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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 6.
Der Millionär.

Am Donnerstag nach der Abreise meines Vaters nach London schickte mir Lady Naselton ihren Wagen. Der Chauffeur übergab mir einen dringenden Brief, der nur ein paar Zeilen enthielt und scheinbar in großer Eile geschrieben war.

»Naselton, Donnerstag.

Meine liebe Kate, kleiden Sie sich schnell um und kommen Sie zu mir zum Tee. Die Romneys und einige andere Leute kommen auch herüber. Mein Sohn Fred brachte heute morgen einen sehr interessanten Herrn von London mit, den Sie kennenlernen sollen. Er ist ein glänzender Gesellschafter und außerdem ein Millionär! Kommen Sie bitte, und helfen Sie mir, ihn zu unterhalten.

Mit freundlichem Gruß
Amy Naselton.«

Ich lachte vor mich hin, als ich die Treppe hinaufstieg, um mich umzukleiden. Lady Naselton war weit und breit als Ehestifterin bekannt. Zweifellos war dieser Millionär in ihren Augen eine glänzende Partie für die Tochter eines armen Pastors, die unglücklicherweise Ehrgeiz hatte und nicht auf dem Lande leben wollte.

An der umständlichen Art, mit der sie mich begrüßte, erkannte ich sofort, daß sie die Angelegenheit bereits als erledigt betrachtete. Der große Empfangssalon wimmelte von Gästen, nur das arme Opfer, auf das ich losgelassen werden sollte, saß allein in einer Ecke. Offenbar war er dort zurückgehalten worden, damit er sich ausschließlich mit mir unterhalten sollte. Lady Naselton schien sich erst jetzt an ihn zu erinnern, brachte ihn zu mir und stellte ihn vor.

»Mr. Berdenstein – Miß Ffolliot. Wollen Sie so liebenswürdig sein und dafür sorgen, daß Miß Ffolliot Tee bekommt?« sagte sie mit einem bezaubernden Lächeln. »Die Dienerschaft ist heute so nachlässig.«

Ich setzte mich nieder und betrachtete ihn, während er sich um Tee und Gebäck bemühte. Auf den ersten Blick mißfiel er mir. Er war groß und hatte ein dunkles Gesicht. Seine Züge waren regelmäßig und erinnerten mich etwas an jüdischen Typ. Sein Wesen war mir zu glatt; er hatte ständig ein stereotypes Lächeln auf den Lippen und zeigte seine Zähne zu oft. Unwillkürlich kam mir der Gedanke, wie er wohl seine Millionen verdient haben mochte. Ich war jedoch gezwungen, mich mit ihm zu unterhalten und faßte mich in Geduld.

»Sie sind noch nicht lange in England?« fragte ich ihn.

»Etwa drei Tage.«

Seine Stimme klang nicht so schlecht. Ich betrachtete ihn wieder. Er schien sich nicht sehr behaglich zu fühlen. Wahrscheinlich war er nicht an einen Verkehr in so vornehmen Kreisen gewöhnt. Trotzdem mochte er sehr klug sein; er hatte eine hohe Stirne und einen entschlossenen Zug um den Mund.

»Mr. Fred Naselton war der erste Bekannte, dem ich in London begegnete«, fuhr er fort. »Es war sehr merkwürdig, daß ich ihn sofort traf, als ich kaum vom Schiff kam.«

»Er ist sicher ein alter Freund von Ihnen?« fragte ich, nur um die Unterhaltung in Gang zu halten.

»Ach nein, befreundet sind wir kaum. Ich habe ihm dort unten in Rio einen Gefallen tun können. Es ist eigentlich nicht der Rede wert, aber er war so dankbar.«

»Wo war das?« fragte ich plötzlich.

»In Rio – Rio de Janeiro – Sie kennen doch die große Stadt in Südamerika?«

Ich sah ihm plötzlich ins Gesicht und begegnete seinem Blick. Scheinbar hatte er mich dauernd heimlich beobachtet. Mein Herz schlug schneller. Ich holte tief Atem und wagte einen Augenblick nicht zu sprechen. Nach einer kurzen Pause sprach er weiter.

»Ich habe viele Jahre dort draußen zugebracht, und Land und Leute und alles, was damit zusammenhängt, sind mir allmählich überdrüssig geworden. Ich freue mich, daß ich jetzt nichts mehr damit zu tun habe.«

»Sie gehen also nicht wieder zurück?« fragte ich gleichgültig.

»O nein, ich bin nur dorthin gegangen, um Geld zu verdienen, und ich habe meinen Zweck erreicht. Nun will ich hier in meiner alten Heimat ein gutes Leben führen. Ich werde mich hier niederlassen und mich verheiraten, Miß Ffolliot.«

Seine glänzenden, schwarzen Augen waren auf mein Gesicht gerichtet, und ich fühlte, daß ich leicht errötete. In diesem Augenblick haßte ich Lady Naselton. Sicherlich hatte sie mit diesem widerwärtigen Menschen über mich gesprochen, und er hatte sie auch sofort verstanden. Am liebsten wäre ich aufgestanden, aber plötzlich erinnerte ich mich wieder daran, daß er aus Südamerika gekommen und ungefähr am fünfzehnten in London angekommen war. Ich blieb also sitzen und ertrug seine Gegenwart und seine Unterhaltung.

»Eine lobenswerte Absicht«, sagte ich mit einer gewissen Ironie, die ich kaum zu verbergen suchte. »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.«

»Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen«, antwortete er langsam. »Gute Wünsche können manchmal sehr viel helfen.«

»Wünsche kosten ja nichts«, erwiderte ich kühl, »und die meinigen sind besonders wertlos. Waren Sie lange Zeit von England fort?«

»Viele Jahre«, entgegnete er nach einem kurzen Zögern.

»Es ist doch sonderbar, daß Ihr erster Besuch einer verhältnismäßig fremden Familie gilt. Haben Sie keine Verwandten oder alte Freunde, die Sie gerne wiedersehen möchten?«

»Ich habe einige alte Freunde, aber ich weiß nicht, ob sie mich freudig begrüßen werden. Aber ich werde es bald erfahren. Ich bin nicht mehr weit von ihnen entfernt.«

»Wissen sie schon, daß Sie zurückgekommen sind?«

»Einer weiß es. Aber gerade die Person, die ich am meisten schätze, ist noch nicht davon unterrichtet.«

»Wollen Sie Ihren Freund denn überraschen?«

»Es handelt sich um eine Frau.«

Ein kurzes Schweigen trat ein. Ich zweifelte jetzt nicht mehr – der Zufall hatte mich mit dem Mann zusammengeführt, der jenen Brief an meinen Vater geschrieben hatte. Vielleicht hatten sie sich schon getroffen. Ich sah ihn an, und wieder beobachtete ich, daß er mich heimlich betrachtet hatte.

»Ich habe auch eine Schwester, die ich sehr liebe. Sie lebt in Paris. Ich habe ihr geschrieben, daß sie nach England kommen und mich in London besuchen soll.«

»Ich möchte gern wissen, ob ich einen Ihrer Freunde kenne, von denen Sie eben sprachen.«

Er öffnete die Lippen ein wenig und zeigte seine blendend weißen Zähne.

»Ich bin davon überzeugt, daß Sie jemand kennen. Hat Ihr Vater Sie hergeschickt? Sollen Sie mir etwas ausrichten? Wenn das der Fall ist, sagen Sie es mir bitte gleich. Wir könnten später gestört werden.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Mein Vater ist in London. Er fuhr an dem Morgen ab, an dem er Ihren Brief erhielt.«

»Wann wird er wieder zurückkommen?« fragte er begierig.

»Wahrscheinlich am Freitag, aber ich weiß es noch nicht genau. Jedenfalls wird er zum Sonntag wieder hier sein.«

Der sonderbare Ausdruck seines Gesichts beunruhigte mich.

»Haben Sie ihn in London getroffen?« fragte ich schnell.

»Nein. Ich habe noch niemand gesehen. Ich bin erst seit zwei Tagen hier in England. Ich freue mich darauf, ihn am nächsten Sonntag zu begrüßen.«

»Und Mr. Bruce Deville?«

Er sah mich argwöhnisch von der Seite an. Er schien im Zweifel zu sein, wieviel ich wußte.

»Mr. Bruce Deville habe ich auch noch nicht gesehen. Er soll sich sehr verändert haben.«

»Ich habe ihn erst vor einer Woche kennengelernt und kann daher nichts über ihn sagen.«

Er sah mich verwirrt an.

»Sie kennen ihn erst eine Woche, und trotzdem wissen Sie, daß ich mit ihm bekannt bin?«

»Das habe ich zufällig erfahren.«

Offenbar schenkte er meinen Worten keinen Glauben; aber er zögerte, sein Mißtrauen auszudrücken. Inzwischen stellte ich eine kühne Frage an ihn.

»Haben Sie Adelaide Fortreß schon besucht?«

Er schaute mich halb verwundert und halb begierig an.

»Noch nicht. Ich muß erst ihren Aufenthalt kennenlernen. Ich würde noch heute zu ihr gehen – wenn ich es nur wagen dürfte!«

Seine dunklen Augen blitzten leidenschaftlich auf.

»Wenn Sie mir von ihr erzählen«, sagte er erregt, »vergesse ich alles um mich her. Ich vergesse, wer Sie sind, und wo wir sind. Ich denke nur noch daran, daß sie lebt!«

Ich legte beruhigend meine Hand auf seinen Arm.

»Seien Sie vorsichtig«, bat ich leise. »Die Leute werden aufmerksam.«

Er dämpfte seine Stimme, aber sie war noch erfüllt von Leidenschaft.

»Ich werde bald erfahren, ob sie im Laufe der Jahre milder und freundlicher geworden ist, und ob der Traum meines Lebens sich erfüllen wird.« Er sah in mein bleiches Gesicht. »Sie sind verwundert! Aber Sie und Ihr Vater und Bruce Deville – die ganze Welt mag es wissen! Ich liebe sie noch! Und ich werde sie mir wieder erobern oder zugrunde gehen. Sie sehen, ich führe keinen geheimen Krieg. Gehen Sie hin und sagen Sie es Ihrem Vater, sagen Sie es allen! Sie mögen sich vorbereiten. Wer sich mir in den Weg stellt, wird es büßen müssen. Ich werde vor sie hintreten und auf meine grauen Haare zeigen. Ich werde ihr sagen: ›Jedes graue Haar ist ein Gedanke an dich, jeden Tag meines Lebens habe ich aufs neue gekämpft, um dich zu gewinnen.‹ Wenn ich ihr das sage und auf die Vergangenheit weise, dann wird sie wieder mein sein!«

»Sie scheinen sich sehr sicher zu fühlen,« sagte ich leise.

»O nein, das kann ich nicht sagen. Nur meine Hoffnung und meine Leidenschaft sind so stark. Sie überwältigen mich. Wenn ich daran denke – wenn ich es mir vorstelle, dieses unaussprechliche Glück – dann vergesse ich alles. Hören Sie! Sie müssen mir etwas versprechen«, sagte er plötzlich. »Ich habe mich gehen lassen, ich habe Ihnen meine geheimsten Gedanken gesagt. Versprechen Sie mir, ihr nichts zu sagen, daß ich nach England zurückgekommen bin und in ihrer Nähe weile. Noch ein oder zwei Tage – dann werde ich zu ihr gehen; ich werde alles wagen. Aber nicht im Augenblick! Sie muß unwissend bleiben, bis ich selbst vor sie hintrete.«

Ich versprach es ihm, denn ich wollte eine Szene vermeiden. Sein aufgeregtes Wesen und seine lauten Worte hatten schon die Aufmerksamkeit der anderen erregt.

»Wird sie es aber nicht von Mr. Deville oder von meinem Vater erfahren?«

»Es wäre möglich, daß Mr. Deville sie benachrichtigt«, sagte er langsam. »Aber ich glaube es kaum. Aus bestimmten Gründen wird er wahrscheinlich schweigen.«

»Und mein Vater?«

Wieder sah ich diesen merkwürdigen Ausdruck in seinem Gesicht, der mich mit einer ungewissen Furcht erfüllte.

»Ich glaube nicht, daß er es ihr sagen wird. Ich bin meiner Sache beinahe sicher. Nein, ich selbst werde vor ihr stehen, ehe sie es ahnt, ehe sie sich fassen kann. Ganz gleich, ob es hell oder dunkel ist, ich werde sehen, wie sie mich empfängt. Das wird ein Beweis sein – ein glänzender Beweis.«

Lady Naselton kam strahlend auf uns zu.

»Meine liebe Kate, es tut mir so leid, daß ich Sie beide in Ihrer interessierten Unterhaltung stören muß. Aber Lady Romney will aufbrechen, und sie möchte Sie zu gerne kennenlernen. Kommen Sie doch einen Augenblick mit, daß ich Sie vorstellen kann.«

»Mit Vergnügen«, erklärte ich und erhob mich sofort. »Ich muß auch nach Hause. Leben Sie wohl, Mr. Berdenstein.«

Er reichte mir die Hand, aber ich hatte nicht die Absicht, ihm die meine zu geben. Ich verneigte mich kühl und wandte mich ab.

»Vielleicht ist es so besser«, sagte er leise. »Wir können unmöglich Freunde sein; sicher hassen Sie mich. Wir stehen in feindlichen Lagern. Guten Tag, Miß Ffolliot.«

Ich folgte Lady Naselton, aber bevor wir bei Lady Romney ankamen, hielt ich sie einen Augenblick zurück.

»Sagen Sie mir doch bitte, wer dieser Mann ist. Was wissen Sie von ihm?«

»Aber liebes Kind«, erwiderte sie erstaunt, »Sie haben sich doch so angeregt mit ihm unterhalten? Ich dachte, er hätte Ihnen seine ganze Lebensgeschichte von Kindheit an erzählt. Offen gestanden weiß ich gar nichts von ihm. Er hat Fred in Südamerika viel geholfen und hat dort ein großes Vermögen verdient. Mehr ist mir nicht über ihn bekannt. Fred hat ihn dann in London getroffen und brachte ihn ohne Anmeldung mit. Hoffentlich hat er sich nett zu Ihnen benommen?«

»Oh, ich kann mich nicht über ihn beschweren. Ich war nur neugierig – das ist alles.«

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