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Schattenspiele

Ernst Köhler-Haußen: Schattenspiele - Kapitel 12
Quellenangabe
authorErnst Köhler-Haußen
titleSchattenspiele
publisherMosaik Verlag
year1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171210
projectid58bbb17c
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Im Wahn

Es muß jemand hinter mir her gehen.

Das ist zu peinlich.

Jemand, der mich kennt.

Aber ich mag mich nicht umsehen, es könnte jemand Unbequemes sein.

Oder jemand, der irgendeine Beziehung zu mir hat oder etwas von mir will. Wer das nur sein kann.

Es könnte doch der Schneider sein, oder ein Wirt – na, was schadet denn das jetzt! Ich könnte ihn doch bezahlen. Jetzt hab ich ja Geld.

Wie man sich aber doch daran gewöhnt, vor seinen Gläubigern Furcht zu haben – sogar, wenn man sie bezahlen kann. Es ist doch ein närrisches Ding, das, was man so Scham nennt.

Und vor allem schäme ich mich vor dem, der da hinter mir herkommt, der etwas von mir will. Wenn ich nur wüßte, wenn ich nur wüßte. Ah, wenn er jetzt ahnte, daß ich ganz genau weiß, daß er hinter mir herkommt. Aber ich darf mir gar nicht, durchaus nicht merken lassen, daß ich's weiß – denn dann gibt er noch besser acht, und ich werde ihn gar nicht los. – Ob der immer weiß, was mir durch den Kopf geht. Ob der weiß, was ich denke. Ob er vielleicht hinter mir hergeht, um zu sehen, ob ich nicht doch einmal wirklich tue, was ich so oft denken muß. Was ich immer wieder denke. Ob er es sehen will, wenn ich mal endlich wirklich wo in einem Bäckerladen ein Brot stehle oder beim Fleischer die Keule, die vor der Tür hängt?

Aber ich brauche doch nun gar nicht mehr zu stehlen. Jetzt hab ich ja Geld, jetzt hab ich ja Geld.

Wie das so plötzlich kam. Ich hatte doch wirklich alle Sorge auf einmal vergessen. Nun sind alle Entbehrungen zu Ende. Nun kann ich leben. Lust zum Leben! Die hat nur der, der sich satt essen kann. Oder wenigstens manchmal sich satt essen kann. Und jahrelang hab ich mich nicht ein einziges Mal satt gegessen. Da soll man Lust zum Leben haben. Aber nein – nun hab ich Lust – nun kann ich ja leben.

Aber nicht zu lustig, nein, nein. Da ist schon wieder eine Sorge da. Eine neue Sorge. Nein, eine die mich immer gequält hat. Immer seit ich den Ibsen las. Hab ich auch nicht zu rasch gelebt in meiner Jugend, vielleicht auch mein Bestes verdorben durch Alkohol und Weiber. Oder hab ich von meinen Eltern etwas geerbt, was meine Kraft brechen könnte, meine Nerven zerreißen. War das nicht alles bloß ein Gerede, ein Grusligmachen bei allen nordischen Dichtern. Da hörte doch alle Arbeitskraft auf über den mutlosen Gedanken. Aller Mut. Lebt doch erst mal ordentlich. Laßt euch erst mal ordentlich anspannen – dann könnt ihr das Leben anspannen. Ich will wieder Mut haben. Nun kann ich ja leben. –

Da hab ich hier irgendwo an einem Fenster eine kleine feine Goethebüste stehen sehen. Die werde ich mir kaufen – den alten, frohen, lebenskräftigen Goethe. Der hat auch in seiner Jugend gelebt, und toll getobt. Und hat mit achtzig den Faust zu Ende geschrieben.

Alles ist ja Quatsch. Der eine lebt und der andere nicht. Der eine stirbt mit dreißig und der andere mit neunzig. Oder umgekehrt. Wie's eben sein soll.

Und den Goethe – ich kann ihn ja kaufen.

Richtig – ach ja – dort an der Ecke war's.

So, na – da zwischen den Droschken durch.

Sind die Straßen aber schmutzig. Da macht man sich ja die Schuhe schmutzig.

Richtig, da steht er. Der kleine, liebe Goethe.

Der alte Goethe.

Was muß Goethe wohl für Hände gehabt haben, zu diesem starken, breitstirnigen Kopf mit den starken hohen Backen? – Sehr große, glaube ich, und doch sehr zarte und bewegliche, beinahe nervöse. Nicht so wie meine; nervös und schmal und blaß und dünn – stark und sehnig, wie eines Zimmermanns, und doch lebendig wie das Auge in seinem Kopfe.

Darum will ich mir den Goethekopf kaufen.

Jetzt werde ich hineingehen und werde sagen: »Fräulein, kann ich die Goethebüste da draußen etwas größer und in besserer Ausführung haben. Wenn Sie's nicht da haben, lassen Sie mir's herstellen.«

Wird die sich wundern, wenn ich in meinem fadenscheinigen Anzug so eine teure Sache bestelle.

Ja, einen Paletot, das hab ich heute ganz vergessen, muß ich mir morgen gleich anmessen lassen.

Donnerwetter – es ist doch nicht zu glauben – jetzt steht er wieder da, halb hinter mir am Fenster. Er sieht hinein und ich fühle, wie er im Spiegel der Scheibe mein Gesicht betrachtet. Aber ich darf nicht aufsehen. Unsere Augen könnten sich da im Spiegel treffen. –

Der soll nicht alle meine Gedanken wissen.

Nun will ich auch nicht hineingehen.

Wenn er mich jetzt den Goethe kaufen sieht, dann weiß er zuviel von mir.

Dann weiß er, daß ich jetzt auf einmal was ganz anderes will, als was in den lumpigen Zeitungsartikeln und Zeitschriftenkritiken stand, in denen ich die ganzen Jahre hindurch meine Seele verkauft habe. Für zehn Pfennige die Zeile, manchmal waren's auch nur fünf. Was habe ich da die Leute gelobt, die gerade Mode waren. Den Ekel dabei! Äh!

Und nun soll ich mir vor seinen Augen den Goethe kaufen, den alten, frohen, schaffenden, beglückenden, tröstenden Goethe? Nicht den Ibsen, den Strindberg, oder gar einen Tolstoi oder einen andern Russen, diese Jammerer, diese Weinerlichen, Kläglichen – diese Selbstwahnsinnigen. Wie können die einen Menschen trösten? –

Jetzt gehe ich über den Markt und tue, als wollte ich rechts hinaus. Aber links da geht eine kleine Türe ins Kaffee. Von da gehe ich aber nach hinten wieder zum Hause hinaus. Derweil kann er warten, bis ich wieder herauskomme. Da kann er schön stehen.

Denn er wartet immer – ich weiß es – wenn ich in ein Haus gehe. Er wartet auch, wenn ich nur in die Hausflur trete und eine halbe Stunde versteckt da warte. Da denkt er, ich bin die Treppe hinauf und besuche da jemand. Aber er wartet. Er ist immer hinter mir her.

Wenn ich nur wüßte, was er will. Jetzt, so – jetzt steht er draußen vor der Tür und ich trinke hier im Kaffee einen Schnitt Bier.

Nein, ich will doch lieber einen Kognak trinken.

Das geht schneller.

So, zahlen!

Donnerwetter, ich hab ja heute auch den ganzen Tag noch nichts gegessen.

So, zahlen!

Dreißig, hier sind fünfzig. –

Danke, 's ist gut.

Nein, geben Sie mir noch einen.

Eine Mark, da bitte!

Adieu!

Hinten hinaus, vorn steht er.

Hat der Kellner Augen gemacht. Na, ich kann doch mal ein Trinkgeld geben – die ganzen Jahre hab ich doch hier meine Zeitungen lesen müssen ohne Trinkgeld – höchstens mal fünf Pfennige. – Und jetzt kann ich's ja, jetzt hab ich doch Geld, 's ist doch wirklich schön.

Wir waren ans Geldausgeben gewöhnt, als mein Vater starb. Alle dachten, wir hätten Vermögen – wir selber auch –, aber er hatte immer sein ganzes Gehalt ausgegeben. Und nun war gar nichts mehr da, gar nichts. Ich hatte geglaubt, ich könnte Schriftsteller sein. Gott, wie man sich das so denkt, Schriftsteller. Wenn man nichts zu verdienen braucht damit. Aber dann – wenn man dann auf einmal sein Leben verdienen will oder muß damit. Da hab ich mich verkauft um ein paar Groschen, an jeden, der mich haben wollte. Und eigentlich wollte mich keiner haben, weil ich mich immer anbieten mußte. – Und nun auf einmal das Geld, 's ist zu dumm, in der Lotterie gewinnen, und noch dazu auf ein Los, das man geschenkt gekriegt hat.

Na, so bloß geschenkt gekriegt eigentlich nicht – aber doch. – Wie ich die Brieftasche fand an dem Abend, als ich durchs Wäldchen ging, müde und hungrig, und als ich sie dem alten Geldprotzen hinbrachte, da schenkte der mir außer dem Finderlohn das Los, und das dumme Los muß gerade so viel gewinnen, daß ich nun beinahe so viel habe, wie der alte Geldprotz selber. –

Nun brauch ich nicht mehr zu hungern. Und herumzupumpen von einem Tag auf den andern.

Ich hab's doch bei mir? – Ja, da steckt's.

Ei, ei. Nun aber leben und genießen und heiraten und reisen und –

Ah, da ist er doch wieder hinter mir.

Wenn ich nur wüßte, was er will.

Was er nur will. –

Was er nur will. –

He – mein Geld.

Mein Geld.

Richtig, da kommt er mir nach, sogar hier in die leere Gasse hinein.

Er kommt mir nach.

Noch hab ich's. Da in der Rocktasche hab ich's.

Wenn ich hier solange mit ihm allein gehe, da wird er nach mir schlagen und dann – ah. –

Aber drüben in der Reitergasse wohnt ja der alte Berner. Zu dem muß ich gehen, dem werd ich mein Geld geben.

Ich glaube, da ist's gut aufgehoben.

Nur nicht laufen. Sonst merkt er, daß ich weiß, daß er hinter mir her ist. Er soll mich nicht zuerst angreifen. Ich will aufpassen. Gleich ordentlich muß ich ihn anfassen. Wenn er auch größer ist als ich. –

Gott sei Dank, jetzt bin ich da.

Ist der große Türflügel schwer. Und sperrt und klemmt auch noch. Da muß ein Stein oder so was zwischen dem Holz unten und dem Fließboden.

Ruck! Jetzt!

Er ist immer noch hinter mir. –

Na! –

Was, bis hier in die Hausflur? –

Nicht anfassen!

Warte!

He!

Jetzt hab ich dich gut – so!

Du – lieg ich so gut auf dir? –

Ja, kommen Sie raus da aus der Wohnung, Sie, ja, mit der Lampe. –

Schnell. –

Was wollen Sie?

Lassen Sie mich los!

Nein, ich laß ihn nicht los.

So, jetzt liegt er gut. –

Nun hab ich Ruhe vor ihm.

Ja, ja! –

Tot.

Ja, Notwehr.

Glaubt ihr, ich hab ihn umsonst gewürgt. –

Da ist das Geld.

Nun hab ich's endlich.

Gestohlen?

Gestohlen hab ich's ihm.

Gestohlen, ja, ja.

Und da wollt er's wieder haben, und angepackt hat er mich. Und da hab ich ihn gewürgt, in der Notwehr. –

Tot – wie sagen Sie – Herr Schutzmann – ich ihn tot – ach, Unsinn, ich ihn tot? –

Ja, was soll denn dann aus meinem Leben werden – und mein Geld?

Ich ihn tot –

Ja – Notwehr!

Notwehr!

 

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