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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 18.
Freunde.

Als mir der Gedanke zum erstenmal kam, war ich empört und glaubte beinahe, daß ich verrückt geworden sei. Ich – eifersüchtig! Was für ein häßliches Wort! Eifersüchtig auf dieses Mädchen mit den dunklen Augen, die Bruce Deville wie ein Schatten folgte und ihn für sich beanspruchte, als ob er ihr allein gehörte! Und dieser Mann! Was bedeutete mir denn Bruce Deville? Ich lachte zuerst verächtlich, aber als ich mehr darüber nachdachte, erschrak ich vor mir selbst. Ich hatte mir ein hohes Ideal von Männlichkeit gebildet; äußere Kultur und vornehme Sitten waren für mich wesentliche Züge dieser Eigenschaft. Wie konnte ich auch nur einen Augenblick an einen Mann wie Bruce Deville denken! Es war wirklich lächerlich und erniedrigend. Außerdem sollte das düstere Schicksal, das plötzlich unser Leben wie eine unheildrohende Wolke beschattete, solche Gedanken wirklich verbannen. Noch gestern abend hatte ich mich leidenschaftlich um das Vertrauen meines Vaters bemüht, aber es war umsonst gewesen. Vor kaum einer Stunde hatte ich seinen Verband erneuert und heimlich das alte, blutige Leinen verbrannt. Ich spielte meine Rolle in dieser Tragödie, ohne zu wissen, wie sie enden würde.

Es war ein unfreundlicher, windiger Morgen, aber ich war zu unruhig, um im Hause zu bleiben. Ich warf ein Cape über die Schultern und ging auf die Landstraße hinaus. Die frische Luft brachte mir nach der drückenden Enge im Pfarrhaus große Erleichterung. Ich stieg den grünen Rasen auf der anderen Seite des Weges empor und sah mich plötzlich Bruce Deville gegenüber.

Einen Augenblick schauten wir uns schweigend an, und ich erkannte, wie sehr sich mein Urteil über ihn in den letzten Tagen geändert hatte. Seine nachlässige Kleidung und sein rauhes Wesen fielen mir nicht mehr auf, aber ich empfand dankbar den festen Händedruck, mit dem er mich begrüßte. Seine dunkelbraunen Augen leuchteten freundlich; Ironie und Härte waren aus seinen Zügen geschwunden.

Er ging neben mir her, ohne zu sprechen.

»Wo ist denn Ihre Freundin?« begann ich.

Sein Gesicht verdüsterte sich.

»Sie hat sich bei Grant eingemietet und ist jetzt zur Station gegangen, um nach ihrem Gepäck zu sehen.«

Das war eine schlechte Nachricht, und mein Mut sank.

»Will sie wirklich bleiben?«

»Sie sagt so.«

»Hat sie einen neuen Verdacht?«

»Kaum. Sie nimmt an, daß Sie mit Adelaide Fortreß verbündet sind, und daß Sie beide wissen, wo Philip Maltabar ist. Und außerdem denkt sie immer noch, daß Sie Ihren Vater von ihr fernhalten wollen, damit sie keine Gelegenheit haben soll, ihn nach Philip Maltabar zu fragen. Sie hat ihm geschrieben, wie Sie wissen, aber die Antwort war in einer weiblichen Handschrift an sie gerichtet. Nun ist sie natürlich davon überzeugt, daß Ihr Vater den Brief gar nicht gesehen hat, sondern daß Sie ihn unterschlagen und beantwortet haben.«

»Sie besteht also wirklich noch darauf, ihn zu sprechen?«

»Ja, das fürchte ich.«

Unsere Blicke trafen sich einen Augenblick, aber ich sah gleich wieder von ihm fort und blickte durch die Bäume zu dem Gelben Hause hinüber.

»Geht ihr Verdacht wirklich nicht weiter?«

»Nein, das kann ich bestimmt sagen. Sie glaubt, daß Sie diesen Mann in Schutz nehmen, weil er Ihr Freund ist. Sie scheinen ihr sonderbarerweise sehr unsympathisch zu sein, und diese Einstellung läßt sie vielleicht nicht klar sehen.«

»Ich weiß, daß sie mich nicht leiden kann. Aber warum ist das so sonderbar?«

Er sah mich lächelnd an.

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand Sie nicht gern haben könnte.«

Das war das erste Kompliment, das ich von Bruce Deville hörte.

»Ich freue mich, daß Sie so über mich denken. Aber ich kann verstehen, daß sie mich haßt.«

»Müssen Sie schon wieder nach Hause gehen?«

Ich nickte. Wir hatten einen kleinen Rundgang gemacht und waren in der Nähe unseres Gartens wieder auf die Landstraße gekommen.

»Ja, ich muß nach meinem Vater sehen. Er ist wirklich schwer krank.«

»Ich wünschte von Herzen, daß Miß Berdenstein niemals hierher gekommen wäre!« seufzte er. »Ich würde sie fortschicken, wenn ich die Macht dazu hätte.«

»Ja, sie kommt mir vor wie ein Unglücksvogel«, sagte ich traurig. »Ich hasse den Blick ihrer schwarzen Augen. Glauben Sie wirklich, daß sie länger als einige Tage hier bleiben wird?«

Er nickte düster.

»Sie sehen, welche Verantwortung ein Mann auf sich nimmt, wenn er eine junge Dame rettet«, bemerkte ich etwas ironisch.

»Ich wünschte, ich hätte den Wagen damals in den Abgrund fahren lassen!«

»Dann hätten die beiden doch den Tod gefunden!« rief ich entsetzt.

»Ja, das ist richtig«, entgegnete er grimmig.

»Sie sind ein böser Mensch.«

»Sie kennen doch meinen schlechten Ruf. Meine Patin hat Ihnen doch von mir erzählt.«

»Ich bleibe keinen Augenblick länger bei Ihnen.«

»Wollen Sie mir nicht die Hand geben, ehe Sie gehen?«

Ich zögerte. Er hatte in rauhem Ton gesprochen, und seine Worte klangen mehr befehlend als bittend. Aber ich schaute ihn an und sah, daß er es ernst meinte.

So reichte ich ihm die Hand, und wir schieden als Freunde.

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