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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 30.
Der Meister von Colville Hall.

Ich entkleidete mich und legte mich nieder, aber die Stunden bis zum Morgengrauen waren wie ein einziger böser Traum. Und doch mußte ich gegen Morgen geschlafen haben, denn die Sonne schien hell in mein Zimmer, als mich ein leises Klopfen an der Türe weckte. Das Dienstmädchen trat mit einem Brief ein, dessen Adresse von meinem Vater geschrieben war. Ich richtete mich im Bett auf und öffnete den Umschlag rasch. Eine innere Stimme sagte mir, daß eingetreten war, was ich gefürchtet hatte.

Ich las:

»Verzeihe mir, mein Kind, daß ich dich verlassen habe und dir nur schriftlich Lebewohl sage. Die geringe Kraft, die mir noch übriggeblieben ist, brauche ich, und so habe ich darauf verzichtet, dich noch ein letztes Mal zu sehen, damit mich die Trauer des Abschieds nicht schwach macht, wenn ich stark sein sollte. Miß Berdenstein wird ihre Geschichte der Polizei erzählen, und dann wird es mit meiner Tätigkeit hier zu Ende sein. So habe ich denn Exchester heute morgen für immer verlassen. Ich habe auch an Alice und an den Bischof geschrieben. Ihm habe ich einen kurzen Abriß meines Lebens gesandt. Er wird mir ein gnädiger Richter sein, besonders da ich schon mit einem Fuß im Grabe stehe.

Und nun, mein liebes Kind, muß ich dir noch ein letztes Geständnis machen. Seit vielen Jahren habe ich noch ein zweites Leben geführt, von dem du und Alice nichts wußtet. Auch jetzt will ich dir davon nichts sagen. Die Zeit ist zu kurz, um dir meine Motive auseinanderzusetzen und dir zu erklären, wie sich alles allmählich aus kleinen Anfängen entwickelt hat. Aber ich möchte dir versichern, daß ich nichts Schlechtes tat. Es ist möglich, daß wir einander nicht wieder begegnen. Leb wohl! Wenn die Andeutung, die du mir gestern nacht machtest, sich verwirklicht, so ist es gut. Bruce Deville war nicht mein Freund, aber er ist ein ehrlicher, braver Mensch. Er ist deiner wert. Und erinnere dich an meinen heißen Wunsch: Vergib mir das Unrecht, daß ich dir getan habe, und all die Sorgen und das Leid, die ich in dein Leben brachte. Denke an mich, wenn es dir möglich ist, als an deinen dich innigliebenden Vater

Horace Ffolliot.«

Als ich den Brief gelesen hatte, zog ich mich eilig an. Es gab keinen Zweifel für mich, wohin ich mich wenden mußte. Ich wollte ihm sofort folgen. Ich wollte an seiner Seite stehen, wo er auch immer sein mochte, und in welche Lage er auch kommen sollte. Ich klingelte dem Mädchen, ließ mir das Kursbuch geben und orientierte mich schnell über die Morgenzüge nach London. Als Alice an meine Tür klopfte und bleich und erschrocken hereintrat, war ich bereits zur Abreise fertig. Auch sie hatte einen offenen Brief in der Hand.

»Verstehst du das alles? Was soll das bedeuten?« fragte sie ängstlich.

»Ich weiß es nicht. Er ist nach London gegangen, und dabei ist er nicht imstande, das Bett zu verlassen. Ich fahre ihm sofort nach.«

»Aber wo willst du ihn denn suchen? Du wirst ihn nicht finden!«

»Ich muß dem Schicksal trauen«, erwiderte ich verzweifelt. »Eine Stimme sagt mir, daß ich ihn finden werde. Leb wohl. Ich habe nur noch ein paar Minuten, um rechtzeitig zum Zug zu kommen.«

Sie begleitete mich zur Tür.

»Was wirst du tun?« fragte ich sie auf der Schwelle.

»Ich bleibe hier. Ich werde nicht gehen, bis ich weiß, daß dies nicht alles ein schreckliches Mißverständnis ist. Ich kann es nicht glauben, Kate. Er kann doch nicht wahnsinnig geworden sein!«

»Ich bin sicher, daß er bei klarem Verstand ist. Ich werde dir schreiben, vielleicht schon heute abend.«

Ich ging über den Hof des Pfarrhauses. Es war noch niemand wach. Der Boden unter meinen Füßen war gefroren, und die Luft war rauh und kühl. Das Sonnenlicht spiegelte sich in den wunderbaren Fenstern des Doms, und die von bereiftem Efeu überwucherte Fassade des Pfarrhauses glitzerte silbern. Zahme Tauben ließen sich zu meinen Füßen nieder, als ich eilig davonschritt, und wollten mir kaum aus dem Wege gehen. Eine heitere Ruhe lag über dem kleinen Platz, und es schien, als ob Haß, Leid und Sorgen niemals hier eindringen könnten.

Als ich aber in die Hauptstraße der noch schlafenden Stadt einbog, packte mich ein plötzlicher Schrecken, denn wenige Schritte vor mir ging Miß Berdenstein, in ihren Pelz gehüllt. Auch sie eilte zum Bahnhof.

Als sie meine Schritte hörte, wandte sie sich um. Ihre Lippen verzogen sich zu einem hämischen, gemeinen Lächeln. Sie wartete, bis ich nähergekommen war, dann ging sie an meiner Seite weiter.

»Er hat zwei Stunden Vorsprung vor Ihnen – Sie werden ihn nicht finden. Aber ich habe seine Flucht zeitig genug entdeckt, und ich habe nach London telegraphiert. In St. Pancras wird ein Detektiv den Zug erwarten. Er wird Ihrem Vater folgen, wohin er auch geht, und ich werde ständig unterrichtet sein. Heute abend kommt er ins Gefängnis. Der Kanonikus Ffolliot! Ihr Vater! Im Gefängnis! Ich bin neugierig, ob Sie nun die Hochzeit verschieben?«

Sie sah mir unverschämt ins Gesicht, aber ich blickte krampfhaft auf das Ende der Straße, wo der Bahnhof lag, und biß die Zähne aufeinander. Ich ging schneller, so daß sie kaum mit mir Schritt halten konnte. Schwer atmend lief sie halb neben mir her. Als ich näher zum Bahnhof kam, schlug mein Herz höher, und ein Freudenruf entrang sich meinen Lippen. Im Eingang stand Bruce Deville.

Auch Olive hatte ihn gesehen und stöhnte auf. Zum erstenmal sah ich sie an diesem Morgen an. Ihre Lippen zitterten, und ihre dunklen Augen füllten sich mit Tränen. Sie packte mich am Arm und sprach hastig auf mich ein. Ihr Ton war nicht mehr hochfahrend und drohend.

»Sie haben noch eine Möglichkeit!« rief sie. »Sie können Ihren Vater retten! Fahren Sie mit ihm nach Italien oder nach Südfrankreich – er wird sicher wieder genesen. Sie haben nichts mehr von mir zu fürchten, ich will Ihre Freundin werden.«

»Es ist zu spät – Sie hatten Ihre Chance. Ich habe getan, was Sie von mir verlangten.«

Sie schrak zurück, als ob ich ihr mit einem Dolch das Herz durchbohrt hätte.

»Nein, es ist nicht zu spät«, sagte sie fieberhaft. »Machen Sie es zum Prüfstein seiner Liebe. Es wird ja nicht für immer sein. Ich bin nicht stark. Vielleicht lebe ich nur noch ein oder zwei Jahre. Lassen Sie ihn mir – nur für diese kurze Zeit. Dann ist Ihr Vater gerettet. Bitten Sie ihn. Sicher wird er alles tun, was Sie wollen. Er haßt mich ja nicht. Aber ohne ihn kann ich nicht leben! Ach, wenn Sie nur wüßten, was Liebe ist!«

Ich schüttelte traurig den Kopf. War es unnatürlich, daß ich selbst jetzt noch Mitleid mit ihr empfand?

Bevor ich ihr antworten konnte, stand Bruce Deville vor uns, der uns entgegengegangen war. Er nahm meine Hände fest in die seinen.

»Ich wußte bestimmt, daß du mit diesem Zuge fahren würdest. Ich habe die Fahrkarten schon gelöst.«

»Und du?« fragte ich.

»Ich komme natürlich mit dir.«

Er ging an meiner Seite. Olive Berdenstein beobachtete ihn gespannt. Er hatte nicht die geringste Notiz von ihr genommen. Das schwache Rot ihrer Wangen schwand wieder, und sie wurde bleich. Als sie an den Billettschalter trat und eine Fahrkarte löste, sah sie sich mit einem haßerfüllten Blick nach mir um.

»Warum hast du nicht zu ihr gesprochen?« fragte ich leise.

»Wie käme ich dazu?« antwortete er kühl. »Sie tut alles, um dich zu ruinieren. Sie ist unsere Feindin.«

»Aber doch nicht die deine.«

»Wenn sie deine Feindin ist, ist sie auch die meine«, erklärte Bruce lächelnd.

»Selbst jetzt ist sie noch bereit, zu verhandeln«, sagte ich langsam und blickte auf den Zug, der brausend heranfuhr. »Sie will –«

»Nun, was?«

»Uns schonen, wenn – du mich aufgibst.«

Er lachte verächtlich.

»Ich dachte, daß diese Angelegenheit nun erledigt wäre. Nur Mädchen können so verrückte Ideen aushecken. Hoffentlich machst du mir keine weiteren Vorschläge.«

Ich war unentschieden gewesen, aber der Ernst seiner Worte überzeugte mich, daß jeder solche Versuch hoffnungslos war. Der Zug hielt. Bruce öffnete ein leeres Abteil für mich, sprach mit dem Schaffner und trat dann auch ein. Die Türe wurde geschlossen. Olive Berdenstein kam langsam heran und sah in unser Abteil. Ich glaube, sie wollte sich zu uns setzen, aber ihre Absicht wurde vereitelt. Wenigstens während der Fahrt waren wir vor ihr sicher.

Als wir in London ankamen, nahmen wir ein Auto und fuhren sofort zur Victoria Street. Meine Mutter war nicht zu Hause, und wir warteten ungeduldig mehrere Stunden. Aber sie kam erst gegen Abend zurück. Ich erzählte ihr, was geschehen war. Ihr Gesicht war bleich.

»Du kennst ihn besser als sonst jemand«, rief ich. »Nur du allein kannst das Geheimnis seines zweiten Lebens lösen. In diesem Brief spricht er davon. Was es auch immer sein mag, dorthin ist er zurückgekehrt. Ich will ihn finden. Und ich muß ihn finden! Kannst du mir nicht helfen? Wenn er dir auch nicht alles anvertraut hat, so hast du doch sicher eine Ahnung, was es sein könnte.«

Sie schüttelte traurig und verzweifelt den Kopf.

»Ich wußte nur, daß er noch ein anderes Leben führte. Aber was es war, blieb mir unbekannt. Wenn ich dir helfen könnte, würde ich keinen Augenblick zögern.«

Plötzlich erinnerte ich mich daran, daß ich ihn damals in East End gesehen hatte. Man hatte so viel auf mich eingeredet, daß ich schließlich selbst glaubte, mich damals getäuscht zu haben. Aber ich hatte doch recht. Ich besann mich auf sein sonderbares Aussehen und seine abweisende Haltung und zweifelte nicht mehr. Irgendwo in dieser Gegend mußte die Aufklärung zu finden sein. Ich sprang auf.

»Ich weiß, wo er ist!« rief ich. »Kommt mit!«

Die beiden folgten mir auf die Straße, und Bruce besorgte einen Wagen. Unterwegs teilte ich ihnen meine Überzeugung mit. Meine Mutter sah mich nachdenklich an.

»Ich weiß nicht, ob du recht hast. Aber wir wollen nach Colville Hall fahren. Es liegt ganz in der Nähe des Platzes, wo du damals deinen Vater gesehen hast.«

»Colville Hall?« fragte ich. »Was ist das? Der Name kommt mir so bekannt vor.«

»Du wirst es bald sehen. Ich werde dem Chauffeur sagen, wann er halten soll.«

Wir waren mitten im Osten Londons, als der Wagen vor einem großen, hellerleuchteten Gebäude hielt. Riesige Plakate bedeckten die Wände, und ein Strom von Männern und Frauen flutete durch die weitgeöffneten Tore. Bruce bahnte uns einen Weg durch die Menge, aber schließlich waren wir vollständig eingekeilt und wurden mit den anderen in eine große Halle getrieben. Wir blieben einen Augenblick stehen, um Atem zu schöpfen, und ich sah mich interessiert um.

Es bot sich uns kein schöner Anblick. Der Raum war überfüllt. Hauptsächlich waren Männer und Knaben anwesend. Fast alle rauchten; der Saal war von Tabaksqualm erfüllt. Auf einer erhöhten Plattform am anderen Ende saßen mehrere Männer, die ebenfalls rauchten. Und plötzlich sah ich zu meinem größten Erstaunen, daß wir nicht länger zu suchen brauchten. Einer dieser Männer war mein Vater. Er war ärmlich und unansehnlich gekleidet und hielt eine kleine Pfeife zwischen den Fingern.

Es herrschte tiefes Schweigen im Raum, obwohl sich diese Versammlung aus den merkwürdigsten Leuten zusammensetzte. Es waren nur wenig Frauen zu sehen, die wie die Männer aus den niedrigsten Kreisen zu stammen schienen. Alle Gesichter waren erwartungsvoll auf das Podium gerichtet. Die Stimme meines Vaters, der sich eben erhoben hatte, klang klar, so daß ihn alle verstehen konnten. Auch wir hielten den Atem an.

»Meine Freunde«, sagte er ruhig. »Ich freue mich, daß ich heute abend so viele hier versammelt sehe. Ich bin einen weiten Weg hergekommen, um das letztemal zu euch zu sprechen. Ein Abschied ist immer traurig, und es wird ein sonderbares Gefühl sein, wenn ich heute abend diese große Halle in dem Bewußtsein verlassen muß, daß ich sie aller menschlichen Voraussicht nach nie wieder betreten werde. Aber unsere Wege sind uns vorgezeichnet, und wir können nur frohen Mutes unsere Straße wandeln. Heute abend, meine lieben Freunde, wollen wir einander Lebewohl sagen.«

Obwohl die Leute etwas Ähnliches erwartet haben mochten, sah ich doch viele bestürzte Gesichter. Ein Murmeln ging durch die Reihen.

»Du wirst uns doch nicht verlassen, Meister!«

Mein Vater schüttelte den Kopf und lächelte schwach. Seine schlechte Kleidung konnte seine schöne, schlanke Gestalt und die erhabene Ruhe und Schönheit seines bleichen Gesichtes nicht beeinträchtigen. Er preßte die Hand auf die Seite. Unendliche Liebe leuchtete aus seinem Gesicht, als er seine Abschiedsrede an diese sonderbaren Menschen hielt.

Bald hatte ich vergessen, wo ich war. Meine Augen füllten sich mit Tränen, und ich fühlte ein tiefes Weh im Herzen. Er nahm Abschied von Menschen, denen er sich innerlich verbunden fühlte. Seine Botschaft richtete sich auch an andere, die nicht zugegen sein konnten. Sie klang wie eine Predigt – noch nie hatte ich solchen Worten gelauscht. Es war mir, als ob er die Geschichte seines eigenen Lebenskampfes, seiner Sorgen, seiner Leiden und Versuchungen erzählte. In der großen Halle herrschte Totenstille, nur die ernsten, getragenen Worte meines Vaters zitterten durch den Raum. Diese letzte Rede schien seine Kraft aufzuzehren, aber alle waren gebannt von der Macht seiner Worte. Einige ließen ihre Pfeifen ausgehen, andere hüllten sich in dicke Rauchwolken. Das Geheimnis seines langen Kampfes mit diesen Menschen und sein Sieg, den er allmählich über sie davongetragen hatte, schien sich vor unseren Augen zu enthüllen. Wir sahen plötzlich nicht mehr die schmutzigen Gesichter, die häßlichen Kleider, den furchtbaren Tabaksqualm und die ausdruckslosen Züge der Frauen, die mit gesenktem Kopf lauschten. Wir wußten nur noch, daß dieser Platz heilig war.

Mein Vater sprach nicht offen von dem Tode, der ihn erwartete. Aber es war wohl kaum einer unter den Versammelten, der es nicht geahnt hätte. Er stand auf dem kleinen Podium und streckte die Hände zu ihnen aus. Sie verließen ihre Sitze ruhig, aber doch waren sie alle begierig, ihm zuerst die Hand zum Abschied zu reichen. Wir fühlten, daß hier kein Raum für uns war, und traten hinaus auf die Straße. Meine Mutter sah mich mit tränenerfüllten Augen an.

»So wissen wir nun endlich um sein Geheimnis«, sagte ich leise. »Hätten wir es doch längst gewußt!«

»Es ist erstaunlich, daß man ihn bis jetzt nicht erkannt hat«, erwiderte sie. »Es ist in letzter Zeit soviel über diesen Ort geschrieben worden. Erst in der vergangenen Woche wurde ich aufgefordert, hierherzukommen. Allgemein spricht man über den wunderbar heilsamen Einfluß, den er auf diese Leute ausgeübt hat.«

Wir warteten draußen auf ihn. Die Leute traten in kleinen Gruppen heraus und zerstreuten sich, und die Lichter in dem Hauptteil des Gebäudes wurden ausgelöscht. Aber er kam noch nicht. Wir wollten gerade nach einem Seiteneingang suchen, als plötzlich ein Mann herauseilte und die Straße entlang lief. Mein Gefühl sagte mir, was das bedeutete.

»Der Mann holt einen Arzt«, rief ich. »Seht, er hält dort bei dem Haus mit der roten Lampe an. Es geht ihm schlecht – wir müssen zu ihm!«

Das große Tor öffnete sich, als ich die Klinke probierte. Wir tasteten uns durch den dunklen Raum. Nur im Hintergrunde brannten noch einige Lichter. Es sah unheimlich aus. Die Stühle waren in Unordnung geraten und die Luft war noch von Tabaksqualm erfüllt. In einer kleinen Nische hinter dem Podium fanden wir meinen Vater. Ein Mann hielt seine Hand, ein anderer stützte seinen Kopf. Als er uns sah, lächelte er schwach.

»Es ist wunderbar«, sagte er leise. »Ich wollte euch so gern noch einmal wiedersehen.«

Ich kniete an seiner Seite nieder. Ich konnte sein Gesicht nur undeutlich erkennen, denn die Tränen verdunkelten meinen Blick. Meine Kehle war wie zugeschnürt.

»Es geht dir nicht gut«, rief ich. Hoffentlich kommt der Arzt bald.«

»Es geht zu Ende«, sagte er leise. »Es wird bald vorüber sein. Ich bin bereit. Meine Arbeit hier war kaum begonnen, aber es ist niemand mehr vergönnt, als einen Anfang zu machen. Gebt – gebt –« Er stöhnte auf.

Ich folgte seinem Blick. Olive Berdenstein war aus dem Dunkel unter einer Galerie aufgetaucht und kam nun wie ein Gespenst auf uns zu. Ich erhob mich halb, und Bruce Deville trat ihr entgegen.

»Sehen Sie nicht, daß Sie zu spät kommen?« flüsterte er ihr heiser zu. »Gehen Sie fort von hier – hier ist kaum Raum für Sie.«

»Zu spät!« erwiderte sie leise.

Plötzlich hörten wir laute Schritte. Mein Herzschlag setzte aus. Zwei Detektive kamen näher, und ein Polizist folgte ihnen dicht auf dem Fuß. Mein Vater schloß die Augen. Der Schrecken in seinen Zügen verriet mir, wie sehr er diesen Augenblick gefürchtet hatte.

Einer der Detektive trat auf Olive Berdenstein zu und grüßte.

Ihre Worte klingen mir noch heute in den Ohren.

»Es tut mir leid, Mr. Smith. Ich habe mich getäuscht. Dies ist nicht der Mann, den wir suchen.«

Einige Sekunden herrschte tiefes Schweigen. Dann hörte ich ein leises Murmeln wie aus weiter Ferne. Die Leute entfernten sich wieder. Als ich aufschaute, sah ich das tränenüberströmte Gesicht Olive Berdensteins, die sich einen Augenblick über die Gestalt meines Vaters neigte.

»Ich verzeihe«, flüsterte sie. »Leben Sie wohl.«

Dann verließ auch sie die große Halle. Wir haben sie nie wieder gesehen.

Die Züge meines Vaters erhellten sich, als ob er eine letzte große Freude erlebt hätte. Ich hielt seine eine Hand, die andere hatte meine Mutter umklammert. Er sah uns an und lächelte.

»Jetzt bin ich glücklich.«

Das waren seine letzten Worte.

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