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Schatten des Todes

Anton Tschechow: Schatten des Todes - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/cechov/schatten/schatten.xml
typefiction
authorAnton Tschechow
booktitleSchatten des Todes - Ein Zweikampf. Zwei kleine Romane
titleSchatten des Todes
publisherMusarion Verlag
seriesAnton Tschechow Gesammelte Romane und Novellen
volumeErster Band
printrun1.-5. Tausend
editorAlexander Eliasberg
year1919
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120425
projectid61f2d16e
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III

Nach ihrer Gewohnheit liegt Katja auf dem türkischen Divan oder der Couchette und liest. Wenn sie mich erblickt, hebt sie träge den Kopf, setzt sich auf und streckt mir ihre Hand entgegen.

»Du liegst aber auch immer,« sage ich nach einem kurzen Schweigen, wenn ich mich ein wenig verschnauft habe. »Das ist ungesund. Du solltest dir irgendeine Beschäftigung suchen!«

»Was?«

»Ich sagte, du solltest dich nach irgendeiner Beschäftigung umsehen.«

»Was für eine denn? Ein Frauenzimmer ist nur als Fabrikarbeiterin oder als Schauspielerin zu brauchen.«

»Was macht das? Wenn du nicht Arbeiterin werden kannst, so geh wieder zum Theater.«

Sie schweigt.

»Dann solltest du heiraten,« sag' ich, halb im Scherz.

»Ich wüßte nicht, wen. Und es hat auch keinen Zweck.«

»So kann eins doch nicht existieren.«

»Ohne Mann? Ach, die große Wichtigkeit! Männer könnte ich genug bekommen, wenn ich Lust hätte.«

»Katja, das ist nicht hübsch von dir.«

»Was ist nicht hübsch?«

»Ja, das, was du gerade gesagt hast.«

Sie merkt, daß sie mich verletzt hat, und will den schlechten Eindruck gern verwischen und sagt:

»Kommen Sie mal mit. Hier herein. Sehn Sie!«

Sie führt mich in ein kleines, sehr behaglich eingerichtetes Zimmer und sagt, indem sie auf den Schreibtisch deutet:

»Sehn Sie ... das habe ich für Sie eingerichtet. Hier werden Sie arbeiten. Kommen Sie jeden Tag und bringen Sie Ihre Arbeit mit. Zu Hause werden Sie ja doch nur in einem fort gestört. Werden Sie also hier arbeiten? Wollen Sie?«

Um sie durch meine Weigerung nicht zu kränken, sage ich ihr, ich wollte hier arbeiten und das Zimmer gefiele mir sehr. Dann sitzen wir beide in dem behaglichen Zimmerchen und unterhalten uns miteinander.

Die Wärme, die gemütliche Umgebung und die Nähe eines mir sympathischen Wesens wecken in mir nicht mehr das Wohlgefühl wie einst, sondern nur ein Bedürfnis zu klagen und zu schimpfen. Mir scheint, ich weiß nicht warum, daß das Klagen und Schimpfen mir einige Erleichterung geben wird.

»Schlecht stehen die Sachen, meine Liebe!« fange ich mit einem Seufzer an. »Sehr schlecht ...«

»Was ist denn los?«

»Siehst du, liebe Freundin. Das schönste und heiligste Vorrecht der Könige ist das Recht auf Begnadigung. Und ich habe mich immer als ein König gefühlt und von diesem Recht den weitesten Gebrauch gemacht. Ich verurteilte niemand, war stets nachsichtig und verzieh allen und alles. Wo die anderen protestierten und sich empörten, suchte ich zu überreden und zu überzeugen. Mein ganzes Leben lang war ich nur darauf bedacht, daß meine Gesellschaft meiner Familie, den Studenten, den Kollegen, den Dienstboten erträglich sei. Dieses Verhältnis zu den Menschen wirkte auf alle, die in meiner Nähe waren, erzieherisch. Jetzt bin ich aber kein König mehr. In mir geht etwas vor, was nur eines Sklaven würdig wäre: in meinem Kopfe rumoren Tag und Nacht böse Gedanken, und in meiner Seele haben sich Gefühle festgesetzt, die ich bisher nicht kannte. Ich hasse, ich verachte, ich empöre mich, ich fürchte. Ich bin übermäßig streng, anspruchsvoll, reizbar, unfreundlich und argwöhnisch geworden. Selbst solche Dinge, die ich bisher mit irgendeiner witzigen Bemerkung oder mit gutmütigem Lachen abtat, wecken in mir jetzt ein unerträgliches Gefühl. Auch meine ganze Logik ist verändert: früher verachtete ich nur das Geld, jetzt aber habe ich dieses Gefühl nicht gegen das Geld sondern gegen die Reichen, als ob sie dafür verantwortlich wären; früher haßte ich jede Gewalttätigkeit und Willkür, heute hasse ich aber die Menschen, die Gewalt anwenden, als ob sie allein die Schuld trügen, und nicht wir alle, die wir einander nicht zu erziehen verstehen. Was soll das bedeuten? Wenn die neuen Gedanken und die neuen Gefühle auf einem Wechsel einer Ueberzeugung beruhen, – woher soll so ein Wechsel kommen? Ist die Welt schlechter und bin ich besser geworden, oder war ich früher stumpf und blind gewesen? Wenn aber diese Aenderung auf einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und geistigen Kräfte beruht, – ich bin ja krank und verliere jeden Tag an Gewicht, – so ist meine Lage kläglich: also sind meine neuen Gedanken unnormal und krankhaft, und ich muß mich ihrer schämen und sie für nichtig ansehen ...«

»Die Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja. »Ihnen sind einfach die Augen aufgegangen, – das ist alles. Sie haben nun das erblickt, was Sie früher nicht haben sehen wollen. Meiner Ansicht nach, müssen Sie endgültig mit Ihrer Familie brechen und fortziehen.«

»Du redest Unsinn.«

»Sie lieben sie doch nicht mehr, was wollen Sie sich betrügen? Ist denn das eine Familie? Lauter Nichtse! Wenn sie heute alle sterben, wird es morgen kein Mensch merken.«

Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebensosehr, wie jene sie hassen. Man kann in unserer Zeit wohl kaum mehr von einem Recht der Menschen sprechen, einander zu verachten. Aber wenn man sich auf Katjas Standpunkt stellt und den Lebenden so ein Recht zugestehen will, muß man immerhin sagen, daß sie genau so sehr berechtigt ist, wie jene berechtigt sind, sie zu hassen.

»Diese Nichtse!« sagt sie von ihnen, »haben Sie heute überhaupt zu Mittag gegessen? Wie kommt es eigentlich, daß sie nicht vergessen haben, Sie zu Tisch zu bitten? Wie kommt es, daß sie sich immer noch an Ihre Existenz erinnern?«

»Katja,« sage ich streng, »ich bitt dich, hör' davon auf!«

»Glauben Sie vielleicht, mir macht es Spaß, von ihnen zu reden? Ich wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennen würde. Hören Sie auf mich, lieber Freund: lassen Sie alles stehen und liegen und reisen Sie ab. Reisen Sie ins Ausland. Je schneller, je besser.«

»So ein Unsinn! Und die Universität?«

»Auch die Universität! Was ist sie Ihnen? Das hat ja auch keinen Sinn und Verstand. Seit dreißig Jahren unterrichten Sie jetzt, und wo sind Ihre Schüler? Haben Sie viele berühmte Schüler? Zählen Sie mal nach! Und um die Zahl der Aerzte zu vermehren, die die Unwissenheit exploitieren und hunderttausend Rubel im Jahr verdienen, braucht man kein talentvoller und guter Mensch zu sein. Sie sind ganz überflüssig.«

»Lieber Gott, wie bissig du bist!« sage ich ganz erschrocken, »wie bissig du bist! Jetzt hör' aber auf, sonst geh' ich! Auf deine bissigen Bemerkungen will ich nicht antworten!«

Das Mädchen kommt und bittet uns zum Tee. Beim Samowar ändert sich unser Gespräch, Gott sei Dank. Jetzt, wo ich mich ausgeklagt habe, verspüre ich die Lust, meiner anderen Greisenschwäche die Zügel schießen zu lassen – meinen Erinnerungen. Ich erzähle Katja von meiner Vergangenheit und teile ihr, zu meinem eigenen Erstaunen, Einzelheiten mit, von denen ich gar nicht geahnt hatte, daß sie noch so frisch in meinem Gedächtnis hafteten. Und sie hört mir mit Rührung und Stolz, mit angehaltenem Atem zu. Besonders gerne erzählte ich ihr, wie ich einst am Priesterseminar studierte und mich sehnte, auf die Universität zu kommen.

»Manchmal spazierte ich in unserem Seminargarten,« erzählte ich ihr. »Da bringt der Wind aus irgendeiner fernen Schenke Ziehharmonikatöne oder Gesang her, oder eine Troika mit Schellen saust am Seminarzaun vorbei, und das genügt schon vollkommen, damit das Gefühl von Glück nicht nur die Brust, sondern auch Bauch, Beine und Arme fülle ... Ich höre der Ziehharmonika oder dem verhallenden Schellengeläute zu, sehe mich in Gedanken als Arzt und male mir Bilder aus, eines schöner als das andere. Nun sind meine Träume, wie du siehst, in Erfüllung gegangen. Mir ist mehr gewährt worden, als ich je zu träumen wagte. Dreißig Jahre lang war ich der beliebte Professor, hatte die besten Kollegen und genoß Ruhm und Ehren. Ich habe geliebt, aus Liebe geheiratet und Kinder gehabt. Mit einem Wort, wenn ich zurückblicke, erscheint mir mein Leben als eine schöne, talentvoll komponierte Symphonie. Nun gilt es nur noch, das Finale nicht verpatzen. Dazu muß ich menschenwürdig sterben. Wenn der Tod in der Tat eine Gefahr ist, so muß ich ihn so empfangen, wie es einem Lehrer, Mann der Wissenschaft und Bürger eines christlichen Staates geziemt: wohlgemut und ruhigen Herzens. Aber ich verpatze das Finale. Ich ertrinke, ich komme zu dir gelaufen und bitte um Hilfe. Und du sagst mir drauf: ertrinken Sie nur, es muß so sein.«

Im Vorzimmer geht die Klingel. Ich und Katja, wir hören es und sagen:

»Das wird wahrscheinlich Michail Fjodorytsch sein.«

Und richtig, im nächsten Augenblick tritt mein Kollege von der philologischen Fakultät, Michail Fjodorytsch ein, ein großer, gut gewachsener Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem Haar, schwarzen Brauen und glattrasiertem Gesicht. Er ist ein vortrefflicher Mensch und ein ausgezeichneter Kollege. Er stammt aus einer altadeligen Familie, die immer sehr erfolgreich und begabt war und eine hervorragende Rolle in der Geschichte unserer Literatur und Geistesentwicklung gespielt hat. Er selbst ist klug, talentvoll, sehr gebildet, aber nicht ganz frei von Absonderlichkeiten. Bis zu einem gewissen Grade sind wir ja alle Sonderlinge, aber seine Absonderlichkeiten stellen etwas ganz Ausnahmsweises dar und schließen eine gewisse Gefahr für seine Bekannten in sich. Unter diesen weiß ich nicht wenige, die vor lauter Absonderlichkeiten seine zahlreichen Vorzüge überhaupt nicht bemerken!

Er tritt ein, zieht langsam seine Handschuhe aus und sagt mit seiner sammetweichen Baßstimme:

»Guten Abend. Sie trinken Tee? Das trifft sich sehr gut. Eine höllische Kälte draußen.«

Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt sein Glas und fängt sofort zu sprechen an. Das Charakteristischste an seiner Sprechweise ist sein ewig scherzhafter Ton, eine gewisse Mischung von Philosophie und Possenreißerei, wie sie die Shakespeareschen Totengräber haben. Er spricht immer von ernsten Dingen, aber niemals ernsthaft. Seine Urteile sind immer bissig, schmähsüchtig, aber dank dem weichen, gleichmäßigen, scherzhaften Ton kommen sie so heraus, daß seine Bissigkeit und sein Geschimpfe das Ohr nicht verletzen und man sich schnell daran gewöhnt. Jeden Abend hat er fünf, sechs Anekdoten aus dem Universitätsleben in petto, und die sind gewöhnlich sein erstes, wenn er sich an den Tisch gesetzt hat.

»Ach du lieber Herrgott,« seufzt er und hebt und senkt seine schwarzen Brauen spöttisch, »was doch für Komiker auf dieser Erde spazieren laufen!«

»Wieso denn?« fragt Katja.

»Ich komme heute aus meinem Kolleg und treffe auf der Treppe diesen alten Idioten, unseren lieben Kollegen NN ... Da kommt er und streckt wie gewöhnlich sein Pferdekinn vor und sucht einen Dummen, dem er ein längeres und breiteres vorjammern kann über seine Migräne, seine Frau und die Studenten, die keine vier Pferde in seine Kollegien hineinbringen. Na, denk' ich mir, er hat mich schon gesehen – jetzt ist's verspielt, verflucht und zugenäht ...«

Und so weiter in der Tonart. Oder er beginnt folgendermaßen:

»Gestern war ich im öffentlichen Vortrag unseres lieben Kollegen ZZ. Ich wundere mich nur, wo unsere alma mater – erwähnen wir sie abends lieber nicht, sonst träumen wir noch von ihr – wo sie den Mut hernimmt, dem Publikum solche Dummköpfe und patentierte Trottel vorzuführen, wie diesen ZZ. Das ist ja der europäische Hanswurst! Einen zweiten von der Sorte treiben Sie in ganz Europa nicht auf, wenn Sie auch bei hellichtem Tag mit der Laterne auf die Suche gehen. So ledern kann es höchstens noch in unserer Aula sein, wenn die Jahresfeier begangen wird, bei der einer von uns den traditionellen Vortrag schwingen muß, der Teufel soll ihn holen!«

Und gleich darauf der plötzliche Uebergang:

»Vor drei Jahren – Nikolai Stepanytsch muß es ja noch wissen – hatte ich die hohe Ehre, diesen Vortrag zu halten. Die Hitze damals, die eingeschlossene Luft, die Uniform drückt in den Achselhöhlen – zum Verrecken! Ich lese eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, anderthalb Stunden, zwei Stunden ... ›Na,‹; denk ich endlich, ›Gott sei Dank, jetzt hab' ich nur noch zehn Seiten.‹; Und ganz gegen Ende waren da noch vier Seiten, die ich eigentlich gar nicht mitzulesen brauchte, und ich gedachte sie auch wegzulassen. ›Also‹;, dachte ich, ›sind's bloß noch sechs.‹; Aber, nu denken Sie mal, ich schiele ein bißchen ins Publikum und sehe: in der ersten Reihe sitzen nebeneinander ein General mit einem breiten Ordensband und der Erzbischof. Die armen Teufel sind vor Langeweile einfach zu Salzsäulen geworden, sie reißen die Augen krampfhaft auf, um nicht einzuschlafen, aber nichtsdestoweniger wollen sie Aufmerksamkeit markieren und schneiden ein Gesicht, als kapierten sie meinen Vortrag und fänden ihn reizend. ›Na,‹; denk' ich, ›wenn ihr das reizend findet, dann sollt ihr um kein Quentchen eures Vergnügens betrogen werden. Nu aber grade!‹; Ich nahm alle Kraft zusammen und las die vier Seiten mit.«

Wenn er spricht, lächeln in seinem Gesicht, wie das überhaupt bei allen spöttisch veranlagten Menschen der Fall ist, nur die Augen und die Brauen. Dabei liegt in seinen Augen weder Haß noch Bosheit, sondern nur viel Witz und die spezielle fuchsartige Schlauheit, die man fast nur bei sehr scharfen Beobachtern findet. Wenn man noch etwas von seinen Augen sagen will, so habe ich noch eine Besonderheit an ihnen bemerkt. Wenn er sein Glas aus Katjas Hand nimmt, oder eine Replik von ihr anhört, oder sie mit seinen Blicken begleitet, wenn sie mal auf einen Augenblick das Zimmer verläßt, dann finde ich in seinem Blick etwas seltsam Sanftes, Flehendes, Reines ...

Das Mädchen trägt den Samowar fort und stellt ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krimschen Champagner auf den Tisch. An dieses Getränk hat Katja sich gewöhnt, als sie in der Krim lebte. Michail Fjodorowitsch holt zwei Spiele Karten von einer Etagere und legt Patiencen. Er ist überzeugt, daß manche Patiencen viel Scharfsinn und Aufmerksamkeit erfordern. Aber trotz alledem hört er nicht auf, sich durch ewiges Sprechen abzulenken, während er sie legt. Katja sieht aufmerksam auf seine Karten und hilft ihm, mehr mit Gebärden, als mit Worten. Wein trinkt sie den ganzen Abend nicht mehr als zwei Glas, ich trinke ein viertel Glas; der Rest der Flasche kommt auf Michail Fjodorowitschs Teil, der viel vertragen kann und nie einen Rausch bekommt.

Wenn die Patience beendet ist, sprechen wir über alles Mögliche, meist über Gegenstände höherer Natur, und besonders oft kommen wir auf das Thema, das wir vor allen lieben: die Wissenschaft.

»Die Wissenschaft ist Gott sei Dank fertig,« sagt Michaïl Fjodorowitsch langsam und deutlich, »ihre Rolle ist schon ausgespielt. Jawohl. Und sagen Sie doch wirklich: was hat sie den Menschen gegeben? Zwischen uns gelehrten Europäern und den Chinesen, die keinerlei Wissenschaft besitzen, besteht nur ein verschwindend kleiner, rein äußerlicher Unterschied. Die Chinesen haben nie eine Wissenschaft gekannt, und was haben sie daran verloren?«

»Die Fliegen haben auch keine Wissenschaft,« sage ich, »was folgt denn daraus?«

»Sie regen sich ganz unnütz auf, Nikolai Stepanytsch. Ich sage das hier, unter uns ... Ich bin viel vorsichtiger, als Sie denken. Fällt mir gar nicht ein, das öffentlich zu sagen, Gott soll mich bewahren! Bei der breiten Masse existiert nun mal der Aberglauben, daß Wissenschaft und Kunst höher stehen, als Ackerbau, Handel, Handwerk. Unsere Sekte lebt von diesem Aberglauben; ich und Sie, wir dürfen ihn beileibe nicht zerstören. Da sei Gott vor!«

»Dekadent ist heutzutage unser ganzes Geschlecht,« seufzt Michaïl Fjodorowitsch dann wieder, »ich rede ja gar nicht von Idealen und so weiter, wenn sie nur wenigstens vernünftig zu arbeiten und zu denken verständen! Traurig kann man werden, wenn man seine Zeitgenossen betrachtet.«

»Ja, es ist eine fürchterliche Dekadenz,« stimmt Katja zu, »sagen Sie mal, haben Sie in den letzten fünfzehn Jahren auch nur einen Schüler gehabt, an dem etwas Besonderes gewesen wäre?«

»Ich weiß nicht, wie es bei den anderen Professoren ist, ich wüßte keinen.«

»Ich habe in meinem Leben«, sagte Katja, »viele Studenten und junge Gelehrten und viele Schauspieler gesehen ... Und was muß ich sagen? Noch nie hatte ich das Glück, nicht nur einem Helden oder einem besonderen Talent, sondern auch bloß einem interessanten Menschen zu begegnen. Alles ist farblos, talentlos und dabei furchtbar aufgeblasen ...«

Alle diese Reden von der Dekadenz machen mir jedesmal einen Eindruck, als hörte ich zwei Leute schlecht von meiner Tochter sprechen. Es kränkt mich, daß diese Anklagen so oberflächlich sind und sich in solchen längst abgenutzten Gemeinplätzen, in so einem Geschwefel Luft machen, wie: »Dekadenz« und »verlorene Ideale«. Jede Anklage, selbst wenn sie in Damengesellschaft ausgesprochen wird, soll mit der größtmöglichen Präzision formuliert werden, sonst ist sie keine Anklage, sondern eine leere Verleumdung, die sich anständige Menschen nicht erlauben dürfen.

Ich bin ein alter Mann und schon dreißig Jahre im Amte, aber ich merke nichts von einer Dekadenz, einem Schwinden der Ideale, und finde auch nicht, daß die Welt jetzt schlechter wäre, als früher. Mein Hörsaaldiener Nikolai, dessen Erfahrung in der Hinsicht nicht zu unterschätzen ist, findet, daß die Studenten von heute weder besser noch schlechter sind, als die von ehemals.

Wenn man mich fragte, was mir an meinen jetzigen Schülern mißfällt, würde ich darauf zwar nicht sofort und nicht viel, doch sehr bestimmt antworten. Ihre Mängel kenne ich, und daher brauche ich nicht zu allgemeinen Redensarten Zuflucht zu nehmen. Mir mißfällt, daß sie rauchen, Spirituosen trinken und spät heiraten; daß sie so gleichgültig sind, daß sie Hungernde in ihrer Mitte dulden und die Darlehen an die Unterstützungskasse nicht zurückzahlen. Sie verstehen die neuen Sprachen nicht und können sich nicht einmal russisch richtig ausdrücken. Gestern erst beklagte sich mein Kollege, der Hpgieniker, daß er den Umfang seiner Vorlesungen verdoppeln müsse, weil sie nur sehr wenig von Physik und nichts von Meteorologie verstehen. Sie erliegen gerne dem Einflüsse der neueren Dichter, und nicht einmal der besten unter diesen, sind aber vollkommen gleichgültig gegen solche Klassiker wie Shakespeare, Mark Aurel, Epiktet oder Pascal, und in dieser Unfähigkeit, das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt sich ganz besonders ihr durch und durch unpraktischer Sinn. Allen schwierigen Fragen, die einen mehr oder weniger sozialen Charakter haben, (z. B. der Frage der inneren Kolonisation) suchen sie durch Geldkollekten beizukommen, nur nicht durch wissenschaftliche Forschung oder Erfahrung, obwohl dieser letztere Weg ihnen offen steht und ihrem Berufe am meisten entspricht. Sie werden gerne Ordinatoren, Laboranten, Assistenten, Externe und sind bereit, solche Posten bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre zu bekleiden, obwohl Selbständigkeit, Unabhängigkeit und persönliche Initiative in der Wissenschaft nicht weniger wichtig sind als in der Kunst oder im Handel. Ich habe wohl Schüler und Hörer, doch keine Helfer und Nachfolger, und darum liebe ich sie, lasse mich von ihnen rühren, bin aber auf sie nicht stolz. Usw. Usw.

Und ihre Mängel, so zahlreich sie auch sein mögen, können eine pessimistische und schmähliche Stimmung nur in kleinmütigen und ängstlichen Menschen gebären. Das alles hat einen so zufälligen, vorübergehenden Charakter und steht in vollkommener Abhängigkeit von den Lebensbedingungen; es braucht vielleicht zehn Jahre, und diese Mängel können verschwunden sein oder anderen, neuen, den Platz geräumt haben, ohne die es ja wohl nicht abgehen wird und die dann wieder die Kleinmütigen ängstigen werden. Die Fehler meiner Studenten ärgern mich oft, aber dieser Aerger ist ein Nichts gegen die Freude, die ich schon dreißig Jahre fühle, wenn ich mit meinen Schülern spreche, wenn ich ihnen meine Vorlesungen halte, wenn ich ihre Verhältnisse und Lebensbedingungen studiere und sie mit Leuten in anderen sozialen Stellungen vergleiche.

Michaïl Fjodorowitsch macht boshafte Bemerkungen, Katja lauscht ihm, und beide merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund sie allmählich dieses scheinbar so harmlose Vergnügen, über den lieben Nächsten abzuurteilen, hinunterzieht. Sie fühlen es nicht, wie die gewöhnliche Unterhaltung immer höhnischer und hämischer wird und sie beide schließlich anfangen, mit Verleumdungen um sich zu werfen.

»Furchtbar komische Exemplare kommen zuweilen vor,« erzählt Michaïl Fjodorowitsch. »Da komme ich gestern zu unserm Jegor Petrowitsch und treffe bei ihm einen Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube, vom fünften Semester. Hat so ein Gesicht in Dobroljubowschem Stile, auf der Stirn das Siegel des Tiefsinns. Ich komme mit ihm ins Gespräch. ›So stehen die Sachen, junger Freund. Ich las neulich,‹; sage ich ihm, ›daß irgendein Deutscher – den Namen habe ich vergessen – aus dem menschlichen Gehirn ein neues Alkaloïd – das Idiotin gewonnen hat.‹; Und was denken Sie? Er glaubte es und machte sogar eine ehrerbietige Miene: ›Ja, die Mediziner!‹; – Oder ich komme neulich ins Theater. Setz' mich hin. Gerade vor mir, in der nächsten Reihe sitzen zweie: der eine, einer von unsern Leut', offenbar Jurist, der andere – ein ungekämmter Mediziner. Der Mediziner ist besoffen wie ein Schuster. Kümmert sich nicht um die Bühne, duselt vor sich hin. Sobald aber irgendein Schauspieler mit einem Monolog beginnt, oder auch nur die Stimme erhebt, fahrt der Mediziner zusammen, stößt den anderen in die Seite und fragt: ›Was sagt er? Wie ist die Tendenz?‹; – ›Hochanständig!‹; antwortet der Jurist. – ›Bravo!‹; brüllt der Mediziner: ›Bravo!‹; Der besoffene Klotz ist nämlich ins Theater nicht der Kunst, sondern der Tendenz wegen gekommen. Tendenz braucht der Kerl!«

Katja hört zu und lacht. Ihr Lachen hat etwas Sonderbares: Einatmung und Ausatmung folgen sich schnell und mit rhythmischer Regelmäßigkeit – es hat etwas davon, als ob sie auf einer Harmonika spielte – und in ihrem ganzen Gesicht lachen dabei nur die Nüstern. Ich aber werde verstimmt und weiß nicht, was ich sagen soll. Und schließlich verliere ich die Fassung, ich werde wütend, springe auf und schreie:

»Jetzt hört aber endlich einmal auf! Warum sitzt ihr da, wie zwei giftige Kröten, und verpestet die Lust mit eurem Atem? Jetzt kann's auch einmal genug sein!«

Und ich warte nicht ab, bis sie alle ihre Bosheiten ausgekramt haben, ich breche auf. Es ist auch schon Zeit: die Uhr ist elf.

»Ich bleibe noch ein bißchen,« sagt Michaïl Fjodorowitsch, »darf ich, Jekaterina Wladimirowna?«

»Sie dürfen,« erwidert Katja.

» Bene, unter diesen Umständen bitte ich Sie, noch ein Fläschchen kommen zu lassen.«

Beide begleiten mich mit einer Kerze ins Vorzimmer, und während ich meinen Pelz anziehe, sagt Michaïl Fjodorowitsch:

»In letzter Zeit sehen Sie fürchterlich schlecht aus und werden so alt, Nikolai Stepanowitsch. Was ist das mit Ihnen? Sind Sie krank?«

»Ja, ich bin nicht ganz gesund ...«

»Und er nimmt keinen Arzt ...« wirft Katja traurig dazwischen.

»Warum holen Sie keinen Arzt? Wie kann man nur ...? Lieber Mann, wer sich selbst hilft, dem hilft Gott. Empfehlen Sie mich den Ihrigen und entschuldigen Sie mich, weil ich keinen Besuch mache. In diesen Tagen, bevor ich ins Ausland reise, komme ich Adieu sagen, ganz sicher! Nächste Woche reise ich.«

Aufgeregt verlasse ich Katjas Haus, beängstigt durch das Gespräch über meine Krankheit und unzufrieden mit mir selbst. Ich frage mich: wäre es nicht wirklich besser, wenn ich einen von den Kollegen konsultieren würde? Aber dann stelle ich mir vor, wie der Kollege, nachdem er mich auskultiert hat, schweigend ans Fenster tritt, eine Zeitlang überlegt, sich dann zu mir wendet und sich Gewalt antut, damit ich nicht die Wahrheit auf seinem Gesicht lese, und dann in gleichmütigem Tone sagt: »Fürs erste finde ich nichts Besonderes, aber immerhin, Herr Kollega, würde ich Ihnen raten, Ihren Beruf doch aufzugeben ...« Und das würde mir meine letzte Hoffnung rauben.

Wer hätte keine Hoffnungen mehr? Jetzt, wo ich mir selbst die Diagnose stelle und mich selbst behandele, hoffe ich doch zuzeiten, daß meine Unwissenheit mich betrügt, daß ich mich täusche, wenn ich Eiweiß und Zucker entdecke, oder mit meinem Herzen, und in bezug auf die Wassergeschwülste, die ich schon zweimal morgens bemerkt habe; wenn ich die Lehrbücher der Therapeutik mit dem Eifer des Hypochonders durchstudiere und täglich mit den Arzneien wechsele, ist es mir immer, als müßte ich auf die Weise etwas Tröstliches finden. Wie seicht ist das alles.

Ob der Himmel mit Wolken bedeckt ist, ob der Mond und die Sterne scheinen, jedesmal schaue ich auf meinem Heimweg empor und denke daran, wie bald mich der Tod abrufen wird. Und man sollte meinen, dann müßten meine Gedanken hoch wie der Himmel sein, klar, durchdringend... Aber nein! Ich denke an mich selbst, an meine Frau, an Lisa, an Gnecker, an meine Studenten, überhaupt an die Menschen; ich denke schlecht, flach, ich posiere vor mir selbst, und meine Weltanschauung läßt sich in diesen Momenten in die Worte zusammenfassen, die der berühmte Araktschejew in einem von seinen intimen Briefen ausgesprochen hat: »Es gibt nichts Gutes in der Welt, das nicht auch sein Schlechtes hätte. Und immerdar ist das Schlechte häufiger zu finden, als das Gute.« Das heißt: Alles ist schlecht, es hat keinen Zweck, zu leben, und die zweiundsechzig Jahre, die du schon gelebt hast, mußt du für verlorene Jahre halten. Ich ertappe mich auf diesen Gedanken und versuche, mir einzureden, daß sie zufällig und momentan sind und nicht tief in mir sitzen, aber sogleich denke ich wieder:

»Aber wenn das wahr ist, warum zieht es dich dann Abend für Abend zu diesen beiden Giftkröten?«

Und ich lege einen Schwur vor mir selbst ab, nie wieder zu Katja zu gehen, und ich weiß doch, daß ich morgen wieder hingehe.

Wenn ich bei mir zu Hause klingele und dann die Treppe hinaufsteige, fühle ich, daß ich wirklich keine Familie mehr habe, und ich habe auch nicht den Wunsch, sie wieder zu erlangen. Es ist ganz klar, diese neuen Araktschejewschen Gedanken sind nichts Zufälliges und Momentanes, sondern sie beherrschen mein ganzes Wesen. Mit krankem Gewissen, unendlich gleichgültig, verdrossen und träge lege ich mich ins Bett, ich kann meine Glieder kaum rühren, es ist, als wäre ich um tausend Zentner schwerer geworden. Und dann schlafe ich bald ein.

Und später – die Schlaflosigkeit ...

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