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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 4.
Die geheimnisvollen Nachbarn.

Dies war meine erste Begegnung mit einem unserer beiden Nachbarn, die nach Lady Naseltons Erzählung außerhalb der Gesellschaft standen. Und merkwürdigerweise traf ich die Bewohnerin des Gelben Hauses am nächsten Nachmittag.

Wir begegneten uns in dem Wald dicht bei der kleinen Villa. Ich war so erstaunt, daß ich kaum atmen konnte. Sollte dies die Frau sein, die von allen Leuten dieser Gegend gemieden wurde, weil sie zu Bruce Deville in intimen Beziehungen stand? Ich sah in ihre klaren, dunklen Augen, die mich ruhig anschauten. Auch sie schien sich für mich zu interessieren. Ich konnte nicht glauben, was man von ihr erzählte.

Sie sprach mich unbefangen an, als ob das selbstverständlich wäre. Ihre Stimme bestärkte den guten Eindruck, den ich von ihr hatte. Man täuscht sich oft in einem Gesicht, aber die Stimme verrät untrüglich den Charakter.

»Es wird bald ein schlimmes Unwetter aufziehen«, sagte sie. »Wollen Sie nicht für ein paar Minuten hereinkommen? Der Heimweg ist zu weit, und der Aufenthalt unter den Bäumen zu unsicher.«

Während sie noch sprach, fielen schon die ersten, schweren Tropfen nieder, und ich eilte an ihrer Seite der Türe zu.

»Es ist sehr freundlich von Ihnen«, sagte ich atemlos.

Mit wenigen Schritten hatten wir den Rasenplatz vor dem Hause überquert und waren über die Schwelle getreten. Wir standen in einer niedrigen Diele, die mit dunklem Eichenholz getäfelt war. Schöne, alte Stiche schmückten die Wände, und ein weicher Teppich bedeckte den Parkettboden. Verschiedene bequeme Sessel luden zur Ruhe ein, und im offenen Kamin brannte ein Holzfeuer. Sie legte ihre Hand auf die Lehne eines Schaukelstuhls.

»Ich schlage vor, daß wir uns hierher setzen. Wir können die Tür offen lassen und von hier aus das Wetter beobachten. Oder möchten Sie nichts von den Blitzen sehen?«

Ich setzte mich ihr gegenüber.

»Vom Hause aus sehe ich ganz gern zu. Ich bin nicht nervös, aber unter den Bäumen dort hätte ich mich nicht sicher gefühlt. Auf der Heide kann man ein Gewitter wundervoll beobachten.«

Sie sah mich mit einem leichten Lächeln an. Ihr Blick war freundlich, aber doch prüfend.

»Sie sehen auch wirklich nicht besonders nervös aus. Ich möchte gern wissen –«

Ein furchtbarer Donnerschlag unterbrach sie. Sie sah mich aufmerksam an. Aus irgendeinem Grunde schien sie sich stark für mich zu interessieren. Ihre Blicke hingen an meinem Gesicht, und ich begann mich unbehaglich zu fühlen.

Plötzlich bemerkte sie es und lachte.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie so angestarrt habe. Es ist einfach unverzeihlich. Aber man trifft hier selten jemand im Wald. Ich habe Sie doch noch nicht gesehen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wahrscheinlich nicht. Höchstens gestern in der Kirche.«

»Dann habe ich Sie sicher noch nicht gesehen, denn ich gehe nicht in die Kirche. Aber Sie wohnen doch nicht etwa drüben in der Kirche?«

Ich mußte lachen.

»O nein! Aber wir sind erst seit etwa einer Woche hier. Ich heiße Kate Ffolliot und bin die Tochter des neuen Pastors.«

Ein greller Blitz erleuchtete die Diele, und einen Augenblick später folgte ein entsetzlicher Donnerschlag.

Als ich wieder aufschaute, hatte sie sich vorgeneigt und das Gesicht mit den Händen bedeckt.

»Der Donner ist schrecklich. Es hat sicher in der Nähe eingeschlagen. Haben Sie Angst?« fragte ich.

Sie nahm weder die Hände vom Gesicht, noch antwortete sie mir. Ich erhob mich erschrocken.

»Was haben Sie?« rief ich. »Fühlen Sie sich krank? Soll ich jemand rufen?«

Endlich hob sie den Kopf, sah mich an und winkte mir mit der Hand, mich wieder zu setzen. Offenbar hatte sie das Gewitter nervös gemacht. Ihr Gesicht sah blaß aus; nur an den Stellen, wo ihre Hände sich an die Wangen gepreßt hatten, brannten rote Flecken. Ihre dunklen Augen glänzten unnatürlich, und sie hatte die heitere Ruhe vollkommen verloren, die mich so stark beeindruckt hatte.

»Setzen Sie sich bitte«, sagte sie leise. »Es geht mir gut. Aber dieser letzte Schlag war grauenhaft. Ich habe allerdings schon schlimmere Unwetter erlebt. Es ist vermutlich ein Zeichen, daß ich alt werde.«

Ich lachte, aber sie sah mich wieder forschend an.

»Dann sind wir also Nachbarn, Miß Ffolliot?«

»Ja, nur dieser kleine Fichtenwald trennt unser Haus von dem Ihren.«

»Ich hätte ja auch ahnen können, wer Sie waren, aber im Augenblick fiel es mir nicht ein. Sie sehen auch gar nicht wie die Tochter eines Landgeistlichen aus.«

»Ich war kaum zu Hause – meine Schwester hilft meinem Vater. Und ich muß gestehen, daß mir die Arbeit in der Gemeinde nicht liegt.«

»Das wundert mich nicht. Man muß eine besondere Veranlagung dazu haben, um sich für diese Dinge zu interessieren. Und ich sehe, daß Sie diese Veranlagung nicht besitzen, obwohl ich keine große Psychologin bin.«

»Die Leute auf dem Lande sind so wenig intelligent und glauben alles buchstäblich. Wenn ich meinen Mitmenschen helfen wollte, würde ich es sicher vorziehen, in der Großstadt zu arbeiten.«

»Sie haben ganz recht«, entgegnete sie etwas zerstreut. »Die Arbeit unter Leuten, die selbst denken, ist bedeutend anregender!«

Wir schwiegen einen Augenblick. Es schien ihr wenig an der Unterhaltung zu liegen, und ich versuchte deshalb nicht, sie fortzusetzen. Ich drehte mich ein wenig in meinem Stuhl nach der Tür um und beobachtete das Wetter draußen. Aber ich wußte, daß ihr Blick immer noch auf meinem Gesicht ruhte.

»Ich war so sehr daran gewöhnt«, sagte sie plötzlich, »daß diese Pfarrstelle nicht besetzt war, daß ich kaum mehr mit der Möglichkeit rechnete, das Pfarrhaus noch einmal bewohnt zu sehen. Der Vikar, der hier die Gottesdienste abhielt, kam gewöhnlich von dem Nachbarort herüber. Ich wundere mich, daß Mr. Deville nichts davon wußte, und daß er Ihren Namen nicht kannte.«

Es tat mir leid, daß sie Mr. Deville erwähnte. Ich wollte alles vergessen, was Lady Naselton mir von ihr erzählt hatte, und mir mein eigenes Urteil über sie bilden; aber bei ihren letzten Worten kam mir plötzlich alles wieder in Erinnerung. Ich lehnte mich in meinen Stuhl zurück und sah sie nachdenklich an. Sie mochte zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahren alt sein; ihre Kleidung war einfach, aber von einer ruhigen Vornehmheit, die den Gedanken an einen Dorfschneider sofort ausschaltete. Sie war schlank und etwas hager; aber ihre Bewegungen waren graziös und abgerundet. Ihr volles, braunes Haar zeigte an manchen Stellen schon einen grauen Schimmer. Sie trug es nach hinten gebürstet, so daß ihre hohe Stirn voll zur Geltung kam. Ihre markanten Züge ließen auf einen starken Charakter schließen. Ihre Haut war wunderbar gebräunt, und ihre großen, dunklen Augen machten ihr Gesicht interessant. Um ihren Mund spielte zuweilen ein schalkhaftes Lächeln. Man konnte sie nicht gerade eine Schönheit nennen, aber sie war sehr anziehend und schien tiefe Bildung zu besitzen. Es wurde mir immer unwahrscheinlicher, daß Lady Naselton über diese Frau gesprochen haben konnte.

Vielleicht bemerkte sie, daß sich mein Gesichtsausdruck etwas änderte, als sie Mr. Devilles Namen erwähnte. Jedenfalls brachte sie die Unterhaltung auf ein anderes Thema.

»Haben Sie auf dem Lande gelebt, bevor Sie herkamen? Oder in einer Großstadt? Sie werden es hier sehr ruhig finden!«

»Wir kamen von Belchester. Mein Vater verwaltete dort eine Kirche in einer der Vorstädte. Ich war nicht lange dort, aber ich fand es unerträglich. Meiner Meinung nach ist dieses Leben hier noch besser als das Leben in einer Arbeitergroßstadt.«

»Ich kann Ihnen nicht zustimmen«, sagte sie lächelnd. »In einer größeren Stadt stehen Sie den Problemen des Lebens viel näher. Ich war vor einiger Zeit auch in Belchester und kam sehr angeregt von dort zurück.«

»Sie waren dort?« fragte ich erstaunt.

»Ja, ich war bei der Wahl tätig. Ich unterstützte die Kandidatur von Mr. Densham.«

»Aber das ist doch ein Sozialdemokrat!« rief ich.

Sie nickte, und ich sah, daß mein Erstaunen sie belustigte.

»Belchester ist eine ganz schöne Stadt. Die Leute dort sind aufgeklärt. Wir haben über viertausend Stimmen zusammen bekommen, und wenn wir noch eine bis zwei Wochen mehr Zeit und ein paar Helfer weniger gehabt hätten, wäre Mr. Densham ins Parlament gekommen.«

»Ein paar Helfer weniger? Was meinen Sie damit?«

»Ja, das ist das Schlimmste bei diesen Versammlungen der Arbeiterpartei. Es sind so viele Leute da, die nicht die nötige Begabung besitzen, und sich trotzdem für Volksredner halten. Man kann ihnen schließlich nicht den Mund verbieten, sie treten in Versammlungen auf und reden Unsinn. Die Zeitungen der Gegenparteien nützen das natürlich in ihren Berichten aus. Unter diesen Freunden hat man am meisten zu leiden.«

Ich sah sie verwundert an. Auch ich hatte bei dieser Wahl geholfen, das heißt, ich war mit dem Auto der Gräfin Applecorn umhergefahren, hatte einen großen Strauß Kornblumen in meinem Schoß gehalten und liebenswürdig mit vielen Leuten gesprochen, die mich gar nicht interessierten. Ich konnte mich jetzt dunkel auf einen kleinen Wagen besinnen, an dem wir vorbeigekommen waren. Eine lärmende Kapelle schritt voraus, und viele Arbeiter gingen hinterher. Lady Applecorn erhob ihr Lorgnon und machte eine abfällige Bemerkung über den Kandidaten der Sozialisten.

»Haben Sie auch Reden gehalten?« fragte ich zögernd.

Sie lachte laut.

»Natürlich! Wie hätte ich denn sonst die Wahl unterstützen können? Ich glaube, Sie fangen an, mich für eine schreckliche Person zu halten!«

»Bitte, sagen Sie das nicht«, bat ich. »Sie müssen bedenken, daß ich sowohl hier wie außerhalb immer unter Leuten war, die schaudernd zusammenfuhren, wenn man nur die Sozialistische Partei erwähnte. Wahrscheinlich habe ich dadurch eine falsche Meinung bekommen. Ich habe auch geglaubt, daß nur arme Leute Sozialdemokraten sein könnten.«

Sie sah mich ernst an.

»Der wahre Sozialismus ist die reinste aller Lehren für die Reichen wie für die Armen, für alle Männer und Frauen, die denken können«, sagte sie ruhig. »Er ist ebensogut eine Religion, wie er die Grundlehre jeder modernen Politik ist. Aber wir wollen jetzt nicht weiter darüber sprechen.«

»Sie trinken doch noch eine Tasse Tee mit mir«, sagte sie und klingelte. »Gehen Sie bitte noch nicht fort.«

Ich zögerte, aber sie nahm mein Schweigen für Zustimmung, und ich ließ mich überreden.

»Wir wollen in mein Arbeitszimmer gehen, während das Mädchen den Tee bringt.«

Sie öffnete eine Türe, und ich trat an ihrer Seite in ein großes, unregelmäßiges Zimmer. Von hier aus führten mehrere Glastüren direkt auf den Rasen. An allen Wänden standen schöne, hohe Bücherschränke. Ich war erstaunt, denn die Bibliothek meines Vaters war klein im Vergleich hierzu. Der Schreibtisch in der Nähe des Fensters war von vielen beschriebenen Blättern bedeckt, und mehrere Bücher lagen aufgeschlagen dort. Aber sonst war der Raum vornehm eingerichtet und zeugte von feinem, weiblichen Geschmack. Mehrere bequeme Sessel standen umher, daneben kleine, runde Tischchen, auf denen kostbare, seltene Porzellanfiguren standen. Herrliche Vasen mit gelben Rosen schmückten das Zimmer. Plötzlich entdeckte ich Mr. Bruce Deville in einem Sessel in der Nähe eines Fensters. Er las gerade eins der losen Blätter, die er von dem Schreibtisch aufgenommen hatte.

Er erhob sich, schaute jedoch nicht gleich auf. Er sprach zu ihr, aber ich erkannte seine Stimme kaum wieder. Alle Schroffheit war verschwunden. Seine Worte klangen freundlich, und er schien in bester Laune zu sein.

»Marcia! Marcia! Warum läßt du den armen Harris nicht in Ruhe? Du machst ihn noch ganz verrückt, wenn du ihm griechische Zitate an den Kopf wirfst! Ihr Frauen seid doch zu rachsüchtig!«

»Möchtest du dich nicht einmal umdrehen?« entgegnete sie lächelnd. »Auch würde ich gern wissen, wie du hier hereingekommen bist, und was du mit meinem Manuskript machst.«

Als er aufschaute, entglitt der Bogen seinen Fingern, und er sah mich mit unverhohlener Überraschung an.

»Ich bin durch die Glastüre gekommen. Wenn ich nicht diesen kürzesten Weg genommen hätte, wäre ich vollkommen naß geworden. Ich hatte keine Ahnung, daß du Besuch hattest.«

Ich sah Mrs. Fortreß an. Sie schien in keiner Weise verletzt oder unwillig zu sein.

»Ich möchte heute nachmittag nicht spazieren gehen«, sagte sie dann. »Willst du nicht nach Tisch wiederkommen? Ich möchte dich sprechen, aber nicht gerade jetzt.«

Er nickte und nahm seine Mütze. Als er auf der Schwelle stand, sah er noch einmal interessiert zurück. Er schien etwas zu mir sagen zu wollen, begnügte sich aber schließlich mit einer Verbeugung, die ich leicht erwiderte. Im Garten nahm er seine Pfeife heraus und zündete sie an.

Der Vorfall hatte sie nicht in die geringste Verlegenheit gebracht. Sie zeigte mir nun einige ihrer Kunstschätze, die in den verschiedensten Ländern gesammelt waren, aber ich war nicht sehr aufmerksam.

»Ist Mr. Deville mit Ihnen verwandt?« fragte ich plötzlich.

Sie hatte eben eine kleine italienische Bronzestatue heruntergenommen, um sie mir zu zeigen, und stellte sie vorsichtig zurück, ehe sie mir antwortete.

»Nein. Wir sind Freunde – ich kenne ihn schon seit vielen Jahren.«

In diesem Augenblick wurde ein melodischer, birmanischer Gong in der Diele angeschlagen. Mrs. Fortreß trat mit einem liebenswürdigen Lächeln auf mich zu.

»Wir wollen jetzt Tee trinken. Nach einem Gewitter tut eine Tasse Tee immer gut. Ich will Ihnen später noch mehr von meinen Sachen zeigen, wenn es Ihnen Freude macht.«

In der Diele servierte ein schmuckes Mädchen. Ein kostbares Service der Dresdner Manufaktur zierte den Tisch. Als ich meine Tasse in der Hand hielt, kam mir plötzlich der Gedanke, was Lady Naselton wohl sagen würde, wenn sie mich jetzt sehen könnte. Unwillkürlich mußte ich lachen.

»Verzeihen Sie bitte«, bat ich. »Es fiel mir plötzlich etwas Komisches ein.«

»Es ist eine große Hilfe im Leben, wenn man manchmal über seine Gedanken lachen kann. Nehmen Sie noch etwas Tee?«

Ich setzte meine Tasse nieder.

»Nein, danke schön, der Tee war ausgezeichnet. Darf ich Sie noch etwas fragen? Mr. Deville sprach vorhin von Ihrer Arbeit, und ich sah natürlich, daß Sie etwas geschrieben hatten. Verfassen Sie Romane? Es ist so schön, wenn eine Frau aus sich selbst heraus etwas schaffen kann, wenn sie wirkliche Arbeit leistet.«

»In der Regel schreibe ich keine Romane«, entgegnete sie langsam. »Ich schreibe für Zeitungen. Einige Jahre war ich ständige Korrespondentin für eine Tageszeitung. Jetzt schreibe ich für einen besonderen Zweck. Wie ich schon vorher bemerkt habe, gehöre ich zur Sozialistischen Partei. Erschreckt Sie das?«

»Nein, nicht im mindesten. Ich möchte nur gern mehr darüber erfahren. Bis jetzt hatte ich niemals eine Sozialistin mit Dresdner Porzellan und anderen Kunstschätzen in Verbindung bringen können.«

»Armes Kind!« sagte sie lächelnd. »Sie sind noch in ganz altmodischen Anschauungen befangen. Als wohlerzogene junge Dame müßten Sie jetzt eigentlich aufstehen und mein Haus verlassen.«

Ein Schatten fiel plötzlich durch die offene Tür, und ich hörte die leidenschaftlich erregte Stimme meines Vaters.

»Das wird meine Tochter auch tun! Und zwar sofort, ohne das kleinste Zögern! Hörst du, Kate?«

Ich erhob mich verwirrt und betroffen. Mein Vater stand hochaufgerichtet vor uns, und seine Gestalt hob sich scharf von dem sonnigen Garten im Hintergrund ab. Seine sonst so bleichen Wangen waren gerötet, und seine Augen blitzten zornig. Mrs. Fortreß stand ruhig auf.

»Es steht Ihrer Tochter vollkommen frei, zu bleiben oder zu gehen«, entgegnete sie kühl. »Ich nehme an, daß ich mit Mr. Ffolliot spreche?«

Ihre Blicke trafen sich. Ich sah von einem zum andern und erkannte, daß zwischen ihnen etwas vorging, was ich nicht verstehen konnte. Ihr Gesicht sah plötzlich sonderbar hart und kalt aus. Das tiefe Schweigen wurde nur durch das gleichmäßige Ticken der großen Standuhr und das Flattern der Vögel im Garten unterbrochen. Ein Windstoß fuhr durch die Kronen der Bäume, und ein Schauer von Tropfen fiel auf die kiesbestreuten Wege. Ein Sperling verirrte sich in die Diele, kehrte aber bei dem Anblick der Menschen wieder um.

»Marcia!« rief mein Vater. Sein Schrei klang wie ein Pistolenschuß durch die Stille. Schnell trat er einen Schritt näher. Aber sie streckte abwehrend ihre Hände aus, und er blieb stehen.

»Es ist besser, wenn Sie schnell gehen –«

Ich trat hinaus in den Garten und nahm den Arm meines Vaters. Er duldete es schweigend, daß ich ihn fortführte; er wäre ein paarmal umgesunken, wenn ich ihn nicht gestützt hatte. Als wir unser Haus erreichten, wandte er sich sofort zu seinem Studierzimmer.

»Geh jetzt, Kate«, sagte er müde. »Ich muß allein sein. Sieh zu, daß ich nicht gestört werde.«

Ich zögerte. Als er aber darauf bestand, verließ ich ihn. Auch ich mußte allein sein. Alle meine Gedanken waren in Aufruhr. Welche Schatten der Vergangenheit tauchten plötzlich auf, um uns zu erschrecken? Zuerst dieser unvermutete Zusammenstoß mit Mr. Deville – und nun diese Frau, die mein Vater Marcia genannt hatte! Was hatte er mit ihnen zu tun? In welchem Verhältnis stand er zu ihnen? Wo hatten sich ihre Lebenswege gekreuzt? Ich lehnte meine heiße Stirn gegen die kühlen Fensterscheiben und sah zu dem Gelben Haus hinüber. Die Sonnenstrahlen glitzerten auf der feuchten, regennassen Fassade. In der offenen Türe stand Mrs. Fortreß, schützte die Augen mit der Hand und sah zu dem Park hinüber. Ich folgte ihren Blicken und sah, auf wen sie wartete.

Bruce Deville kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Er sprang kurzerhand über den Zaun, um den Weg abzukürzen. Ich wandte mich vom Fenster ab und verbarg mein Gesicht in den Händen.

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