel und betrachtete die Leute mit einem Brennglas und den Adjunkt auch, steht der Adjunkt langsam auf und sagt dem Wirt etwas halblaut in das Ohr. Ein Einiger, der es hörte, sagt: »Herr Landsmann, Ihr seid auf der rechten Spur. Ich hab' ihn gesehn die Stiefel am Bach abwaschen und eine Gerte schneiden. Er ist zu Fuß gekommen.« Ein Scherenschleifer sagte: »Ich kenn' ihn wohl, er ist einmal ein Schneider gewesen. Jetzt hat er sich zur Ruh gesetzt und thut Botengänge um den Lohn.« Also geht der Wirt ein wenig hinaus und kommt wieder herein. »So kann denn doch kein hiesiger Markt ohne ein Unglück vorübergehen,« sagte er im Hereinkommen. »Da suchen die Hatschierer in allen Wirtshäusern einen Herrn in einem roten Rocke, der heute durch die Dörfer galoppiert ist und ein Kind zu Tode geritten hat.« Da schauten alle Gäste' den Ritter Adelstan an, der sagte in der Angst: »Mein Rock ist eher gelb als rot.« Aber der Ehninger sagte: »Nein, aber Euer Gesicht ist eher blaß als gelb, und hat auf einmal viel Schweißtropfen darauf geregnet. Gesteht's, Ihr seid nicht geritten.« – »Doch, er ist geritten,« sagte der Wirt; »ich hab' ihm eben das Roß draußen angebunden. Es ist losgerissen im Hirsch und sucht ihn. Hat nicht Euer Normänder die Mähnen unten am Hals und gespaltene Hufe, und wenn er wiehert, sollte man schier nicht meinen, daß es ein Roß ist? Zahlt Euer Schöpplein und reitet ordentlich heim.« Als er aber vor das Haus kam und den Normänder sah, den ihm der Wirt an die Thüre gebunden hatte, wollte er nicht aufsitzen, sondern ging zu Fuß zum Flecken heraus und wurde von den Gästen entsetzlich verhöhnt.

Merke: Man muß nie mehr scheinen wollen, als man ist, und als man sich zu bleiben getrauen kann wegen der Zukunft.

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