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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 24.
Meine schwierige Lage.

Während der nächsten Tage kam mir immer deutlicher zum Bewußtsein, daß ich einem schwierigen Problem gegenübergestellt war. Auf jeden Fall erschien es mir so. Wenn man seine Jugend verbringt, ohne zu wissen, daß die eigene Mutter lebt, und sie dann plötzlich in Gestalt einer Frau findet, deren Vergangenheit schwer belastet ist, so ist das eine niederschmetternde und kaum zu ertragende Erkenntnis. War es unnatürlich, daß ich ihr nicht gleich in die Arme sank? Hätte ich ihre Erzählung teilnahmsvoll oder wenigstens mit erheuchelter Teilnahme anhören sollen? Ich war ihr nicht freundlich gegenübergetreten und hatte kein Mitgefühl gezeigt. Im Gegenteil, mein Verhalten hatte sie bitter gekränkt. Sie hatte tief leiden müssen – aber war das nicht unvermeidlich? Es war die Ernte ihrer eigenen Saat. Die unerbittliche Strafe, die alle trifft, die das Gesetz oder soziale Ordnungen mißachten, war ihr in meiner Person entgegengetreten. Hätte ich eine Zuneigung vorgetäuscht, die ich tatsächlich nicht fühlte, so wäre ich eine Heuchlerin gewesen – und das wollte sie sicher nicht. Ich hatte sie gern, sie hatte mich vom ersten Augenblick angezogen. Diese rein gefühlsmäßige Sympathie war bestimmt durch unsere enge Verwandtschaft begründet. Und diese zarten Beziehungen würden sich im Lauf der Zeit entwickeln. Es schien mir, daß ihr Angebot, einen bestimmten Posten mit klar umschriebenen Pflichten bei ihr zu übernehmen, die beste Gelegenheit für diese Entwicklung bieten würde. Ich hätte diese Stelle gern angenommen, denn ich fühlte mich einsam und unglücklich. In gewissem Sinne hatten meine Erziehung und mein langer Aufenthalt in der Fremde mich unfähig gemacht, ein ruhiges und in geistiger Beziehung untätiges Leben in einem Pfarrhaus zu führen. Und die Ereignisse der letzten Wochen hatten meine Ruhelosigkeit noch gesteigert. Es waren gewisse Gedanken in mir aufgetaucht, denen ich leidenschaftlich zu entkommen suchte. Ich mußte das Äußerste tun, um sie wieder zu vergessen. Unter allen Umständen wollte ich diesen Platz verlassen, dessen Umgebung mich bedrückte und beängstigte. Je mehr ich das Angebot meiner Mutter überlegte, desto verlockender erschien es mir.

Eines Morgens ging ich zum Gelben Haus und verpflichtete mich mit wenigen Worten als ihre Sekretärin. Wir gaben uns beide die größte Mühe, uns gegenseitig gerecht zu werden und die Sache nur vom rein geschäftsmäßigen Standpunkt aus zu besprechen. Aber sie konnte doch nicht ganz die Genugtuung verbergen, die sie über meine Entscheidung empfand.

»Ich hoffe nur, daß du das Leben nicht zu eintönig finden wirst. Es wird viel harte Arbeit geben, und sie ist durchaus nicht immer interessant.«

»Nach harter Arbeit sehne ich mich«, versicherte ich ihr. »Es wird mir natürlich zuerst sonderbar vorkommen, aber ihre Eintönigkeit schreckt mich nicht. Vor allem möchte ich meinen quälenden Gedanken entfliehen. Es ist mir, als ob mein Aufenthalt hier ein einziger schrecklicher Traum gewesen sei.«

Sie sah mich liebevoll an.

»Mein armes Kind!« sagte sie leise. »Mein armes Kind!«

Ich fürchtete, daß sie wieder Fragen an mich stellen würde, die ich noch nicht beantworten konnte. Ich erhob mich deshalb und wandte mich wieder zum Gehen. Trotzdem tat mir ihre offenkundige Zuneigung sehr wohl. Sie begleitete mich zur Türe.

»Wann wirst du mit mir nach London gehen können?« fragte sie, als ich schon auf der Schwelle stand.

»Zu jeder Zeit«, antwortete ich sofort. »Ich möchte so schnell als möglich von hier fortkommen.«

»Ich werde heute noch schreiben, daß meine Wohnung in der Stadt in Ordnung gebracht wird. In einer Woche werden wir wohl reisen können. Auch ich bin froh, wenn ich gehen kann.« –

Als ich wieder zu Hause angekommen war und in mein Zimmer gehen wollte, hielt mich das Dienstmädchen an.

»Im Wohnzimmer wartet eine Dame auf Sie. Sie kam gleich, nachdem Sie gegangen waren.«

Langsam ging ich wieder zurück. Natürlich wußte ich, wer es war. Ich öffnete die Tür und fand Olive Berdenstein am Kamin.

Sie erhob sich sofort und sah mich ein wenig feindlich an. Ich grüßte sie so liebenswürdig als möglich, aber sie war scheinbar in schlechter Stimmung. Ein peinliches Schweigen folgte. Ich wartete, daß sie erzählen würde, warum sie gekommen war.

»Ich habe Sie neulich mit Mr. Deville gesehen«, sagte sie schließlich.

Ich nickte.

»Das stimmt. Ich tat alles, was in meinen Kräften stand, um ihm aus dem Wege zu gehen. Das habe ich versprochen.«

»War es das erstemal, daß Sie ihn seit unserer Übereinkunft getroffen haben?«

»Ja.«

»Sind Sie nicht heute nachmittag mit ihm zusammen gewesen?« fragte sie argwöhnisch.

»Aber gewiß nicht«, erwiderte ich bestimmt. »Ich war nur für kurze Zeit bei Miß Fortreß.«

»War er nicht auch dort?«

»Nein.«

Sie seufzte und sah in das Kaminfeuer. Als sie wieder sprach, hatte sie Mühe, ein Schluchzen zu unterdrücken.

»Er liebt mich nicht, und ich habe nicht die Macht, ihm Liebe einzuflößen. Aus meinem Geld scheint er sich nichts zu machen. Er ist zu stolz und zu unabhängig. Ich glaube kaum, daß es mir jemals gelingen wird, seine Liebe zu gewinnen.«

Ich sah dauernd auf den Teppich und biß die Zähne zusammen. Es war eigentlich lächerlich, daß mein Herz so wild schlug.

»Das tut mir Ihretwegen sehr leid«, erwiderte ich freundlich.

Sie sah mich mit ihren dunklen Augen an.

»Das tut Ihnen leid«, wiederholte sie. »Nun gut, Sie lieben ihn ja selbst nicht. Aber hören Sie. Ich fürchte, daß er Sie liebt.«

»Das wissen Sie doch nicht«, sagte ich stockend.

»Natürlich weiß ich das«, unterbrach sie mich verächtlich. »Aber Sie – nun ja, da ist noch ein anderer. Das ist ja unser Geheimnis. Auf jeden Fall lieben Sie Bruce Deville nicht. Sie sollen mir also helfen. Wollen Sie das tun?«

»Wie könnte ich Ihnen denn noch helfen? Habe ich nicht schon alles getan?«

»Dieser ganze Plan war ein großer Fehler, ein schrecklicher Fehler!« rief sie leidenschaftlich. »Die Männer sind so einfältig. Ich hätte niemals versuchen sollen, Sie voneinander zu trennen. Er war die ganze Zeit böse und aufgebracht, weil er Sie nicht sehen konnte, und ich mußte darunter leiden. Ach, es war entsetzlich! Wenn Sie der gräßlichsten Qual entfliehen wollen, dann bitten Sie Gott, daß Sie sich niemals in einen Mann verlieben, dem Sie gleichgültig sind! Es ist unerträglich. Es ist die Hölle auf Erden! Man fühlt sich so erniedrigt – immer liegt man im Staub!«

»Wenn Sie aber doch erkennen, daß er Sie nicht liebt, und daß er Ihnen wahrscheinlich auch in Zukunft seine Zuneigung nicht schenken wird – vergessen Sie ihn dann nicht besser? Sie werden nur noch unglücklicher, wenn Sie hier bleiben und er unfreundlich zu Ihnen ist.«

Sie sah mich argwöhnisch und böse an.

»Natürlich! Sie geben mir den Rat, fortzugehen!« rief sie erregt. »Sie würden viel darum geben, mich loszusein, das weiß ich. Ich wünschte –«

Sie neigte sich näher zu mir, und ihr Atem ging schnell.

»Nun, was wünschten Sie?« fragte ich ruhig.

»Ich wünschte nur, daß ich Sie verstehen könnte. Wenn ich nur wüßte, wovor Sie sich fürchten. In welchem Verhältnis stehen Sie zu Philip Maltabar? Wenn er nicht Ihr Liebster ist, wer ist er dann? Und wenn Sie ihn nicht lieben, wie stehen Sie zu Bruce Deville? Oh, wenn Sie mich hintergangen haben!« sagte sie mit blitzenden Augen.

»Sie sprechen etwas sonderbar«, erwiderte ich eisig. »Sie scheinen sich einzubilden, daß Sie berechtigt sind, alle Einzelheiten meines Privatlebens zu erfahren.«

»Auf alle Fälle möchte ich mehr wissen, als Sie mir sagen wollen. Aber denken Sie daran, daß ich zu den Frauen gehöre, deren Liebe größer ist als ihr Haß. Um meiner Liebe willen habe ich meine Rache aufgegeben. Sollte aber meine Liebe vergeblich sein, dann muß ich sie aus meinem Herzen reißen, selbst wenn mein Leben zerbricht! Aber meinen Haß werde ich nicht vergessen. Ich kam mit einer bestimmten Absicht hierher. Im Augenblick schweigt meine Rache – aber sie mag wieder aufleben, stärker als zuvor! Verstehen Sie mich?«

»In nüchternen Worten wollen Sie sagen, daß Sie Ihre Nachforschungen nach Philip Maltabar wieder aufnehmen, wenn Sie keinen Erfolg bei Mr. Deville haben.«

Sie nickte langsam und suchte in meinem Gesicht zu lesen.

»Sie können natürlich handeln, wie es Ihnen beliebt«, erwiderte ich kühl. »Was Mr. Deville angeht, so kann ich nicht mehr für Sie tun, als ich bereits getan habe.«

Sie spielte nervös mit den Fingern, aber sie wandte den Blick nicht von mir.

»Ich glaube, Sie könnten noch mehr tun, wenn Sie nur wollten«, sagte sie bedeutungsvoll. »Deshalb bin ich hergekommen. Ich wollte Ihnen noch etwas sagen.«

»Was wollen Sie? Sagen Sie es doch klar. Wir haben jetzt lange genug in Rätseln gesprochen.«

»Nun, mein Vorschlag ist eindeutig«, entgegnete sie mit herausfordernder Offenheit. »Ich glaube, daß er Sie liebt. Das ist der Grund, warum er keinen Augenblick an mich denkt. Wenn ich Ihnen das erzähle, wissen Sie natürlich auch, daß ich Sie hasse.«

»Das weiß ich schon seit geraumer Zeit.«

»Ich hasse Sie!« wiederholte sie düster. »Wenn Sie stürben, würde ich frohlocken. Wenn ich die Macht und die Kraft hätte, würde ich Sie selbst umbringen.«

Schaudernd erhob ich mich. Sie hatte vollkommen ernst gesprochen.

»Wenn Sie mir nichts anderes zu sagen haben, so ist es wohl weder für Sie noch für mich angenehm, diese Unterhaltung fortzusetzen«, entgegnete ich. Meine Hand lag auf der Klingel, aber sie unterbrach mich.

»Ich habe Ihnen noch einen anderen Vorschlag zu machen. Sie sagten doch vorher, daß Sie ihn nicht lieben. Nun gut. Wahrscheinlich ist er so aufgebracht und ungeduldig, weil er Sie nicht sehen durfte. Treffen Sie ihn wieder. Lassen Sie ihn seinen Antrag vorbringen – Sie brauchen ihn gar nicht zu ermutigen – und weisen Sie ihn dann ab. Antworten Sie ihm so, daß er Sie nicht mißverstehen kann. Seien Sie verletzend und abstoßend zu ihm, wenn Sie können. Vielleicht kommt er dann zu mir, wenn er weiß, daß Sie ihn ablehnen. Verstehen Sie?«

»O ja, ich verstehe«, sagte ich langsam. »Sie scheinen nur eins zu vergessen. Ihre Überzeugung, daß Mr. Deville sich für mich interessiert, ist nur eine Vermutung. Es ist sehr leicht möglich, daß Sie sich täuschen. Wir kennen uns ja kaum, ich habe ihn erst ein paarmal gesehen. Er hat niemals verraten oder angedeutet, daß er mir einen Antrag machen will. Und ich halte es für ausgeschlossen, daß er das jemals tut. Selbst wenn Sie recht hätten, würden wahrscheinlich Monate vergehen, bevor er zu mir sprechen würde, und ich gehe von hier fort.«

Sie sah mich merkwürdig lächelnd an. Oh, wie ich dieses Lächeln haßte, das ihre weißen Raubtierzähne zeigte!

»Er wird Ihnen sofort einen Antrag machen, wenn Sie ihn nur anhören«, sagte sie zuversichtlich. »Wenn Sie es wirklich nicht wissen, so kann ich Ihnen versichern, daß er in Sie verliebt ist.«

Plötzlich brach sie ab und sah aus dem Fenster. In einiger Entfernung kam Bruce Deville mit großen Schritten durch den Park. Sie wandte sich um und sah mich an.

»Er kommt hierher. Ich gehe jetzt, und Sie bleiben hier und empfangen ihn. Vielleicht gesteht er Ihnen jetzt seine Liebe. Können Sie nicht ein wenig nachhelfen? Denken Sie immer daran: je energischer Sie ihn abweisen, desto sicherer ist Philip Maltabar. Seien Sie schlecht zu ihm, lachen Sie ihn aus, sagen Sie ihm, daß er zu roh und ungeschliffen für Sie ist – das denkt er nämlich. Verletzen Sie seine innersten Gefühle – es wird zu Ihrem Besten sein. Sie sind eine Frau – Sie können ihn demütigen. Brauchen Sie Geld? Ich bin reich! Ich will Ihnen fünf – zehntausend Pfund geben, wenn – wenn – er um meine Hand anhält. Zehntausend Pfund – und Sicherheit für Philip Maltabar. Sie wissen, was auf dem Spiele steht!«

Sie glitt aus dem Zimmer. Ich wußte nicht, wohin sie ging. Ich stand reglos und wartete auf Bruce Deville.

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