Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Phillips Oppenheim >

Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
Schließen

Navigation:

Kapitel 15.
Eine Photographie.

Wir sahen sie verwundert an. Ihre Gesichtszüge hellten sich plötzlich auf.

»Sind Sie es wirklich?« sagte sie leise. »Das ist wundervoll!« Sie streckte ihm beide Hände entgegen.

Bruce Deville ergriff sie verlegen. Es war deutlich zu sehen, daß er sich bedeutend weniger über diese Begegnung freute als sie. Aber das schien sie nicht zu bemerken. Ihre Wangen röteten sich, ihre dunklen Augen strahlten ihn sanft an, und sie zeigte lächelnd ihre blendendweißen Zähne, als sie ihn begrüßte.

»Wie sonderbar, daß wir uns hier wiedersehen!« sagte sie und gab nur zögernd seine großen, braunen Hände frei.

»Die Welt ist klein – es ist doch nicht ungewöhnlich, wenn man sich einmal wieder begegnet.«

»Sie haben Ihr Versprechen nicht gehalten!« rief sie vorwurfsvoll. »Sie sind überhaupt nicht mehr zu unserem Hotel gekommen, trotzdem ich eine Woche auf Sie gewartet habe.«

»Es war mir nicht mehr möglich. Ich habe Bern noch am selben Nachmittag verlassen.«

Endlich wandte sie sich an uns.

»Es ist eine große Freude für mich, daß ich Mr. Deville getroffen habe«, erklärte sie hingerissen. »Er hat mir einmal das Leben gerettet.«

Er machte eine abwehrende Geste, aber sie kümmerte sich nicht darum. Sie wollte ihre Geschichte erzählen.

»Ich reiste mit einer Freundin an die Schweizer Seen. Eines Tages machten wir einen Ausflug in die Nähe von Bern. Wir fuhren eine steile Straße hinunter – auf der einen Seite lag der Abgrund, auf der anderen stiegen die Berge fast senkrecht empor. Die Straße war gerade breit genug für unseren Wagen. Plötzlich flog ein großer Vogel aus einer kleinen Höhle im Berg auf und erschreckte unsere Pferde. Der Kutscher muß halb geschlafen haben. Als die Tiere scheuten, verlor er das Gleichgewicht und fiel vom Wagen. Die Pferde rasten in wildem Galopp auf eine scharfe Kurve zu. Die Straße war dort nur durch ein schwaches Geländer gegen den Abgrund hin gesichert. Wir klammerten uns aneinander, als wir den sicheren Tod vor Augen sahen. Ich glaube, wir waren entsetzlich feig. Aber gerade in diesem Augenblick kam Mr. Deville um die Biegung. Er übersah alles in einer Sekunde und lief uns entgegen. Ach, ich werde es nicht vergessen, solange ich lebe!«

Sie machte eine kurze Pause. Adelaide Fortreß und ich hatten ihrer aufregenden Erzählung gespannt zugehört. Nur Mr. Deville schien sich nicht dafür zu interessieren. Er blätterte in einer illustrierten Zeitung, und seine Stirne lag in düsteren Falten.

»Die Pferde schienen über ihn wegzustürmen und ihn mitzuschleifen –« fuhr sie mit zitternder Stimme fort.

Bruce Deville schlug plötzlich die Zeitschrift geräuschvoll zu. Er hatte zugehört, solange er es ertragen konnte, aber nun war seine Geduld erschöpft.

»Lassen Sie mich diese Geschichte zu Ende erzählen«, sagte er kurz. »Ich habe starke Arme, und ich brachte die Pferde zum Stehen. Es war keine besonders schwierige Aufgabe. Die Damen gingen zu dem Hotel zurück, und ich sah nach dem Kutscher, der ein Bein gebrochen hatte.«

»Und seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen!« rief sie atemlos.

»Nun, das konnte ich nicht ändern. Ich glaube, ich hatte versprochen, Sie im Hotel aufzusuchen, aber als ich darüber nachdachte, schien mir die Sache nicht der Rede wert zu sein. Ich war auf meinem Weg nach Genf und machte eine Fußtour durchs Gebirge. Ich wollte zu einer bestimmten Zeit dort ankommen, und als einige Leute die Straße entlang kamen, übergab ich ihnen den Wagen und den Kutscher und schickte sie damit zur Stadt zurück.«

»Sie sind wie alle ihre Landsleute – tapfer und vornehm. Sie tun etwas Großes, aber Sie wollen keinen Dank. Und doch haben wir noch tagelang auf Sie gewartet, in der Hoffnung, Sie wiederzusehen. Seitdem habe ich überall nach Ihnen Ausschau gehalten, wohin ich auch kam. Und nun muß ich Sie auf der traurigsten Reise meines Lebens wiederfinden. Ich mache hier einen Besuch, die Türe öffnet sich – und Sie treten herein.«

»Es klingt fast wie ein Roman«, sagte Adelaide Fortreß mit einem leichten Lächeln. »Wie dankbar mußt du sein, daß du gerade heute nachmittag zu mir kamst.«

»Wie geht es Ihrem Vater?« wandte sich Miß Berdenstein plötzlich an mich.

»Es geht ihm leider sehr schlecht. Er muß einige Tage liegenbleiben.«

Ich beobachtete erleichtert, daß sie sich für meine Mitteilung nicht besonders zu interessieren schien.

»Das tut mir leid«, bemerkte sie höflich. »Ich dachte, es wäre nichts dabei gewesen, ihn kurz zu sprechen. Inzwischen habe ich mich bei den ältesten Leuten der Gegend erkundigt, aber keinem ist der Name Maltabar bekannt.«

Bruce Deville fuhr erschrocken zusammen. Seine Hand, in der er die Teetasse hielt, zitterte leicht. Er wechselte einen schnellen Blick mit Adelaide Fortreß. Auch Olive Berdenstein, die kaum die Augen von ihm wandte, bemerkte es, obgleich sie der Sache weniger Bedeutung beilegte als ich.

»Haben Sie vielleicht kürzlich von einem Mann dieses Namens gehört?« fragte sie ihn. »Bitte sagen Sie es mir. Ich habe Grund, mich sehr für ihn zu interessieren.«

»Wenn ich jemals den Namen gehört habe, so muß es vor langer Zeit gewesen sein und sicherlich nicht in dieser Gegend.«

»Wahrscheinlich wissen Sie nicht, wer ich bin, und warum ich hier weile. Ich habe Ihnen zwar damals meinen Namen genannt, aber Sie haben ihn sicher vergessen. Ich heiße Olive Berdenstein, und der Mann, der hier ermordet wurde, war mein Bruder.«

Er sagte ihr ein paar teilnehmende Worte, aber er zeigte keine Überraschung. Ich vermutete, daß er schon vorher wußte, wer sie war, und was sie hergeführt hatte.

»Als ich davon hörte, kam ich sofort hierher.« Sie sprach nur zu ihm, uns schien sie ganz vergessen zu haben. »Es ist ein entsetzlicher Schlag für mich. Es war der einzige Verwandte, den ich noch auf der Welt hatte. Es ist doch nur zu natürlich, daß ich alles herausbringen möchte.«

»Das ist aber eine sehr schwierige Aufgabe, die Sie besser den Behörden überlassen.«

»Die Leute wissen nicht soviel wie ich – er hatte einen Feind.«

»Ist das dieser Maltabar, von dem Sie eben sprachen?«

»Ja. Nach diesem Mann habe ich sofort Nachforschungen angestellt. Aber nach allem, was ich erfahren habe, wohnt er nicht in dieser Gegend. Er könnte seinen Namen geändert haben, und ich habe deshalb vielen Leuten seine Persönlichkeit beschrieben. Aber niemand scheint ihn zu kennen.«

»Glauben Sie nicht, daß Sie damit alles getan haben, was menschenmöglich ist?« sagte Adelaide Fortreß ruhig. »Die Polizei setzt alles daran, das Geheimnis, das über dem Tod Ihres Bruders liegt, aufzuklären, und an Ihrer Stelle wurde ich diesen Leuten die Aufgabe auch ruhig überlassen.«

»Nein, ich kann mich nicht damit zufrieden geben, hier still zu sitzen und nichts zu tun. Sie wissen nicht, wie schmerzlich es ist, einen geliebten Menschen auf solche Weise zu verlieren. Wenn ich daran denke, packt mich die Leidenschaft, und wenn ich dem Mörder von Angesicht zu Angesicht gegenüberstände, würde ich ihm selbst den Dolch ins Herz stoßen! Ich bin zwar schwach, aber ich fühle, daß ich das doch vollbringen könnte. Ich kann nicht von hier weggehen, selbst wenn ich wollte. Der Schlüssel zu diesem Geheimnis ist hier zu finden, das sagt mir mein Gefühl. Nein, ich kann nicht gehen, ich muß hier warten und beobachten. Jeden Augenblick kann sich alles aufklären.«

Niemand antwortete ihr. Sie fühlte, daß wir anderer Meinung waren, als wir schwiegen und den Blick abwandten. Sie sah von einem zum andern.

»Aber Sie müssen mir doch wenigstens recht geben«, sagte sie fast bittend zu Bruce Deville. »Sie sind ein Mann, Sie können meine Gefühle verstehen, dessen bin ich sicher. Ist es nicht natürlich, daß ich Sühne und Gerechtigkeit verlange?«

»Ihr Bruder ist tot«, sagte er freundlich. »Nichts kann ihn wieder ins Leben zurückrufen. Außerdem –«

Er zögerte, und sie lehnte sich gespannt vor.

»Was wollten Sie sagen?«

»Wenn ein Mann Ihren Bruder so sehr haßte, daß er ihm hierher folgte und ihn tötete, hat er vielleicht Grund zu seinem Haß gehabt. Haben Sie das schon bedacht? Ich weiß natürlich weder von dem Leben noch von dem Wesen Ihres Bruders etwas. Aber ein Mann erschlägt einen Feind nicht, wenn er nicht herausgefordert wird.«

»Ich verstehe, was Sie meinen«, erwiderte sie langsam. »Sie wollen sagen, daß mein Bruder selbst daran schuld war –«

»Das will ich nicht behaupten«, entgegnete er schnell, »aber man könnte doch daran denken.«

»Er war mein Bruder«, sagte sie schlicht, »und er bedeutete mir alles. Mein Wunsch nach Sühne erscheint vielleicht selbstsüchtig, aber ich hasse den Mann, der ihn ermordete. Er muß bestraft werden. Ich kann mir nicht vorstellen, daß mein Bruder sich so schwer vergangen hat, daß er dieses Schicksal verdiente.«

»Aber Sie können doch so wenig tun. Sie haben selbst gesehen, daß hier niemand den Namen Maltabar kennt. Und das ist doch der einzige Anhaltspunkt, den Sie haben?«

»Ich werde einen Londoner Detektiv kommen lassen und bis zu seiner Ankunft warten.«

Wieder sahen wir uns fragend an und gaben dadurch zu erkennen, daß wir mit ihrer Absicht nicht einverstanden waren. Sie mußte es bemerken und begann von anderen Dingen zu sprechen. Wenn Mr. Deville nicht hier gewesen wäre, hätte sie sich sicher erhoben und wäre fortgegangen. Ich wußte bereits, daß ich ihr unsympathisch war. Aber um seinetwillen war sie ängstlich bemüht, freundlich zu erscheinen.

Sie versuchte, Bruce Deville in eine persönliche Unterhaltung zu ziehen, und er ging auch darauf ein. Er stand sogar auf und ließ sich an ihrer Seite nieder. Adelaide Fortreß sprach mit mir über den Besuch des Bischofs und über unseren bevorstehenden Umzug. Wie auf Verabredung vermieden wir es, auf meinen letzten Besuch bei ihr zurückzukommen. Unser Gespräch drehte sich nur um Nebensächlichkeiten, und wir wußten beide, daß wir Komödie spielten. Plötzlich trat eine kurze Pause in unserer Unterhaltung ein. Miß Berdenstein erzählte Bruce Deville offenbar von ihrem Bruder.

»Er sammelte leidenschaftlich gern alte Möbel«, sagte sie gerade, »genau wie ich. Er hat mir einen alten Schreibtisch geschenkt, der ebenso aussah wie dieser hier. Nur ist meiner aus dunklem Eichenholz gemacht.«

Sie neigte sich über das zierliche Möbelstück an ihrer Seite und betrachtete es interessiert.

»Mein Schreibtisch hat auch eine Geheimfeder. Man muß an dieser Stelle drücken, dann öffnet sich dieser Teil, und Sie haben gerade Platz genug, eine Urkunde oder eine Photographie zu verbergen.«

Während sie sprach, drückte sie auf die Holzwand, und man hörte ein Knacken. Miß Berdenstein sprang mit einem kleinen Schrei auf.

Ein Teil der oberen Partie hatte sich geöffnet, und in einem kleinen Fach war eine Photographie zu sehen. Als sie sich vorbeugte, um sie näher zu betrachten, wurde sie blaß bis in die Lippen.

»Was ist das?« fragte ich in einer bösen Vorahnung.

Sie wandte sich um und sah Adelaide Fortreß mit flammenden Blicken an.

»Sie täuschen mich alle!« rief sie leidenschaftlich. »Mein Gefühl hat mich nicht betrogen. Nun weiß ich es.«

»Was meinen Sie?« fragte ich entsetzt.

Sie zeigte mit zitternder Hand auf die Photographie.

»Sie haben alle erklärt, daß Ihnen der Name Maltabar unbekannt sei. Das ist eine Lüge! Hier ist das Bild des Mannes, den ich suche.«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.