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Schatten der Vergangenheit

Edward Phillips Oppenheim: Schatten der Vergangenheit - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Phillips Oppenheim
titleSchatten der Vergangenheit
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150325
projectid93315fda
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Kapitel 12.
Mr. Berdensteins Schwester.

Drei Tage nach dieser denkwürdigen Unterhaltung mit meinem Vater hielt ein Wagen vor der Tür. Ich saß in unserem kleinen Wohnzimmer und hörte, wie eine Dame sich ängstlich nach meinem Vater erkundigte. Gleich darauf klopfte das Mädchen an meine Tür.

»Eine junge Dame fragt nach Mr. Ffolliot. Ich sagte ihr, daß er in den nächsten zwei Stunden nicht zu Hause wäre. Nun möchte sie gern ein anderes Mitglied der Familie sprechen.«

»Wissen Sie, was sie will, Mary?«

»Nein, sie wollte es mir nicht sagen.«

»Sagen Sie ihr, daß ich zu Hause bin und führen Sie sie ins Wohnzimmer, wenn sie mich sehen will.«

Gleich darauf trat die Besucherin ein. Sie war schlank, nicht groß, hatte dunkle Hautfarbe und schwarze Haare. Ihre tiefbraunen Augen waren rot und entzündet, als ob sie viel geweint hätte, und ihre ganze Erscheinung deutete darauf hin, daß sie Leid erfahren hatte. Sie sank in den Stuhl, den ich ihr anbot, und brach in Tränen aus.

»Verzeihen Sie mir bitte«, rief sie schluchzend. »Ich bin von weither gekommen – und habe eine entsetzliche Nachricht erhalten.«

Mein Gefühl sagte mir, wer sie war, und mein Herz schlug plötzlich wild.

»Sind Sie mit dem Herrn verwandt, der – vorige Woche – hier starb?« fragte ich schnell.

Sie nickte.

»Ich komme gerade von der Polizeistation. Man hat mir seine Uhr gezeigt – ich habe sie ihm selbst geschenkt. In seiner Brieftasche lag ein halbfertig geschriebener Brief an mich. Dann haben sie mir eine Photographie von ihm gegeben – es ist mein Bruder, Stephen Berdenstein. Er war der einzige Verwandte, den ich in der Welt noch hatte.«

Ich war ergriffen und sah sie mitfühlend an.

»Es tut mir unendlich leid – es muß schrecklich für Sie sein.«

Sie begann wieder zu weinen, und ich fürchtete, daß sie ohnmächtig werden würde. Offenbar waren ihre Nerven überreizt. Ich hatte niemals die Gabe besessen, andere Menschen trösten zu können, und es fiel mir im Augenblick nichts Besseres ein, als dem Mädchen zu klingeln und Tee zu bestellen.

»Am Sonnabend wollte er mich in Paris treffen«, fuhr sie nach einer Weile fort. »Aber er kam nicht und schickte auch keine Nachricht. Als ich am Montagmorgen noch keinen Brief von ihm hatte, wurde es mir zur Gewißheit, daß ihm etwas zugestoßen war. Ich kaufte englische Zeitungen, und zufällig las ich auch von dem Mord. Es war eigentlich unmöglich, diese Nachricht mit Stephen in Verbindung zu bringen, besonders da er mir gesagt hatte, daß er nach London gehen wollte. Aber die Beschreibung des Toten paßte so genau auf meinen Bruder, daß ich keine Ruhe mehr hatte. Ich telegraphierte an seine Bank und erhielt die Antwort, daß er aufs Land gefahren sei, ohne eine Adresse anzugeben. Ich kam sofort nach England, und als ich erfuhr, daß man seit mehr als zehn Tagen in seinem Londoner Klub nichts von ihm gehört hatte, eilte ich hierher. Ich ging direkt zur Polizeistation – und – und –«

Sie brach wieder in Tränen aus. Ich trat an ihre Seite und versuchte, sie zu trösten. Allmählich faßte sie sich wieder. Sie nahm sogar eine Tasse Tee und feuchtete ihr Gesicht mit Eau de Cologne an, die ich aus meinem Zimmer holte.

»Wissen Sie, warum Ihr Bruder in diese Gegend kam? Er war ein Gast von Lady Naselton. Sicher waren sie alte Bekannte?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Er hat sie mir gegenüber nie erwähnt. Er schrieb mir wohl von einem jungen Mr. Naselton, der ihn in Rio besucht hatte, aber selbst in seinem letzten Brief von Southampton stand nichts von einer Absicht, diese Familie aufzusuchen. Im Gegenteil, er schrieb, daß er sofort zu mir gekommen wäre, wenn ihn nicht ein dringendes Geschäft in London abgehalten hätte.«

»Und doch scheint er einer zufälligen Einladung gefolgt zu sein, als er kurz nach seiner Ankunft in England hierherkam.«

»Ich kann es nicht verstehen«, rief sie leidenschaftlich. »Wir hatten uns viele Jahre lang nicht gesehen. Er lebte in Südamerika, und ich wohnte in Paris – aber er schrieb mir dauernd und betonte in jedem Brief, wie sehr er sich auf ein Wiedersehen mit mir freute. Ich kann mir nicht denken, daß er mich umsonst warten ließ, um hier einen Höflichkeitsbesuch zu machen. Es muß etwas dahinterstecken, von dem ich nichts weiß.«

»Sie haben natürlich erfahren, daß Naselton Hall seither geschlossen ist? Die Familie ist nach Italien abgereist.«

»Ja, das habe ich auf der Polizeistation gehört. Ich habe Lady Naselton ein Telegramm geschickt. Meinen Bruder hatte ich lange nicht gesehen, und man kann doch in Briefen nicht alles sagen. Vielleicht hatte er inzwischen Freundschaften geschlossen, von denen ich nichts weiß.«

»Oder er hatte sich Feindschaften zugezogen.«

»Ja, er könnte auch Feinde gehabt haben«, sagte sie nachdenklich. »Er war leidenschaftlich und eigensinnig, und ein solcher Mann macht sich andere leicht zu Feinden.«

Sie war ruhiger geworden, und ich betrachtete sie nun genauer. Ihre hageren, scharfgeschnittenen Züge konnte man nicht schön nennen; ihre Gestalt war klein und wenig graziös. Sie trug ein viel zu kostbares Kostüm für die Reise, und ihr Äußeres bewies wenig Geschmack. Soweit ich urteilen konnte, ähnelte sie dem Verstorbenen in keiner Weise.

Während ich sie noch betrachtete, schaute sie plötzlich auf, aber sie schien meinen forschenden Blick nicht bemerkt zu haben. Offenbar hatte sie an etwas anderes gedacht.

»Sie sind noch nicht lange hier, Miß Ffolliot?«

»Ungefähr einen Monat.«

»Aber Sie kennen doch wahrscheinlich die hauptsächlichsten Familiennamen in dieser Gegend? Sicher haben die Leute bei Ihnen Besuch gemacht.«

»Ich glaube, daß ich die meisten kenne – jedenfalls ihre Namen.«

»Ist Ihnen eine Familie Maltabar bekannt? Vor allem ein gewisser Philip Maltabar?«

Ich atmete erleichtert auf und schüttelte den Kopf.

»Nein, diesen Namen habe ich noch nie gehört. Ich bin ganz sicher, daß eine Familie dieses Namens nicht hier wohnt. Ich hätte bestimmt davon gehört, denn dieser Name ist zu ungewöhnlich.«

Sie schien enttäuscht zu sein.

»Das tut mir leid. Philip Maltabar ist der einzige mir bekannte Mann, der meinen Bruder haßte. Es bestand eine schreckliche, lebenslange Feindschaft zwischen ihnen, schon als sie noch Knaben waren. Ich glaube, mein Bruder wanderte seinerzeit nach Südamerika aus, um ihm aus dem Wege zu gehen. Wenn ein Maltabar in der Nähe wohnte, wüßte ich, an wem ich mich zu rächen hätte.«

»Ist es gut, sich schon so kurz nach seinem Tode solchen Gedanken hinzugeben?« fragte ich ruhig.

Ihr ganzes Aussehen hatte sich geändert, und ich sah schaudernd von ihr fort.

»Woran sollte ich denn sonst denken? Wenn Sie an meiner Stelle ständen, hätten Sie noch andere Verwandte, aber ich stehe ganz allein in der Welt. Mein Bruder mag seine Fehler gehabt haben, aber für mich bedeutete er alles. Ist es so seltsam, daß ich den Menschen hasse, der ihn mir geraubt hat?«

»Aber es kann doch ein Unglücksfall gewesen sein – er kann auch Selbstmord verübt haben –«

Sie sah mich verächtlich an.

»Was für ein Unglücksfall sollte denn das gewesen sein? Und von Selbstmord zu sprechen, ist wirklich lächerlich! Warum sollte er sich denn das Leben nehmen? Er liebte es doch so sehr. Andere Leute hätten das vielleicht getan, aber Stephen niemals. Nein, er wurde in jener kleinen Schonung ermordet. Ich war selbst dort. An jenem Platz hat ein Kampf stattgefunden, und sein Gegner, der besser vorbereitet war als er, tötete ihn. Vielleicht ist mein Bruder schon von London aus verfolgt worden. Aber was tat er hier? Dieser Besuch in Naselton Hall hatte doch sicher einen besonderen Grund. Und damit steht auch sein Tod in Zusammenhang. Er wollte wahrscheinlich hier jemand besuchen, und ich muß erfahren, wer das war. Sie können mich tadeln, wenn Sie wollen. Es mag unchristlich erscheinen, und Sie sind die Tochter eines Pfarrers. Aber darum kümmere ich mich nicht. Ich werde alles herausbringen.«

Ich schwieg. In gewisser Weise tat sie mir leid, aber es erfüllte mich eine so entsetzliche Angst, daß ich ihr nicht freundlich gesinnt sein konnte. Ich wünschte, daß sie fortgehen möchte. Ihre Fragen waren beantwortet, und ich hatte mehr getan, als die Regeln des allgemeinen Anstandes verlangten. Aber sie schien sich noch nicht erheben zu wollen.

»Ich vermute, daß es zwecklos ist, noch länger auf Ihren Vater zu warten«, sagte sie, als ich ruhig blieb. »Er ist auch noch nicht länger hier als Sie. Wahrscheinlich weiß er ebensowenig von diesem Maltabar?«

»Er weiß sicher noch weniger als ich. Er interessiert sich eigentlich nur für die ärmere Bevölkerung und hat es mir und meiner Schwester überlassen, Besuche zu empfangen und sie zu erwidern. Das gesellschaftliche Leben liebt er nicht besonders.«

»Es ist möglich, daß Philip Maltabar arm ist«, entgegnete sie mit einem sonderbaren Lächeln. »Er war niemals reich.«

»Wenn er arm wäre, würde er nicht hier wohnen«, erwiderte ich. »Die armen Leute, von denen ich eben sprach, gehören der Landbevölkerung an. Es ist hier nicht wie in der Stadt. Ein Mann von der Stellung Mr. Maltabars würde hier allgemein bekannt sein und auffallen. Auf keinen Fall würde er zu den Leuten gehören, die meinen Vater besuchen.«

»Ich glaube, Sie haben recht«, antwortete sie unsicher. »Aber da ich nun einmal hier bin – könnte ich ihn nicht vielleicht doch einmal fragen?«

»Natürlich. Er wird sicher in wenigen Augenblicken hier sein.«

Gerade als ich sprach, ging er am Fenster vorbei, und ich hörte, wie er die Haustüre öffnete. Miß Berdenstein hatte seinen Schatten gesehen und schaute schnell auf.

»War das Ihr Vater?«

»Ja. Sie können ihn jetzt selbst fragen.«

»Das möchte ich gern tun. Ich freue mich wirklich, daß ich geblieben bin.«

Ich erhob mich und verließ das Zimmer. In der Diele traf ich meinen Vater und sagte ihm, daß die Schwester Mr. Berdensteins auf ihn warte und ihn sprechen wolle.

Er war scheinbar sehr ermüdet nach Hause gekommen. Er lehnte sich an die Wand, um sich zu stützen, war außer Atem und sah bleich aus.

»Was will sie denn von mir?« fragte er scharf.

»Sie möchte wissen, ob wir einen Philip Maltabar kennen. Er scheint der größte Feind ihres Bruders gewesen zu sein. Sie glaubt, daß dieser Mann ihn getötet hat, weil sie keinen anderen kennt, mit dem er verfeindet war. Ich habe ihr schon gesagt, daß dieser Name hier unbekannt ist.«

»Ganz recht, Kate«, erwiderte er mit heiserer Stimme. »Was will sie denn nun noch von mir?«

»Meine Antwort scheint ihr nicht zu genügen, sie möchte mit dir sprechen.«

Er trat einen Schritt zurück.

»Nein, nein! Ich kann sie nicht sehen, ich bin müde – und krank. Ich habe meinen Spaziergang zu weit ausgedehnt. Sage ihr von mir, daß niemand dieses Namens hier lebt. Ich bin meiner Sache ganz sicher, und wenn ich es ihr sage, kann sie es glauben.«

»Willst du dich nicht lieber einen Augenblick sehen lassen? Sie hat doch solange auf dich gewartet, und du wirst sie besser überzeugen können als ich.«

»Nein!« Er stampfte unwillig mit dem Fuß auf. »Ich habe schon zuviel Unannehmlichkeiten und Aufregungen wegen dieser Sache gehabt. Meine Nerven sind überanstrengt, ich kann nicht immer wieder von neuem darüber sprechen. Bitte bringe ihr das so liebenswürdig als möglich, aber entschieden bei. Ich gehe jetzt in mein Studierzimmer. Komme bitte nicht eher zu mir, als bis sie gegangen ist.«

Er ging quer durch die Diele, und ich hörte, daß er sich in sein Zimmer einschloß. Es war nutzlos, noch etwas zu sagen, und ich ging zu Miß Berdenstein zurück.

Ich trat geräuschlos ein, da ich leichte Hausschuhe trug, und war sehr erstaunt, als ich sah, daß sie den Inhalt der Visitenkartenschale vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Sie errötete, als sie mich bemerkte.

»Ich bin sehr unhöflich«, sagte sie fast barsch. »Ich hatte natürlich kein Recht, mir diese Freiheit herauszunehmen, aber ich dachte, daß Sie vielleicht den Namen vergessen hätten. Es könnte ja auch jemand in Ihrer Abwesenheit Besuch gemacht haben.«

»Bitte überzeugen Sie sich nur selbst«, sagte ich eisig. »Sie können die Karten ruhig durchsehen.«

»Ich habe es schon getan. Der Name, den ich suche, ist nicht darunter. Kann ich Ihren Vater sprechen?«

»Es geht ihm leider nicht gut, er ist vollständig erschöpft – er hat heute nachmittag einen langen Weg gehabt. Er bittet Sie, ihn entschuldigen zu wollen, und läßt Ihnen sagen, daß niemand dieses Namens, weder arm noch reich, in der Umgegend lebt.«

Sie schien keineswegs von diesem Bescheid befriedigt zu sein.

»Ich kann ihn also nicht persönlich sprechen?« rief sie enttäuscht. »Ich hatte gehofft, er würde mir helfen, da er der Geistliche in diesem Orte ist und bei dem Tode meines Bruders zugegen war.«

»Es tut mir leid, aber mein Vater kann Sie nicht empfangen. Er läßt Ihnen seine aufrichtige Teilnahme aussprechen, aber Sie müssen ihn wirklich entschuldigen.«

Langsam erhob sie sich; sie war sehr entrüstet.

»Nun gut. Ich kann ihn natürlich nicht dazu zwingen, mich zu empfangen. Aber es ist sehr merkwürdig. Leben Sie wohl.«

Ich klingelte und begleitete sie zur Türe.

»Kann ich sonst etwas für Sie tun?« fragte ich.

»Danke, nein. Ich werde nach London telegraphieren, daß man einen Detektiv herschickt, und ich werde noch einmal bei der Polizei vorsprechen. Guten Tag.«

Sie reichte mir zum Abschied nicht die Hand. Auch ich unterließ es, denn von allen Frauen, die ich bisher getroffen hatte, war sie mir am wenigsten sympathisch.

Ich beobachtete, wie sie mit kleinen Schritten den Weg zum Gartentor entlang ging und in den Wagen stieg. Dann wandte ich mich ab und eilte zu dem Studierzimmer meines Vaters.

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