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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 25.
Ein Antrag.

Ich hörte seinen schnellen Schritt auf dem Kiesweg. Mechanisch klingelte ich und gab Anweisung, ihn hereinzuführen.

Die Haustür schloß sich hinter ihm, er trat in die Diele, und das Dienstmädchen meldete ihn mit unnötiger Feierlichkeit an. Als er mir die Hand gab, sah ich, daß er einen vollständig neuen Reitanzug trug, der ihm sehr gut stand. Im Knopfloch hatte er einen kleinen Veilchenstrauß.

»So habe ich Sie endlich doch getroffen.« Er stand vor mir, als ob er fürchtete, ich könnte ihm jetzt noch entkommen. »Oder hat Ihr Mädchen einen Fehler gemacht, als sie mich einließ?«

»Nein. Ich wollte mit Ihnen sprechen.«

»Das ist ja äußerst liebenswürdig von Ihnen«, bemerkte er mit leiser Ironie. »Meine Geduld war nahezu erschöpft. Ich war neugierig, ob ich Sie überhaupt noch einmal sehen würde.«

»Das war auch tatsächlich in Frage gestellt. Wir werden wahrscheinlich nächste Woche das Haus hier schließen und nach Exchester ziehen. Meine Schwester ist bereits seit einiger Zeit mit Packen beschäftigt, und ich sollte ihrem Beispiel folgen.«

»Wenn das ein Wink sein soll, zu gehen, so lasse ich ihn unbeachtet. Ich muß Ihnen etwas sagen. Lange genug habe ich auf eine Gelegenheit warten müssen.«

»Etwas mehr als eine Woche«, sagte ich halb zu mir selbst.

»Mir kam es fast wie ein ganzes Jahr vor. Sagen Sie mir eins: freuen Sie sich, fortzukommen?«

»Ja. Ich freue mich«, gab ich zu. »Ich bin froh, daß wir alle von hier weggehen. Auf keinen Fall wäre ich geblieben. Vielleicht haben Sie schon gehört, daß ich mit Mrs. Fortreß nach London gehe.«

Er schien es noch nicht zu wissen, denn er sah mich verblüfft an.

»Sie wollen mit Mrs. Fortreß gehen?«

»Ja. Ich will ihre Sekretärin werden. Ich dachte, sie hätte es Ihnen vielleicht erzählt.«

Als ich aufschaute, traf mich sein fester Blick. In diesem Augenblick erkannte ich, daß Olive Berdenstein die Wahrheit gesagt hatte. Meine Selbstbeherrschung, auf die ich so stolz war, verließ mich plötzlich, und ich senkte den Blick. Ich konnte ihn nicht länger ansehen; eine heftige Röte stieg in meine Wangen, und mein Herz schlug zum Zerspringen. Ich war kraftlos und schwach, und er nützte die günstige Gelegenheit.

»Sie haben sich vielleicht schon gewundert, warum ich Sie in den letzten Tagen so dringend sprechen wollte.«

Ich hätte viel darum gegeben, ihn zum Schweigen bringen zu können, aber ich war verwirrt wie ein kleines Schulmädchen.

»Ich möchte Sie fragen, ob Sie meine Frau werden wollen, Miß Ffolliot. Sie wissen, daß ich nicht sehr redegewandt bin. Ich habe mich leider in den Jahren meiner Zurückgezogenheit in mancher Beziehung vernachlässigt. Aber wenn Sie mich lehren wollen, werde ich sehr glücklich sein. Ich glaube, Sie wissen, wie sehr ich Sie verehre.«

»Nein, nein«, sagte ich leise. »Das dürfen Sie nicht sagen. Ich will diese Worte von niemand hören. Ich werde niemand heiraten.«

»Warum nicht?« fragte er ruhig.

»Sie sollten nicht danach fragen. Sie kennen doch meine Geschichte.«

Er lachte mitleidig, nahm meine Hände und streichelte sie liebevoll. Ich hatte nicht die Kraft, sie ihm zu entziehen.

»Haben Sie ernstlich geglaubt, daß das nur den geringsten Unterschied für einen Mann ausmacht, der Sie wirklich liebt?« fragte er verwundert. »Das ist doch eine vorsintflutliche Anschauung!«

»Nein, nein!« rief ich. »Wie können Sie so sprechen! Ich bin – niemand, ich habe nicht einmal einen Namen.«

»Ach, reden Sie doch bitte nicht solchen Unsinn«, unterbrach er mich energisch. »Wir wissen doch beide im Innersten gut genug, daß das vollständig unwesentlich ist, wenn Sie mich lieben, wie ich Sie liebe. Ich will nur wissen, ob Sie mich ein wenig liebhaben. Wenn Sie mir nur ein wenig Liebe schenken könnten, will ich gerne warten. Sicher wird Ihre Liebe zu mir wachsen. Ich will warten und hoffen. Sie waren mir schon teuer, als ich Sie das erstemal sah.«

Ich schaute ihn mit tränenfeuchten Augen an und lächelte.

»Sie haben es aber meisterhaft verstanden, Ihre innersten Gefühle bei unserer ersten Begegnung zu verbergen.«

Er lachte. Er schien seiner Sache so sicher zu sein, während mir schon klar vor Augen stand, welches traurige Ende diese Unterhaltung nehmen mußte.

»Ich war damals brutal. Sie hatten mich an jenem Morgen irgendwie gereizt – Sie sahen so ruhig und selbstbeherrscht aus, und Ihre bezaubernde Anmut ließ mich mein rauhes und ungeschliffenes Wesen nur noch mehr empfinden. Es war wie ein Erwachen für mich. Aber ich habe Sie immer geliebt.«

»Ich bin sehr traurig«, sagte ich langsam.

Er schaute mich scharf an, als ob er mich zwingen wollte, ihn anzusehen, aber ich blickte zur Seite.

»Sie dürfen nicht traurig sein«, erwiderte er heftig. »Sie müssen sich freuen.«

Aber ich schüttelte den Kopf.

»Ich wüßte nicht, worüber ich mich freuen sollte«, rief ich. »Ich – ich –«

»Sprechen Sie!«

»Ich – ich kann nicht –«

»Sagen Sie es nur!« drängte er mich stürmisch. »Wollten Sie nicht sagen: ich liebe Sie nicht – ich kann Sie nicht lieben? Ist es das, was Sie sagen wollten? Noch vor einer Stunde hätte ich daran gezweifelt. Aber jetzt – sehen Sie mich an, und sagen Sie es mir.«

Ich schaute auf. Als ich seinem durchdringenden, zwingenden Blick begegnete, wich alles Blut aus meinen Wangen. Mühsam rangen sich die Worte von meinen Lippen, aber ich brachte meine Lüge überzeugend vor.

»Nein, ich liebe Sie nicht. Ich würde Sie niemals heiraten können.«

Er erhob sich sofort. Tränen traten in meine Augen. Er war ganz bleich geworden, und sein todtrauriger Blick schnitt mir ins Herz.

»Ich danke Ihnen. Sie haben mir eine klare Antwort gegeben. Ich war sehr töricht, aber Sie hätten mich ja hindern können. Leben Sie wohl!«

Ich schaute auf und wollte ihn zurückrufen. Im Augenblick waren Olive Berdenstein und das Versprechen, das ich ihr gegeben hatte, vollkommen vergessen. Wenn er mich noch einmal angesehen hätte, wäre alles anders gekommen. Aber er war schon aus dem Zimmer gegangen. Langsam schleppte ich mich zum Fenster und sah, wie er mit gesenktem Kopf zum Gartentor schritt. Sein Gang war nicht so fest und sicher als sonst. Er ging quer über die Straße und folgte dann dem Fußweg, der zum Herrenhaus führte. In der Ferne war Olive Berdensteins Gestalt undeutlich in dem aufsteigenden Nebel zu erkennen. Sie kam über die Wiesen auf ihn zu. Ich wandte mich ab und lachte bitter.

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