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Schatten des Todes

Anton Tschechow: Schatten des Todes - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/cechov/schatten/schatten.xml
typefiction
authorAnton Tschechow
booktitleSchatten des Todes - Ein Zweikampf. Zwei kleine Romane
titleSchatten des Todes
publisherMusarion Verlag
seriesAnton Tschechow Gesammelte Romane und Novellen
volumeErster Band
printrun1.-5. Tausend
editorAlexander Eliasberg
year1919
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120425
projectid61f2d16e
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IV

Der Sommer kommt, und meine Lebensweise ändert sich. Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir herein in scherzhaftem Ton:

»Wollen Eure Exzellenz so freundlich sein! Es ist so weit.«

Meine Exzellenz wird auf die Straße geleitet, in eine Droschke gesetzt und davongefahren. Ich fahre und lese vor lauter Langeweile die Aushängeschilder von rechts nach links. Aus »Teesalon« wird auf die Weise »Nolaseet«. Das wäre ein ganz schöner Name für eine italienische Grafenfamilie: »Contessa Nolasetti«. Dann geht die Fahrt über freies Feld, an einem Friedhof vorbei, der auf mich auch nicht den geringsten Eindruck macht, wenn ich auch bald in einem von diesen Gräbern liegen werde; dann geht's durch einen Wald, und dann wieder über freies Feld. Nichts Interessantes zu sehen! Nach zweistündiger Fahrt wird meine Exzellenz in das Erdgeschoß eines Landhauses geführt und in einem kleinen, netten Zimmerchen mit blauen Tapeten untergebracht.

Nachts nach wie vor die Schlaflosigkeit, aber morgens stehe ich nicht auf und höre meiner Frau zu, sondern bleibe im Bett. Ich schlafe nicht, bin aber in einem traumhaften Zustand; es ist das Gefühl einer halben Bewußtlosigkeit, man weiß, daß man nicht schläft, aber man träumt. Um Mittag stehe ich auf und setze mich nach alter Gewohnheit an meinen Tisch, aber ich arbeite hier draußen nicht, sondern amüsiere mich mit französischen Büchern in gelben Umschlägen, die Katja mir schickt. Natürlich wäre es wohl patriotischer, wenn ich russische Autoren lesen würde, aber, aufrichtig gestanden, erscheint mir das nicht sehr verlockend. Wenn ich drei, vier von den Aelteren ausnehme, kommt mir unsere ganze heutige Literatur nicht wie eine Literatur vor, sondern etwa wie eine Art von bäuerlicher Hausindustrie, die ja auch nur dazu vorhanden ist, daß man sie in Anbetracht des guten Zweckes unterstützt, ohne daß man sich ihrer Produkte gerade gern bediente. Auch das beste Erzeugnis dieses Bauernfleißes kann man nicht hervorragend finden und ohne jedes »Aber« aufrichtig loben; dasselbe gilt auch von allen den literarischen Novitäten, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren kennen gelernt habe: nichts Hervorragendes, nichts, bei dem man ein »Aber« unterdrücken könnte. Ist ein Buch klug und moralisch schön, so ist es talentlos; ist es talentvoll und moralisch schön, dann ist es nicht klug – ist es talentvoll und klug, so ist es unmoralisch.

Ich kann nicht behaupten, daß die französischen Bücher zu gleicher Zeit talentvoll und klug und moralisch schön wären. Sie befriedigen mich auch nicht. Aber sie sind doch nicht so langweilig, wie die russischen, und es ist keine Seltenheit, daß man in ihnen das Hauptelement der Schöpferkraft findet – das Gefühl der persönlichen Freiheit, das es bei den russischen Autoren nicht gibt. Ich weiß keine russische Novität, in der der Autor sich nicht von der ersten Seite ab bemühte, sich durch allerlei Prinzipien und Kontrakte mit seinem Gewissen aus dem Konzept zu bringen. Der eine hat Angst, von einem nackten Körper zu sprechen, der andere bindet sich durch die psychologische Analysierung an Händen und Füßen, der dritte braucht »das warme, mitfühlende Verhältnis zu seinen Menschen«, der vierte verschmiert ganze Seiten mit Naturschilderungen, weil er Angst hat, man könnte sein Buch sonst tendenziös finden... Der eine möchte in seinen Werken durchaus der Bürger sein, der andere der Aristokrat, und so weiter. Ueberlegtheit, Vorsicht, Verständigkeit, aber weder Freiheit noch der Mut, zu schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist, und also wohl auch keine schöpferische Kraft.

Das alles bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur.

Was nun die seriöse russische Literatur angeht, die Bücher über Soziologie, Kunstgeschichte und so weiter, so lese ich sie einfach aus Furchtsamkeit nicht. In meiner Kindheit und frühen Jugend hatte ich eine große Angst vor Portiers und Logenschließern, und diese Angst ist mir bis heute geblieben. Ich fürchte mich vor solchen Leuten immer noch. Man hat behauptet, schrecklich erschiene einem nur, was man nicht verstände. Und tatsächlich, es läßt sich nur sehr schwer einsehen, weshalb Portiers und Logenschließer so wichtig, aufgeblasen und von so einer majestätischen Unverschämtheit sind. Wenn ich seriöse russische Literatur lese, empfinde ich genau diese unbestimmte Angst. Die ganz außerordentliche Wichtigtuerei, der herablassende Kommandeurton, die Kunst, mit großer Würde Luft aus einem Topf in den andern zu gießen – das alles ist mir unverständlich und macht mir Angst, und das alles hat so wenig Aehnlichkeit mit der Bescheidenheit und dem ruhigen Gentleman-Ton, an den ich aus den Schriften unserer Aerzte und Naturhistoriker gewöhnt bin. Und das bezieht sich nicht nur auf Originalarbeiten, mir fällt es ebenso schwer, Uebersetzungen zu lesen, die seriöse russische Männer angefertigt oder redigiert haben. Der renommistische, herablassende Ton ihrer Vorreden, der Ueberfluß an Anmerkungen des Uebersetzers, der es einem fast unmöglich macht, sich zu konzentrieren, die Fragezeichen und sic's in Klammern, die der freigebige Uebersetzer über das ganze Buch oder den Artikel ausstreut, kommen mir wie ein Attentat auf die Persönlichkeit des Autors und die Selbständigkeit des Lesers vor.

Ich war einmal als Sachverständiger aufs Landgericht geladen; in einer Pause machte mich einer von den anderen Sachverständigen darauf aufmerksam, wie furchtbar grob der Staatsanwalt gegen die Angeklagten war, unter denen sich zwei intelligente und gebildete Frauen befanden. Ich glaube durchaus nicht übertrieben zu haben, als ich meinem Kollegen antwortete, ich fände diese Behandlung nicht gröber, als die, die unsere seriösen Schriftsteller sich gegenseitig zuteil werden ließen. Denn wirklich, diese Art und Weise ist so ordinär, daß man nur mit schwerem Herzen davon sprechen kann. Diese Leute sind gegeneinander oder gegen die Autoren, die sie kritisieren, entweder gar zu ehrerbietig, so daß sie ihrer eigenen Würde etwas dabei vergeben, oder aber sie behandeln sie weit rücksichtsloser, als ich in diesen Aufzeichnungen und meinen geheimsten Gedanken meinen künftigen Schwiegersohn Gnecker. Den anderen für unzurechnungsfähig erklären, ihm unsaubere Absichten zuschreiben, ja ihn direkt als Kriminalverbrecher verdächtigen, das gehört schon so zum üblichen Schmuck unserer seriösen Literaturprodukte. Und das ist doch, wie unsere jungen Aerzte sich in ihren Aufsätzen auszudrücken lieben, die ultima ratio! Diese Art und Weise muß sich natürlich in den Manieren unserer jungen Schriftstellergeneration wiederspiegeln, und ich wundere mich daher nicht im geringsten darüber, daß in allen Novitäten, die unsere belletristische Literatur in den letzten zehn, fünfzehn Jahren hervorgebracht hat, die Helden so viel Schnaps trinken und die Heldinnen eine laxe Moral haben.

Ich lese also meine französischen Bücher und schaue zum offenen Fenster hinaus; ich sehe die spitzen Latten des Gartenzauns, zwei, drei kümmerliche Bäume, weiterhin, jenseits des Zaunes, die Straße, Felder, und weiter einen breiten dunklen Streifen, den Nadelwald. Oft verlustiere ich mich daran, wie zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, beide weißblond und zerlumpt, auf den Zaun klettern und sich über meine Glatze lustig machen. In ihren blitzenden Aeuglein lese ich ein: »Aetsch, Kahlkopf!« Das sind wohl die einzigen Menschen, denen meine Berühmtheit und mein Geheimratstitel vollkommen gleichgültig sind.

Besuch bekomme ich hier draußen nicht mehr jeden Tag. Ich will nur die Besuche Nikolais und Pjotr Ignatjewitschs erwähnen. Nikolai kommt gewöhnlich an den Sonn- und Feiertagen heraus, angeblich in amtlichen Angelegenheiten, aber mehr wohl, um mich zu sehen. Er erscheint in einem ziemlich angeheiterten Zustand, was im Winter nie bei ihm vorkommt. Ich gehe zu ihm in den Flur hinunter und frage:

»Na, was bringen Sie Neues?«

»Eure Exzellenz,« entgegnet er, drückt eine Hand aufs Herz und sieht mich in geradezu verliebter Verzücktheit an, »Eure Exzellenz! Gott soll mich strafen! Hier auf dieser Stelle soll mich der Blitz erschlagen! Gaudeamus igitur juvenestus!«

Und er küßt mich glühend auf den Aermel.

»Na, ist alles drinnen in Ordnung?« frage ich ihn.

»Eure Exzellenz! Wie vor dem lebendigen Gott...!«

Er schwört ununterbrochen, ohne die geringste Veranlassung, und ich habe bald genug davon und schicke ihn in die Küche, wo er ein Mittagessen erhält.

Auch Pjotr Ignatjewitsch kommt an den Feiertagen heraus, und zwar mit dem speziellen Zweck, seine Gedanken mit mir auszutauschen. Er sitzt gewöhnlich an der Schmalseite meines Tisches, bescheiden, appetitlich, bedachtsam, ohne je ein Bein über das andere zu schlagen oder sich an den Tisch zu lehnen; und die ganze Zeit redet er mit seinem ruhigen, eintönigen Stimmchen und erzählt mir in einem glatten Schriftrussisch allerlei nach seiner Ansicht äußerst interessante und pikante Neuigkeiten, die er aus Zeitschriften und Broschüren zusammengelesen hat. Alle diese Neuigkeiten gleichen einander und laufen auf den einen Typus hinaus: ein französischer Gelehrter hat eine Entdeckung gemacht, ein anderer – ein Deutscher – ist ihm auf die Sprünge gekommen und hat nachgewiesen, daß dieselbe Entdeckung einem Amerikaner schon im Jahre 1870 gelungen wäre, und ein dritter – wieder ein Deutscher – ist noch schlauer gewesen, als die beiden anderen zusammengenommen, und hat nachgewiesen, daß sie beide einen großen Bock geschossen und Luftkügelchen unter dem Mikroskop für ein dunkles Pigment angesehen hätten. Pjotr Ignatjewitsch erzählt, selbst wenn es etwas sein soll, das mich nach seiner Ansicht belustigen muß, weitläufig, umständlich, als wenn er eine Dissertation verteidigte. Er zählt die literarischen Quellen, die er benutzt hat, detailliert auf und bemüht sich, alle Daten und die Nummern der Zeitschriften und die Namen der Autoren korrekt anzugeben. Dabei sagt er nicht etwa einfach: »Petit«, sondern unfehlbar: »Jean Jacques Petit«. Manchmal bleibt er zum Essen bei uns, und dann erzählt er auch während der ganzen Mahlzeit derartige pikante Histörchen, so daß alle Anwesenden vor Langeweile melancholisch werden. Und wenn er hört, wie Gnecker und Lisa von Fugen, vom Kontrapunkt, von Bach und Brahms reden, senkt er bescheiden seinen Blick und wird ganz konfus; es ist ihm direkt peinlich, daß es Leute gibt, die in Gegenwart von zwei so ernsten Männern, wie ich und er, solche Albernheiten verhandeln mögen.

Bei meinem jetzigen Zustand braucht es nur fünf Minuten, und ich bin seiner schon so überdrüssig, als sähe und hörte ich ihn schon seit einer ganzen Ewigkeit. Ich bekomme einen ordentlichen Haß auf den armen Teufel. Seine ruhige, eintönige Stimme und sein Schriftrussisch bringen mich zur Verzweiflung, und seine Geschichten machen mich ganz krank ... Er bringt mir die freundschaftlichsten Gefühle entgegen und spricht nur, um mir ein Vergnügen zu machen, und ich belohne ihn dafür auf eine eigene Weise. Ich sitze da und starre ihn hartnäckig an, wie ein Hypnotiseur, und denke unaufhörlich: »Geh fort, geh fort, geh fort! ...« Aber er ist unempfänglich für diese gedankliche Beeinflussung und sitzt, sitzt, sitzt ...

Während er so bei mir sitzt, werde ich auf keine Weise die Idee los: »Es ist sehr möglich, daß er zu meinem Nachfolger ernannt wird, wenn ich sterbe.« Und ich sehe mein unglückliches Auditorium als eine Oase, deren Quelle versiegt ist, und ich bin unfreundlich gegen Pjotr Ignatjewitsch und wortkarg und verdrossen, als trüge er die Schuld an diesen Gedanken, und nicht ich selber. Und wenn er nach alter Gewohnheit die deutschen Gelehrten in den Himmel erhebt, mache ich keine gutmütigen Scherze mehr darüber, wie einst, sondern knurre wütend:

»Esel sind Ihre Deutschen!...«

Da muß ich an den verstorbenen Professor Nikita Krylow denken, wie der einmal mit Pirogow zusammen in Reval ein Seebad nahm und, weil er sich über die Kälte des Wassers ärgerte, losschimpfte: »Diese Bande, diese Deutschen!« – Ich benehme mich häßlich gegen Pjotr Ignatjewitsch, und erst, wenn er aufgebrochen ist und ich am Fenster stehe und seinen grauen Hut zwischen den Zaunlatten aufblitzen sehe, verspüre ich Lust, ihn zurückzurufen und ihm zu sagen: »Lieber Freund, bitte verzeihen Sie mir!«

Unser Mittagessen dehnt sich noch langweiliger aus, als im Winter. Der ewige Gnecker, den ich jetzt hasse und verachte, speist fast jeden Tag bei mir. Früher duldete ich seine Gegenwart schweigend, jetzt richte ich Anzüglichkeiten an seine Adresse, die meiner Frau und Lisa das Blut in die Wangen treiben. Von meinem Haß fortgerissen, rede ich oft einfach dummes Zeug und weiß nicht, warum ich das tue. So musterte ich Gnecker neulich mal längere Zeit voll Verachtung und schoß dann auf einmal ganz unvermittelt los:

»Zu Zeiten mag der Aar im Hühnerhofe leben,
Doch niemals kann das Huhn zu Adlerhöhen streben...«

Und das Aergerlichste bei der ganzen Geschichte ist, daß das Huhn Gnecker sich viel klüger erweist, als der Professor-Aar. Er weiß ja, daß meine Frau und meine Tochter auf seiner Seite sind, und hält sich an diese Taktik: er beantwortet meine Anzüglichkeiten mit einem duldsamen Schweigen (»Bei dem alten Herrn scheint's ein bißchen zu rappeln – was soll ich da groß mit ihm disputieren?«), oder er macht sich in gutmütiger Weise über mich lustig. – Es ist ganz erstaunlich, wie ein Mensch herunterkommen kann! Ich bin imstande, mir während des ganzen Mittagessens auszumalen, wie Gnecker schließlich als Hochstapler entlarvt wird, wie es meiner Frau und Lisa wie Schuppen von den Augen fällt, und wie ich sie dann auslache – und dergleichen häßliche Gedanken nährt ein Mann, der schon mit einem Fuß im Grabe steht.

Es kommen bei mir jetzt auch dumme Geschichten vor, Sachen, von denen ich früher nur vom Hörensagen einen Begriff hatte. So sehr ich mich dessen schäme, ich will so ein Vorkommnis beschreiben, das sich vor ein paar Tagen nach dem Essen zugetragen hat.

Ich sitze in meinem Zimmer und rauche meine Pfeife. Wie gewöhnlich kommt meine Frau herein, setzt sich zu mir und fängt davon an, wie gut es wäre, wenn ich jetzt, solange es warm wäre und ich Ferien hätte, nach Charkow reisen, und dort Erkundigungen über Gneckers Verhältnisse einziehen wollte.

»Schön, ich werde hinfahren ...« sage ich.

Meine Frau ist zufrieden mit mir, sie steht auf und geht nach der Tür, kehrt aber gleich wieder um und sagt:

»Bei dieser Gelegenheit möchte ich dich gleich noch um etwas bitten. Ich weiß, du wirst böse werden, aber es ist meine Pflicht, dich zu warnen ... Verzeih mir Nikolai Stepanytsch, aber alle unsere Bekannten und Nachbarn sprechen schon darüber, daß du so oft zu Katja gehst. Sie ist ja klug und gebildet, ich bestreite durchaus nicht, daß der Umgang mit ihr sehr angenehm sein mag, aber in deinen Jahren und bei deiner gesellschaftlichen Stellung, weißt du, hat es doch etwas Sonderbares, möchte ich sagen, daß du an ihrer Gesellschaft Vergnügen findest ... Und dann, ihr Ruf ist derartig, daß ... einfach ...« Alles Blut strömt plötzlich aus meinem Hirn, aus meinen Augen stürzen Funken, ich springe, greife mit beiden Händen an meinen Kopf, trampele mit den Füßen und schreie mit einer ganz fremden Stimme:

»Laßt mich in Ruh! Laßt mich in Ruh! Laßt mich!«

Mein Gesicht muß schrecklich aussehen, meine Stimme ganz unheimlich klingen, denn meine Frau schreit auf, auch in einem ganz fremden, verzweifelten Ton. Auf unser Geschrei stürzen Lisa, Gnecker und dann Jegor herein... »Laßt mich in Ruh!« schreie ich, »hinaus! Laßt mich!«

Meine Füße sterben ab, ich fühle sie gar nicht mehr, und ich merke, wie ich irgend jemand in die Arme falle, dann höre ich noch einen Augenblick ein Schluchzen und sinke in eine Ohnmacht, die zwei, drei Stunden dauert.

Und jetzt zu Katja! Sie kommt täglich am Spätnachmittag zu mir, und es ist natürlich nicht anders möglich, die Nachbarn und unsere Bekannten müssen das ja bemerken. Sie kommt nur auf einen Augenblick herein und holt mich zur Spazierfahrt ab. Sie hat ein eigenes Pferd und einen ganz neuen Charabanc, den sie sich erst in diesem Sommer gekauft hat. Ueberhaupt lebt sie auf großem Fuße: sie hat sich eine ganze Villa mit einem schönen Garten für sich gemietet und ist mit ihrem ganzen Hausstand dahin übergesiedelt, sie hält zwei Dienstmädchen, einen Kutscher ... Oft frage ich sie:

»Katja, wovon willst du später leben, wenn du dein väterliches Vermögen durchbringst?«

»Kommt Zeit, kommt Rat,« erwidert sie.

»Liebe Freundin, dieses Geld verdient es, daß man es mit mehr Ernst ansieht. Ein guter Mensch hat es in ernster Arbeit erworben.«

»Ja, das haben Sie mir schon öfter gesagt. Ich weiß schon.«

Zuerst fahren wir zwischen Feldern dahin, später durch den Nadelwald, den ich aus meinem Fenster sehen kann. Die Natur erscheint mir so schön, wie sie mir immer erschienen ist, ob mir gleich ein Teufel heimlich ins Ohr wispert, daß alle diese Tannen und Föhren, die Vögel und die weißen Wolken am Himmel in drei oder vier Monaten, wenn ich gestorben bin, nicht das Geringste davon merken werden, daß ich nicht mehr da bin. Katja macht das Kutschieren Spaß, und sie ist froh, weil das Wetter schön ist und ich neben ihr sitze. Sie ist guter Laune und macht keine bissigen Bemerkungen.

»Sie sind ein furchtbar guter Mensch, Nikolai Stepanytsch,« sagt sie. »Sie sind ein seltenes Exemplar, und es gibt keinen Schauspieler, der Sie spielen könnte. Mich oder zum Beispiel Michail Fjodorytsch könnte selbst ein schlechter Komödiant spielen, Sie aber kein Mensch. Wie ich Sie beneide, wie sehr ich Sie beneide! Sagen Sie doch, was stelle ich denn vor? Was denn?«

Sie überlegt eine Weile und fragt mich dann:

»Nikolai Stepanytsch, ich bin eine negative Existenz? Nicht wahr?«

»Ja,« antwortete ich.

»Hm... was soll ich machen?«

Was soll ich da antworten? Es ist leicht gesagt: »Arbeite«, oder »Gib dein Hab und Gut den Armen«, oder »Erkenne dich selbst«, und weil so was so leicht gesagt ist, weiß ich keine Antwort für sie.

Meine Kollegen von der Therapeutik raten ihren Schülern in der Heilkunst immer, sie sollen »jeden einzelnen Fall individualisieren«. Diesen Rat muß man befolgen, und man wird finden, daß die Mittel, die in den Lehrbüchern als die besten und für die Schablone vollkommen geeigneten angepriesen werden, sich in einzelnen Fällen als vollkommen untauglich herausstellen. Und genau so ist es bei seelischen Leiden.

Aber irgendeine Antwort muß ich ihr geben, und so sage ich:

»Liebe Freundin, du hast viel zu viel freie Zeit. Du mußt dir unbedingt eine Beschäftigung suchen. Und wirklich, warum willst du nicht wieder Schauspielerin werden, wenn du den Beruf dazu in dir fühlst?«

»Ich kann nicht.«

»Du sagst das in einem Ton und einer Weise, als wärest du ein armes Opfer. Das will mir nicht gefallen, liebe Freundin. Du trägst die Schuld an allem selbst. Denk doch zurück, du hast damit angefangen, daß du dich über die Menschen und die Verhältnisse empörtest, aber du hast nichts getan, um diese wie jene besser zu machen. Du hast mit dem Bösen nicht gekämpft, sondern bist müde geworden, und du bist nicht ein Opfer des Kampfes, sondern ein Opfer deiner Kraftlosigkeit. Na ja, du warst damals jung und unerfahren, jetzt könnte alles ganz anders kommen. Nein, wirklich, geh wieder zur Bühne! Da kannst du arbeiten, kannst der heiligen Kunst dienen...«

»Versuchen Sie doch nicht, so schlau zu sein, Nikolai Stepanytsch,« unterbricht mich Katja, »wollen wir ein für allemal eins abmachen: wir können von Schauspielern, Schauspielerinnen, Schriftstellern sprechen, die Kunst aber wollen wir in Ruhe lassen. Sie sind ein ausgezeichneter, seltener Mensch, Sie haben aber zu wenig Verständnis für die Kunst, um sie, wenn Sie aufrichtig sprechen, für heilig halten zu können. Von der Kunst haben Sie weder einen Begriff noch eine Ahnung. Sie haben Ihr ganzes Leben lang in der Arbeit gesteckt und keine Zeit gehabt, sich in die Kunst zu vertiefen. Ueberhaupt ... ich liebe diese Gespräche über die Kunst nicht,« fügt sie nervös hinzu, »ich kann das nicht leiden! Sie haben sie so schon genug auf den Hund gebracht; es reicht gerade!«

»Wer hat sie auf den Hund gebracht?«

»Die Künstler durch ihre Versoffenheit, die Zeitungen – durch ihre familiäre Behandlung, die klugen Leute – durch ihr Philosophieren darüber.«

»Die Philosophie gehört gar nicht hierher.«

»O doch! Wenn einer über eine Sache philosophiert, so heißt das, daß er sie nicht begreift.«

Damit sie nicht in ihren bekannten bissigen Ton verfällt, lenke ich das Gespräch schleunigst von diesem Thema ab, und dann schweige ich lange Zeit. Erst, als wir den Wald wieder verlassen und auf Katjas Landhaus zufahren, nehme ich unser vorheriges Gespräch wieder auf und frage sie:

»Du hast mir aber immer noch nicht auf meine Frage geantwortet: warum willst du nicht wieder zur Bühne?«

»Nikolai Stepanytsch, das wird schließlich grausam!« fährt sie auf und wird auf einmal feuerrot. »Sie verlangen, daß ich Ihnen laut und deutlich die Wahrheit sage? Bitte schön, wenn Ihnen ... wenn Ihnen das angenehm ist! Ich habe kein Talent! Kein Talent und ... sehr viel Egoismus! So!«

Und nach diesem Geständnis wendet sie ihr Gesicht weg und reißt heftig an den Zügeln, damit ich nicht merke, wie ihre Hände zittern.

Als wir uns ihrem Landhaus nähern, sehen wir schon von weitem Michaïl Fjodorowitsch vor dem Gartentor auf und nieder gehen und uns ungeduldig erwarten.

»Schon wieder dieser Michaïl Fjodorytsch!« sagt Katja ärgerlich. »Schaffen Sie ihn mir, bitte, vom Halse! Ich habe genug von ihm, er ist mir so langweilig geworden... Ach Gott!«

Michaïl Fjodorowitsch müßte schon längst im Ausland sein, aber er verschiebt seine Abreise von Woche zu Woche. Er hat sich in letzter Zeit in mancher Hinsicht verwandelt: er ist gewissermaßen steuerlos geworden, er bekommt leicht einen Rausch vom Wein, und das war früher nie der Fall, und seine schwarzen Brauen fangen schon an, grau zu werden. Wenn unser Charabanc an der Pforte hält, verhehlt er seine Freude und seine Ungeduld nicht. Er hilft Katja und mir behutsam aus dem Wagen, beeilt sich, Fragen an uns zu richten, lacht, reibt sich die Hände, und der sanfte, flehende, reine Ausdruck, den ich früher nur in seinen Augen fand, hat sich jetzt über sein ganzes Gesicht verbreitet. Er freut sich, und zugleich schämt er sich seiner Freude, er schämt sich seiner Gewohnheit, jeden Abend bei Katja zu verbringen, und hält es für nötig, seinen Besuch mit einer durchsichtigen, ganz dummen Ausrede zu motivieren, wie: »Ich kam gerade in Geschäften hier vorüber, und da dachte ich mir, ich will doch auf eine Minute hineinschauen.«

Alle drei gehen wir dann ins Zimmer: zuerst trinken wir Tee, dann erscheinen auf dem Tische die bekannten zwei Spiele Karten, ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krimscher Champagner. Unsere Gesprächsthemen sind die alten, genau dieselben, wie im Winter. Es ist die Rede von der Universität, den Studenten, der Literatur, dem Theater; die Luft wird dick und schwül vor hämischen Redensarten, und es ist nicht mehr der Pesthauch von zwei Kröten, der sie vergiftet, es sind jetzt ganze drei. Außer dem sammetweichen Baritonlachen und dem Gelächter, das den Rhythmus einer Harmonika hat, hört die Magd, die uns bedient, noch ein drittes, unsympathisches, zitteriges Gelächter; alte Generäle in Possen pflegen so zu lachen: He-he-he.

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