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Schatten des Todes

Anton Tschechow: Schatten des Todes - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/cechov/schatten/schatten.xml
typefiction
authorAnton Tschechow
booktitleSchatten des Todes - Ein Zweikampf. Zwei kleine Romane
titleSchatten des Todes
publisherMusarion Verlag
seriesAnton Tschechow Gesammelte Romane und Novellen
volumeErster Band
printrun1.-5. Tausend
editorAlexander Eliasberg
year1919
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120425
projectid61f2d16e
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VI

Ich bin in Charkow.

Ich kann gegen die mich jetzt beherrschende Stimmung nicht ankämpfen, und es würde auch über meine Kräfte gehen; so habe ich denn beschlossen, daß meine letzten Lebenstage wenigstens in formaler Hinsicht einwandfrei sein sollen; wenn meine Stellung zu meiner Familie eine falsche ist, was ich selbst ganz klar erkenne, so will ich mir doch Mühe geben, zu handeln, wie sie es wünscht. Soll ich nach Charkow, so fahre ich nach Charkow. Und außerdem bin ich in letzter Zeit so gleichgültig gegen alles geworden, daß es mir wirklich ganz egal ist, wohin ich reise, nach Charkow, Paris oder Berditschew.

Ich bin um zwölf Uhr mittags angekommen und in einem Hotel in der Nähe der Kathedrale abgestiegen. Ich bin durchgerüttelt von der Fahrt, erkältet von der Zugluft, und sitze nun auf meinem Bett, halte meinen Kopf und warte auf den tic. Ich sollte eigentlich die mir bekannten Professoren aufsuchen, aber ich habe keine Lust und keine Kraft dazu.

Der Zimmerkellner, ein alter Mann, kommt herein und fragt mich, ob ich eigene Bettwäsche mit hätte. Ich halte ihn vielleicht fünf Minuten auf und richte einige Fragen an ihn, die sich auf Gnecker beziehen, um dessen willen ich hier bin. Der Kellner ist ein eingeborener Charkower und kennt die Stadt wie seine Tasche, aber es zeigt sich, daß er von keinem Hausbesitzer namens Gnecker weiß. Ich erkundige mich nach den umliegenden Gütern – mit demselben Erfolg.

Die Uhr auf dem Gang schlägt eins, dann zwei, dann drei... Die letzten Monate meines Lebens, seit ich auf den Tod warte, erscheinen mir länger, als mein ganzes übriges Leben. Und ich habe es früher nie verstanden, mich mit dem langsamen Gang der Zeit so gut abzufinden, wie jetzt. Früher passierte es, wenn ich auf dem Bahnhof einen Zug erwartete oder im Examen saß, daß sich mir eine Viertelstunde zu einer Ewigkeit dehnte, jetzt kann ich ganze Nächte reglos auf meinem Bett sitzen und mit vollkommenem Gleichmut daran denken, daß mich morgen wieder so eine lange, farblose Nacht erwartet, und übermorgen...

Die Uhr auf dem Gange schlägt fünf, sechs, sieben... Es wird dunkel.

In der Wange spüre ich einen dumpfen Schmerz – so fängt der tic immer an. Um meine Gedanken davon abzulenken, stelle ich mich auf meinen früheren Standpunkt, aus der Zeit, da ich noch nicht gleichgültig war, und frage mich: warum sitze ich hier, ich, der berühmte Mann, der Geheime Rat, hier in diesem kleinen Gasthauszimmer, auf diesem Bette mit der fremden, grauen Decke? Warum starre ich diese billige blecherne Waschschüssel an und horche, wie auf dem Gange draußen die klapperige Uhr tickt? Ist das alles meiner würdig, meines Ruhmes und meiner hohen Stellung unter den Menschen? Und auf diese Fragen antworte ich mir mit einem höhnischen Auflachen. Lächerlich kommt mir die Naivität vor, mit der ich einmal in meiner Jugend die Bedeutung des Ruhmes und der Ausnahmestellung der berühmten Männer aufgebauscht habe. Ich bin berühmt, mein Name wird mit Ehrfurcht genannt, mein Bild hat in der »Illustrierten Zeitung« und anderen Wochenschriften gestanden, meine Biographie habe ich sogar einmal in einer deutschen Zeitschrift gelesen – und was ist das Ergebnis von alledem? Ich sitze mutterseelenallein in einer fremden Stadt, auf einem fremden Bett und reibe meine schmerzende Backe mit dem Handteller... Die häuslichen Widrigkeiten, die Unbarmherzigkeit der Gläubiger, die Grobheit des Eisenbahnpersonals, die Mängel unseres Paßwesens, das teure und unbekömmliche Essen auf den Bahnhöfen, die Unliebenswürdigkeit und Grobheit der Menschen überhaupt gegeneinander – alles das und noch vieles andere, das ich hier nicht aufzählen kann, trifft mich genau so wie irgendeinen ixbeliebigen Kleinbürger, der nur sein Vorstadtgäßchen kennt. Worin dokumentiert sich denn meine Ausnahmestellung? Zugegeben, daß ich tausendmal berühmt bin, daß ich ein großer Mann, der Stolz meines Vaterlandes bin; sie werden allen Zeitungen Bulletins über meine Krankheit veröffentlichen, die Post wird mir mitfühlende Adressen meiner Kollegen, meiner Schüler und des Publikums bringen, aber das alles macht die Sache nicht anders. Ich werde in einem fremden Bette sterben, traurig und ganz allein und verlassen ... daran trägt selbstverständlich niemand die Schuld, aber ich, Gott verzeih mir die Sünde, ich hasse meinen populären Namen. Ich habe ein Gefühl, als ob er mich betrogen hätte.

Um zehn Uhr schlafe ich ein, und schlafe fest, trotz des tics, und würde lange schlafen. Aber ich werde geweckt. Kurz nach ein Uhr wird an die Tür geklopft.

»Wer da?«

»Telegramm!«

»Morgen früh wär's auch noch Zeit gewesen,« sag' ich ärgerlich, als der Zimmerkellner mir das Telegramm gibt, »zum zweiten Male schlafe ich jetzt nicht mehr ein.«

»Pardon. In Ihrem Zimmer war noch Licht, und da glaubte ich, daß Sie noch ...«

Ich reiße das Telegramm auf und sehe zuerst nach der Unterschrift; von meiner Frau! Was will sie?

»Gestern Gnecker und Lisa heimlich getraut. Rückkehre.«

Ich lese das und erschrecke für einen Augenblick. Mich erschreckt nicht Lisas und Gneckers Handlungsweise, sondern der Gleichmut, mit dem ich die Nachricht von ihrer Trauung vernehme. Philosophen und wirklich weise Männer sollen Gleichmut besitzen. Das ist nicht wahr: Gleichmut ist die Paralyse der Seele, der Tod vor dem Tode.

Ich lege mich wieder ins Bett und fange an, darüber nachzudenken, mit was für Gedanken ich meine Zeit hinbringen soll. Worüber soll ich nachdenken? Mir ist, als hätte ich alles schon durchgedacht und als gäbe es nichts, das jetzt noch fähig wäre, meine Gedanken in Fluß zu bringen ...

Als es hell wird, sitze ich in meinem Bette, die Arme um die Knie geschlungen, und gebe mir Mühe, mich selbst zu erkennen, weil ich einfach nicht weiß, womit ich mich sonst beschäftigen soll. »Erkenne dich selbst« – das ist ein schöner und nützlicher Rat; schade nur, daß die Alten vergessen haben, dazu zu sagen, wie man das machen soll.

Wenn ich sonst einmal Lust hatte, irgend jemand, oder mich selbst, zu verstehen, dann faßte ich nicht die Taten ins Auge, die ja immer durch Aeußerlichkeiten bedingt sind, sondern die Wünsche. Sage mir, was du dir wünschest, und ich werde dir sagen, wer du bist ...

Und jetzt examiniere ich mich: was wünsche ich mir?

Ich wünsche mir, daß unsere Frauen, Kinder, Freunde, Schüler nicht den Namen, die Firma, den offiziellen Stempel in uns liebten, sondern den ganzen einfachen Menschen; und weiter? Ich wünschte mir, ich hätte Helfer und Nachfolger ... Und weiter? Ich wollte, ich könnte in hundert Jahren wieder einmal aufstehen und meinetwegen nur einen kurzen Blick darauf werfen, wie es dann mit der Wissenschaft stehen wird ... Ich wünsche mir, noch zehn Jahre vielleicht zu leben ... Und weiter?

Und weiter nichts .. Ich denke nach, denke lange, und kann mir nichts mehr erdenken. Und soviel ich nachdenke, und wohin ich meine Gedanken ausschicke, es ist mir ganz klar, daß unter meinen Wünschen kein beherrschender Hauptwunsch, kein besonders wichtiger Wunsch lebt. In meiner leidenschaftlichen Liebe zur Wissenschaft, in meiner Sehnsucht, zu leben, in diesem Sitzen auf einem fremden Bett und dem Streben, mich selbst zu erkennen, in allen meinen Gedanken, Gefühlen und Begriffen, die sich mit allem beschäftigen, ist nichts Gemeinsames, das alles zu einem Ganzen verbände ... Jeder Gedanke, jedes Gefühl lebt in mir für sich, und in allen meinen Urteilen über Wissenschaft, Theater, Literatur, über meine Schüler, und in allen Bildern, die meine Phantasie mir malt, könnte auch der schärfste Analytiker nichts von dem finden, was man eine beherrschende Idee nennt, oder den Gott eines lebendigen Menschen ...

Und wo das nicht ist, da ist eben nichts ...

Weil ich so arm bin, brauchte es nur die ernsthafte Krankheit, die Furcht vor dem Tode, den Einfluß der Verhältnisse und Menschen, und alles, was ich früher für meine Weltanschauung gehalten, worin ich den Sinn und die Freude meines Lebens gesehen hatte, wurde unterst zu oberst gekehrt und zerfiel zu Staub. Also ist es nicht zu verwundern, daß ich die letzten Monate meines Lebens mir durch Gedanken und Gefühle verdunkelt habe, die eines Sklaven und Barbaren würdig find, daß ich jetzt gleichgültig bin und keine Hoffnung auf neues Licht sehe. Wenn in einem Menschen nicht etwas lebt, das höher und stärker ist als alle äußerlichen Einflüsse, so braucht es natürlich nur einen tüchtigen Schnupfen, und er verliert das Gleichgewicht und sieht in jedem Vogel ein Käuzchen und hält jeden Laut für Hundegeheul. Und sein ganzer Pessimismus, oder Optimismus, hat dann nur die Bedeutung eines Symptoms, und weiter nichts ...

Ich bin besiegt. Wenn es so ist, frommt es zu nichts, darüber noch weiter lange nachzudenken, frommt es nichts, davon zu reden. Ich werde sitzen und schweigend erwarten, was kommen muß...

Am Morgen bringt mir der Zimmerkellner den Tee und die Charkower Zeitung. Mechanisch lese ich die amtlichen Ankündigungen auf der ersten Seite, den Leitartikel, die Revue der Zeitungen und Journale, die Lokalnachrichten ... Unter anderen finde ich im Lokalen folgende Notiz: »Gestern traf mit dem Kurierzug in Charkow unser berühmter Gelehrter, der hochverdiente Professor Nikolai Stepanowitsch Soundso ein und ist im Hotel Soundso abgestiegen.«

Es ist ganz klar, so ein berühmter Name ist geschaffen, um für sich zu leben, neben dem, der ihn trägt. Jetzt spaziert mein Name ganz vergnügt in Charkow herum: nach drei Monaten wird er in goldenen Buchstaben auf meinem Grabstein blitzen, wie die Sonne selbst – und das, während über mir schon das Moos wächst.

Ein leises Klopfen an der Tür. Jemand will was von mir.

Die Tür geht auf, und ich trete erstaunt einen Schritt zurück und beeile mich, die Schöße meines Schlafrocks übereinander zu schlagen. Vor mir steht Katja.

»Guten Morgen,« sagt sie, atemlos vom Treppensteigen, »ein unerwarteter Gast? Ich bin auch ... auch hergereist.«

Sie setzt sich und spricht weiter, stotternd, und ohne mich anzusehen:

»Warum sagen Sie mir nicht Guten Tag? Ich bin auch hergekommen ... heute ... Ich erfuhr, daß Sie in diesem Hotel wohnen, und da bin ich zu Ihnen gekommen ...«

»Sehr erfreut, dich zu sehen,« sage ich, mit einem Achselzucken, »aber ich wundere mich ... du kommst ja, wie aus den Wolken geschneit. Warum bist du hier?«

»Ich? So ... ich habe mich einfach aufgemacht und bin hergekommen.«

Schweigen. Auf einmal steht sie unvermittelt auf und tritt auf mich zu.

»Nikolai Stepanytsch,« sagt sie und erblaßt und preßt ihre Hände über der Brust zusammen, »Nikolai Stepanytsch, länger kann ich so nicht leben! Ich kann nicht! Um des lebendigen Gottes willen, was soll ich tun? Sagen Sie mir, was ich tun soll?«

»Was kann ich dir sagen?« erwidere ich zweifelnd, »nichts kann ich dir sagen.«

»Sagen Sie mir's, ich beschwöre Sie!« fährt sie fort, außer Atem und zitternd am ganzen Körper. »Ich schwör' es Ihnen, so kann ich nicht länger leben! Es übersteigt meine Kräfte!«

Sie fällt in einen Stuhl und fängt zu schluchzen an. Sie läßt den Kopf hintenüberhängen, ringt die Hände, stampft mit den Füßen; ihr Hut ist vom Kopfe gerutscht und baumelt am Gummiband, ihr Haar ist aufgegangen...«

»Helfen Sie mir! Helfen Sie!« fleht sie, »ich kann nicht mehr!«

Sie holt ihr Taschentuch aus dem Reisetäschchen und zieht mit ihm ein paar Briefe heraus, die von ihrem Schoß auf den Boden gleiten. Ich hebe sie auf und sehe, daß der eine Michail Fjodorowitschs Handschrift trägt, und lese, ohne es zu wollen, ein Stück von einem Wort: »Leidensch...«

»Ich kann dir nichts sagen, Katja,« sage ich.

»Helfen Sie mir!« schluchzt sie und erfaßt meine Hände und küßt sie, »Sie sind doch mein Vater, mein einziger Freund! Sie sind doch klug, gebildet und leben schon so lange! Sie sind Lehrer gewesen! Sprechen Sie! Was soll ich tun?«

»Nach bestem Wissen und Gewissen, Katja: ich weiß nicht...«

Ich bin verwirrt, konfus, weich gemacht durch ihr Schluchzen, und kann mich kaum auf den Füßen halten.

»Wollen wir frühstücken, Katja,« sag' ich, gezwungen lächelnd. »Wer wird denn weinen!«

Und dann füge ich sogleich mit sinkender Stimme hinzu:

»Bald werde ich nicht mehr sein, Katja...«

»Nur ein Wort, ein einziges Wort!« schluchzt sie und reckt mir die Arme entgegen. »Was soll ich tun?«

»Du bist sonderbar, wirklich...« murmele ich, »ich begreife nicht! So eine kluge Frau, und auf einmal – fängt sie zu weinen an...«

Es tritt ein Schweigen ein. Katja bringt ihre Frisur in Ordnung und setzt den Hut wieder auf, dann knüllt sie die Briefe zusammen und steckt sie in ihr Täschchen – alles schweigend und ohne Hast. Ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Handschuhe sind feucht von Tränen, aber ihre Miene ist trocken, hart ... Ich blicke sie an, und mich überkommt etwas wie Scham, weil ich glücklicher bin als sie. Daß ich das nicht besitze, was meine Kollegen von der philosophischen Fakultät die beherrschende Idee nennen, ich habe es erst kurz vor meinem Tode bei mir bemerkt, am Ende meiner Tage, aber die Seele dieses armen Wesens hat ihr ganzes Leben lang keine Zuflucht gekannt und wird nie eine kennen, ihr ganzes Leben lang!

»Also, Katja, frühstücken wir!« sag' ich.

»Nein, danke,« erwiderte sie kalt.

Noch eine Minute vergeht im Schweigen.

»Charkow gefällt mir gar nicht,« sage ich, »es ist so grau. Was für eine graue Stadt das ist ...«

»Ja, vielleicht ... Nein, nicht sehr hübsch ... Ich bin nur für kurze Zeit hier ... Auf der Durchreise. Heute fahre ich weiter.«

»Wohin?«

»In die Krim ... Das heißt, nach dem Kaukasus.«

»So? Für lange?«

»Ich weiß nicht.«

Katja erhebt sich, lächelt kalt, ohne mich anzusehen, und reicht mir die Hand.

Ich möchte fragen: »Also, auf meiner Beerdigung wirst du nicht sein?« Aber sie schaut mich nicht an, ihre Hand ist kalt, eine fremde Hand gleichsam ... Ich geleite sie schweigend zur Tür ... Und nun hat sie mein Zimmer verlassen, sie geht den langen Gang hinunter, ohne sich umzusehen. Sie weiß, daß meine Blicke ihr folgen, und sie wird sich wohl umsehen, da wo der Gang das Knie macht...

Nein, sie hat sich nicht umgesehen. Der letzte Schimmer ihres schwarzen Kleides ist verschwunden, die Schritte sind verhallt... Leb wohl, du mein geliebtes Leben!

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