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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 116
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und glücklich über die Grenze kam.

Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte und dachte: »Ich will so früh den Zuchtmeister nicht wecken,« und als schon auf allen Straßen Steckbriefe voran flogen, gelangte er abends noch unbeschrieen an ein Städtlein an der Grenze. Als ihn hier die Schildwache anhalten wollte, wer er sei, und wie er heiße und was er im Schilde führe: »Könnt Ihr polnisch?« fragte herzhaft der Frieder die Schildwache. Die Schildwache sagt: »Ausländisch kann ich ein wenig, ja! aber Polnisches bin ich noch nicht darunter gewahr worden.« – » Wenn das ist,« sagte der Frieder, »so werden wir uns schlecht gegen einander explizieren können. Ob kein Offizier oder Wachtmeister am Thor sei?« Die Schildwache holt den Thorwächter, es sei ein Polack an dem Schlagbaum, gegen den sie sich schlecht explizieren könne. Der Thorwächter kam zwar, entschuldigte sich aber zum voraus, viel Polnisch verstehe er auch nicht. »Es geht hier zu Land nicht stark ab,« sagte er, »und es wird im ganzen Städtel schwerlich jemand sein, der kapabel wäre, es zu dolmetschen.« – »Wenn ich das wüßte,« sagte der Frieder und schaute auf die Uhr, die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, »so wollte ich ja lieber noch ein paar Stunden zustrecken bis in die nächste Stadt. Um neun Uhr kommt der Mond.« Der Thorhüter sagte: »Es wäre unter diesen Umständen fast am besten, wenn Ihr gerade durchpassiertet, ohne Euch aufzuhalten, das Städtel ist ja nicht groß,« und war froh, daß er seiner los ward. Also kam der Frieder glücklich durch das Thor hinein. Im Städtlein hielt er sich nicht länger auf, als nötig war, einer Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte, ein paar gute Lehren zu geben. »In euch, Gänse,« sagte er, »ist keine Zucht zu bringen. Ihr gehört, wenn's Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht.« Und so packte er sie mit sicherem Griff am Hals und, mir nichts, dir nichts, unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekannten geliehen hatte. Als er aber an das andere Thor gelangte und auch hier dem Landfrieden nicht traute, drei Schritte von dem Schilderhaus, als sich inwendig der Söldner rührte, schrie der Frieder mit herzhafter Stimme: » Wer da!« Der Söldner antwortete in aller Gutmütigkeit: » Gut Freund!« Also kam der Frieder glücklich wieder zum Städtlein hinaus und über die Grenze.

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