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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 13.
Aus Rache.

Ich mußte zweimal klopfen, bevor ich Antwort erhielt.

»Bist du es, Kate?«

»Ja. Kann ich hereinkommen?«

»Ist sie gegangen?«

»Ja.«

Nun schloß er auf. Ich erschrak bei seinem Anblick. Offenbar hatte er auf dem Diwan gelegen, denn die Kissen waren in Unordnung.

»Ist sie wirklich fort?« forschte er fast ängstlich.

Ich nickte.

»War sie ärgerlich, daß ich sie nicht empfing?«

»Sie war enttäuscht«, gab ich zu. »Sie benahm sich sehr unfreundlich und unliebenswürdig – eine unangenehme Person. Ich weiß nicht, wie es mir gelang, noch höflich zu ihr zu sein.«

»Fährt sie nach London zurück?«

»Ich glaube kaum. Sie sagte, daß sie zur Polizei gehen und nach London um einen Detektiv telegraphieren würde.«

»Ach!« stöhnte mein Vater.

Er hatte die Augen geschlossen und atmete schwer.

»Sie ist eine resolute junge Dame. Vielleicht sollte ich es nicht sagen, aber sie erschien mir mehr wütend und rachbegierig als niedergeschmettert. Sie will alles tun, um den Mann zu finden, der ihren Bruder tötete. Und wenn sie das erreicht hat, wird sie kein Mitleid haben.«

Mein Vater erhob sich und ging zum Schreibtisch. Er hatte mir den Rücken zugekehrt und machte sich mit Schriftstücken zu schaffen.

»Vielleicht ist das ganz natürlich. Die Menschen sehen nur schwer ein, daß die Rache Gott gehört und nicht ihnen. Laß mich jetzt allein, Kate, und sieh zu, daß ich in der nächsten Stunde nicht gestört werde.«

Ich schloß die Tür leise und ging in den Garten hinaus. Ich schritt quer über den Rasen zu dem Zaun hinüber. Unter mir lag die verrufene, kleine Schonung, in der sich jene schreckliche Tragödie abgespielt hatte. Die Bäume hoben sich scharf umrissen von dem Abendhimmel ab. Ich sah hinunter und zitterte vor Furcht. Das Gesicht dieses Mädchens, das nach Rache verlangte, stand vor mir, und der Bibelspruch »Auge um Auge, Zahn um Zahn« klang mir in den Ohren. Aber Gottes Rache – noch schrecklicher als die ihre, wenn auch vielleicht nicht so schnell – wen würde sie treffen?

Ein schwerer Schritt auf der Straße brachte mich wieder in die Gegenwart zurück. Mr. Deville kam in Sicht. Er ging so nahe an mir vorbei, daß ich ihn hätte berühren können.

»Guten Abend, Mr. Deville«, sagte ich freundlich, als er dicht neben mir war.

Er fuhr auf und grüßte, als er mich erkannte.

»Entschuldigen Sie, Miß Ffolliot – aber Sie haben mich wirklich erschreckt!«

»Das tut mir leid.«

Er lachte.

»Ich freue mich; daß Sie wieder wohlauf sind.«

»Ja, es geht mir wieder gut. Ich bin froh, Sie zu sehen, Mr. Deville, denn ich wollte mich für die wundervollen Rosen bedanken. Zuerst konnte ich gar nicht glauben, daß sie von Ihnen kamen.«

Er sah ein wenig verlegen aus.

»Ach, das ist nicht der Rede wert. Außerdem war es Adelaides Idee. Sie glaubte, daß sie Ihnen Freude machen würden.«

Ich fühlte mich sonderbar enttäuscht und antwortete ihm etwas kühler.

»Dann muß ich mich also bei Mrs. Fortreß bedanken! Nun gut, ich werde morgen zu ihr hinübergehen.«

Er zwinkerte mit den Augen.

»Ich glaube nicht, daß Sie deshalb besonders hinübergehen müssen. Mrs. Fortreß bejahte nur, als ich sie fragte, ob Sie ihrer Meinung nach die Blumen liebten.«

»Ach so!«

»Wenn Sie aber Zeit haben, würde sich Mrs. Fortreß sicher sehr freuen, Sie zu sehen.«

»Glauben Sie das wirklich? Sie wissen doch, daß mein Vater nicht sehr liebenswürdig war, als ich das erstemal dort war. Ich fühle mich sehr zu ihr hingezogen und würde sie gerne wieder besuchen, aber ich weiß nicht genau, ob es ihr angenehm ist. Sie war doch über meinen letzten Besuch sehr erstaunt.«

»Ich weiß bestimmt, daß sie sich sehr freuen wird«, erklärte er zuversichtlich, »wenn Sie zu irgendeiner Zeit zu ihr gehen. Sie dürfen mir glauben.«

»Dann will ich sie morgen besuchen. Sie interessiert mich sehr. Ich kenne niemand in dieser Gegend, der ihr gleicht.«

»Sie scheinen auf sehr gutem Fuß mit meiner Patin, Lady Naselton, zu stehen?« fragte er mit einem leichten Lächeln.

»Lady Naselton war sehr liebenswürdig zu mir.«

»Sicher stellt sie mich als einen ganz schlechten Menschen hin?«

»Wenn sie das tut, verdienen Sie es wahrscheinlich auch«, sagte ich streng. »Sie erzählte, daß Sie umherstreifen und ein müßiges Leben führen. Und das können Sie wohl kaum abstreiten.«

»Das weiß ich nicht. Ich bin heute schon vierzig bis fünfzig Kilometer zu Fuß gegangen – das kann man doch eigentlich nicht müßig nennen.«

»Haben Sie es zum Vergnügen getan oder war es wirkliche Arbeit?«

Er lachte und schaute an sich herunter. Seine Kleider waren mit Schmutz bespritzt, und ein neuer Riß war in seinem Rock zu sehen.

»Das ist wohl gleichgültig. Ich war den ganzen Tag unterwegs und habe mich kaum eine Stunde ausgeruht. Deshalb lehne ich den Vorwurf der Trägheit entschieden ab.«

»Es wird noch eine andere Anklage gegen Sie erhoben, die Sie sicher nicht ableugnen können.«

»Und das wäre?«

»Sie laufen wie ein Landstreicher herum!«

»Haben Sie sonst noch etwas gegen mich vorzubringen?«

»Was man sonst noch sagt, kann ich nicht wiederholen. Ich habe nur Ihre geringeren Fehler aufgezählt.«

Er verneigte sich ironisch.

»Ich bin meiner Patin zu großem Dank verpflichtet. Eines Tages werde ich sie besuchen und ihr sagen, daß sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern soll.«

»Als Ihre Patin hat sie doch wohl das Recht, sich um Sie zu kümmern.«

Er fluchte leise.

»Ich werde gehen. So benimmt man sich nicht in Gegenwart einer Dame. Sie sind immer noch so grob wie damals, als ich Ihren Hund verband.«

Er wurde plötzlich ernst.

»Das scheint schon solange zurückzuliegen.«

»Es war vor ungefähr zwei Wochen«, erinnerte ich ihn. »Aber inzwischen hat sich soviel ereignet. Eben fällt mir etwas ein, Mr. Deville. Ich wollte doch mit Ihnen sprechen über – über – den Mord – an jenem Sonntag.«

Er schüttelte den Kopf und pfiff seinen Hunden.

»Darüber kann ich nichts sagen«, erklärte er kurz. »Und Sie sollten mich nicht danach fragen.«

»Warum nicht?«

»Ihre Gesundheit ist noch nicht stark genug dazu. Ich war nicht darüber verwundert, daß Sie so schwer erkrankten. Sie waren nur wenige Schritte von diesem Mann entfernt – aber Sie müssen nicht mehr daran denken. Guten Abend.«

Er wandte sich zum Gehen, und ich hatte ihn bald aus den Augen verloren. Bedrückt ging ich zu dem Hause zurück.

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