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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 7.
Eine vergebliche Bitte.

Der Freitag ging vorüber, ohne daß mein Vater zurückkam, und als wir am Sonnabendmorgen keinen Brief von ihm erhielten, wurden wir unruhig.

»Wir werden sicher in einigen Stunden von ihm hören«, sagte Alice, aber die Tasse in ihrer Hand zitterte. »Er wird gestern die Post versäumt haben und wahrscheinlich ein Telegramm schicken.«

»Das hoffe ich auch«, erwiderte ich schnell. »Gewiß ist ihm nichts passiert, und wir sorgen uns umsonst. Aber er hätte uns wirklich schreiben müssen. Eine oder zwei Minuten hätte er sich dazu nehmen können, selbst wenn er noch soviel zu tun hatte.«

»Ich werde ihn auch nie wieder gehen lassen, ohne daß er uns eine Adresse zurückläßt«, erklärte Alice entschieden. »Bestimmt wird er bald telegraphieren. Trotzdem macht mich diese Ungewißheit nervös.«

Aber wir erhielten kein Telegramm. Das Mittagessen ging vorüber, ohne daß wir miteinander sprachen, und der Nachmittag kam. Langsam verging Stunde um Stunde. Der letzte Zug von London lief um sechs Uhr in der nächsten Eisenbahnstation ein, die etwa fünf Kilometer von uns entfernt lag. Um acht Uhr war mein Vater noch nicht nach Hause gekommen. Vor etwa einer Stunde war ein Wagen mit Gepäck an uns vorüber zu dem Gelben Hause gefahren. Alice war bleich und weinte leise vor sich hin.

»Morgen früh ist Gottesdienst, und es ist niemand da, der ihn abhalten kann!« schluchzte sie. »Der Vater muß sehr krank sein, sonst wäre er gekommen. Was sollen wir nun tun, Kate?«

Was sollten wir tun? Es wäre eine Erleichterung gewesen, irgend etwas zu unternehmen, aber ich wußte nicht, was ich hätte beginnen können. Wir hatten keine Adresse, und soviel ich wußte, gehörte er weder zu einem Klub, noch hatte er Freunde in London. Nirgends bot sich ein Anhaltspunkt, ihn in der großen Stadt aufzufinden. Auch wußten wir nicht, welche Geschäfte ihn so plötzlich dorthin gerufen hatten. Selbst wenn meine Annahme richtig war, daß er Mr. Berdenstein bei seiner Ankunft in London treffen wollte, konnten wir doch nicht wissen, wo er sich jetzt aufhielt. Außerdem hatte Mr. Berdenstein angegeben, daß er ihm nicht begegnet wäre, und zweifellos würde er mir dieselbe Antwort geben, wenn ich ihn noch einmal fragte. Er hatte mir doch ganz offen erklärt, daß wir zu feindlichen Lagern gehörten. Es war also nutzlos, von seiner Seite Hilfe zu erwarten. Wir konnten wirklich nichts unternehmen. Alice fürchtete hauptsächlich den Skandal, wenn sich die Gemeinde morgen versammeln und mein Vater nicht in der Kirche sein würde. Die Leute mußten dann wieder nach Hause zurückkehren, der Gottesdienst mußte abgesagt werden. Aber ich sorgte mich um ganz andere Dinge. Durch Zufall hatte ich etwas von den Geheimnissen erfahren, in die mein Vater verwickelt war. Ich durfte nicht daran denken, welche schrecklichen Möglichkeiten sich daraus ergeben konnten. Krampfhaft versuchte ich, meine Gedanken auf die gegenwärtige schwierige Lage zu konzentrieren. Vor allem mußten wir ihn finden. Noch ein Mann kannte das Geheimnis dieses Briefes aus Südamerika, und schließlich entschloß ich mich, zu ihm zu gehen.

Aber als die Dunkelheit zunahm, und ich eben zu dem Herrenhaus gehen wollte, sah ich Bruce Deville. Er ging durch den Park zu dem Gelben Hause. Ich zögerte keinen Augenblick. Es war leichter für mich, ihn dort zu treffen, als ihm allein im Herrenhaus gegenüberzutreten. Rasch zog ich meinen Mantel an und ging zum Gartentor hinunter. Meine Aufgabe war in Wirklichkeit leicht genug, aber in meinem überreizten und nervösen Zustand erschien sie mir ungeheuer schwierig. Ich wollte beide sehen und sie um ihre Hilfe bitten.

Schnell schritt ich durch den Park und die Schonung zum Gelben Haus. Als ich angekommen war, blieb ich einen Augenblick stehen, um Atem zu holen. Dann klingelte ich. Es wurde mir nicht gleich geöffnet, und trotzdem ich durch eine Ritze im Vorhang Licht im Wohnzimmer sah, fürchtete ich schon, daß Adelaide Fortreß noch nicht zurückgekehrt sei. Aber kurz darauf erschien das Dienstmädchen. Sie betrachtete mich erstaunt, als sie mein blasses Gesicht sah.

»Ich möchte Mrs. Fortreß sprechen – ist sie zu Hause?«

Das Mädchen zögerte, aber ich nahm ihr Schweigen als Zustimmung und trat in die Diele. Sie wandte sich zur Wohnzimmertür, und als sie öffnete, ging ich hinein.

Bruce Deville saß in einem Sessel. Zu meinem größten Erstaunen war er in Abendkleidung. Er hielt ein Buch in der Hand, aus dem er eben vorgelesen hatte. Als ich hereinkam, erhob er sich überrascht. Adelaide Fortreß, die der Tür den Rücken wandte, drehte sich schnell um und stand dann auch auf. Die beiden wechselten einen schnellen Blick, der mir nicht entging.

»Miß Ffolliot!« rief sie. »Ist etwas passiert?«

Das Dienstmädchen hatte sich zurückgezogen und schloß die Tür. Ich trat einen Schritt näher, aber ich hatte plötzlich das dunkle Gefühl, daß ihre Haltung mir gegenüber in gewissem Sinne feindlich war. Ich sah erschrocken in ihre Augen. Es war etwas zwischen uns getreten. Vielleicht waren es die harten Worte meines Vaters, vielleicht war es ein Schatten der Vergangenheit. Aber welche Ursache nun auch dafür verantwortlich war, ihr Verhalten hatte sich geändert. Die offene Zuneigung, die wir beide an jenem schönen Nachmittag füreinander gefühlt hatten, war verschwunden, als ob sie niemals bestanden hätte. Sie sah mich kühl und unfreundlich an, und ich wurde noch verwirrter. Aber selbst in diesem Augenblick kam mir plötzlich der Gedanke, daß auch sie eine Maske trug. Aus irgendeinem Grunde zeigte sie ihre freundschaftliche Gesinnung nicht. Wahrscheinlich hatten sie die Worte meines Vaters zu tief verletzt.

»Ich wollte Mr. Deville sprechen«, sagte ich. »Ich sah, wie er auf seinem Wege hierher durch den Park ging, und folgte ihm. Ich bin in einer schwierigen Lage und wollte ihn etwas fragen.«

Er stand am Kamin, hatte die Augenbrauen hochgezogen und sah mich hart und abweisend an.

»Ich fürchte, daß ich Ihnen nicht helfen kann, Miß Ffolliot.«

»Wenn Sie wollen, können Sie mir wohl helfen. Sie brauchen mir nur eine einzige Frage zu beantworten. Am Mittwochmorgen machte ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie einen Brief verloren hatten. Sagen Sie mir, wer ihn geschrieben hat!«

»Ich hatte verschiedene Briefe in der Tasche, Miß Ffolliot«, sagte er langsam, »und ich weiß nicht, welchen ich damals verlor. Aber warum interessieren Sie sich denn für den Verfasser des Briefes? Was hat er mit Ihrer schwierigen Lage zu tun?«

»Ich will es Ihnen sagen. Am Mittwochmorgen erhielt mein Vater einen Brief und fuhr daraufhin nach London. Gestern hätte er schon zurückkehren müssen, aber er kam nicht. Er hat auch nicht geschrieben. Heute hatten wir wieder keine Nachricht von ihm. Der letzte Zug von London ist angekommen, und er ist noch nicht hier. Wir wissen nicht, wo er ist, oder was ihm zugestoßen sein könnte. Wir sind in größter Sorge um ihn.«

»Es tut mir leid, das zu hören, Miß Ffolliot«, entgegnete er. »Wenn ich Ihnen helfen könnte, würde ich es gern tun, aber ich weiß nicht –«

Ich sah ihn groß an, und er hielt inne. Er war nicht genügend Schauspieler, um seine Rolle durchzuführen.

»Ich werde Ihnen sagen, warum ich um Ihre Hilfe bat, Mr. Deville. Die Adresse auf Ihrem Kuvert war von derselben Hand geschrieben wie der Brief, der meinen Vater nach London rief.«

Die beiden sahen einander an, dann ging Bruce Deville zum Fenster, ohne etwas zu erwidern. Ich hatte allerdings keine direkte Frage an ihn gerichtet, aber sie wußten sehr gut, was ich wollte. Ich forderte die volle Wahrheit.

Erregt stampfte ich mit dem Fuße auf. Wußten diese beiden Menschen, was ich litt? Was nützten mir ihre erstaunten Blicke und ihre kühlen Worte? Ich fühlte, daß ich zornig wurde.

»Antworten Sie mir!« rief ich. »Wer schrieb Ihnen diesen Brief?«

Aber ich erhielt wieder keine Antwort. Ihr Schweigen trieb mich fast zum Wahnsinn. Ich vergaß, was ich dem Mann in Naselton Hall versprochen hatte, ich vergaß alles um mich her. Ich ertrug dieses kalte, mitleidlose Schweigen nicht länger – sie mußten sprechen!

»Ich werde Ihnen sagen, wer den Brief geschrieben hat«, schrie ich. »Es war Mr. Berdenstein aus Südamerika. Er ist jetzt in Naselton Hall, und wenn Sie nicht antworten wollen, werde ich zu ihm gehen. Vielleicht wird er mir sagen, was Sie verschweigen.«

Bruce Deville kam mit erhobener Hand auf mich zu. Er sah wütend und empört aus, und ich dachte, er wollte mich schlagen. Mrs. Fortreß war totenblaß geworden. Ich erkannte, daß Bruce Deville es gewußt hatte, aber sie nicht.

»Wenn Sie soviel wissen«, sagte er brutal, »dann gehen Sie doch hin zu ihm und lassen sich den Rest erzählen. Er wird sehr teilnahmsvoll sein und Ihnen zweifellos helfen!«

»Nein! Nein!« rief Mrs. Fortreß leidenschaftlich.

Sie trat zu mir und legte ihre Hände leicht auf meine Schultern. Der Ausdruck ihres Gesichtes brachte mich aufs neue in Verwirrung. Sie sah mich liebevoll und doch unendlich traurig an. Meine Worte hatten sie schwer getroffen.

»Kind, Sie müssen nicht ungeduldig sein«, sagte sie freundlich. »Ich hoffe, daß Ihr Vater wohlauf ist, und daß er es so einrichten kann, daß er morgen zeitig genug hier ist, um seine Amtspflichten zu erfüllen. Weder Mr. Deville noch ich können Ihnen sagen, wo er ist, wenn wir vielleicht auch etwas mehr wissen als Sie. Er ist irgendwo in London und sucht nach dem Mann, den Sie eben erwähnten. Er wird ihn nicht finden. Aber er wird seine Nachforschungen bis zum letzten Augenblick nicht aufgeben. Aber, liebes Kind, was Sie auch tun mögen, meiden Sie diesen Berdenstein wie die Pest. Ihr Vater und er sind die bittersten und die schrecklichsten Feinde. Lassen Sie sich auch nicht im Traum einfallen, zu ihm zu gehen, und sagen Sie Ihrem Vater nicht, daß er hier in der Nähe ist. Wenn es das Schicksal will, werden sie sich treffen – aber Gott möge es verhüten!«

»Wer ist denn dieser Berdenstein?« fragte ich atemlos. Ihre Worte hatten großen Eindruck auf mich gemacht, denn sie hatte in tiefem Ernst gesprochen, und ich wußte, daß sie mein Bestes wollte. Ich vertraute ihr.

Sie schüttelte den Kopf, und ich las Furcht und Entsetzen in ihren Augen.

»Ich kann es Ihnen nicht sagen. Vielleicht ist es besser, wenn Sie es niemals erfahren.«

Tiefes Schweigen herrschte in dem Raum. Aber dieses große Geheimnis, dessen Schatten mich umgaben, war im Augenblick nicht so wichtig. Die Sorge um meinen Vater lastete schwer auf mir und nahm all meine Gedanken in Anspruch. Diese beiden wollten mir nichts sagen, und zu Mr. Berdenstein durfte ich nicht gehen. Fast begann ich ihn zu fürchten. Ich erinnerte mich an sein grauenvolles Lächeln, als er von meinem Vater sprach, und fuhr schaudernd zusammen. Wenn sie sich getroffen hatten! Wenn sie einander in einem einsamen Hause gegenübergetreten waren! Vielleicht war dieser Brief nur eine Falle für meinen Vater gewesen. Ich sah plötzlich das Gesicht dieses Mannes mit dem grausamen Mund und dem hämischen Lächeln wieder deutlich vor mir. Ich schrie vor Entsetzen auf. Bruce Deville trat zu mir und sah mich sonderbar an.

»Wenn Sie ans Fenster kommen wollen, Miß Ffolliot«, sagte er, »werden Sie sich sofort erleichtert fühlen.«

Ich eilte hin und blickte hinaus. Nur einige Meter von uns entfernt schritt mitten auf der harten, staubigen Straße ein Mann in düsteren, schwarzen Kleidern. Er ging mit gesenktem Kopf und machte den Eindruck eines müden und enttäuschten Wanderers. Aber das erkannte ich erst später, im Augenblick fühlte ich nur eine unaussprechliche Erleichterung. Es war mein Vater – er war zurückgekehrt!

Ich wollte sofort hinauseilen, aber Bruce Deville legte mir sanft die Hand auf die Schulter. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß seine Berührung so zart sein konnte.

»Nehmen Sie meinen Rat, Miß Ffolliot. Gehen Sie auf dem schmalen Fußpfad durch die Schonung nach Hause, und lassen Sie Ihren Vater nicht wissen, wo Sie waren. Das ist auf jeden Fall besser, nicht wahr, Adelaide?«

»Ja.« Sie sah mich an. »Sie werden ebenso schnell zu Hause sein wie er.«

Der Rat war gut, denn ich erinnerte mich an die ärgerlichen Worte meines Vaters, als er mich vor einigen Tagen hier gefunden hatte. Und doch verletzte es mich, daß sie mir diesen Rat gaben. Welches unbekannte Geheimnis teilten diese drei Menschen miteinander? Ich wollte es von meinem Vater erfahren, sobald ich mit ihm allein war. Er mußte mir alles erklären; ich war fest entschlossen, darauf zu bestehen.

»Sie haben vielleicht recht«, erwiderte ich. »Ich will den Fußsteig benützen.«

Dann wandte ich mich sofort um. Mr. Deville öffnete die Haustür für mich und zögerte einen Augenblick. Aber ich lehnte seine Begleitung mit einer ungeduldigen Bewegung ab.

»Ich werde allein gehen, es ist noch hell genug.«

»Wie Sie wollen«, sagte er kurz. »Guten Abend.«

Er wandte sich sofort um und ging wieder in das Haus. Ich schlug den Fußweg ein. Bei der Schonung hielt ich an. Mein Vater ging unten müde die Straße entlang und stützte sich schwer auf seinen Stock. Als ich stillstand, knackte ein Zweig unter meinen Füßen. Plötzlich änderten sich seine Gesichtszüge, er blieb stehen und wandte sich mit jugendlicher Schnelligkeit um. Seine Hand fuhr in die Tasche des langen, schwarzen Rocks, und gleich darauf sah ich Stahl aufblitzen. Er hielt die Hand ausgestreckt und spähte scharf in meine Richtung, aber er konnte mich nicht sehen, da die dunklen Schatten der Bäume mich verbargen. Dagegen konnte ich alle seine Bewegungen genau beobachten. Seine Gestalt hob sich mit merkwürdiger Deutlichkeit von der hellen Landstraße und dem dämmerigen Firmament ab. Er hielt einen kleinen, glänzenden Revolver in der Hand. Alle seine Muskeln schienen angespannt zu sein, als ob er einen plötzlichen Angriff erwartete. Als aber niemand erschien, und alles still blieb, schien er wieder ruhiger zu werden, aber er war eher enttäuscht als erleichtert. Zögernd wandte er sich um. Die Pistole hatte er noch in der Hand, aber er verbarg sie in den Falten seines Rockes.

Er mußte sehr schnell gegangen sein, denn obwohl ich mich beeilte, und mein Weg kürzer war als der seine, stand er schon an unserem Gartentor, als ich aus dem kleinen Gehölz heraustrat. Als er sich bückte, um das Tor zu schließen, hörte ich, wie er seufzte. Einen Augenblick konnte ich sein Gesicht sehen. Ich hätte laut aufschreien mögen, aber es kam kein Ton über meine trockenen Lippen. Sein Gesicht sah totenbleich aus, und er schien um Jahre gealtert zu sein. Früher war sein Gang ruhig und elastisch gewesen; jetzt schleppte er sich müde und mühsam an einem Stock weiter – ein Schatten des Mannes, der uns vor wenigen Tagen verlassen hatte.

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