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Schatten des Todes

Anton Tschechow: Schatten des Todes - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/cechov/schatten/schatten.xml
typefiction
authorAnton Tschechow
booktitleSchatten des Todes - Ein Zweikampf. Zwei kleine Romane
titleSchatten des Todes
publisherMusarion Verlag
seriesAnton Tschechow Gesammelte Romane und Novellen
volumeErster Band
printrun1.-5. Tausend
editorAlexander Eliasberg
year1919
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120425
projectid61f2d16e
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II

Nach dem Kolleg sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese Zeitschriften, oder Dissertationen, oder bereite mich fürs nächste Kolleg vor, manchmal schreibe ich auch etwas. Ich kann nur mit Unterbrechungen arbeiten, denn ich muß auch Besuche empfangen.

»Ich komme nur für einen Augenblick, einen Augenblick! Bleiben Sie doch sitzen, Herr Kollege! Nur auf ein Wort!«

Als erstes bemühen wir uns beide, zu beweisen, daß wir sehr liebenswürdig sind und uns sehr freuen, einander zu sehen. Ich nötige ihn in den Lehnstuhl, er wieder mich; hierbei streicheln wir uns gegenseitig mit den Händen die Hüften, betasteten unsere Rockknöpfe und tun so, als befühlten wir uns vorsichtig und hätten Angst, uns dabei die Finger zu verbrennen. Wir lachen beide, obgleich keiner etwas Komisches gesagt hat. Wenn wir dann sitzen, stecken wir die Köpfe zusammen und fangen ein halblautes Gespräch an. Wie herzlich wir uns auch stehen mögen, wir können nicht anders, wir müssen unsere Redeweise mit allerhand Chinesereien vergolden, zum Beispiel: »wie Sie so treffend zu bemerken die Güte hatten«, oder: »wie ich mich Ihnen schon mitzuteilen beehrte«, und wir können nicht anders, wir müssen lachen, sobald einer von uns eine witzige Bemerkung macht, wenn sie auch entgleist. Nachdem wir die amtlichen Angelegenheiten besprochen haben, steht der Kollege plötzlich auf, wedelt mit seinem Hut nach der Stelle hin, wo meine Arbeit liegt, und beginnt sich zu empfehlen. Wieder befühlen wir einander und lachen. Ich begleite ihn ins Vorzimmer; dort helfe ich dem Kollegen in den Pelz, und er wehrt diese hohe Ehre dankend ab. Und dann, wenn Jegor die Tür öffnet, schwört mir der Kollege, daß ich mich erkälten würde, und ich tue so, als wäre ich im Begriff, ihn ganz bis auf die Straße zu begleiten. Und wenn ich endlich wieder in mein Arbeitszimmer trete, lächelt mein Gesicht immer noch weiter, nach dem Gesetz der Trägheit vermutlich.

Bald darauf klingelt es wieder. Ich höre jemand ins Vorzimmer treten, langsam ablegen und lange husten. Jegor meldet mir, es wäre ein Student da. Ich lasse bitten. Eine Minute darauf tritt ein junger Mann von angenehmem Aeußern ein. Schon seit einem Jahre stehe ich in einem gespannten Verhältnis mit ihm: er gibt mir im Examen die allerdümmsten Antworten, und ich gebe ihm Vierer. Solche Burschen, die ich, wie die Studenten sagen, durchrasseln lasse, habe ich in jedem Jahr ungefähr sieben. Die unter ihnen, die ihr Examen aus Unbegabtheit oder infolge einer Krankheit nicht bestehen, tragen ihr Kreuz gewöhnlich in Geduld und feilschen nicht mit mir; feilschen und mir das Haus einlaufen tun nur die Sanguiniker, die breiten Naturen, denen ein Durchfall im Examen den Appetit verdirbt und den regelmäßigen Besuch der Oper verleidet. Gegenüber der ersten Kategorie drücke ich ein Auge zu, die von der zweiten lasse ich immer wieder kommen, oft ein ganzes Jahr lang!

»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu meinem Besucher, »womit kann ich dienen?«

»Entschuldigen Sie, Herr Professor, wenn ich störe...« fängt er an; er stottert und vermeidet es, mir in die Augen zu sehen, »ich hätte nie gewagt, Sie zu stören, wenn ich nicht ... Sie haben mich schon fünfmal examiniert, und ich ... ich bin durchgefallen. Ich bitte Sie inständig, lassen Sie Gnade vor Recht ergehen, geben Sie mir ›genügend‹;, denn ...«

Das Argument, das alle Faulenzer für sich anführen, ist immer das gleiche: sie haben in allen Fächern glänzend bestanden und sind nur in meinem durchgefallen, und das ist um so erstaunlicher, weil sie sich gerade mit meinem Fach ganz besonders eifrig beschäftigt haben und vorzüglich darin beschlagen sind, und durchgefallen sind sie nur infolge eines ganz unbegreiflichen Mißverständnisses.

»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu meinem Besucher, »›genügend‹; kann ich Ihnen nicht geben. Studieren Sie Ihre Kolleghefte noch einmal durch, und kommen Sie wieder, dann werden wir ja sehen.«

Pause. Mich wandelt die Lust an, den Studenten ein bißchen auf die Folter zu spannen, weil er das Bier und die Oper mehr liebt, als die Wissenschaft, und ich sage mit einem Seufzer:

»Ich glaube, das Allerbeste, was Sie jetzt tun können, ist, – Sie lassen die medizinische Fakultät überhaupt medizinische Fakultät sein. Wenn Sie, mit Ihren Fähigkeiten, es auf keine Weise fertig bringen, Ihr Examen zu machen, ist es doch ganz klar, daß Sie weder Lust haben noch dazu berufen sind, Arzt zu werden.«

Das Gesicht des Sanguinikers wird sehr lang.

»Verzeihen Sie, Herr Professor,« lacht er verlegen, »das wäre aber doch zum wenigsten eine höchst sonderbare Handlungsweise. Fünf Jahre studieren, und dann auf einmal alles hinwerfen!«

»Warum denn nicht? Lieber fünf Jahre verlieren, als das ganze Leben an einen Beruf gekettet sein, an dem man nicht hängt.«

Aber im selben Augenblick tut er mir auch schon leid, und ich beeile mich, hinzuzufügen:

»Uebrigens, ganz wie Sie meinen. Also, studieren Sie noch ein bißchen, und dann kommen Sie wieder.«

»Wann?« fragt der Bummelant mit dumpfer Stimme.

»Wann Sie Lust haben. Meinetwegen schon morgen.«

Und in seinen ehrlichen Augen lese ich die Antwort: »Kommen kann ich schon, aber du Rindvieh läßt mich ja doch wieder durchrasseln!«

»Natürlich,« sage ich, » gelehrter werden Sie nicht davon, wenn Sie sich auch noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen, aber es erzieht Ihren Charakter. Und das ist immerhin auch schon etwas.«

Es tritt ein Schweigen ein. Ich stehe auf und warte darauf, daß der Besucher sich empfehlen möchte, er aber steht da, sieht nach dem Fenster, zwirbelt sein Bärtchen und überlegt. Die Sache wird langweilig.

Der Sanguiniker hat eine angenehme, frische Stimme, seine Augen sind klug und lustig, sein Gesicht ist offen und gutmütig, aber ein wenig verwaschen von dem häufigen Biergenuß und dem vielen Rekeln auf dem Kanapee; sicher könnte er mir viele interessante Histörchen erzählen, von der Oper, von seinen Liebesabenteuern, von den Kollegen, die er gern hat, aber leider, leider, paßt es nicht, über solche Dinge zu reden. Ich würde ihm mit Vergnügen zuhören.

»Herr Professor! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie mir ›genügend‹; geben, werde ich ...«

Sobald die Sache bis zum Ehrenwort gediehen ist, winke ich mit beiden Händen ab und setze mich an meinen Schreibtisch. Der Student überlegt noch eine Minute lang und sagt niedergeschlagen:

»Dann also empfehle ich mich... Entschuldigen Sie die Störung.«

»Adieu, lieber Freund. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«

Er geht zögernd ins Vorzimmer hinaus, zieht langsam seinen Mantel und seine Galoschen an und überlegt wahrscheinlich, während er geht, wieder lange Zeit; aber es kommt dabei weiter nichts heraus, als die zwei Worte »alter Satan«, die an meine Adresse gerichtet sind. Und so geht er in sein schlechtes Restaurant, trinkt Bier und ißt zu Mittag und legt sich dann daheim schlafen. Friede deiner Asche, du frommer und getreuer Knecht!

Zum drittenmal klingelt es. Ein junger Arzt tritt ein in einem neuen schwarzen Anzug, mit goldener Brille und, selbstverständlich, einer weißen Krawatte. Er hat eine Empfehlung an mich. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen und frage, womit ich dienen kann. Nicht ohne innere Erregung beginnt der junge Priester der Wissenschaft mir zu erzählen, er hätte dieses Jahr sein Staatsexamen gemacht und brauchte jetzt nur noch seine Dissertation zu schreiben. Er möchte gern bei mir arbeiten, unter meiner Leitung, und ich würde ihn sehr verbinden, wenn ich ihm ein Thema für seine Dissertation gäbe.

»Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen dienlich sein zu können, Herr Kollege,« sage ich, »aber wollen wir uns zuerst doch darüber klar werden, was eine Dissertation eigentlich ist. Es ist wohl herkömmlich, darunter eine Schrift zu verstehen, die ein Produkt selbständigen Schaffens ist. Oder nicht? Eine Schrift dagegen, die über ein fremdes Thema und unter fremder Anleitung geschrieben ist, nennt man doch anders...«

Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe auf.

»Warum kommen Sie alle zu mir, möchte ich wissen?« schreie ich wütend: »Habe ich vielleicht einen Laden, was? Ich handle nicht mit Themen! Zum tausendundersten Male ersuche ich Sie alle, mich in Ruhe zu lassen! Verzeihen Sie, wenn ich unhöflich bin, aber zu guter Letzt ist mir das doch langweilig geworden!«

Der Doktorand schweigt, und nur die Gegend seiner Backenknochen färbt sich etwas dunkler. Sein Gesicht drückt den tiefsten Respekt vor meinem berühmten Namen und meiner Gelehrsamkeit aus, aber an seinen Augen sehe ich, daß er innerlich über mein Organ, meine traurige Gestalt und meine nervösen Gesten die Achseln zuckt. Ich erscheine ihm als ein Sonderling in meinem Zorn.

»Ich habe keinen Laden!« sage ich erbittert. – »Und es ist doch wahrhaftig merkwürdig! Warum wollen Sie alle denn nicht selbständig sein? Warum ist Ihnen Ihre Freiheit so eklig?«

Ich rede ohne Ende, und er schweigt die ganze Zeit. Und zu guter Letzt beruhige ich mich allmählich und gebe, selbstverständlich, nach. Der Doktorand bekommt von mir ein Thema, schreibt unter meiner Aufsicht eine Dissertation, die kein Mensch nötig hat, verteidigt sie mit Auszeichnung in einer langweiligen Disputation und bekommt einen akademischen Titel, den er nicht nötig hat.

Es kann ein Mal nach dem andern klingeln, ohne Ende, aber ich beschränke mich hier auf vier Fälle. Es klingelt zum viertenmal, und ich höre einen bekannten Schritt, das Rauschen eines Kleides, eine liebe Stimme...

Vor achtzehn Jahren starb mir ein Kollege, er war Ophthalmologe, und hinterließ eine siebenjährige Tochter, Katja, und sechzigtausend Rubel. In seinem Testament war ich als Vormund eingesetzt. Bis zu ihrem zehnten Jahre lebte Katja in meiner Familie, dann kam sie in ein Institut und brachte nur ihre Ferien, die Sommermonate, bei uns zu. Ich hatte keine Zeit, mich mit ihrer Erziehung zu beschäftigen, ich habe sie nur zeitweise beobachtet, und deshalb kann ich von ihrer Kindheit nur sehr wenig sagen.

Das erste, woran ich mich erinnere und was ich in der Erinnerung liebe, ist das außergewöhnliche Zutrauen, mit dem sie in mein Haus kam, mit dem sie sich von den Aerzten behandeln ließ und das immer auf ihrem Gesichtchen leuchtete. So saß sie damals, weiß ich noch, mit einer verbundenen Backe irgendwo in einer Ecke und sah sich sicher immer etwas aufmerksam an: entweder sie sah zu, wie ich schrieb und dabei die Blätter wendete, oder wie meine Frau wirtschaftete, oder wie die Köchin in der Küche Kartoffeln schälte, oder wie der Hund spielte, und dabei drückten ihre Augen immer nur eins aus, nämlich die Ueberzeugung: »Alles, was auf Erden getan wird, ist schön und gescheit.« Sie war neugierig und liebte es sehr, sich mit mir zu unterhalten. So saß sie denn wohl an meinem Tisch, mir gegenüber, folgte allen meinen Bewegungen und stellte Fragen. Sie interessierte sich dafür, was ich las, was ich auf der Universität trieb, ob ich mich nicht vor den Leichen fürchtete, was ich mit meinem Gehalt täte...

»Prügeln sich die Studenten denn auch auf der Universität?« fragte sie dann wohl.

»Natürlich, Kleine.«

»Und stellen Sie sie dann in die Ecke?«

»Selbstverständlich.«

Und ihr kam es spaßhaft vor, daß die Studenten sich prügelten und daß ich sie in die Ecke stellte, und sie lachte. Sie war ein sanftes, geduldiges und gutes Kind. Mehr als einmal mußte ich zusehen, wie ihr etwas weggenommen wurde, wie sie ungerecht bestraft oder ihre Neugier nicht befriedigt wurde; in solchen Augenblicken kam zu dem ständigen Ausdruck der Zutraulichkeit auf ihrem Gesicht noch der der Trauer – und weiter nichts. Ich verstand es nicht, für sie einzutreten. Wenn ich ihre Trauer sah, fühlte ich nur das Verlangen, sie an mich zu ziehen und sie im Ton einer alten Kinderfrau zu bedauern: »Du mein Waisenkind, du mein armes!«

Ich weiß auch noch, daß sie sich schön anzuziehen und zu parfümieren liebte. In dieser Beziehung glich sie mir. Ich liebe auch Kleider und feine Parfüme.

Es tut mir leid, daß ich keine Zeit und Lust gehabt habe, die Anfänge und die Entwicklung der Leidenschaft zu beobachten, die Katja schon vollkommen beherrschte, als sie vierzehn, fünfzehn Jahre war. Ich spreche von ihrer leidenschaftlichen Liebe zum Theater. Wenn sie in den Ferien aus ihrem Institut kam und bei uns wohnte, redete sie von nichts anderem mit der Freude und dem Feuer, wie von Theaterstücken und Schauspielern. Sie langweilte uns mit ihren ewigen Gesprächen über das Theater. Meine Frau und meine Kinder hörten gar nicht mehr zu. Ich allein hatte nicht den Mut, ihr meine Aufmerksamkeit zu versagen. Wenn sie das Bedürfnis fühlte, ihre Begeisterung mit jemand zu teilen, kam sie in mein Arbeitszimmer und sagte in flehendem Ton:

»Nikolai Stepanytsch, erlaube» Sie mir doch, mit Ihnen vom Theater zu sprechen!«

Ich zeigte auf die Uhr und sagte:

»Eine halbe Stunde ist dir geschenkt. Also los!«

Später fing sie an, Photographien von Schauspielern und Schauspielerinnen zu ganzen Dutzenden mitzubringen; sie betete sie geradezu an; dann spielte sie ein paarmal in Liebhabervorstellungen mit, und zu guter Letzt, als sie die Schule durchgemacht hatte, teilte sie mir mit, daß sie zur Schauspielerin geboren sei.

Ich habe Katjas Hingerissenheit vom Theater nie geteilt. Ich glaube, wenn ein Stück gut ist, braucht man die Schauspieler nicht zu bemühen, damit es den nötigen Eindruck macht; man kann sich auf die bloße Lektüre beschränken. Ist ein Stück aber schlecht, so kann keine Darstellung etwas Gutes daraus machen.

In meiner Jugend bin ich oft im Theater gewesen, und gegenwärtig nimmt meine Familie etwa zweimal im Jahr eine Loge und schleppt mich hin, um mich »mal bißchen auszulüften«. Natürlich, das ist wohl nicht genug, um einem das Recht zu geben, ein Urteil über das Theater zu fällen, aber ich will doch ein paar Worte darüber sagen. Nach meiner Ansicht ist das Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig, vierzig Jahren war. Wie damals kann ich weder in den Logengängen noch im Foyer ein Glas frisches Wasser finden. Wie damals muß ich dem Logendiener für meinen Pelz zwanzig Kopeken Strafe zahlen, obgleich das Tragen so eines warmen Kleidungsstückes im Winter doch sicher kein strafbares Reat darstellt. Wie damals spielt in den Zwischenakten die Musik und fügt zu dem Eindruck, den man von dem Stück empfängt, noch einen neuen, unerwünschten hinzu. Wie damals gehen die Männer in den Pausen ans Büfett und trinken Spirituosen. Und wie in den Nebensachen kein Fortschritt zu sehen ist, so suche ich ihn auch in der Hauptsache vergeblich. Der Schauspieler ist noch immer vom Kopf bis zu den Füßen in Traditionen eingewickelt. Er gibt sich die erdenklichste Mühe, einen ganz schlichten und gewöhnlichen Monolog, wie »Sein oder Nichtsein« nicht einfach, sondern, kein Mensch weiß, warum, zischend und kreischend und am ganzen Körper zitternd zu sprechen. Und man verlangt von mir, daß ich einen Kerl, der ohne Ende mit den größten Trotteln schwätzt und sich für sie interessiert, wie Tschatzkij in Gribojedows Komödie »Verstand bringt Leiden«, daß ich so einen Kerl für einen klugen Menschen halten und diese ganze Komödie selbst nicht langweilig finden soll. Wenn ich das sehe, dann weht mich von der Bühne der Geist jener Routine an, die mich schon vor vierzig Jahren gelangweilt hat, als man hier mit klassizistischem Geheul und Sich-vor-die-Brust-schlagen regaliert wurde. Und jedesmal verlasse ich das Theater konservativer, als ich hineingegangen war.

Der sentimentalen und vertrauensseligen Menge kann man einreden, daß das Theater in seiner heutigen Gestalt eine Schule wäre. Aber an dieser Angel fängt sich keiner, der die Schule in ihrem wahren Sinne kennt. Ich weiß nicht, wie es in fünfzig oder hundert Jahren sein wird, aber unter den heutigen Bedingungen kann das Theater nur zur Zerstreuung dienen. Aber diese Zerstreuung ist zu teuer, als daß man sie weiter kultivieren sollte. Sie raubt dem Staate Tausende von jungen, gesunden, talentvollen Männern und Frauen, die, wenn sie nicht beim Theater wären, gute Aerzte, Ackerbauer, Lehrerinnen, Offiziere sein könnten; sie stiehlt dem Publikum die Abendstunden, die beste Zeit für geistige Arbeit und freundschaftlichen Gedankenaustausch. Von dem Geld, das das kostet, und von den moralischen Schädigungen, die die falsche Auffassung von Mord, Buhlerei und Verleumdung auf der Bühne im Gefolge hat, will ich gar nicht reden.

Katja war ganz anderer Ansicht. Sie versicherte mir, daß das Theater sogar in seiner heutigen Gestalt, höher stände als die Hörsäle, die Bücher, als alles in der Welt. »Das Theater ist eine Macht, die alle Künste in sich zusammenfaßt, und die Schauspieler sind Missionare. Keine Kunst und keine Wissenschaft kann für sich allein so stark und so sicher auf die menschliche Seele wirken, wie die Schauspielkunst, und mit gutem Grund erfreut sich daher ein Schauspieler von mittlerem Rang einer viel größeren Popularität im Staate, als der hervorragendste Gelehrte oder Künstler. Und keine öffentliche Wirksamkeit kann soviel Genuß und soviel innere Befriedigung gewähren, wie die szenische.«

Und eines schönen Tages schloß sich Katja einer reisenden Truppe an und fuhr, glaube ich, zuerst nach Ufa. Sie nahm viel Geld, eine Menge freudiger Hoffnungen und eine aristokratische Auffassung von ihrem Beruf mit.

Die ersten Briefe, die sie mir von der Reise schickte, waren wundervoll. Ich las sie und war erstaunt, wie diese kleinen Papierblättchen soviel Jugend, Seelenreinheit und heilige Naivität in sich fassen konnten, und zugleich so seine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstand Ehre gemacht hätten. Die Wolga, die Natur, die Städte, die sie besuchte, die Kollegen, ihre Erfolge und Mißerfolge, sie beschrieb sie nicht, sondern besang sie; jede Zeile atmete das Zutrauen, das ich auf ihrem Gesicht zu lesen gewohnt war. Und zu alledem kam eine Masse von orthographischen Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast gänzlich.

Es verging kein halbes Jahr, da bekam ich einen äußerst poetischen und entzückten Brief, der mit den Worten begann: »Ich liebe ...« In diesem Brief lag die Photographie eines jungen Mannes mit rasiertem Gesicht und breitkrempigem Schlapphut, der sich einen Plaid kühn über die Schulter geworfen hatte. Die Briefe, die nun folgten, waren überschwenglich, wie die früheren, aber es erschienen schon Interpunktionszeichen, die orthographischen Fehler verschwanden, und alles in ihnen roch gewissermaßen nach »Mann«. Katja begann mir klarzumachen, wie vorteilhaft es sein müßte, irgendwo an der Wolga ein großes Theater zu errichten, und zwar unbedingt auf Aktien, und zu diesem Unternehmen die reiche Kaufmannschaft und die Dampfergesellschaften heranzuziehen. Geld dafür gäbe es genug, die Einnahmen würden kolossal, die Schauspieler sollten zu gleichen Teilen am Gewinn partizipieren ... Es kann ja sein, daß das alles ganz schön und gut ist, aber mir scheint es doch, als ob solche Pläne nur einem männlichen Gehirn entspringen könnten.

Sei dem, wie ihm sei, knapp zwei Jahre lang ging scheinbar alles gut: Katja war verliebt, glaubte an ihren Beruf und war glücklich, dann aber begann ich in ihren Briefen deutliche Zeichen der wachsenden Ernüchterung zu finden. Es fing damit an, daß Katja sich bei mir über ihre Kollegen beklagte – das ist das erste und bösartigste Symptom; wenn ein junger Gelehrter oder Schriftsteller seine Tätigkeit damit beginnt, daß er über die Gelehrten und Schriftsteller bittere Klage führt, so bedeutet das: er ist schon müde und untauglich für seinen Beruf. Katja schrieb mir, ihre Kollegen kamen nicht auf die Proben und wüßten ihre Rollen nie; schon daraus, was für alberne Stücke einstudiert würden, und wie sich die »Künstler« auf der Bühne gäben, könnte man sehen, wie wenig Respekt sie alle vor der Oeffentlichkeit hätten; sie sprächen nur von der Einnahme, und um ihretwillen erniedrigten sich dramatische Sängerinnen dazu, Chansons, und tragische Schauspieler, Couplets zu singen, in denen Scherze über gehörnte Ehemänner und die Schwangerschaft ungetreuer Frauen gemacht würden, und so weiter. Im allgemeinen könnte man sich nur wundern, daß das Theaterleben in der Provinz noch nicht ganz zugrunde gegangen sei und daß sein dünner und fauler Lebensfaden noch nicht gerissen wäre.

Ich antwortete Katja in einem langen, und, aufrichtig gestanden, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich habe mehr als einmal Gelegenheit gehabt, mich mit alten Schauspielern zu unterhalten, hervorragend anständigen Menschen, die mir ihre Neigung geschenkt hatten; aus den Gesprächen mit ihnen habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß nicht so sehr ihre eigene Anschauung und ihr freier Wille ihre Tätigkeit bestimmten, als vielmehr die Mode und die Geschmacksrichtung des Publikums; die besten unter ihnen mußten während ihrer Laufbahn überall mitspielen, in Tragödien, in Operetten, in französischen Possen und in Weihnachtsmärchen, und doch hatten sie bei allem in gleicher Weise das Gefühl, daß sie ihren geraden Weg gingen und eine nützliche Arbeit taten. Daraus kannst du also ersehen, daß die Wurzel des Uebels nicht in den Schauspielern, sondern tiefer zu suchen ist, in der Kunst selbst und in der Stellung des breiten Publikums zu ihr.« Dieser Brief von mir erbitterte Katja aber nur. Sie antwortete mir: »Wir beide singen Arien aus zwei ganz verschiedenen Opern. Ich habe Ihnen kein Wort von den hervorragend anständigen Menschen geschrieben, die Ihnen ihre Neigung geschenkt hatten, sondern von einer Bande abgefeimter Halunken, die mit Anständigkeit nichts gemein haben. Es ist eine Herde von halbwilden Menschen, die nur dadurch auf die Bühne geraten sind, daß sie wo anders keiner nehmen wollte, und die sich deshalb Künstler nennen, weil sie Lumpen sind. Nicht ein einziges Talent, aber eine Menge Nichtskönner, Säufer, Intriganten, Verleumder. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie bitter ich es empfinde, daß die Kunst, die ich so liebe, in die Hände von Leuten gefallen ist, die mir verhaßt sind; und einen bitteren Geschmack macht es mir, daß die besten Menschen, wenn sie das Böse von weitem sehen, nicht näher herantreten wollen und, statt sich ins Mittel zu legen, in gewichtigem Stil Gemeinplätze hinschreiben und Moralpredigten halten, die keinem etwas nützen können ...« und so weiter, immer im gleichen Ton.

Und als noch eine kurze Zeit vergangen war, bekam ich diesen Brief: »Ich bin unmenschlich betrogen. Ich kann nicht länger leben. Machen Sie mit meinem Geld, was Ihnen gut scheint. Ich habe Sie geliebt, wie man einen Vater und seinen einzigen Freund liebt. Leben Sie wohl.«

Es hatte sich gezeigt, daß auch ihr »Er« zu der »Herde von halbwilden Menschen« gehört hatte. Später habe ich aus einigen Andeutungen erraten, daß sie einen Selbstmordversuch gemacht hatte. Ich glaube, sie hat sich vergiften wollen. Offenbar ist sie nachher ernsthaft krank gewesen, denn ihr nächster Brief kam schon aus Jalta, wohin sie wahrscheinlich die Aerzte geschickt hatten. Ihr letzter Brief an mich enthielt die Bitte, ihr so schnell wie möglich tausend Rubel nach Jalta zu schicken, und schloß mit diesen Worten: »Verzeihen Sie, daß dieser Brief so düster ist. Gestern habe ich mein Kind begraben.« Nachdem sie ein Jahr in der Krim gelebt hatte, kehrte sie heim.

Vier Wanderjahre hatte sie hinter sich, und in diesen vier Jahren hatte ich, aufrichtig gestanden, ihr gegenüber eine recht wenig beneidenswerte und sehr sonderbare Rolle gespielt. Als sie mir zuerst mitteilte, sie würde Schauspielerin und mir nachher von ihrer Liebe schrieb, wenn periodisch die Verschwendungssucht über sie kam und ich ihr auf ihren Wunsch bald tausend, bald zweitausend Rubel schicken mußte, als sie mir von ihrer Absicht schrieb, ihrem Leben ein Ende zu machen, und als sie mir nachher vom Tode ihres Kindes berichtete, jedesmal verlor ich den Kopf, und meine ganze Teilnahme an ihrem Schicksal äußerte sich in weiter nichts, als daß ich viel darüber grübelte und ihr lange langweilige Briefe schrieb, die ich eigentlich nicht hätte schreiben dürfen. Und doch nahm ich bei ihr die Stelle des leiblichen Vaters ein und liebte sie wie eine Tochter.

Jetzt wohnt Katja nur etwa eine halbe Werst von meinem Haus entfernt. Sie hat eine Wohnung von fünf Zimmern, die mit dem Geschmack, der ihr eigen ist, ziemlich komfortabel eingerichtet sind. Wenn einer ihre Einrichtung zeichnen wollte, der müßte als Hauptzug in seinem Bilde die Trägheit darstellen. Für den trägen Körper – weiche Couchetten, weiche Taburetts, für die trägen Füße – Teppiche, für den trägen Blick – verschossene, dunkle oder matte Farben; für den trägen Geist – an den Wänden die Menge billiger Fächer und kleiner Bilder, bei denen die Originalität der Ausführung den Gehalt überwiegt. Der Ueberfluß an Tischchen und Etageren, die mit Sachen ohne jeden Zweck und Wert bekramt sind, die formlosen Lappen an Stelle der Vorhänge ... Alles das zeugt, im Verein mit der Furcht vor lebhaften Farben, vor Symmetrie und Geräumigkeit, außer von geistiger Trägheit auch von einer gewissen Entartung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang liegt Katja auf der Chaiselongue und liest, hauptsächlich Romane und Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal täglich, am frühen Nachmittag, um mich aufzusuchen.

Ich arbeite, und Katja sitzt ganz in meiner Nähe auf dem Diwan, schweigt und wickelt sich in ihren Schal, als ob es sie fröre. Weil sie mir sympathisch ist, oder auch weil ich ihre häufigen Besuche gewohnt bin, seit sie ein kleines Mädchen war, hindert mich ihre Anwesenheit nicht, mich zu konzentrieren. Hie und da richte ich mechanisch eine Frage an sie, und sie gibt mir eine sehr kurze Antwort; oder ich will mich einmal einen Augenblick ausruhen, ich wende mich um und sehe zu, wie sie, in Gedanken, in einer medizinischen Zeitschrift oder Zeitung blättert. Und dann bemerke ich, daß der ehemalige zutrauliche Ausdruck nicht mehr auf ihrem Gesicht wohnt. Ihr Ausdruck ist kalt, gleichgültig, zerstreut, wie Reisende aussehen, die lange auf ihren Zug warten müssen. Ihre Kleidung ist noch immer geschmackvoll und schlicht, wie ehemals, aber sie ist vernachlässigt; man sieht, ihren Kleidern und ihrer Frisur tun die Couchetten und Schaukelstühle nicht gut, in denen sie den ganzen Tag herumliegt. Auch neugierig ist sie nicht mehr. Sie richtet keine Fragen an mich, es ist, als hätte sie schon alles im Leben erfahren und erwartete nicht mehr, etwas Neues zu hören.

Gegen vier Uhr wird es im Wohn- und Empfangszimmer lebendig. Lisa ist aus dem Konservatorium zurück und hat Freundinnen mitgebracht. Es wird Klavier gespielt, die Stimmen werden probiert, man hört lachen; im Eßzimmer deckt Jegor den Tisch und klappert mit dem Geschirr.

»Adieu,« sagt Katja, »heute geh' ich nicht hinein zu Ihren Leuten. Sie sollen mich entschuldigen. Keine Zeit. Also, Sie kommen?«

Und als wir im Vorzimmer sind, betrachtet sie mich schonungslos von oben bis unten und sagt ärgerlich:

»Sie werden immer dünner! Warum lassen Sie sich nicht behandeln? Ich will doch zu Ssergej Fjodorytsch fahren und ihn mal herschicken. Er soll Sie untersuchen.«

»Ganz überflüssig, Katja.«

»Ich begreife nicht, wo Ihre Familie die Augen hat! Nette Leute, das kann man schon sagen!«

Sie fährt hastig in ihren Pelz, und dabei fallen ihr mit tödlicher Sicherheit jedesmal zwei, drei Nadeln aus dem unordentlich aufgesteckten Haar. Sie ist zu träge und hat keine Zeit, ihre Frisur in Ordnung zu bringen; nachlässig schiebt sie die heruntergefallenen Locken unter die Pelzmütze und geht.

Wenn ich ins Eßzimmer komme, fragt mich meine Frau:

»Katja war eben bei dir? Warum ist sie denn nicht zu uns hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar ...«

»Mama,« sagt Lisa vorwurfsvoll, »wenn sie nicht mag, so laß sie doch. Wir werden sie doch nicht kniefällig bitten.«

»Ganz einerlei, es ist eine Taktlosigkeit. Da drin kann sie drei Stunden sitzen, aber für uns –! Uebrigens, wie sie will!«

Warja und Lisa hassen alle beide Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, und man muß wohl eine Frau sein, um ihn zu verstehen. Ich verbürge mich mit meinem Kopf dafür, daß sich unter den anderthalb hundert jungen Männern, die ich fast täglich in meinem Auditorium sehe, und unter den hundert älteren, mit denen ich im Laufe der Woche zusammenkomme, kaum einer findet, der den Haß und die Verachtung gegen Katja wegen ihrer Vergangenheit, das heißt ihrer außerehelichen Schwangerschaft und ihres illegitimen Kindes, zu begreifen imstande wäre; und andererseits fällt mir nicht eine einzige Frau oder ein junges Mädchen aus meiner Bekanntschaft ein, das diese Gefühle nicht bewußt oder instinktiv hegte. Und das kommt nicht etwa daher, daß die Frau tugendhafter und reiner wäre, als der Mann: denn Tugend und Reinheit unterscheiden sich vom Laster doch nur sehr wenig, wenn sie nicht frei von Bosheit sind. Ich erkläre das einfach mit der Rückständigkeit der Frauen. Das traurige Gefühl des Mitleidens und die Gewissensbisse, die der Mann von heute empfindet, wenn er ein Unglück sieht, sprechen mir viel lauter von Kultur und sittlicher Größe, als Haß und Verachtung. Die Frau von heute ist genau so weinerlich und so roh von Gemüt, wie die Frau des Mittelalters. Und ich meine, sehr vernünftig ist das Verlangen derer, die ihr zu einer männlichen Erziehung raten.

Meine Frau kann Katja außerdem deshalb nicht leiden, weil sie Schauspielerin gewesen ist, weil sie sie undankbar, stolz, exzentrisch findet und ihr alle die zahlreichen Laster zuschreibt, die eine Frau immer an der anderen zu entdecken versteht.

Außer mir und meiner Familie speisen bei uns noch zwei, drei Freundinnen meiner Tochter und Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas und Bewerber um ihre Hand, ein blonder junger Herr von höchstens dreißig Jahren. Er ist von mittlerer Größe, ziemlich dick und breitschultrig, trägt rötliche Koteletten vor den Ohren und einen schwarzgefärbten Schnurrbart, der seinem vollen, glatten Gesicht etwas von einer Puppe gibt. Bekleidet ist er mit einem sehr kurzen Jackett, einer geblümten Weste, großkarierten Hosen, die oben sehr weit und unten eng sind, und gelben Schuhen ohne Absätze. Seine Augen sind vorgequollen, wie bei einem Krebs, seine Krawatte sieht wie der Hals eines Krebses aus, und der ganze junge Mann scheint mir gewissermaßen geradezu nach Krebssuppe zu riechen. Er ist täglich bei uns zu Besuch, aber keiner von uns weiß, woher er stammt, wo er studiert hat und wovon er lebt. Er spielt weder, noch singt er, aber er steht in irgendeiner Beziehung zur Musik und zum Gesang, er verkauft irgendwo weiß Gott was für Klaviere, ist häufig auf dem Konservatorium zu treffen, ist mit allen Größen bekannt und macht sich in allen Konzerten bemerkbar; er spricht mit großer Sicherheit über Musik, und ich habe bemerkt, daß ihm jeder gern zustimmt.

Reiche Leute haben immer Schmarotzer in ihrer Umgebung; die Wissenschaft und die Kunst ebenso. Es scheint auf Erden keine Kunst oder Wissenschaft zu geben, die von solchen »Fremdkörpern«, wie dieser Gnecker einer ist, frei wäre. Ich bin kein Musiker und kann mich ja über Gnecker, den ich zudem wenig kenne, täuschen. Aber seine Sicherheit scheint mir zu verdächtig, und ebenso die überlegene Wichtigkeit, mit der er am Klavier lehnt und zuhört, wenn jemand singt oder spielt.

Sei tausendmal ein Gentleman und Geheimer Rat; wenn du aber eine Tochter hast, bist du durch nichts von der Kleinbürgerlichkeit geschützt, die Courmacherei, Freierei und Hochzeit einem so oft ins Haus zu tragen. Ich, zum Beispiel, kann mich auf keine Weise mit dem feierlichen Gesicht befreunden, das meine Frau immer macht, wenn Gnecker da ist, ich kann mich auch mit den Lafitte-, Portwein- und Sherryflaschen nicht befreunden, die nur seinetwegen auf den Tisch gestellt werden, damit er sich durch den Augenschein überzeugt, wie großartig und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas abruptes Gelächter nicht verdauen, das sie sich auf dem Konservatorium angewöhnt hat, und ihre Art, mit den Augen zu zwinkern, wenn Herren da sind. Die Hauptsache aber ist, ich kann auf keine Weise begreifen, warum jeden Tag ein Wesen zu mir kommt und bei mir zu Mittag ißt, das meinen Gewohnheiten, meiner Wissenschaft, der ganzen Ordnung meines Lebens zuwider ist, das den Menschen, die ich gern habe, auch nicht im entferntesten ähnlich sieht. Meine Frau und die Dienstboten wispern geheimnisvoll: »Das ist ein Freier,« aber ich begreife seine Anwesenheit trotzdem noch immer nicht; er erregt denselben Widerwillen in mir, als wollte man an meinen Tisch einen Zulukaffer placieren. Und sonderbar erscheint es mir auch, daß meine Tochter, die ich nach alter Gewohnheit noch als Kind betrachte, diese Krawatte, diese Augen, diese weichlichen Wangen liebt ...

Früher liebte ich unsere Mittagsmahlzeit, oder sie war mir gleichgültig, jetzt weckt sie in mir nichts mehr, als Langeweile und Aerger. Seit ich Geheimrat bin und einmal Dekan war, hat meine Familie es nötig gefunden, unser Menu und die ganze Ordnung bei Tisch vollkommen zu verändern. Anstatt der einfachen Speisen, an die ich als Student und Arzt gewöhnt war, bekomme ich jetzt Püreesuppe, in der Gott weiß was für weiße Dinger herumschwimmen, und Nieren in Madeira. Der hohe Rang und die Berühmtheit haben mir für immer die gute Kohlsuppe und die herrlichen russischen Pasteten geraubt, und die gebratenen Gänse mit der Apfelfüllung, und die Buchweizengrütze. Sie haben mir auch meine alte, geschwätzige und komische Magd Agascha genommen, an deren Stelle jetzt Jegor das Essen serviert, ein hochmütiger und dummer Kerl mit einem weißen Handschuh auf der rechten Hand. Die Pausen zwischen den Gängen sind kurz, erscheinen aber unermeßlich lang, weil man nicht weiß, womit man sie ausfüllen soll. Die einstige Fröhlichkeit ist hin, hin sind die ungezwungenen Gespräche, die Späße, das herzliche Lachen, die kleinen Zärtlichkeiten, hin die Freude, die die Kinder, meine Frau und ich fühlten, wenn wir früher im Eßzimmer zusammenkamen; für mich, den Mann der Arbeit, war die Mahlzeit eine Zeit der Erholung und des Wiedersehens, und für meine Frau und meine Kinder ein Fest, ein kurzes zwar, aber ein helles und freudiges, denn sie wußten, daß ich nun für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft, den Studenten gehörte, sondern ihnen allein und keinem weiter. Hin ist die Kunst, von einem Glase trunken zu werden, keine Agascha ist mehr da, und keine Buchweizengrütze, verstummt ist der Lärm der kleinen Skandale beim Essen, die es gab, wenn der Hund und die Katze sich unter dem Tisch eine Schlacht lieferten, oder mal der Verband von Katjas Wange in den Suppenteller fiel.

Ein Mittagessen von heute zu beschreiben, ist ebensowenig ergötzlich, wie es zu essen. Auf dem Gesicht meiner Frau Feierlichkeit, gekünstelte Wichtigkeit und der gewöhnliche sorgenvolle Ausdruck. Sie schaut unruhig auf unsere Teller und sagt: »Ich sehe schon, der Braten schmeckt euch nicht ... Ganz aufrichtig! Er schmeckt euch doch nicht?« Und ich muß dann antworten: »Mach dir doch keine unnützen Sorgen, Liebste, es schmeckt uns ganz ausgezeichnet.« Und sie wieder: »Du willst mich immer nur trösten, Nikolai Stepanytsch, und sagst mir nie die Wahrheit. Warum ißt denn Alexander Adolfowitsch so wenig?« Und in der Weise geht's weiter während der ganzen Mahlzeit. Lisa lacht abrupt und zwinkert mit den Augen. Ich schaue sie beide an und gerade jetzt, beim Essen, wird es mir vollkommen klar, daß das innere Leben der beiden meiner Beobachtung schon längst entschlüpft ist. Ich habe das Gefühl, als hätte ich früher einmal in meinem Hause mit einer wirklichen Familie gelebt und speiste jetzt als Gast bei einer nachgemachten Frau und einer nachgemachten Lisa. Die beiden haben sich direkt verwandelt, und ich habe den langen Prozeß verschlafen, in dem diese Wandlung sich allmählich vollzogen hat, da ist's kein Wunder, daß ich nichts davon begreife. Woher kam diese Wandlung? Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt das Unglück darin, daß der liebe Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht soviel Kraft gegeben hat, wie mir. Ich war von Kind auf gewöhnt, mich äußeren Einflüssen zu widersetzen, und hatte mich gehörig abgehärtet; so haben mich solche Lebenskatastrophen, wie die Berühmtheit, der Geheimratstitel, der Uebergang von der Genügsamkeit zum Leben über unsere Mittel, der vornehme Verkehr und so weiter, kaum äußerlich berührt, und ich bin ganz und unversehrt geblieben; über die beiden Schwachen aber und Unabgehärteten, meine Frau und Lisa, hat sich das alles wie eine riesige Schneewehe gewälzt und sie zerdrückt.

Die Damen und Gnecker reden von Fugen, vom Kontrapunkt, von Sängern und Pianisten, von Brahms und Bach, und meine Frau hat Angst, in den Geruch musikalischer Ignoranz zu kommen, und lächelt ihnen zu und brummelt: »Entzückend!... Nein, wirklich? Sagen Sie doch ...« Gnecker ißt solide, macht solide Bonmots und hört die Bewertungen der Damen leutselig an. Hie und da fühlt er das Bedürfnis, in einem schlechten Französisch zu sprechen, und dann hält er es, Gott weiß warum, für notwendig, mir ein » votre excellence« um den Mund zu schmieren.

Und ich bin verstimmt. Es ist ganz klar, ich bin ihnen allen im Wege, und sie sind mir im Wege. Ich habe früher nie etwas vom Antagonismus der verschiedenen Stände wissen wollen, heutzutage aber quält mich gerade etwas dem Aehnliches. Ich gebe mir Mühe, an Gnecker nur schlechte Seiten herauszufinden und finde sie auch leicht, und es peinigt mich, daß auf seinem Bräutigamsplatz ein Mensch sitzt, der nicht zu meinem Kreise gehört. Und seine Gegenwart wirkt auch noch in anderer Hinsicht nicht gut auf mich. Für gewöhnlich, wenn ich mit mir allein bin, oder in der Gesellschaft von Leuten, die ich gern habe, denke ich nie an meine Verdienste, und wenn ich mal darüber nachdenken will, dann erscheinen sie mir so nichtig, als ob ich erst seit gestern Gelehrter wäre; bin ich aber in der Gesellschaft von Leuten, wie dieser Gnecker, dann erscheinen mir meine Verdienste wie ein ungeheurer Berg, dessen Gipfel in den Wolken verschwindet und an dessen Fuß, den Augen kaum noch erkennbar, die Gneckers herumwimmeln.

Nach dem Mittag gehe ich in mein Arbeitszimmer und zünde mir meine Pfeife an, die einzige für den ganzen Tag, ein Ueberbleibsel meiner früheren schlechten Angewohnheit, vom Morgen bis in die Nacht zu qualmen. Während ich sie rauche, kommt meine Frau und setzt sich zu mir, um mit mir zu sprechen. Und wie am Morgen, weiß ich auch jetzt im voraus, wovon die Rede sein wird.

»Wir müssen mal ernsthaft darüber sprechen, Nikolai Stepanytsch,« fängt sie an, »ich meine wegen Lisa ... Warum beachtest du das gar nicht?«

»Was denn?«

»Du tust, als merktest du nichts, und das ist nicht richtig. Man darf da nicht so sorglos sein ... Gnecker hat Absichten auf Lisa ... Was meinst du dazu?«

»Daß er ein schlechter Kerl wäre, kann ich nicht behaupten, denn ich kenne ihn gar nicht; daß er mir aber durchaus nicht gefällt, habe ich dir ja schon tausendmal gesagt.«

»Aber so geht es doch nicht ... wirklich nicht ...«

Sie erhebt sich und geht erregt auf und nieder.

»Von dem Standpunkt darf man einen so ernsten Schritt nicht ins Auge fassen...« sagt sie. »Wo es sich um das Glück unserer Tochter handelt, muß alles Persönliche schweigen. Ich weiß, er gefällt dir nicht ... Gut ... Wenn wir ihm jetzt aber Nein sagen und allem ein Ende machen, was bürgt dir dafür, daß Lisa uns nicht ihr ganzes Leben lang deswegen Vorwürfe hören läßt? Die ernsthaften Freier laufen heutzutage nicht bloß so herum, und es kann leicht sein, daß sich ihr zu einer anderen Partie keine Gelegenheit mehr bietet ... Er liebt Lisa wirklich und scheint ihr zu gefallen ... Natürlich, er hat keinen festen Beruf, aber was soll einer dabei tun? Gott geb' es, daß er mit der Zeit irgend etwas Bestimmtes findet. Er ist aus guter Familie und wohlhabend...«

»Woher weißt du das?«

»Er hat davon gesprochen... Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus und ein Gut in der Nähe der Stadt. Kurz und gut, Nikolai Stepanowitsch, du mußt unbedingt nach Charkow fahren.«

»Wozu?«

»Du mußt dich dort erkundigen ... du hast dort bekannte Professoren, die können dir behilflich sein ... Ich würde ja selbst reisen, aber ich bin eine Frau ... Ich kann doch nicht ...«

»Ich reise nicht nach Charkow,« sage ich verdrossen.

Meine Frau schrickt zusammen, und auf ihrem Gesicht erscheint ein qualvoll schmerzlicher Ausdruck.

»Bei allem, was mir heilig ist, Nikolai Stepanytsch,« fleht sie schluchzend, »ich beschwöre dich, nimm diese Last von mir. Es ist mir eine Qual –!«

Mir tut es weh, sie anzusehen.

»Schön, Warja,« sage ich freundlich, »wenn du willst, so fahre ich meinetwegen nach Charkow und tu alles, was dir beliebt.«

Sie preßt das Taschentuch an ihre Augen und geht in ihr Zimmer, um sich auszuweinen. Ich bleibe allein.

Nach einer Weile kommt die Lampe. Die Stühle und die Lampenglocke werfen die bekannten, mir längst langweilig gewordenen Schatten auf die Wände, und wenn ich sie sehe, ist es mir, als wäre es schon Nacht und meine verfluchte Schlaflosigkeit träte die Herrschaft an. Ich lege mich auf mein Bett, dann stehe ich wieder auf und gehe im Zimmer herum, dann lege ich mich wieder hin ... Für gewöhnlich erreicht meine nervöse Erregtheit nach dem Mittagessen, wenn der Abend kommen will, ihren höchsten Grad. Ich fange grundlos zu weinen an und vergrabe den Kopf in das Kissen. In solchen Augenblicken fürchte ich, daß jemand eintreten könne, daß ich plötzlich sterben könne, ich schäme mich meiner Tränen, und meine Seelenstimmung ist im ganzen ganz unerträglich. Ich fühle, daß ich weder die Lampe, noch die Bücher, noch die Schatten auf dem Fußboden länger sehen kann, daß ich nicht mehr die Stimmen hören kann, die aus dem Salon herüberklingen. Irgendeine unsichtbare und unverständliche Gewalt treibt mich brutal aus meiner Wohnung. Ich springe auf, ziehe mich eilends an und gehe vorsichtig, daß niemand was merkt, hinaus auf die Straße. Wohin jetzt?

Die Antwort auf diese Frage sitzt schon lange in meinem Hirn: zu Katja.

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