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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 29.
Der Sturm bricht los.

Bei dem Abendgottesdienst im Dom feierte Olive Berdenstein ihren ersten Triumph. Zu Beginn lagen tiefe Schatten in der großen Kirche, und die Gesichter der Versammelten waren nur undeutlich zu erkennen. Bruce Deville und ich saßen in hohen Kirchenstühlen. Aber als mein Vater die Stufen zur Kanzel emporgestiegen war und das Licht des großen Kronleuchters auf seine schönen, bleichen Züge fiel, hörte ich plötzlich einen halbunterdrückten Schrei in unserer Nähe. Schaudernd vor Furcht sah ich mich um. Sie hatte sich von ihrem Sitz halb erhoben und lehnte sich über die Kirchenbank. Ihre Blicke hingen an ihm, und ihr Gesicht war totenbleich. Mein Vater begegnete ihren Augen, aber er zuckte nicht zusammen. Er achtete nicht mehr auf sie als auf irgendein anderes Mitglied der Gemeinde. Ich allein wußte, daß er ihren stechenden Blick gesehen und ihre Herausforderung angenommen hatte. Es war mein hartes Geschick, untätig hier zu sitzen und schweigend leiden zu müssen.

Während der Predigt konnte ich keine Aufregung oder Schwäche an ihm beobachten. Er sprach wundervoll. Wahrscheinlich war er sich bewußt, daß er zum letztenmal an dieser Stelle stand. Er wollte, daß seine sorgfältig gewählten Sätze und seine kühnen Gleichnisse seinen Hörern ewig in Erinnerung bleiben sollten. Sein Ruf als Prediger hatte sich schon allenthalben verbreitet, und es waren viele Leute gekommen, die mit atemloser Spannung lauschten. Ich werde den Klang seiner tiefen, melodischen Stimme niemals vergessen. Er erhob sie nicht über das gewöhnliche Maß, und doch drang jedes seiner ruhigen und klaren Worte bis in die letzten Winkel der großen Kirche. Die Größe und Tragweite des Augenblicks waren ihm klar. Er sprach so eindringlich, als ob er sich an jeden einzelnen wenden wollte. Tränen traten in viele Augen, denn er sprach vom Tod und vom Leben und von den Dingen, die hinter dem Tode liegen; er sprach von den Banden, die Mann und Weib aneinanderketten, und von den Banden, die die Menschen mit Gott vereinigen. Seine Rede war ganz anders, als man sie von einem berühmten Prediger erwartete. Sie klang nicht pathetisch, aber die wundervolle Harmonie und Süße dieser Worte drang in alle Herzen. Als er die Kanzel verließ, und die Akkorde der Orgel immer mächtiger anschwollen und den weiten Raum der Kirche erfüllten, stand ich auf und ging zum Pfarrhaus hinüber. Mein Blick war von Tränen getrübt. Ich hatte die Überzeugung gewonnen, daß ich meinen Vater falsch beurteilt hatte. Er erschien mir plötzlich in einem ganz neuen Licht – er war ein Märtyrer. Mein Urteil über ihn war hart, töricht und ungerecht gewesen. Wer war ich denn, daß ich es wagen durfte, über einen solchen Mann zu Gericht zu sitzen? Er stand so himmelhoch über mir wie die Sterne über der Erde, und ich hatte ihm meine Liebe vorenthalten. Er hatte mich darum gebeten, und ich hatte ihn zurückgestoßen! Ich hatte ihn die schwere Bürde allein tragen lassen! Bittere Reue packte mich.

Obgleich ich direkt nach Hause ging, fand ich ihn doch schon in seinem Studierzimmer, als ich ankam. Ich öffnete furchtsam die Tür. Er saß in seinem Stuhl und lehnte sich mit halbgeschlossenen Augen zurück, als ob er plötzlich von großen Schmerzen befallen sei. Ich kniete neben ihm nieder und nahm seine Hände in die meinen.

»Vater!« rief ich. »Ich habe alles getan, was in meinen Kräften stand, um sie fernzuhalten!«

Er drückte meine Hand liebevoll. Plötzlich klingelte es schrill und laut. Blaß vor Furcht sprang ich auf.

»Ich werde sie nicht hereinlassen! Ich sage, daß du krank bist! Sie muß wieder gehen – ich schicke sie fort!«

Er schüttelte den Kopf.

»Es ist nutzlos«, sagte er ruhig. »Früher oder später muß es doch kommen. Vielleicht ist es besser, daß es jetzt geschieht. Wir wollen ruhig hier warten. Ich habe schon Auftrag gegeben, sie herzuführen.«

Ein kurzes Schweigen folgte. Dann hörten wir Schritte in der Diele. Die Türe wurde geöffnet und wieder geschlossen. Olive Berdenstein trat näher, bis sie in den Lichtkreis der Schreibtischlampe kam. Große, rote Flecken brannten auf ihren Wangen, und ein unheimliches Licht flackerte in ihren Augen.

»Endlich ist das Geheimnis doch gelöst!« rief sie triumphierend. »Ich hätte es längst ahnen sollen. Haben Sie mich vergessen, Philip Maltabar?«

Mein Vater erhob sich. Eine heitere Ruhe lag auf seinen ernsten Zügen.

»Nein, ich habe Sie nicht vergessen, Olive Berdenstein«, erwiderte er langsam. »Ihren Namen werde ich niemals vergessen. Sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben, und gehen Sie dann wieder.«

Sie sah ihn überrascht an und lachte kurz auf.

»Oh, Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich hier bleibe! Ich habe Sie in der Kirche erkannt, und ich sollte eigentlich auf meinem Wege zur Polizei sein. Aber erst gönnte ich mir noch die Freude dieses Besuches. Ihre Tochter und ich sind doch so gute Freundinnen, wie Sie wissen.«

Mein Vater nahm einen Bogen Papier und tauchte die Feder ein, als ob er einen Brief beginnen wollte.

»Ich denke; Sie gehen besser. Die Polizeistation wird hier frühzeitig geschlossen, und Sie müssen sich beeilen, wenn Sie heute abend noch einen Verhaftungsbefehl erwirken wollen.«

Sie sah ihn fest an. Er hatte offenbar nicht die geringste Furcht. Ich bewunderte diesen tapferen Mann. Olive Berdenstein war um ihren Triumph gekommen.

»Sie haben recht. Ich muß mich beeilen. Ich gehe hin und sage den Leuten, daß ich jetzt weiß, wer meinen Bruder ermordet hat. Es war Philip Maltabar, der sich jetzt Ffolliot nennt und die Stelle eines Kanonikus an der Hauptkirche dieser Stadt einnimmt! Aber obwohl er ein sehr frommer Mann sein mag, kann ich beweisen, daß er ein Mörder ist.«

»Das ist ein sehr hartes Wort«, sagte mein Vater. Ein schwaches Lächeln spielte um seinen Mund.

»Aber es ist wahr«, rief sie wild. »Sie haben ihn getötet, das können Sie nicht leugnen.«

»Ich leugne es nicht«, antwortete er ruhig. »Es ist wahr, daß ich Ihren Bruder tötete – oder vielmehr, daß ich ihm in einem Kampf einen Schlag versetzte, an dem er starb.«

»Das ist dasselbe«, sagte sie verächtlich. »Sie haben ihn umgebracht!«

»In den Augen des Gesetzes ist es nicht dasselbe. Aber das können wir lassen. Ich hatte Ihren Bruder feierlich gewarnt, daß ich ihm in einem bestimmten Fall als Mann gegen Mann gegenübertreten und kein Mitleid mit ihm haben würde. Aber er führte sein Vorhaben aus – er kam zu mir. Ich hatte ihn davor gewarnt. Selbst damals übte ich noch Nachsicht. Aber er erreichte seine Absicht nicht. Er war ein Schrecken für diese Frau geworden, nachdem er sie früher betrogen hatte. Sie wollte ihn nicht mehr sehen. Aber er bestand darauf, in ihre Nähe zu kommen. An jenem Tage traf ich ihn. Ich sprach im Guten und im Bösen mit ihm, aber es war alles vergeblich. Dann fiel der erste Schlag, und nur durch einen Zufall tötete er mich nicht. Ihr Bruder war auch damals ein Feigling, Olive Berdenstein, wie er es sein ganzes Leben lang gewesen war. Er stach hinterlistig mit einem Messer nach mir. Sehen Sie hier.«

Er öffnete die Weste, und sie fuhr erschrocken zurück, als sie die schreckliche Wunde sah, von der er den Verband zurückschob.

»Es ging Schlag um Schlag«, sagte er ernst. »An meiner Wunde werde ich wahrscheinlich sterben müssen, denn er hat meine Lunge verletzt, und ich bin immer in Gefahr, mich innerlich zu verbluten. Der Schlag, mit dem ich ihn niederstreckte, traf mein eigenes Leben. Das ist kein Mord.«

»Das werden wir ja sehen«, sagte sie leise.

»Sie sollen noch etwas erfahren. Das Zusammentreffen an jenem unglücklichen Sonntagnachmittag war nicht meine erste Begegnung mit Ihrem Bruder seit seiner Rückkehr nach England. Am Abend seiner Ankunft in London trafen wir uns auf eine Verabredung hin. Damals warnte ich ihn, seinen Plan nicht auszuführen. Wenn er es doch täte, wollte ich vergessen, daß ich das Priestergewand trüge, und als Mann handeln, der seinem Todfeinde gegenübersteht. Er hörte mich schweigend an, aber als ich mich umwandte, machte er einen feigen und gemeinen Angriff auf mein Leben. Er wollte mich vorsätzlich ermorden. Nur ein reiner Zufall rettete mich. Aber ich sage Ihnen das nicht, um Ihr Mitleid zu erregen. Sie sollten nur die ganze Wahrheit wissen. Wollen Sie jetzt gehen?«

Sie sah ihn an und zögerte einen Augenblick. Aber dann fiel ihr Blick auf mich, und ihre Züge verhärteten sich.

»Ja, ich werde zur Polizei gehen«, sagte sie bestimmt. »Es ist mir ganz gleich, ob Sie die Wahrheit gesagt haben oder nicht. Ich will der Welt zeigen, wer Kanonikus Ffolliot eigentlich ist!«

»Tun Sie, was Sie für gut halten«, erwiderte mein Vater gelassen.

Er preßte die Hand auf die Seite und atmete schwer. Seine blassen Lippen zuckten schmerzlich, und schwarze Schatten lagen unter seinen Augen. Sie betrachtete ihn und lachte gemein.

»Ihre Tochter ist eine vorzügliche Schauspielerin«, sagte sie, als sie zur Türe ging. »Zweifellos hat sie das Talent von Ihnen geerbt.«

Ich folgte einem Wink meines Vaters und klingelte. Wir hörten, daß die Haustür geöffnet wurde und wieder zufiel. Ich umarmte ihn leidenschaftlich, in namenloser Trauer.

»Es ist alles meine Schuld«, schluchzte ich, »nur meine Schuld! Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte sie verziehen!«

Mein Vater lächelte schwach. Er streichelte liebevoll mein Haar und schaute in die Flammen des Kaminfeuers. Er sah heiter und ruhig aus, aber der Schlag war gefallen.

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