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Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes - Kapitel 108
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter Hebel
titleSchatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1888
firstpub1811
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectida841eee1
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Vereitelte Rachsucht.

Der Amtmann in Nordheim ließ im Krieg in den neunziger Jahren fünf Gauner henken, und waren's in der ersten Viertelstunde so gut gewöhnt, daß keiner mehr herab verlangte, und je nachdem der Wind ging, exerzierten sie miteinander zum Zeitvertreib, rechts um, links um, ohne Flügelmann. Aber einem seine Beiläuferin, die einen Buben von ihm hatte, sagte: »Wart, Amtmann, ich will dir's eintränken.« Ein paar Tage darauf reitet die österreichische Patrouille gegen das Städtlein am Galgen vorbei, da sagt einer zu dein anderen: »Es lauft dir eine Spinne am Hut, so groß wie ein Taubenei.« So zieht der andere vor den Gehenkten den Hut ab, und die Gehenkten, weil eben der Wind aus Westen ging, drehten sich und machten Front. Indem schleicht von weitem ein Büblein von der Straße ab hinter eine Hecke, wie einer, der keine guten Briefe hat. Aber das Büblein hatte gar keine, weder gute noch schlechte. Denn als einer von den Dragonern auch um die Hecke ritt, fiel der Junge vor ihm auf die Kniee und sagte mit Zittern und Beben: »Pardon! ich hab' sie alle ins Wasser geworfen.« Der Dragoner sagte: »Was hast du ins Wasser geworfen?« – »Die Briefe.« – »Was für Briefe?« – »Die Briefe vom Amtmann an die Franzosen. Wenn Oesterreicher ins Land kommen,« sagte der Bursche, »muß ich dem Amtmann Boten laufen ins französische Lager. Diesmal hatte ich drei Briefe, einen an den Dürrmeier.« Also holten die Dragoner mir nichts dir nichts den Amtmann ab, wie er ging und stand, und mußte in den Pantoffeln zwischen den Pferden im Kot mitlaufen und spritzte die Rosse nicht sehr, aber die Rosse ihn, und der Bube mußte auch mit. Der Amtmann war so unschuldig als der römische Kaiser selbst, hätte sich für die österreichischen Waffen lebendig die Haut abziehen lassen, hatte sechs Kinder, eines schöner als das andere, und eine schwangere Frau. Aber das war die Rache, die ihm die Gaunerin zugedacht hatte, als sie sagte: »Wart, Amtmann, ich will dir's gedenken.« Im Lager, als er zu dem General geführt wurde, und die Hohenzoller-Kürassiere und Kaiser-Dragoner und Erdödi-Husaren sahen ihn vorbeiführen, sagte einer von der Patrouille seinem Kameraden vom Pferd herab: »Es ist ein Spion.« Der Kamerad sagte: »Der Strick ist sein Lohn.« Und der Offizier, an den sie ihn ablieferten, war auch der Meinung und bestellte spottweise schon bei ihm einen Gruß an den Schwarzen und seine Großmutter. Dem Hausfreund ist's aber bei dieser Geschichte nicht halb so angst als dem geneigten Leser, denn ohne seinen Willen kann der Amtmann nicht sterben, sondern als er vor das Verhör geführt wurde, schaute ihn der Hauptmann-Auditor mit Verwunderung und Bedauern an und sagte: »Seid Ihr nicht der nämliche, der mich vor einem Jahr drei Tage lang im Keller hinter der Sauerkrautstande vor den Franzosen verborgen hat, und habt Schläge genug von ihnen bekommen, und als sie Euch oben den Speck verzehrten, aß ich unten das Sauerkraut dazu, samt den Gumbistäpfeln.« Der Amtmann sagte: »Gott erkennt's, und ich bin so unschuldig als die Mutter Gottes in der Kirche, die doch von Lindenholz ist und ihr Leben lang noch keinen Buchstaben geschrieben hat.« Indem kamen auch mehrere gute Freunde und angesehene Bürger von Nordheim ins Hauptquartier und bezeugten seine Rechtschaffenheit und Treue, und was er schon für Drangsalierung von den Franzosen habe ausstehen müssen, und wie auf seine Anordnung der letzte Sieg der Oesterreicher mit Katzenköpfen gefeiert wurde, daß der Kirchturm wackelte, und er selber habe keinen Rausch gehabt, aber einen Stich. Der Hauptmann-Auditor, der noch immer daran dachte, wie er drei Tage lang in des Amtmanns Keller in der verborgenen Garnison lag, hinter dem Schanzkorb, hinter der Sauerkrautstande, war geneigter, Ja zu glauben als Nein. Also ließ er den Amtmann hinausführen und den Buben herein und that ein paar verfängliche Fragen an ihn, sagte ihm aber nicht, daß sie verfänglich sind. Deswegen war der Bursche, so sehr er die Spitzbubenmilch an der Mutter Brüsten eingesogen hatte, mit seinem Ja und Nein so unvorsichtig, daß er in wenig Minuten nimmer links, nimmer rechts auszuweichen wußte und alles gestand. Also bekam er links und rechts fünfzehn Hiebe vom Profoß und begleitete freiwillig die Mutter ins Zuchthaus nach Heiligenberg. Der Amtmann aber aß mit dem Hauptmann-Auditor bei dem General-Feldmarschall zu Nacht, und den anderen Tag bei seiner Frau und Kindern zu Mittag, und der Hausfreund thut auch einen Freudentrunk, daß er wieder ein Exempel der Gerechtigkeit statuiert hat.

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