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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 14.
Der Gast von Mrs. Fortreß.

Am nächsten Morgen erschien mein Vater nicht zum Frühstück. Alice brachte ihm eine Tasse Tee hinauf und kam mit besorgtem Gesicht wieder herunter.

»Er möchte erst heute nachmittag aufstehen – er fühlt sich gar nicht wohl«, sagte sie. »Ich wünschte nur, daß er mir erlaubte, einen Arzt zu holen. Seit seiner Rückkehr von London sieht er so entsetzlich elend aus.«

Ich war unter den augenblicklichen Umständen weniger beunruhigt. Sicher wollte er Miß Berdenstein nicht sehen und benützte seine Schwäche als Vorwand, ihr auszuweichen. Nach dem Frühstück ging ich zu ihm hinauf und trat leise in das Zimmer ein, als ich auf mein Klopfen keine Antwort erhielt. Er lag halb angekleidet auf dem Bett, und ich glaubte zuerst, daß er schliefe. Auf den Zehenspitzen schlich ich mich näher, aber plötzlich erfüllte mich ein wilder Schrecken. Mit geschlossenen Augen lag er totenbleich in den Kissen, und unter der Weste schaute ein blutiger Verband hervor. Offenbar war er ohnmächtig geworden, als er ihn befestigen wollte.

Ich holte Kognak und flößte ihm etwas ein. Dann rieb ich seine Hände. Langsam kam er wieder zum Bewußtsein, öffnete die Augen und sah mich an.

»Bewege dich nicht«, flüsterte ich. »Ich werde den Verband in Ordnung bringen.«

Er lag ganz still und stöhnte nur zuweilen auf, während ich mit dem Verbinden beschäftigt war. Dann deckte ich ihn zu.

»Ich werde nach einem Arzt schicken«, sagte ich leise und beugte mich über ihn.

Er faßte meine Hand.

»Nein, auf keinen Fall! Ich verbiete es dir, Kate. Hörst du?«

»Aber das ist doch eine schwere Verwundung! Du wirst sehr krank werden«, rief ich.

»Es ist nur eine Fleischwunde«, erwiderte er schwach. »Ich fühle sie kaum. Ich hatte nur den Verband zu fest geschnürt.«

»Wie lange hast du diese Wunde schon?«

Er sah nach der Tür; sie war geschlossen.

»In London ist ein hinterlistiger Angriff auf mich gemacht worden – in der Nacht, bevor ich hierher zurückkehrte. Seitdem trug ich stets eine Waffe bei mir. Aber jetzt bin ich sicher – ganz sicher.«

Ich sah ihn entsetzt an, und er beobachtete mich mit fieberglänzenden Blicken.

»Versprich mir, Kate, daß du nicht nach einem Arzt schicken wirst, wenn ich es nicht selbst wünsche«, flüsterte er.

»Aber nur unter der Bedingung, daß ich selbst die Wunde verbinden darf«, entgegnete ich zögernd und widerstrebend.

»Gut. Das kannst du tun. Heute abend muß der Verband erneuert werden. Ich will sehen, daß ich jetzt schlafen kann.«

Er schloß die Augen und wandte sich zur Wand. Ich schlich mich leise aus dem Zimmer und ging die Treppe hinunter. Der Anblick von Alice, die ruhig und selbstzufrieden im Hause wirtschaftete und ihren Vater vertrat, regte mich ständig auf. Ich konnte mich zu keiner Arbeit aufraffen, die nervöse Unruhe quälte mich zu sehr. Draußen tobte ein Unwetter, der Sturm peitschte den Regen gegen die Fenster. Aber es war besser, hinauszugehen, als länger diese Untätigkeit zu ertragen. Ich zog Mantel und Hut an und schritt über den nassen Rasen zum Tor. Der Regen schlug mir ins Gesicht, als ich auf die Straße kam. Ich zögerte kurz, dann wandte ich mich entschlossen zum Gelben Hause.

Ich weiß nicht, was mich dazu trieb, Adelaide Fortreß aufzusuchen. Es war ein plötzlicher Impuls, dem ich nachgab. Als ich ein Dutzend Schritte gegangen war, begegnete ich Bruce Deville. Er hielt an und betrachtete mich überrascht.

»Fürchten Sie sich nicht vor diesem Wetter, Miß Ffolliot?«

Er nahm seine Mütze mit einer Höflichkeit ab, die ich nicht an ihm kannte.

»Ich fürchte andere Dinge mehr«, erwiderte ich und schaute ins Gehölz. »Wollten Sie auch zu Mrs. Fortreß gehen?«

»Ja, ich hatte die Absicht«, gab er zu. »Aber vorher hätte ich gern ein Wort mit Ihrem Vater gesprochen.«

»Was wollen Sie denn von ihm?«

Er schaute mich durchdringend an. Sein Gesicht zeigte einen neuen Ausdruck, den ich mir nicht erklären konnte. War es Mitleid? Fast sah es so aus. Er schien sich zu überlegen, wieviel ich wußte oder vermutete.

»Es ist eine wichtige Angelegenheit«, sagte er ernst. »Ich wünschte, ich könnte es Ihnen erzählen. Sie sehen wie ein verständiges Mädchen aus, mit dem man reden kann.«

Seine Worte verletzten mich nicht im geringsten, im Gegenteil, ich freute mich darüber.

»Sie haben recht, Mr. Deville. Man kann mir alles sagen. Ich wünschte nur, daß mein Vater offen zu mir spräche. Es schwebt ein Geheimnis über uns, und irgendwo lauert Gefahr. Ich lese es in Ihrem Gesicht, ich fühle es. Der Tod dieses Mannes« – ich zeigte auf die Schonung – »hat damit zu tun. Was bedeutet das alles? Ich muß es wissen, bitte sagen Sie es mir.«

Er seufzte.

»Ich bin nicht derjenige, an den Sie sich wenden müssen. Ich habe nicht das Recht, Ihnen etwas zu sagen. Aber vielleicht werden Sie bald alles erfahren. Wollen Sie mir sagen, wo ich Ihren Vater treffen kann?«

»Er ist zu Hause, aber er liegt zu Bett. Ich glaube kaum, daß er Sie empfangen kann. Es geht ihm schlecht.«

Mr. Deville schien nicht im mindesten enttäuscht oder überrascht zu sein. Seine Züge hellten sich sogar auf.

»Ich freue mich, das zu hören.«

»Warum?«

»Es ist besser, daß er im Augenblick nicht auf der Bildfläche erscheint. Wann wird er sein neues Amt antreten?«

»Ich weiß nicht, ob schon ein genauer Zeitpunkt festgesetzt ist. Aber ich glaube, ungefähr in einem Monat.«

»Ich hörte gestern davon. Ihr Aufenthalt hier war nicht sehr lang.«

»Wenn wir doch niemals hergekommen wären!« rief ich leidenschaftlich. »Das war die schrecklichste Zeit meines Lebens.«

»Ich kann mich Ihrem Wunsch nicht anschließen«, sagte er mit einem schwachen Lächeln, »aber von Ihrem Standpunkt aus haben Sie natürlich recht. Es waren unglücksvolle Tage.«

»Mr. Deville, ich muß Sie etwas fragen.«

»Bitte fragen Sie mich nichts. Können wir nicht von anderen Dingen sprechen?«

»Nein, hören Sie!«

Ich legte meine Hand auf seinen Arm und zwang ihn, sich zu mir zu wenden.

»Sagen Sie mir, wer der fremde Mann war, und wer ihn getötet hat. Ich habe ein Recht, es zu wissen, und ich bin entschlossen, es zu erfahren.«

Er wurde etwas blasser, aber er antwortete mir ruhig und fest.

»Nehmen Sie meinen Rat, Miß Ffolliot. Stellen Sie darüber keine Fragen, und denken Sie nicht mehr daran. Ich spreche zu Ihrem Besten, und vielleicht interessiere ich mich mehr für Ihr Glück, als Sie glauben.«

Später wunderte ich mich über seine letzten, fast schüchtern gesprochenen Worte, aber in der Erregung des Augenblicks achtete ich nicht darauf.

»Sie müssen es mir sagen!« rief ich.

»Das kann ich nicht, weil ich es nicht weiß. Fragen Sie nicht weiter. Wollten Sie nicht Adelaide Fortreß besuchen?«

»Ja.«

»Dann wollen wir zusammen gehen. Sie wird sich freuen, wenn Sie kommen. Aber achten Sie auf den Weg; Sie können leicht ausgleiten.«

Wir gingen den Fußweg zusammen hinunter. An dem Gartentor hielt ich an.

»Sie sagten mir vorhin, daß Sie meinen Vater besuchen wollten. Kann ich ihm etwas ausrichten?«

»Sagen Sie ihm, daß es mir leid tut, von seiner Krankheit zu hören. Aber ich freue mich, daß er sich pflegt. Bestellen Sie ihm, daß das Wetter schlecht ist, und daß er gut daran tut, sich in seinem Zimmer aufzuhalten.«

Wir waren eingetreten, und ich konnte ihn nicht mehr fragen, warum er sich so sehr für die Gesundheit meines Vaters interessierte. Ich dachte noch verwirrt darüber nach, als wir in das Wohnzimmer geführt wurden. Aber dann vergaß ich es plötzlich. Adelaide Fortreß hatte schon Besuch. Miß Berdenstein saß ihr gegenüber, und sie unterhielten sich ernst miteinander.

Als wir eintraten, sah sie auf. Mich betrachtete sie gleichgültig, aber als sie Bruce Deville erblickte, sprang sie mit einem kleinen Schrei auf.

»Endlich!« rief sie. »Endlich!«

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