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Schaffen und Schauen

Verschiedene Autoren: Schaffen und Schauen - Kapitel 9
Quellenangabe
typemisc
authorVerschiedene Autoren
titleSchaffen und Schauen
publisherB. G. Teubner
printrunDritte Auflage
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160115
projectid03b3eda5
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2. Deutsches Schaffen.

So gewiß geistiges Schaffen aus der gemeinsamen Menschennatur hervorgeht und letzthin zu allen Menschen spricht, so vermag es doch bei verschiedenen Völkern eine verschiedene Gestalt anzunehmen; das eben bildet eine Besonderheit und eine Größe der Neuzeit, daß die Kulturvölker hier ihre geistige Eigentümlichkeit schärfer ausgeprägt haben als in früheren Epochen, und daß daraus viel Bereicherung der Menschheit, auch viel fruchtbare Wechselwirkung entsprungen ist. Unter den Völkern behauptet aber das deutsche Volk mit der Besonderheit seines Schaffens einen ehrenvollen Platz. Diese Besonderheit ist jedoch keineswegs leicht zu fassen; schon das viele Reden über sie, und mehr noch die schiefe Beurteilung, die uns draußen oft zuteil wird, zeigen, daß hier Probleme liegen. Sie seien in Kürze erwogen.

Zunächst stehen bei uns Naturgabe und eigenes Tun in einem eigentümlichen Verhältnis. Sicherlich hätten wir nicht leisten können, was wir im Lauf der Geschichte geleistet haben, enthielte nicht unsere Natur Anlagen bedeutender Art. Aber diese Anlagen sind nicht so beschaffen und liegen nicht so zutage, daß sie sich mühelos in fertigen Besitz verwandeln und unser Handeln vor Irrung behüten könnten, sondern es führt uns auf die Höhe unseres Wesens nur eigene Entscheidung, eigene Arbeit und Tat; wir müssen uns selbst erst erkämpfen. So erklärt es sich, daß wir dem Draußenstehenden, und namentlich dem Übelwollenden, leicht als schwerfällig, ja als minderbegabt erscheinen, daß man glaubt, sich über uns erheben zu dürfen. Unsere geistige Geschichte zeigt, daß wir nicht rasch in Bewegung kommen, uns nicht leicht für etwas erwärmen, haben wir ein Ziel aber einmal ergriffen, so setzen wir unsere ganze Seele daran und sind zu unermüdlicher Arbeit bereit; so überholen wir schließlich alle anderen und vermögen das Höchste zu erreichen. Langsam hat uns das Mittelalter zu Trägern und Führern der Kultur gebildet, später als die westlichen Völker sind wir auch in die Bewegung der Aufklärung eingetreten, auch in der modernen Naturwissenschaft und Technik waren wir erst die Schüler anderer Völker; nachdem aber einmal unser Streben und unsere Kraft der Sache gewonnen war, da haben wir uns den anderen nicht nur gewachsen gezeigt, sondern wir sind ihnen erheblich vorangekommen und haben die Führung übernommen. So entspricht es unserer gemeinsamen Art, daß unsere Denker und Dichter die Tat in höchsten Ehren hielten und möglichst die ganze Welt auf lebendige Kräfte zurückführen wollten. Johann Kepler, der nicht bloß groß in der Astronomie, sondern auch in der Philosophie bedeutend war, drängte mit größtem Eifer darauf, überall in der Welt Tätigkeit aufzusuchen, in verwandter Gesinnung führte Leibniz die ganze Natur auf lebendige Einheiten, auf »Monaden«, zurück und duldete nirgends träge Ruhe, ja dem Ganzen des neueren deutschen Idealismus, wie er mit Kant beginnt und sich in seinen großen Nachfolgern fortsetzt, ist nichts so eigentümlich als das Streben, unser Leben in ein Ganzes zu fassen, dies Ganze in Tätigkeit zu versetzen und von ihm aus die Tiefen der Welt aufzuhellen. Und gehört nicht auch das hierher, daß Goethe in der bekannten Stelle Faust bei seinem Übersetzen zu dem Endergebnis kommen läßt: »Im Anfang war die Tat«? So bildet die Schätzung der Tat, der wesenbewegenden und lebenumfassenden Tat, ein gemeinsames Bekenntnis deutscher Dichter und Denker, ja durch das ganze deutsche Schaffen geht ein fester und freudiger Lebensglaube.

Eine solche Überzeugung bringt entschiedene Forderungen mit sich. Der Deutsche darf sich nicht ruhig dahintreiben lassen, dunkle Triebe genügen ihm nicht, er muß sein Leben in den Stand der Selbsttätigkeit versetzen; er kann das aber nicht, ohne den vorgefundenen Stand sorgfältig zu prüfen, er muß durchgängig sein Tun auf eigenes Denken, eigenes Erfahren zu stellen suchen. Es ist doch nicht zufällig, daß sowohl die Reformation mit ihrer einschneidenden Kritik der vorgefundenen Lage als auch die kritische Philosophie von Deutschland ausgegangen sind. Beide haben dahin gewirkt, das Leben mehr auf sich selbst zu stellen und mit innerer Bewegung zu erfüllen, beide haben damit aus ihm mehr gemacht und den Menschen in ihm einen festen Halt finden lassen.

Wie so durchgängig das Leben als der höchste der Werte erschien, so hatten uns auch die einzelnen Gebiete des Schaffens darin vornehmlich ihre Bedeutung, was sie an Lebensförderung brachten, nicht in dem, was sie nach außen hin leisteten. So schätzten wir das Erkennen nicht deshalb, weil es dem praktischen Leben nützlich war, sondern weil es eine innere Weiterbildung, eine Klärung und Erweiterung des Lebens vollzog; auch die Religion galt uns nicht deshalb so viel, weil sie das soziale Zusammensein förderte und soziales Handeln unterstützte, sondern sie trug ihren Wert in sich selbst als ein Erschließen neuer Tiefen des Lebens. So machte sich auch unsere Erziehung zum Hauptziel, an den einzelnen Stellen kräftiges Leben zu wecken, in Persönlichkeit und Individualität selbständige Lebenspunkte auszubilden, es genügte ihr nicht, den Menschen für außer ihm liegende Aufgaben brauchbar zu machen. Tätiges Leben war uns durchgängig der höchste Zweck und der höchste Wert, wir erheben uns damit sicher über alle bloße Nützlichkeit.

Aber mit dem allgemeinen Begriff von Leben und Tätigkeit ist noch wenig gewonnen, es handelt sich darum, worin wir Deutschen das Wesen der Tätigkeit setzen, und wie sie sich näher zur Wirklichkeit stellt. Hier aber kann der erste Blick auf unsere Geschichte leicht einen Widerspruch zu entdecken glauben. Unsere Stärke erscheint am greifbarsten in einem kräftigen und mutigen Wirken nach außen, vornehmlich in kriegerischer Tüchtigkeit. Wir haben das römische Weltreich zerstört, den Ruhm seines Namens an uns genommen und eine neue Macht begründet, die Jahrhunderte hindurch in Europa die Führung hatte, wir haben zeitweilig auch über weite Meere geherrscht, wir zeigen zu Land wie zur See eben heute ein gewaltiges Leistungsvermögen. Zugleich waren wir auch in bürgerlicher und technischer Arbeit groß, wir bereiteten die Dinge nach unserem Gefallen, wir unterwarfen die Außenwelt unseren Zwecken; so standen wir fest ihr gegenüber und wurden von Fremden wohl gar als hart und rauh gescholten. Dasselbe Volk aber ist auch das Volk, das ein besonderes enges Verhältnis zur Religion gewann, das ihr in seiner Mystik eine wunderbare Zartheit und Innigkeit und in der Reformation eine seelenaufrüttelnde Kraft verlieh, das die Musik wie die Lyrik zu sonst unerreichten Höhen führte, dessen Philosophie die Welt von innen heraus zu verstehen und die tiefsten Gründe der Dinge zu enträtseln suchte, das in der Wissenschaft die eindringendste und ausdauerndste Forschung übte, das über die einzelnen Gebiete hinaus dem Leben eine solche Innerlichkeit errang, daß es das Volk des Gemütes genannt werden konnte. Ist das nicht ein schroffer Widerspruch, und zeigt die Geschichte nicht deutlich genug, wie leicht beides auseinandergehen und das eine das andere zurückdrängen kann? An Feinheit und Zartheit der Empfindung übertrifft die Inder kein anderes Volk, aber sie büßen diesen Vorzug durch ein Fremdwerden in der sichtbaren Welt und ein Unvermögen, sich in ihr zu behaupten; so blieben sie gespalten und wurden bei allem geistigen Reichtum Untertanen eines ihnen durchaus fremdartigen Volkes, dessen Kriege sie jetzt gar teilen müssen. Umgekehrt leisteten die Römer überaus viel in der sichtbaren Welt und gruben ihre Spuren tief in sie ein, ihre Energie des Wirkens dahin erweckt noch heute unsere Bewunderung. Aber wie wenig Ursprünglichkeit hatte ihr geistiges Schaffen, wie wenig Förderung verdanken ihnen die Gebiete des Innenlebens! So ist es etwas Besonderes, daß das deutsche Volk an beiden Seiten des Lebens teilhat; es kann damit der Schein entstehen, als ob es zwiespältiger Art ist und einer inneren Einheit entbehrt, als ob sichtbare und unsichtbare Welt ihm schroff auseinanderfallen. Unleugbar besteht eine solche Gefahr, sie soll nachher erörtert werden. Aber zunächst dürfen wir behaupten, daß das Schaffen des deutschen Volkes diese Gefahr durch die Tat überwunden und daß es eben in dieser Überwindung seine höchste Höhe gefunden hat. Das Streben zur sichtbaren Welt und die Ausbildung einer Welt des Gemütes stehen bei uns nicht gleichgültig und verständnislos nebeneinander, sondern jedwede Seite erreichte eben dadurch die eigene Vollendung, daß die andere ihr gegenwärtig war; ein Ganzes des Lebens vermochte beide Seiten zu umspannen und sie in fruchtbarste Wechselwirkung zu setzen. Das bestätigt jeder Blick auf das Werden und Wachsen des deutschen Geistes. Wir rühmen die deutsche Arbeit zur sichtbaren Welt, wir verfolgen mit stolzer Freude, wie sie alle Lebensgebiete ergriff, wie der Deutsche von alters her im Ackerbau wie im bürgerlichen Gewerbe eine hervorragende Tüchtigkeit übte, wie diese Arbeit alle Verzweigung ergriff und sie eigentümlich gestaltete; es sei z. B. nur des Bergbaus und der Forstwirtschaft gedacht. Die Tätigkeit der Deutschen gewann überall besonders dadurch eine Überlegenheit, daß sie es verstand, sich der Eigentümlichkeit der Sache anzupassen, sich in diese hineinzuversetzen, ihre Forderungen zu erkennen und sie gewissenhaft zu erfüllen. Wie anders aber wurde das möglich als dadurch, daß diese Arbeit die Grundlage eines kräftigen Seelenlebens hatte, daß dieses sich in das Wirken hineinlegte, es begleitete und in seinem Fortgang eigene Förderung fand. Es hat wohl in keiner anderen Sprache das Wort Arbeit einen solchen seelischen Klang wie in der deutschen, und ihre Sache eine solche Ehre und Würde wie bei uns. Solche Verbindung der Arbeit mit der Seele, solches Verwachsen der Seele mit der Arbeit erklärt allein die Behandlung der Arbeit als eines Selbstzwecks, nicht eines bloßen Mittels zum Leben; nur eine derartige Behandlung kann aber der Arbeit die Sorgfalt und die Gewissenhaftigkeit bis ins kleine verleihen, die von allen Seiten der deutschen Arbeit zuerkannt wird. In der daraus erwachsenden unbedingten Zuverlässigkeit liegt ein Hauptruhm der deutschen Technik, die Wissenschaft aber gewann den durchgängiger Gründlichkeit, und sie kann es leicht ertragen, wenn sie wegen ihrer Schätzung auch des Kleinen draußen verspottet wird. Ist sie doch der Überzeugung, daß der Zusammenhang der Arbeit auch dem Kleinen einen großen Wert geben kann.

Wir könnten unsere Kulturarbeit nicht führen, wie wir sie führen, würde nicht von weiten Kreisen die Arbeit vorwiegend aus Liebe zur Sache betrieben und an der Bescheidenheit des äußeren Lohnes kein Anstoß genommen. Unser ausgezeichneter Lehrstand wirkt, oft unter knappen Verhältnissen, mit vorbildlicher Treue, und unsere Heere hätten so große Leistungen, wie wir sie erleben, unmöglich hervorbringen können, hätten nicht ihre Führer in unermüdlicher Arbeit jahraus jahrein die Massen zu kriegerischer Tüchtigkeit gebildet. Durchgängig konnte die Arbeit nur so viel erreichen, weil in ihr mit lebendiger Kraft die Seele wirkte und dem äußeren Werk eine innere Weihe gab.

Der Gesinnung entsprach dabei die geistige Kraft. Die deutsche Arbeit war kein mechanisches Händebewegen, sondern sie ward vom Gedanken getragen und geleitet; nur so konnte sie die Widerstände bezwingen, nur so Erfindungen machen und mit ihnen neue Wege und neue Werkzeuge bereiten. Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts galten die Deutschen, wie Bayle es ausspricht, als das Volk der Erfindungen; erst im 18. Jahrhundert überflügelten die Engländer uns, aber im Verlaufe des 19. Jahrhunderts hat sich das Blatt gewandt, und jetzt stehen wir wieder an der Spitze, das aber vornehmlich, weil unsere Technik den engsten Zusammenhang mit der strengen Wissenschaft hat, weil sie von der Theorie getragen wird. So war es innere Kraft und Gesinnung, die uns nach außen hin so viel erreichen ließ.

Umgekehrt aber hätte die Entwicklung einer unsichtbaren Welt des Geistes den Deutschen nicht so gelingen können, wäre dem Schaffen nicht die sinnliche Welt gegenwärtig geblieben, hätte es nicht seine eigene Vollendung daran geknüpft, daß es diese Welt an sich zog, sich in ihr als mächtig erwies, ja sie in sich aufzunehmen versuchte. Die deutsche Innerlichkeit bedeutet nicht eine Flucht aus der großen Welt in eine einsame Klause, auch ist sie nicht ein Schwelgen in formloser Stimmung, sondern sie ist eine Bewegung zum Aufbau einer Innenwelt; ein solcher aber bedarf einer steten Auseinandersetzung mit der sichtbaren Welt, er gelangt zu voller Durchbildung und Betätigung nur durch seine Erweisung in jener.

So zeigt sich bei den Deutschen auf allen Lebensgebieten, daß das Selbständigwerden des Innenlebens eine fruchtbare Wechselwirkung mit der Außenwelt keineswegs ausschloß, sondern vielmehr sie verlangte. Was an größeren Bewegungen religiöser Art im deutschen Leben aufkam, das zog sich bei aller Innerlichkeit nicht scheu von der Welt zurück, sondern das wollte sie ergreifen, verbessern, verwandeln. So dringt Meister Eckhart unablässig darauf, daß das »schauende Leben« auch das »wirkende Leben« hebe, daß aus der inneren Erhebung der Seele ein Strom tätiger Liebe entspringe; weit mehr noch gilt von der Reformation, daß die innere Bewegung mächtig zurückstrebte zur sichtbaren Welt und ihr eine neue Gestalt gab. Hier besteht ein großer Unterschied gegenüber verwandten Bestrebungen anderer Völker, indem diese sich damit begnügten, das Individuum freier zu stellen und seiner subjektiven Stimmung weiteren Raum zu schaffen. Das ergab wohl einen Gewinn an Innerlichkeit, aber es förderte nicht die Innenwelt, es bewirkte keine Umwälzung der gesamten Lage, es prägte sich daher auch nicht der Weltgeschichte dauernd ein.

Was aber die deutsche Philosophie betrifft, so hat sie auf ihren Höhepunkten allerdings die sichtbare Welt in das Licht einer Gedankenwelt gestellt, aber sie behielt bei ihrem Schaffen jene im Auge und strebte zu ihr zurück, um sich in ihr zu bewähren und zugleich sie umzugestalten. Namentlich das Ringen mit ihr trieb sie zur Bildung geschlossener Gedankenwelten, gegliederter Systeme; von diesen gingen Ideen aus, welche aufrüttelnd, erhöhend, befestigend zum Stande der Menschheit wirkten. Die Denker waren eben deshalb eingreifender Wirkungen fähig, weil sie nicht den vorgefundenen Stand der Menschheit zum Maßstab ihrer Forderungen machten, sondern diese vielmehr aus unserem geistigen Wesen entwickelten; so mußte der Mensch auch bei weitem Abstand seines Verhaltens sie als unabweisbar anerkennen, so wurde er mit zwingender Macht in eine aufsteigende Bewegung hineingezogen. Auch in der Erhebung über den Menschen blieb immer der Mensch gegenwärtig.

Auch die deutsche Erziehung hat die erstrebte Innerlichkeit, die Bildung selbständiger Persönlichkeiten und geistiger Individualitäten, nicht in Ablösung von der sichtbaren Welt, sondern in Auseinandersetzung und im Ringen mit ihr gesucht; erst in der Überwindung der Widerstände fand das Innenleben seine volle Kraft. Schließlich sollte nach deutscher Fassung die Persönlichkeit nicht in einem Gegensatz zur Welt verbleiben, sondern ihre ganze Unendlichkeit in eigenes Leben und Wesen zu verwandeln streben. Wie sehr die gesteigerte Innerlichkeit auch zum Gestalten der sichtbaren Welt drängt, und wieviel sie dabei vermag, das zeigt deutlich die Leistung des deutschen Idealismus in der Vorbereitung und der Beseelung der Befreiungskriege. Denn eben aus den Kreisen der oft als weltfremd gescholtenen Idealisten sind die mächtigsten Wirkungen nach jener Richtung hervorgegangen. Die »Ideologen« waren es, in denen Napoleon seine gefährlichsten Gegner sah.

Auch von der deutschen Kunst läßt sich nicht behaupten, daß ihre Voranstellung der Innerlichkeit sie gleichgültig gegen die sichtbare Welt gemacht hat. Sie wollte das Äußere beseelen, nicht aber ließ sie es liegen, sie wuchs in seiner Aneignung bei sich selbst. Es genügt dafür Goethe zu nennen, dem in wunderbarer Weise die Dinge ihre eigene Natur erschließen, weil er sie von innen her sieht, weil er kraft seiner Innerlichkeit sie bei sich selbst zu beleben vermag.

So läßt sich zusammenfassend sagen, daß das deutsche Leben und Schaffen zwei Pole hat, die gegenseitig aufeinander angewiesen sind, es erzeugt sowohl eine Arbeitskultur als eine Seelenkultur, es umfaßt sie aber mit einer Gesamtkultur, die sich als eine Inhaltskultur bezeichnen läßt. Dem Leben einen Gehalt bei sich selbst zu geben, es aus innerer Bewegung zu einer Wirklichkeit, ja einer Welt zu erweitern, darin liegt unsere Stärke, hier haben wir der Menschheit neue Tiefen erschlossen. Das ist sicherlich groß, aber es ist auch nicht ohne Gefahren, es ist namentlich mit der Gefahr einer Unterschätzung der Form behaftet, mit Unrecht erscheint sie vielen von uns als eine bloße Nebensache. Hier am meisten bedürfen wir einer Ergänzung durch andere Völker und Kulturen, am ehesten dürften wir sie bei der griechischen finden. Wir können aber eine solche Ergänzung um so willfähriger anerkennen, als wir dadurch im Hauptpunkt unserer Stärke nicht das mindeste verlieren und keineswegs in einen Stand der Abhängigkeit geraten. Es läßt sich weit leichter von einem überwiegenden Inhalt eine Ergänzung der Form als von einer überwiegenden Form eine Ergänzung des Inhalts erreichen.

So dürfen wir es unbedenklich als eine Größe unseres Wesens betrachten und schätzen, daß wir einen Gegensatz in unserem Wesen tragen und ihn durch geistige Arbeit immer von neuem zu überwinden haben. Ebendies gibt unserem Leben und Schaffen eine fortlaufende Bewegung und treibt es in immer größere Tiefen. Hier liegt die tiefste Wurzel des deutschen Verlangens nach Metaphysik: ohne eine Umkehrung des ersten Anblicks der Dinge, ohne ein Vordringen zu voller Selbständigkeit und Ursprünglichkeit des Schaffens gelangen wir nicht zu voller Einheit bei uns selbst. So verstehen wir jene Urkraft deutschen Schaffens, die Fichte mit packenden Worten schildert; es »wird der deutsche Geist neue Schachten eröffnen, und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe, und Felsmassen von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter sich Wohnungen erbauen«.

Jene zwiefache Art wird nur da zu einer Gefahr, wo nicht ein kräftiges Leben aus dem Ganzen die beiden Seiten umspannt und miteinander in Wechselwirkung setzt; denn dann droht nach entgegengesetzter Richtung ein Einseitigwerden und zugleich ein Sinken des Lebens und Schaffens. Einerseits kann die Arbeit den seelischen Hintergrund und damit die innere Belebung verlieren; dann gewinnt der bloße Stoff über uns Macht, die Sorgfalt der Arbeit droht zur Pedanterie und Kleinkrämerei zu werden, auch in der wissenschaftlichen Arbeit die bloße Anhäufung von Wissen, die geistlose Gelehrsamkeit sich als etwas Großes zu gebärden. Andererseits findet oft das Subjekt nicht den Weg zu den Dingen, es vergräbt und vergrübelt sich in sich selbst, lehnt eigensinnig und rechthaberisch alle Verbindung und Einfügung ab und versteift sich auf Sonderwege. Damit leicht ein Auseinanderfallen der Gemeinschaft, eine Zersplitterung und Zerstreuung der Kräfte, ein Gegeneinanderwirken, wo ein Zusammenwirken möglich und ersprießlich wäre. Das sind Gefahren, deren schädigendes Wirken die deutsche Geschichte deutlich genug erweist. Aber es sind Gefahren der Größe, nicht der Kleinheit, und es sind Gefahren, welche die Höhe des geistigen Schaffens glücklich überwunden hat. Es sei nur ein Beispiel dafür angeführt, wie bei seinem Gelingen beide Zeiten zusammenwirken. Heute hören wir viel Lob über das deutsche Vermögen der Organisation, und indem auch unsere Gegner das anerkennen, schicken sie sich an, es nachzuahmen. Aber sie denken sich die Sache einfacher, als sie in Wahrheit ist. Denn zur Organisation genügt nicht ein Zusammenstellen der einzelnen Kräfte, ein gebieterisches Anordnen und Einrichten von oben her, sondern gelingen kann sie nur, wenn auch die einzelnen Glieder sowohl fähig als willig sind, den Gedanken des Ganzen aufzunehmen und kräftig zu vertreten. Nur solche lebendige Teilnahme, ja solche Selbständigkeit der einzelnen Glieder ergibt einen wahrhaftigen und leistungsfähigen Organismus, ohne jene fehlt der Zusammenfassung die Seele, bleibt sie ein toter Mechanismus. Uns liegt die Sache im Blute, und ist sie durch lange Arbeit befestigt; daher reicht sie auch weit über das militärische Gebiet hinaus, ja geht sie unabhängig davon durch alle Zweige deutscher Arbeit. So zeigt es z. B. die Einrichtung des deutschen Bankwesens und der deutschen Geldwirtschaft, so nicht minder die vorbildliche Organisation des deutschen Buchhandels, die so wichtig für die Teilnahme aller Glieder unseres Volkes an der geistigen Bewegung ist. Überall erscheint dabei ein fruchtbares Zusammenwirken von Seele und Arbeit.

Ja, wir können noch weiter gehen: nur dieses Zusammenwirken erklärt es, daß der Pflichtgedanke so große Macht im deutschen Leben gewonnen hat, und daß sich mit ihm unser Begriff von Freiheit eng verbindet. Denn die freie Unterordnung, welche der Gedanke der Pflicht enthält, wird nur möglich durch eine Aufnahme der Zwecke des Ganzen in das eigene Wesen und Wollen des einzelnen; der Gehorsam hört damit auf, eine drückende Last zu sein, er wird zu einer freien und freudigen Tat. Daß man draußen das nicht begreifen kann, und daß man uns einen Mangel an Freiheit vorwirft, ist gar nicht verwunderlich; man hat dann einen anderen Begriff von Freiheit, man versteht sie als möglichste Ungebundenheit des Individuums; eine derartige Freiheit aber kann uns Deutschen unmöglich genügen, sie hat uns zu wenig Gehalt.

Unser deutsches Schaffen mit seinem Zusammenhalten von sichtbarer und unsichtbarer Welt, mit seiner Verbindung von Arbeit und Seele, ist gewiß nicht leichter und bequemer Art, es ist weniger geeignet, durch gefällige Äußerlichkeit zu bestechen als die Seelen in ihrer Tiefe zu packen und innerlich weiterzubilden. Wir sahen, daß die Gegensätze, welche es umfaßt, es in fortwährender Spannung und Bewegung halten; wie solche Art es immer neuer Wendungen fähig macht, so verstehen wir damit auch, daß unser Volk im Verlaufe seiner Geschichte den Schwerpunkt seines Lebens an so verschiedenen Stellen finden konnte; wir gewinnen zugleich die Hoffnung, daß wir immer Werdende bleiben.

Solches Umspannen der Gegensätze wirkt auch dahin, unserem Schaffen den Charakter der Universalität zu geben. Wir vermögen das Leben von den verschiedensten Seiten her zu erfassen und unbegrenzt immer Neues in es hineinzuziehen. Das schützt uns gegen ein Starrwerden in nationaler Sonderart und gestattet uns, in der Ausbildung unseres eigenen Wesens zugleich eine Bildung zu universaler Menschlichkeit zu erstreben. Wo war man mit mehr Ernst und Eifer um ein solches Ziel bemüht, als es auf der Höhe unserer klassischen Literatur geschah? Hat sich ferner je ein Volk so viel Mühe damit gegeben, die geistigen Schätze aller Völker und Zeiten an sich zu ziehen, und sie durch treffliche Übersetzungen weitesten Kreisen zuzuführen? Ist je ein Dichter einem anderen Volke so zum eigenen Besitz, man kann wohl sagen zum nationalen Dichter geworden, wie es uns Shakespeare geworden ist? Die Gefahren solches Verfahrens sind augenscheinlich, namentlich die Gefahr einer Vervorzugung des Fremden vor dem Eigenen; aber nur bei Schwäche des eigenen Vermögens kann diese Gefahr dem Schaffen selbst bedenklich werden.

Innerlich angesehen, beruht dies Streben nach echter Menschlichkeit auf dem Verlangen, das Leben auf einen letzten Kern zu führen, von dem aus die Tätigkeit zur Entfaltung des innersten Wesens, zu einer geistigen Selbsterhaltung wird. Darin lag eine Befreiung von allem Äußerlichen, ein Vordringen zu ursprünglichen Tiefen, ein Schaffen aus zwingender Notwendigkeit des eigenen Wesens. Das gab ihm einen unermeßlichen Ernst und die vollste Wahrhaftigkeit, die Schöpfungen wurden zu einem lauteren Bekenntnis der ganzen Seele. In solchem Vordringen zum Grundmenschlichen lag zugleich eine sichere Erhebung über die Meinungen und Strebungen der menschlichen Umgebung, es erwuchs daraus eine völlige Unerschrockenheit und ein trotziges Unbekümmertsein um die Wirkung nach außen hin, das aber unter dem Zwange einer inneren Notwendigkeit. So spricht es z. B. aus den Worten Luthers: »Ärgernis hin, Ärgernis her, Not bricht Eisen und kennt kein Ärgernis. Ich soll der schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne Gefahr meiner Seele geschehen kann. Wo nicht, so soll ich meiner Seele raten, es ärgere sich dann die ganze oder halbe Welt.«

Diese Ursprünglichkeit und Selbständigkeit hat der deutsche Geist wie in der Religion so auch in der Philosophie und in der Kunst erwiesen, diese Gesinnung hat sein Schaffen an den Höhepunkten zu heroischer Größe geführt und es damit auch dem Ganzen der Menschheit unentbehrlich gemacht.

Zu einem Zurückgreifen auf diese Quellen der eigenen Kraft mahnt uns aber zwingend die eigene Zeit. Ungeheure Probleme sind uns auferlegt, es bedarf höchster Anspannung, damit unser Schaffen ihnen gewachsen werde. Schon vor dem Kriege hielt unsere geistige Lage schwerste Aufgaben vor. Das Gleichgewicht unseres Lebens war gefährdet, indem die Expansion die Konzentration, die Richtung nach außen ein kräftiges Innenleben zu unterdrücken drohte; dazu waren die Mächte, welche unser Inneres zusammenhalten, arg erschüttert; so standen wir den Rätseln des Lebens oft wehrlos gegenüber. An mannigfacher Bewegung dagegen fehlte es nicht, aber sie war noch überwiegend in tastendem Suchen begriffen. Da kam der Krieg, der Weltkrieg, versetzte uns in gewaltigste Erregung und zwang uns, alle Kraft auf das eine Ziel der nationalen Selbsterhaltung zu konzentrieren. Dabei haben wir Staunenswertes auch an geistiger Kraft geleistet und überzeugend erwiesen, daß unsere alte Tüchtigkeit noch ungebrochen ist. Aber aus den großen Leistungen wachsen auch große Probleme hervor; was wir in der Gegenwart nach außen hin erringen, das hat friedliche Arbeit in einen inneren und bleibenden Gewinn zu verwandeln; auf dem neuen Boden muß eine neue Blüte der Kultur entstehen. An ein solches Werk dürfen wir um so hoffnungsvoller gehen, als der Rückblick auf unsere Geschichte uns erkennen läßt, daß unser Volk seine geistige Art noch keineswegs erschöpft hat, ja, daß ihm das Höchste zu leisten noch übrigbleibt. Die Vergangenheit hat uns mit allen großen Leistungen noch kein volles Gleichgewicht von Arbeit und Seele, von sichtbarer und unsichtbarer Welt gewinnen lassen. In der alten Zeit überwog die sichtbare Welt, und was zur Bildung einer unsichtbaren geschah, das erschien mehr wie eine Umsäumung, mehr wie ein Nebenstrom. Seit der Reformation hat sich das umgekehrt, und die Sorge um die Religion, später um eine Idealkultur hat die um die sichtbare Welt aus dem Mittelpunkt des Lebens vertrieben. Das 19. Jahrhundert hat darin eine Wendung gebracht; wir wissen, mit welcher Energie und mit welchem Erfolge die deutsche Arbeit die sichtbare Welt ergriffen hat. Aber zugleich wollte und konnte der Deutsche auf eine unsichtbare Welt des Gedankens und Gemütes nicht verzichten; so kam auch wieder eine Gegenbewegung, und mangels einer genügenden Auseinandersetzung blieb viel Schwanken in unserem Leben. Nun fordert die durch den Krieg hervorgerufene Lage uns zu bestimmter Entscheidung und energischer Weiterbildung auf; wir bedürfen einer kräftigen Synthese, welche den Gegensatz von Arbeit und Seele auf dem neu geschaffenen Boden überwindet und beides in ein volles Gleichgewicht bringt. Eine solche Synthese kann nicht von außen, sondern nur von innen kommen, sie bedarf eines vordringenden geistigen Schaffens; damit sind diesem so große Aufgaben gestellt wie nur je zuvor. Im besonderen wird damit unsere Jugend zur Einsetzung all ihrer Kraft, zu mutigem Vordringen aufgerufen; groß fürwahr ist die Zeit, und groß sind die Forderungen, die sie an uns stellt; möchte das aufstrebende Geschlecht diesen Forderungen gewachsen sein!

Nein, Geister der Vorwelt, deren Schatten mich unsichtbar umschweben, Griechen und Römer, an deren noch fortlebenden Schriften mein Geist sich zuerst versuchte, die ihr diese Kühnheit, diese Verachtung der List, der Gefahr und des Todes, dieses Gefühl für alles, was stark und groß ist, unmerklich in meine Seele hauchtet, – und ihr anderen zum Teil noch lebenden Lehrer, an deren Hand ich noch täglich tiefer in die Natur unseres Geistes und seiner Begriffe einzudringen und von eingewurzelten Vorurteilen mich immer mehr zu entfesseln suche: – fern sei von mir der entehrende Gedanke, daß ich alles das durch die paar armseligen Groschen bezahlt habe, die ich für eure Schriften gab. Mein Geist fliegt in dieser Minute sehnend zu euren unbekannten Gräbern oder zu den Stätten, wo ihr weilt, und von denen Länder und Seen mich trennen, und möchte gerührt aber männlich auf eurem Grabe danken oder euch die Hand drücken und euch sagen: ihr seid meine Väter, Teile von eurem Geiste sind in den meinigen übergegangen.

Fichte.

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