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Schaffen und Schauen

Verschiedene Autoren: Schaffen und Schauen - Kapitel 4
Quellenangabe
typemisc
authorVerschiedene Autoren
titleSchaffen und Schauen
publisherB. G. Teubner
printrunDritte Auflage
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160115
projectid03b3eda5
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I. Des Menschen Leib und Seele

1. Des Menschen Herkunft und Stellung in der Natur

Wie die Welt entstand; wie die Erde wurde in ihren himmelan ragenden Bergen, ihren weiten Ebenen und dem unermeßlich sich dehnenden Ozean; wer über all dies das hohe Himmelsgewölbe spannte und der Sonne ihre leuchtende Bahn wies, die sie alltäglich von neuem beginnt; woher die zahllosen Gestirne stammen, welche nachts vom dunklen Firmament herabglänzen und durch unmeßbare Zeiten ihre feste Bahn gehen: alles das hat seit den ältesten Zeiten immer wieder der Menschen Denken beschäftigt. Wie ihre Phantasie im Treiben der Elemente die machtvolle Hand übergewaltiger Wesen sah, so schrieb sie solchen auch die Erschaffung der Welt zu. In bald mehr, bald weniger farbenreichen Mythen entwarfen so Babylonier und Israeliten, Ägypter und Hellenen, Inder und Chinesen Bilder der Weltschöpfung. Die Griechen waren dann die ersten, die, wie andere Erscheinungen des Natur- und Menschenlebens, so auch den Werdegang des Weltalls wissenschaftlich zu begreifen suchten. So sehen wir denn die ersten griechischen Philosophen beschäftigt mit dem Versuche, ein einheitliches Prinzip im Weltganzen aufzufinden und von der so gewonnenen Grundlage aus die Mannigfaltigkeit in der Erscheinung der Dinge zu erklären.

Diese Versuche wurden neu aufgenommen erst mit der Renaissance und gewannen eine festere Unterlage seit dem 17. Jahrhundert, als unter der Führung eines Kepler, Galilei und Newton die wissenschaftliche Betrachtungsweise der Natur in ihren Erscheinungen wiedererweckt wurde. Je mehr sich unser Naturerkennen vertiefte, um so mehr reizte es immer wieder hervorragende Geister, rückschauend ein Bild zu gewinnen von der Entstehung der Welt. So sprachen bekanntlich gegen Ende des 18. Jahrhunderts unser Immanuel Kant und der Franzose Laplace die Vermutung aus, daß sich unser Sonnensystem gebildet habe aus einem ursprünglichen Chaos kosmischen Staubes, welcher sich unter dem Einfluß der Schwerkraft ordnete zu einem Zentralkörper, der Sonne, mit rund darum wirbelnden Staubringen. Diese Ringe – die Ringe des Saturn sah man als ein noch bestehendes Beispiel dafür an – hätten sich dann später zu Planeten zusammengeballt. Die Sonne aber gab, so ließ sich aus dieser Hypothese folgern, allmählich und unwiederbringlich alle ihre Wärme und alle ihre Energie an das Universum ab: die Weltentwicklung ginge demnach wieder ihrem Ende, ginge dem »Wärmetod«, wie der Physiker Clausius es nannte, entgegen. Eine Anschauung, welche auch heute noch starke Vertretung findet. Hoffnungsvoller mutet der Versuch des hervorragenden schwedischen Physikers Svante Arrhenius an, die Kräfte nachzuweisen, welche wohl imstande sein könnten, das Uhrwerk der Weltmaschinerie von Ewigkeit zu Ewigkeit in stetem Gange zu halten. Arrhenius baute seine Anschauung darauf auf, wie wir uns heute die chemischen und physikalischen Vorgänge und Veränderungen im Inneren der Sonne wohl vorstellen dürfen. Weiter bezog er in seine Rechnung eine neu nachgewiesene Naturkraft ein, nämlich den »Strahlungsdruck«, d. h. den Druck, welchen Wärmestrahlen auf kleinste molekulare Körperchen ausüben, wodurch diese, entgegen der Schwerwirkung, von der Sonne oder einem anderen Wärme ausstrahlenden Weltkörper abgestoßen und in den Weltraum hinausgetrieben werden. Auf diesem Wege kam er – im Gegensatz zu Clausius – zu der gewaltigen Vorstellung eines immerwährenden Kreislaufs der Weltentwicklung. Danach würden stetig Sonnensysteme mit ihren Himmelskörpern aus kosmischem Staub, d. h. aus Nebelflecken, und Nebelflecke wieder aus dem vernichtenden Zusammenstoß von Himmelskörpern entstehen. Mit anderen Worten: auch in der Weltentwicklung fände ein ewiges Vergehen und Neuentstehen statt.

Wie Kant und Laplace läßt auch Arrhenius unsere Mutter Erde als glühenden Gasball sich absondern von der Sonne und verhältnismäßig schnell sich abkühlen durch Ausstrahlung von Wärme in den kalten Weltenraum. Jedoch nur so lange, bis nach Bildung einer dünnen festen Rinde auf der Oberfläche der erkalteten Masse ein Gleichgewicht hergestellt war zwischen jenem Wärmeverlust und dem Wärmegewinn durch die auf die Erde treffende Sonnenstrahlung. Von hier ab nähme also die von dem finnischen Geologen Sederholm auf 1000 Millionen Jahre (von anderen noch höher) geschätzte Geschichte der Erdrinde ihren Beginn, wie sie für uns in den Ablagerungen ihrer aufeinanderfolgenden Schichten zutage liegt. Diese Geschichte zerfällt nicht, wie man im Zeitalter Goethes meist sich noch vorstellte, in gänzlich abgesonderte Epochen, die durch Katastrophen oder Erdrevolutionen jedesmal ihren Abschluß fanden, sondern steht, wie die Wissenschaft heute allgemein annimmt, bis zur Gegenwart in ununterbrochenem Zusammenhang. Dieselben chemischen, mechanischen, tellurischen Kräfte, welche auch heute unablässig tätig sind, dieselben Veränderungen, die auch jetzt noch stetig beobachtet werden können, reichen, wie der englische Geologe Charles Lyell 1830 zuerst nachwies, als wirksame Ursachen aus, um alle Wandlungen und Geschehnisse in der Entwicklung der Erdrinde, von denen wir wissen, zu erklären, (vgl. a. S. 11.) Eine Lufthülle, die namentlich reich war an Wasserdampf und Kohlensäure, umgab die noch junge Erde. Die Einwirkung dieser Lufthülle, aus der bei fortschreitender Abkühlung ungeheure Wassermengen auf die Erdoberfläche niederschlugen, machte das erkaltete und fest gewordene Urgestein (Magma) an der Erdoberfläche verwittern. So entstanden im Wasser lösliche Stoffe, kohlensaure und schwefelsaure Salze, eisen- und kieselhaltige Verbindungen u. dgl., es entstanden Gesteinstrümmerchen, Sand und Gerölle, welche abgewaschen und fortgeführt durch die Wasserströmungen, als Schlamm sich langsam absetzend auf dem Boden der Urmeere, die ältesten Schichtlager der Erde über dem Urgestein zu bilden begannen.

Hier treffen wir nun auf die ersten Spuren eines ganz Neuen in der Geschichte unseres Erdkörpers: nämlich des organischen Lebens. Überreste abgestorbener Lebewesen, Pflanzen und Tiere, sinken mit jenem sich ablagernden Schlamm zu Boden und werden darin eingebettet. Diejenigen Teile, welche als harte Stützen und Träger von Weichgebilden, vornehmlich durch ihren Gehalt an Kalk, Kiesel und dgl. widerstandsfähiger sind, bleiben in ihrer Form hier erhalten, auch nach der späteren Umwandlung der Schlammschicht in festeres Gestein. Wo kamen nun diese ersten und ältesten Lebewesen her? Immer wieder tritt diese Frage an den denkenden Menschen heran. Gab es hier einen ganz bestimmten Anfang? Waren etwa an irgendeinem Punkte der Erdentwicklung besondere Bedingungen vorhanden, unter welchen sich aus den vorhandenen Stoffen in der Urzeit organische Materie zusammenfügte und die Eigenschaften des Lebens gewann? Mit anderen Worten: konnten von selbst belebte Einzelwesen entstehen, mit der Fähigkeit Stoffe aufzunehmen und umzuwandeln, d. h. zu wachsen, mit der Fähigkeit ferner, sich zu vermehren und in neuen Lebewesen gleicher oder ähnlicher Art sich fortzupflanzen? Wir wissen es nicht. Noch niemand hat eine solche Entstehung, eine Urzeugung sicher nachzuweisen oder gar hervorzurufen vermocht. Auch die allerkleinsten und allereinfachsten Lebewesen, jene Spaltpilze, die mit den stärksten Vergrößerungen nur eben sichtbar zu machen sind, stammen immer nur ab von ihresgleichen. Alles Lebende kommt vom Lebenden – das ist ein zuerst von Harvey ausgesprochener Erfahrungssatz, von dem wir eine Ausnahme bisher nicht kennen. Hier stehen wir vor dem Rätsel des Lebens, das uns bisher unlösbar erscheint. Können wir etwa dem Gedanken Raum geben – schon Helmholtz und William Thomson sprachen ihn aus –, das Leben sei so alt wie die unbelebte Materie und bestehe von Ewigkeit? In der Tat sucht Arrhenius mit großem Scharfsinn die Möglichkeit zu erweisen, daß immerfort zahllose Lebenskeime, d. h. feinste Samenstäubchen, über den Dunstkreis der Erde oder eines anderen bewohnten Himmelskörpers hinaus getrieben werden in den unendlichen freien Weltenraum. Der Strahlungsdruck der Sonne sei imstande, solche Körperchen mit ganz außerordentlicher Geschwindigkeit fortzuschnellen. Da zudem Samenstäubchen oder Sporen keimfähig bleiben können, selbst wenn sie längere Zeit Temperaturen von mehr als 200º Kälte (der Temperatur flüssiger Luft) ausgesetzt waren, so ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß sie, in den Dunstkreis eines Planeten gelangt, wo die nötigen Vorbedingungen dazu gegeben sind, auf diesem aufsprießen, fortleben und sich vermehren. Es wäre dann dieser Weltkörper für das organische Leben und seine weitere Entwicklung in Besitz genommen. So wenig wahrscheinlich auf der einen Seite das Zusammentreffen aller dieser Umstände erscheint – so muß andererseits darauf hingewiesen werden, daß dafür auch unendlich große Zeiträume gegeben sind.

Allerdings – auch damit ist das große Rätsel des Lebens noch nicht gelöst, sondern nur in unendliche Ferne zurückverlegt. Immerhin liegt ein großer Zug in der Vorstellung einer steten Überpflanzung des organischen Lebens von dem einen auf den anderen Weltkörper. Wie die anorganische Welt mit den in ihr waltenden Gesetzen, so würde auch das organische Leben eine Einheit darstellen, derart, daß alle organischen Lebewesen des Weltalls verwandt sind und aus denselben Grundstoffen sich aufbauen. Da wo ein Himmelskörper in Veraltung begriffen ist, und das Leben auf ihm zu erlöschen droht, würden die von ihm ins Weltall ausgestreuten Keime, wenn sie auf den jungfräulichen Boden eines bis dahin unbewohnten, aber die Bedingungen des Fortwachsens bietenden Himmelskörpers fielen, den Anfang bilden zu einer neuen allmählichen Entwicklung von den einfachsten bis zu höheren und höchsten Formen des Lebens! Von Unendlichkeit her wären so die Daseinsformen organischen Lebens auf den bewohnten Himmelskörpern miteinander verknüpft.

Welcher Vermutung wir aber auch Raum geben wollen über die ersten Anfänge organischen Lebens in der Geschichte unseres Planeten: schon in ganz frühen Perioden der Erdgeschichte, in den ältesten geologischen Bildungen stoßen wir immer auf die Spuren einer eigenartigen, längst untergegangenen Pflanzen- und Tierwelt. Diese ist in ihren zahllosen Formen von den heute auf unserer Erde lebenden Pflanzen- und Tierarten um so weiter entfernt, je tiefer in der geologischen Schichtenfolge das Gestein liegt, worin sich Abdrücke ihrer Formen erhalten haben, je weiter also ihr Dasein zurückreicht in der langen, langen Geschichte der Erde. Eine jede der zeitlich aufeinanderfolgenden Ablagerungen weist ihre besonderen und charakteristischen Versteinerungen (Leitfossilien) auf, wie sie zum großen Teil weder in einer früheren noch in einer späteren Schicht vorkommen. Es darf nur nicht außer acht gelassen werden, daß doch auch in jenen Urzeiten ebensowohl örtliche Verschiedenheiten in der Pflanzen- oder in der Tierwelt bestanden haben, wie wir sie heute bei den verschiedenen Erdteilen, auf abgesondert liegenden Inseln und unter den verschiedenen Klimaten gewahren, mögen auch, wie die neuerlichen Funde von Versteinerungen unter dem Eis der Südpolarländer zeigen, die klimatischen Verhältnisse auf unserem Erdball zeitweise gleichmäßiger gewesen sein. Durchgehend aber erweisen sich die Gattungen, Familien und Artfolgen um so weniger voneinander verschieden, oder sagen wir, um so näher einander verwandt, je näher in der zeitlichen Aufeinanderfolge die Bildung der Schichten liegt, denen sie angehören. So scheinen denn alle die zahllosen Arten und Formen der Lebewesen, die vielleicht Hunderte von Jahrmillionen hindurch die Erde bevölkerten, durch lange und ununterbrochene Verwandtschaftsreihen miteinander verknüpft zu sein, so daß das gesamte organische Leben auf unserem Weltkörper eine einzige gewaltige Einheit darstellt.

In undurchdringliches Dunkel gehüllt sind allerdings für uns die ersten Anfänge. Jene Weichtiere von noch einfacher Körperanlage, als welche wir uns die ältesten Bewohner der Urmeere vorstellen müssen, konnten Spuren ihres Daseins nicht hinterlassen. In den Schichtmassen des ältesten Urgesteins, dessen Gefüge durch Umkristallisierung seiner Bestandteile die tiefstgehenden Änderungen erfuhr, mußten etwa vorhandene Reste einfacher Lebewesen vollständig verschwinden. So bezeichnen wir die ältesten Schichten, wozu z. B. der den aus Granit oder Porphyr bestehenden Kern der Alpen, des Schwarzwaldes und der Vogesen, des Erzgebirges usw. mantelförmig umlagernde Gneis gehört, als »azoische«, als der Spuren von Lebewesen noch entbehrende, wenngleich die Möglichkeit organischen Lebens auch in jener Periode nicht ausgeschlossen erscheint. Erst in den folgenden Gesteinsschichten, den silurischen und devonischen, treten Abdrücke von Pflanzen und Tieren in zahlreichen, bestimmt charakterisierten Arten auf und geben Kunde von einem allerdings noch ziemlich beschränkten Kreis von Formen, in dem sich das Leben auf der Erde während dieses Abschnittes ihrer Geschichte vollzog. Die außerordentliche Mächtigkeit gerade dieser Schichten zeigt, daß zu ihrer Bildung ganz ungeheure Zeiträume nötig waren.

Im Silur (untere Grauwacke) finden sich lediglich Meeresbewohner vor, von Pflanzen Tange, von Urtieren Schwämme, Wurzelfüßer, Stachelhäuter, Röhrenwürmer usw. Von Gliedertieren ist besonders merkwürdig eine nur noch in die nächste Erdperiode hineinragende Familie, die der massenhaft vorkommenden Trilobiten, welche dann später wieder aussterben und verschwinden. In der devonischen Periode, wozu die obere Grauwacke und das Schiefergebirge gehören, treten dann neben zahlreichen Arten von Krebstieren als vor allem bemerkenswert die ersten Wirbeltiere in die Erscheinung, nämlich Urfische, zu den Schuppen- und Knorpelfischen gehörig, Tiere von meist recht absonderlicher Gestalt.

Die nun folgende Steinkohlenperiode ist uns merkwürdig durch ihre gigantische Baumwelt, ihre ausgedehnten Torfmoore; Riesen-Schachtelhalme, Baumfarren, Sigillarien und Schuppenbäume, Sagobäume oder Zykadeen, auch schon Koniferen und Palmen setzen jene Torfflora zusammen. Teils sind diese Pflanzengattungen in späteren Perioden der Erdgeschichte wieder ausgestorben, teils ragen ihre Nachkommen noch mit einer Reihe von Arten in die Gegenwart hinein, dann allerdings meist als ziemliche Kümmerlinge gegenüber den riesenhaften Ahnen einer weit entlegenen Vorzeit. In feuchtheißem Klima und in einer Atmosphäre, die noch überladen ist mit Kohlensäure, bauen unter dem Einfluß des Sonnenlichts sich diese üppigen Urwälder auf. Ihre vertorften Blätter, Äste und Stämme speichern unermeßliche Mengen von Kohlenstoff auf und bilden allmählich jene gewaltigen Lager von Steinkohle und von Erdöl, welche das heutige Menschengeschlecht aus den tiefen Schächten der Erdrinde wieder hinaufbefördert ans Tageslicht. So wird denn die in weit entlegenen ungeheuren Zeiträumen aufgesammelte Sonnenwärme zurückverwandelt in von neuem wirksame lebendige Kraft. Man hat berechnet, daß allein im Jahre 1904 nicht weniger als 900 Millionen Tonnen Steinkohle verbrannt wurden, um allenthalben, wo der Mensch heute wirkt und schafft, die Räder seiner Maschinen zu treiben, um Wärme zu spenden und Licht.

Sahen wir in der Steinkohlenzeit die Pflanzen aus dem Meere hinaussteigen, um das Festland in Beschlag zu nehmen, so regt es sich nun bald auch dort von größeren Tieren, die ihren Eroberungszug nach neuen Daseinsbedingungen unternehmen. So treten in der die Steinkohlenformation überlagernden Schicht des sog. Rotliegenden (Dyas) zuerst Schleicher oder Reptilien auf.

In der nun folgenden »sekundären« Epoche, in welcher sich die Schichten der Trias, insbesondere des Buntsandsteins, des Jurakalkes und der Kreide bildeten, sehen wir dann diese Schleicher, die Urechsen, sich allmählich auswachsen zu den Riesenechsen der Jurazeit, den Sauriern, zu jenen abenteuerlich gestalteten Ungetümen, deren auf uns gekommene Überreste schon in früher Vorzeit die Phantasie der Menschen auf das lebhafteste in Anspruch nahmen. Dürfen wir doch in ihnen die Urbilder jener Drachen und erschrecklichen Lindwürmer erkennen, welche in unseren ältesten Volks- und Heldensagen ihre große Rolle spielen. Die 40 Fuß und darüber an Länge messenden Skelette dieser Ungeheuer, wie wir sie in unseren größeren naturwissenschaftlichen Sammlungen aufgebaut sehen und gegenwärtig aus einer großen Fundstätte in Deutsch-Ostafrika herüberholen, sind Schaustücke, die ihres schreckhaften Eindruckes auf den unbefangenen Beschauer nie entbehren.

Indes sind es nicht diese Riesenechsen, welche uns die sekundäre Epoche der Erdgeschichte als naturwissenschaftlich ganz besonders wichtig erscheinen lassen. Weit bedeutsamer ist doch wohl der erste Versuch, nun auch den Luftraum über dem Erdboden zum Tummelplatz eigenartiger lebender Wesen aus der Wirbeltierreihe in Beschlag zu nehmen. Zwar wachsen jene merkwürdigen kleinen Reptile, die Pterodaktylen, die nach Art etwa unserer kleinen Fledermäuse in der Luft umherflatterten, sich nicht zu einer dauernden und weiter sich entwickelnden Tierfamilie aus. Gewissermaßen ein wieder aufgegebener Versuch der Natur, verschwinden diese Flugeidechsen schon bald für immer aus dem Reiche der fossilen Tierwelt.

Aber eine andere große, in ihrem Bau besonders streng einheitlich abgeschlossene Klasse von Tierwesen entwickelt sich nun aus dem von den Reptilien gebildeten Urboden heraus. Das ist das Reich der Segler der Lüfte, der Vögel. Weithin berühmt sind die aus dem sog. Lithographierschiefer bei Solenhofen in Bayern (Jura) stammenden Abdrücke eines Urvogels, des Archaeopterix. Sein Gebiß, mit spitzen in die Kiefer eingekeilten Zähnen, ferner der aus vielen Wirbeln zusammengesetzte Reptilschwanz, der mit zwei Reihen von Steuerfedern besetzt ist, an Stelle des kurzen Schwanzes, wie ihn durchgehend die heutige Vogelwelt aufweist, sowie andere Merkmale im Bau des Skeletts zeigen diesen Urvogel als verwandt den langschwänzigen Flugeidechsen. Diesem merkwürdigen Überbleibsel eines Urvogels des Jurazeitalters stehen ergänzend zur Seite Platten, welche die versteinerten Fußspuren von Riesenvögeln aufweisen. Und noch ein anderes bietet uns dies Zeitalter in seinen ersten Anfängen: Kiefer und einzelne Zähne, als die die größte Widerstandsfähigkeit besitzenden Skeletteile von Säugetieren, und zwar der niedersten Organisationsstufe dieser Tierklasse, nämlich den Beuteltieren, angehörig. Endlich erscheinen auch zuerst hier in der Kreidezeit einzelne Laub- und Blütenpflanzen.

Diese Anfänge führen dann zu einer reichen Entwicklung in den nun folgenden Erdschichten. Denn die Entwicklung einerseits der Laub- und Blütenpflanzen zu umfangreichen üppigen Laubwäldern, andererseits der Säugetiere in ihren Hauptfamilien bis hinauf zu den Affen, geben der »Tertiärzeit« ihre hohe entwicklungsgeschichtliche Bedeutung. Sie leitet unmittelbar über zu den Lebensformen, die wir in den jüngsten Schichten der Erdrinde antreffen, im Diluvium und Alluvium, und damit zur Flora und Fauna der Gegenwart. Eine nicht unbeträchtliche Zahl niederer Tier- und Pflanzenarten der tertiären Epoche hat sich sogar unverändert erhalten bis in unser Zeitalter hinein, d. h. jene Arten sind identisch mit solchen, die heute noch vorkommen. Ebenso weisen die Gattungen und Arten der höheren Tierwelt aus der tertiären Epoche mit den heute auf unserer Erde lebenden Formen fast durchaus ganz nahestehende Verwandtschaftsgrade auf. Das gilt namentlich auch für die Säugetiere.

Ja noch mehr! In Ablagerungen, die wir noch der jüngsten Tertiärzeit (der sog. Pliocäne) zuschreiben müssen, hat man an mehreren Stellen Steine gefunden, deren Gestaltung es so gut wie sicher erscheinen läßt, daß sie bearbeitet, gespalten und behauen sind, um als Werkzeuge zu dienen. Es gibt verschiedene Typen solcher »Eolithen« oder besser »Archäolithen« von kleinem Umfang und mandelförmiger Gestalt, die zum Schneiden oder Schaben oder Sägen und dgl. dienlich sein konnten. Allerdings wirkliche Überreste der denkenden und schon kunstfertigen Wesen selbst, welche diese Steinwerkzeuge verfertigten und benutzten, mit anderen Worten, Skeletteile des tertiären Menschen sind bisher noch nicht mit Sicherheit irgendwo nachgewiesen. Aber wer anders als der Mensch kann sich solche Werkzeuge geschaffen haben? Noch muß man die Frage, ob tatsächlich schon im tertiären Zeitalter der Erdgeschichte der Mensch aufgetreten ist, als eine offene betrachten, wenigstens ist die Bestimmung des merkwürdigen, Ende 1907 zu Mauer bei Heidelberg gefundenen Unterkiefers als der Spät-Tertiärzeit zugehörig noch angefochten. Wir werden unten auf diesen Fund zurückkommen. Dagegen ist wohl jeder Zweifel darüber ausgeschlossen, daß in der nun folgenden Epoche des Diluviums bereits Menschen unseren Erdball bewohnten, und zwar gemeinsam mit Tierformen, die, wie das Mammut, der riesenhafte Urelefant, der Höhlenbär, der Riesenhirsch, die Höhlenhyäne und wie sie alle heißen, heute längst ausgestorben sind. So reicht das erste Dasein des Menschengeschlechts auf Erden zurück in Zeiträume, denen gegenüber die Kunde von den Geschicken der Völker, die wir als »Weltgeschichte« aufzeichnen, nur eine verhältnismäßig winzige Spanne Zeit umfaßt, selbst wenn wir hinausgehen zu den mehrere Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung schon blühenden ägyptischen Dynastien, deren steinerne Urkunden uns der sie bedeckende Wüstensand so trefflich erhalten hat. –

»Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen,
und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild. –
Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres,
und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten
mächtig zurück. So zeiget sich fest die geordnete Bildung,
welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende Wesen.«

Diese Sätze schrieb Goethe 1819 in seinem Lehrgedicht »Metamorphose der Tiere« nieder. Wir finden darin die Kräfte bezeichnet, welche nach der großzügigen und für sein Zeitalter wahrlich kühnen Anschauung des Dichters bestimmend erscheinen für die Entwicklung des gesamten Formenkreises der belebten Natur. Unter »Bewahrung des Urbildes« oder des Typus haben wir den innerlichen Trieb zu verstehen, welcher bei jeder Art die ursprüngliche Bildungsrichtung erhält und sich ausspricht durch die Vererbung, derart, daß die Gestalt des Erzeugers immer wieder aufs neue ersteht und bewahrt wird in der Gestalt des Erzeugten. Diesem inneren Bildungstrieb gesellt sich aber zu der äußere, welcher den Organismus befähigt, durch Anpassung an veränderte Lebensbedingungen sich umzubilden und seine Form entsprechend zu verändern. So sind die Gesetze der Vererbung und der Anpassung die Pole, zwischen denen sich die Ausgestaltung aller der zahllosen Lebensformen in ihrer Mannigfaltigkeit vollzieht. Lag Goethe auch eine klarere Vorstellung darüber, wie man sich die Umgestaltung der Arten tatsächlich vorzustellen habe, noch ferne, und war im Jahre 1790, als er in seinem geistvollen Versuch über die Metamorphose der Pflanzen das Blatt als das Urorgan der Pflanze ansprach, das wirkliche Urorgan, die lebende Zelle, noch nicht entdeckt – in der Tiefe seiner Naturbetrachtung war er den Anschauungen seines Zeitalters weit vorausgeeilt.

Zwar stand er da nicht ganz allein unter seinen Zeitgenossen. Es war insbesondere der Franzose Lamarck, der in seiner Philosophie zoologique (1809) die Veränderlichkeit der Arten und dementsprechend einen kontinuierlichen Entwicklungsgang der organischen Bevölkerung der Erde darzutun versuchte. Lamarck trat zur Seite der Naturforscher Geoffroy St. Hilaire. Er war es, welcher den schweren wissenschaftlichen Streit in der Pariser Akademie der Wissenschaften mit dem großen Cuvier ausfocht, zur Zeit der Julirevolution im Jahre 1830. Wir wissen, mit welch leidenschaftlichem Interesse der alte Goethe diesen Streit verfolgte, und wie er mit prophetischem Seherblick das Schicksal der Entwicklungslehre als eine Frage einschätzte von weit größerer Bedeutsamkeit für die Menschheit als die politische Umwälzung, welche sich damals in Frankreich vollzog.

Für Cuvier galt die Beständigkeit oder Unabänderlichkeit der Art als ein Grunddogma der wissenschaftlichen Naturlehre. Kein einheitlicher Zusammenhang bestehe, so lehrte er, in dem Werden der verschiedenen Erdschichten oder Erdperioden und der während ihrer Bildung lebenden Tier- und Pflanzenwelt. Eine jede Erdperiode sei getrennt von der folgenden durch das Eintreten einer Katastrophe, welche die gesamte bestehende Tier- und Pflanzenwelt vernichtete; mit dem Beginn einer jeden neuen Periode habe eine vollständige Neuschöpfung der nun folgenden Tier- und Pflanzenarten stattgefunden. Diese Katastrophen- oder »Kataklysmen«-Theorie behielt damals den Sieg gegenüber Geoffroy St. Hilaire. Ein verhängnisvoller Sieg – denn er entzog der französischen Wissenschaft die Führung in dem Fortgang der Entwicklungslehre. Heute hat die damals von Cuvier verfochtene Anschauung keinen wissenschaftlichen Vertreter mehr.

Schon in demselben Jahre 1830, welches uns denkwürdig ist durch die lebhafte Anteilnahme unseres Goethe an dem Kampfe in der französischen Akademie, trat der englische Geologe Charles Lyell auf, um zu zeigen, daß lediglich die auch heute noch ununterbrochen wirkenden und die Oberfläche unseres Erdkörpers langsam verändernden Naturkräfte imstande waren, in außerordentlich langen Zeiträumen alle Wandlungen in der Schichtenfolge unserer Erdrinde zu vollbringen. Abgesehen etwa von vulkanischen Ereignissen örtlich begrenzten Umfanges ist nichts vorhanden, was die Annahme wiederholter, den ganzen Erdball umfassender Katastrophen rechtfertigen könnte. Ist aber die Bildung unserer Erdrinde eine ununterbrochene gewesen, so müssen wir uns auch die Entwicklung alles Lebendigen auf der Erde als eine einheitliche, die großen Perioden der Erdbildung hindurch fortlaufende und zusammenhängende Folge vorstellen. Damit hatte die geologische Erkenntnis den Boden vorbereitet für den Mann, welcher die Abstammungslehre, wie sie Goethe, Lamarck und Geoffroy St. Hilaire doch nur erst in verschwommenen Umrissen vorgeahnt hatten, auf den Boden einer wissenschaftlich fest gegründeten Hypothese erhob. Im Jahre 1859 veröffentlichte Charles Darwin (geb. 1809 zu Shrewsbury am Severnfluß als Sohn eines Arztes und Enkel des hervorragenden Naturforschers Erasmus Darwin) sein Werk: » On the origin of species by means of natural selection or the preservation of favoured races in the struggle for life« oder: »Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein«.

Zweifellos ist dies Buch eine der bedeutsamsten Erscheinungen der Weltliteratur. Ob man auf der einen Seite die Geistestat Darwins als die Entdeckung eines Prinzips von gleich grundlegender Bedeutung für die belebte Natur einschätzen wollte, wie es die Gravitationslehre Newtons für die unbelebte Welt war, oder ob man mit den schärfsten Waffen und leidenschaftlich die Darwinsche Entwicklungslehre namentlich da bekämpfte, wo sie auch die Abstammung des Menschen in ihren Bereich zog – kein zweites Werk hat das Denken der Menschheit in der letzten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts derart beeinflußt und befruchtet wie dieses. Insbesondere wurden der Erforschung des Lebens damit neue fruchtbare Bahnen geöffnet. Allerdings, wenn man schlechtweg von Darwinismus spricht, so muß man wohl unterscheiden zwischen der Lehre von der Einheit alles organischen Lebens auf der Erde, also der Abstammungs- oder Entwicklungslehre, und dem Versuch Darwins, für die Entstehung der Arten in der natürlichen Zuchtwahl eine grundlegende Erklärung zu geben.

Die Folge der Gestaltungsformen von Pflanzen und Tieren, wie sie uns, wenn auch lückenhaft, in den Versteinerungen aus den verschiedenen Perioden der Erdentwicklung entgegentritt, weist schon hin auf einen gemeinsamen Ursprung und eine fortlaufende Entwicklung des einen zu dem andern. Noch mehr ist dies der Fall hinsichtlich der übereinstimmenden Einzelheiten im Grundplan des Körperbaus, welche als unverkennbare natürliche Merkmale die verschiedenen Klassen und Gattungen der Tiere und Pflanzen zu gruppieren gestatten, ja bei den entsprechenden Arten den Charakter naher Verwandtschaftszeichen annehmen. Selbst da bleiben die gemeinsamen Urformen in den Organen bestehen, wo die äußeren Lebensbedingungen die größten Verschiedenheiten in der mechanischen Benutzung dieser Organe verlangen. Der Flügel des Vogels, die Flosse des Wals, das Vorderbein des Vierfüßlers, der Arm des Menschen – sie alle weisen in ihrer knöchernen Grundlage dieselben Knochenstücke auf: nur daß diese bei Bewahrung der Grundform hier verkürzt, dort verbreitert, hier verlängert, dort bis zu einem geringen Rest verkümmert erscheinen, und daß sie hier, fein gegliedert, den höchsten Grad mechanischer Brauchbarkeit erreichen, dort, fast unbeweglich zusammengefügt, eine Rolle bei der Tätigkeit des Organs überhaupt nicht mehr spielen.

Solcher Organe, die durch Nichtgebrauch wegen veränderter Lebensbedingungen verkümmerten, sich aber gleichwohl noch als Artmerkmale in unentwickelten Überresten, sog. »rudimentären« Organen, forterbten, gibt es zahlreiche im Tierreiche. Es sei da nur erinnert an die zum Fliegen nicht mehr tauglichen, fast zu Stummeln gewordenen Flügel der Laufvögel, wie beim Strauß, während der flugunfähige Pinguin seine kurzen Flügel durch Anpassung an das Wasserleben wenigstens als Ruderflossen verwenden kann; es sei erinnert an die Überreste eines Beckens, Oberschenkel- und Schienbeins beim Wal, eines Schultergerüsts und eines Brustbeines bei der Blindschleiche u. dgl. Insbesondere weist auch der menschliche Körper Organteile auf, die nur noch in verkümmerten Resten vorhanden sind, bei dieser oder jener Tierklasse aber eine wesentliche Bedeutung besitzen. Die ungemeine Fülle dieser und verwandter Tatsachen deutet auf Zusammenhänge im Ganzen der belebten Natur, welche schließlich doch nur in der Voraussetzung einer Verwandtschaft aller Lebewesen miteinander durch fortgehende Entwicklung des einen aus dem andern eine befriedigende Erklärung finden.

Ein besonderer Kreis von Erscheinungen, welche durch die Abstammungslehre in ein ganz neues Licht rückten, ist gegeben in der Entwicklungsfolge, die ein jedes belebte Wesen nach der Zeugung von der ersten Keim- oder Samenzelle an bis zur fertigen Form durchläuft. Der Gang dieser Entwicklung stimmt in der Hauptsache um so mehr überein in den Formen und weist um so mehr gemeinsame Züge auf, je näher der Abstammung nach sich die betreffenden Arten stehen. So hat man denn in den Hauptzügen dieser individuellen Entwicklung (Ontogenie) geradezu eine kurze und schnelle Wiederholung des Ganges der Stammesentwicklung (Phylogenie) erblicken wollen (Haeckels biogenetisches Grundgesetz).

Eine andere Frage ist die, ob die von Darwin gegebene Erklärung für die Entstehung der Arten, die eigentliche Selektionstheorie, allein ausreicht, oder ob vielleicht auch noch andere Ursachen für die Entstehung der Arten mitwirkend waren oder sind, Ursachen, welche vielleicht eine spätere Zeit erst klarer erkennen wird. Die Grundpfeiler der Darwinschen Theorie sind die oben mit Goethes Worten gekennzeichneten: einmal die Vererbung, wonach die Charaktere der Eltern sich gleichartig übertragen auf deren Nachkommen; andererseits aber die Fähigkeit der Anpassung an besondere Daseins- und Ernährungsverhältnisse, eine Anpassungsfähigkeit, welche in beschränkter Weise Änderungen der Formgestaltung mit sich führt. Wenn diese Veränderungen sich auf die Nachkommen mit übertragen, so werden sie bei Fortbestand der besonderen Verhältnisse allmählich zum dauernden Besitz der folgenden Generationen.

Schon die Individuen derselben Art sind sich niemals ganz gleich; bei dem einen zeigen sich diese, bei dem andern jene Eigenschaften mehr ausgebildet. Bereits früh machte der Mensch sich dies zunutze, indem er unter seinen Haustieren oder seinen Kulturpflanzen stetig eine Auswahl solcher traf, bei denen bestimmte Eigenschaften sich besonders stark ausgeprägt zeigten. Indem er deren Nachkommen wiederum einer gleichen Auslese oder »Zuchtwahl« unterwarf, glückte es ihm, allmählich Generationen zu erzielen, bei welchen jene Besonderheiten nicht nur immer ausgeprägter zutage traten, sondern auch nun durch Vererbung stetig auf die weiteren Nachkommen übertragen wurden. So gelang es dem Menschen, durch diese »künstliche Zuchtwahl« bei Pflanzen wie bei Tieren Abarten oder Rassen zu züchten, welche von ihren Voreltern immer mehr nach bestimmten Richtungen hin abwichen, und zwar oft so weit, daß sie im naturwissenschaftlichen Sinne geradezu neue Arten darstellten.

In gleicher Weise, wie hier der Mensch künstlich neue Rassen und Arten züchtet, so folgerte nun Darwin weiter, gibt es auch in der Natur, und zwar in weitestem Umfange, eine » natürliche Zuchtwahl«, eine natürliche Auslese. Das Prinzip aber, welches diese Auslese ins Leben ruft, das ist der stete Kampf, den die Organismen um ihre Existenz, um ihr Dasein führen müssen. » The struggle for life« ist das Schlagwort, welches Darwin hierfür prägte. Alle Tiere und Pflanzen müssen um ihre Erhaltung ringen, sowohl gegeneinander, d. h. gegen die Mitbewerber der gleichen Art, als auch gegen die äußeren Lebensbedingungen, gegen die klimatischen Verhältnisse, den Wechsel der Jahreszeiten, Änderungen der Bodenbeschaffenheit und die dadurch herbeigeführte Erschwerung in der Beschaffung der Nahrungsmittel, endlich gegen Feinde, die das Dasein anderer vernichten, um die eigene Existenz fristen zu können. Dabei vermehren sich alle Kreaturen unablässig in weit größerem Umfang, als sie überhaupt nebeneinander bestehen können. Hier muß die Natur eine Auslese treffen, und zwar haben nur diejenigen Lebewesen Aussicht, diesen steten Kampf zu überdauern, welche durch ihre besonderen Eigenschaften günstiger gestellt sind als ihre Mitbewerber und dazu imstande sind, ihre zur Erhaltung der Art nützlichen Eigenschaften auf ihre Nachkommen zu verpflanzen. So bildet sich eine besonders gut ausgerüstete »Varietät« der Stammart mit Eigenschaften, welche sie den Kampf ums Dasein unter bestimmten Lebensbedingungen besonders gut bestehen läßt. Dauern nun diese besonderen Verhältnisse lange Zeiträume hindurch stetig fort – und mit solchen großen Zeiträumen müssen wir bei der Entwicklung unseres Erdkörpers rechnen –, so wird die natürliche Zuchtwahl jene günstigen Abweichungen immer mehr häufen und verstärken von Geschlecht zu Geschlecht. Die bloßen Varietäten der Stammform werden so zu Arten mit bestimmten Eigenschaften, wie wir sie uns naturwissenschaftlich als fest umgrenzt vorstellen, wobei es oft, namentlich bei Pflanzen, kaum möglich erscheint, »Varietät« und »Art« zu scheiden. Weiterhin werden nun aber, in noch größeren Zeiträumen, sich die Arten, und zwar unter Erlöschen der für den Kampf ums Dasein nicht hinreichend tüchtigen Zwischenglieder, immer weiter voneinander entfernen und immer bestimmter gewisse Eigenschaften erwerben, derart, daß sie sich schließlich als verschiedene »Gattungen« voneinander sondern.

Ob der Vorgang der natürlichen Auslese durch den Kampf ums Dasein allein schon ausreicht, um die fortschreitende Entwicklung aller Lebewesen von den einfachsten gemeinsamen Urformen aus zu begreifen und zu begründen, möge dahingestellt sein. Daß eine solche Entwicklung stattgefunden hat, erscheint aber heute für ein naturwissenschaftliches Verständnis unserer Umwelt als unumgängliche Voraussetzung. Nur dürfen wir bei dem Vergleich verschiedener Gattungen neben den vielen übereinstimmenden Merkmalen, die als Ausdruck eines näheren Verwandtschaftsgrades gelten dürfen, nicht so leicht auch die Gegensätze in der gesamten Organisation übersehen. Sie zwingen uns dazu, oft sehr weit in der Stammesentwicklung zurückzugehen, wenn wir den gemeinsamen Ursprung suchen und diejenigen Stammformen ermitteln wollen, von denen aus sich nach dieser oder jener Richtung hin die Fortbildung vollzog. Es muß das vor allem dann betont werden, wenn wir auch den Menschen in den Kreis dieser unserer Betrachtung mithineinbeziehen – und damit eine Frage aufwerfen, die natürlich von besonderer Bedeutung ist.

Gerade hier hat sich aber seit dem Auftreten Darwins eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen. Einer der hervorragendsten Gelehrten, welche sich schon früh auf den Boden der Entwicklungslehre stellten, der Anatom und Physiologe Huxley, hatte in einem, 1863 von Carus auch deutsch herausgegebenen Werkchen: »Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur« die Frage zu beantworten gesucht, welcher Platz dem Menschen in rein zoologischem Sinne in der Ordnung der Säugetiere anzuweisen sei. Er kam bei eingehender Prüfung zu dem Schlusse, daß die anatomischen Verschiedenheiten, welche den Menschen von den großen sog. anthropomorphen oder menschenähnlichen Affenarten (Gorilla, Schimpanse, Orang, Gibbon) trennen, nicht so groß seien als die, welche diese von den niederen Affenarten trennen. Nach seiner Meinung sei es, möge sich auch im ersten Augenblick der Stolz des Menschen dagegen aufbäumen, keine erniedrigende Annahme, daß das Menschengeschlecht sich herausentwickelt habe aus einer Affenart, welche den heute noch lebenden anthropomorphen Affen mindestens ganz nahe stand. Die Abstammung des Menschen vom Affen hatte zwar Darwin selbst nirgendwo mit voller Bestimmtheit ausgesprochen. Aber gerade diese Vorstellung erregte die Gemüter bis auf den heutigen Tag aufs heftigste und fand dementsprechend leidenschaftlichste Bekämpfung. Allerdings, gab man die Wahrscheinlichkeit der Abstammungslehre zu, so schien nichts näher zu liegen als die Annahme, daß der Mensch in der mit den Halbaffen beginnenden Entwicklungsreihe die Spitze der Organisation bilde. Dazu kam, daß auch noch in den letzten Jahren gewisse physiologische Reaktionen des Blutserums, welche dem Blute des Menschen und dem der höheren Affen gemeinsam sind, nicht aber beim Blute der niederen Affen sowie aller anderen Wirbeltiere vorkommen, jene nähere Verwandtschaft zwischen Mensch und Menschenaffen zu stützen schienen.

Gleichwohl hat die vergleichende Anatomie der letzten beiden Jahrzehnte eine Reihe von Tatsachen beigebracht, welche die Vorstellung einer direkten Abstammung vom Affen stark erschüttern. Es sind insbesondere deutsche Forscher, nach deren Untersuchungen der Mensch nicht in dieselbe Entwicklungsreihe mit dem Affen gehört. Man müsse vielmehr zurückgehen auf ganz frühe Urformen im Säugetierreich, auf die »Urprimaten«, um die Wurzel zu finden, von der aus sich einerseits die anderen hohen Säugetiere wie Raubtiere, Huftiere usw., andererseits, vielleicht auf dem gemeinsamen Wege über die Halbaffen oder »Prosimier«, die Affen und, von ihnen gesondert, das Menschengeschlecht entwickelten.

So trennen, um die Schwierigkeit des hier zu lösenden Problems erkennen zu lassen, anscheinend unüberbrückbare Unterschiede die Form der menschlichen Hand, dieses höchstentwickelten natürlichen Werkzeugs des Menschen, von dem Vorderfuß der meisten Säugetiere. Der Huf des Pferdes, die gespaltene Klaue des Rindes, die Pfoten des Hasen oder die Pranken des Löwen sind Gebilde, die allenfalls in ihrer knöchernen Grundlage für das Auge des anatomisch Gebildeten, nicht aber in ihrem Gesamtansehen und in ihrer Funktion irgend etwas mit der Hand des Menschen gemeinsam haben. Zwar kann auch bei solchen Formen sich schon ein bemerkenswerter Grad von mechanischer Geschicklichkeit entwickeln, wie sie ihn, um ein allbekanntes Beispiel zu nennen, unser Eichhörnchen zeigt, wenn es sich den Kern einer Frucht aus den Hülsen herausschält. Und in erhöhtem Maße ist dies der Fall bei den Vorderhänden der Affen. Gleichwohl ist die Form der Hand des Gorilla oder des Schimpansen durch eine ziemlich weite Kluft von der der Menschenhand getrennt. Beim Affen ist die Mittelhand sehr schmal, und der zweite bis fünfte Finger sind auffallend lang und dünn, dagegen ist der Daumen verhältnismäßig kurz und unkräftig und macht dem starken Daumen der Menschenhand gegenüber den Eindruck eines in Rückbildung begriffenen Gliedes. Im Vergleich mit dem stattlichen und fleischigen Daumenballen der Menschenhand stellt der Daumenballen beim Affen nur eine mäßig hervortretende runzlige Erhebung dar. Die Hand des Affen kann also kaum als eine Vorstufe zur Entwicklung der Menschenhand gelten. Ähnlich liegt die Sache, wenn wir den zum Greifen geschickten Großzeh an der Hinterhand des Affen vergleichen mit dem kraftvoll entwickelten Großzeh des Menschen. Wir müssen sehr weit zurückgehen in der Entwicklungsgeschichte, wenn wir auf eine Urform stoßen wollen, in der wir die Anlage der menschlichen Hand gewissermaßen in ihrem ersten unvollkommenen Grundriß erkennen dürfen. In der Nähe von Hildburghausen hat man in Tonschichten, die mit Buntsandstein abwechseln und wohl den ältesten Ablagerungen der sekundären Erdperiode, der Trias, zuzurechnen sind, vertiefte Fußspuren gefunden, welche fünfstrahlig gebaut, mit großem abstehenden Daumen und deutlichem Daumenballen geradezu anmuten wie das plumpe Modell einer Menschenhand. Man hat dem Tier, welches diese Fährte hinterließ, den Namen Chirotherion, d. i. »Handtier« gegeben. Weitere Reste dieses geheimnisvollen Wesens sind bisher nicht gefunden. Manche halten es für ein Beuteltier. War es schon ein solches, so haben wir es zweifellos mit einem Wesen zu tun, welches an die älteste Wurzel der Säugetiere heranreicht. Nach Form und Anlage steht der Abdruck dieses Gliedes der Menschenhand wohl näher als der Vorderfuß irgendeines anderen Säugetieres.

Auch in anderen Merkmalen, von denen nur das des Gebisses genannt sei, knüpft der anatomische Bau des Menschen, so überragend auch die Entwicklung seines Gehirnes ist, an die niedersten und ältesten Urformen des Säugetierreiches an. Dies hat insbesondere H. Klaatsch in seinen Studien über »Entstehung und Entwicklung des Menschengeschlechts« (1902) dargetan.

So umschwebt noch ein geheimnisvolles Dunkel alle diese Fragen und läßt kaum schattenhafte Umrisse der von uns gesuchten Entwicklungsreihe erkennen. Auch ein bedeutsamer Fund, den der holländische Arzt Dubois auf Java machte und 1895 zugleich mit einer trefflichen Denkschrift der wissenschaftlichen Welt vorlegte, hat uns im Grunde mehr neue Rätsel als Erkenntnis gebracht. Es handelt sich um Überreste eines merkwürdigen Geschöpfes, welche gemeinsam mit Resten anderer ausgestorbener Tierarten sich in Schichten fanden, die Dubois dem spättertiären Zeitalter der Pliocäne zuschreibt, während man sie jetzt meist für jünger, dem Diluvium angehörig, hält. Erhalten sind davon das Schädeldach, zwei Backzähne und das linke Oberschenkelbein. Das Schädeldach (»Schädelkalotte«) ähnelt in seiner Form dem Schädel des heute noch auf Java lebenden Menschenaffen, des Gibbon. Es übertrifft aber an Größe und Inhalt weitaus nicht nur den Schädel des Gibbon, sondern auch den der anderen menschenähnlichen Affen, bleibt indessen zurück hinter den entsprechenden Verhältnissen beim Menschenschädel. Zudem hat die Form dieses Schädeldaches mehrere Eigentümlichkeiten gemeinsam mit dem Schädel von Menschen aus der Diluvialzeit, der sog. Neandertalrasse, von der noch die Rede sein wird. Was aber den Fund auf Java besonders merkwürdig macht, das ist die Form des Oberschenkels; denn dieser kann nur einem Geschöpf angehört haben, welches sich bereits gewohnheitsmäßig aufrechte Haltung und aufrechten Gang angeeignet hatte. Daher belegte Dubois dies Wesen mit dem Namen Pithecanthropus erectus, d. h. »aufrechter Affenmensch«. Handelt es sich auch hier nicht um das » missing link«, um das fehlende Glied in der Kette, welches den Menschen mit den höchstentwickelten Affen verknüpfen könnte, so kann der Pithecanthropus doch vielleicht als ein Seitensproß des in erster Entwicklung begriffenen Menschenstammes betrachtet werden.

Bedeutsamer wohl ist der am 21. Oktober 1907 in einer Sandgrube zu Mauer bei Heidelberg im Elsenztale in einer Tiefe von 24 Metern unter dem heutigen Boden gemachte Fund eines Unterkiefers. Denn dieser Kiefer weist ein zweifellos menschliches Gebiß auf, während der Kieferknochen selbst, breit und stark gebaut, eine affenartige Form durch das Fehlen des Kinnvorsprungs zeigt. Ja, man hat daraus sowie aus der Gestaltung des Ansatzes für die Zungenwurzel schließen wollen, daß das Wesen, dem dieser Kiefer angehörte, noch keine artikulierte Sprache haben konnte und nur Laute ausstieß. Der bekannte Anthropologe Prof. Klaatsch hält diesen Unterkiefer, der, wie oben bereits erwähnt, dem Ausgang der Tertiärzeit angehören soll, für das weitaus älteste bis jetzt bekannte Knochenstück der Ahnen des Menschen.

Äußerst geringfügig sind also die bis heute im Schoße der Erde gefundenen Überbleibsel, welche uns als Urkunden für den vermuteten Entwicklungsweg des Menschengeschlechts dienen könnten. Wir müssen und dürfen nur vertrauen, daß über kurz oder lang neue Funde unsere Kenntnis erweitern werden. Das kann aber wohl schon heute mit einiger Bestimmtheit ausgesprochen werden: daß in der Ahnenreihe des Menschen der Oberschenkel zuerst die menschliche Form annahm, d. h. daß die Entwicklung aus dem bloß kletternden Primaten zu einem aufrecht gehenden Wesen der entscheidende Fortschritt war, dem dann erst die außerordentliche Entwicklung des Gehirns verbunden mit der Ausbildung der artikulierten Sprache folgte. Denn sicherlich ist nach Freiwerden der oberen Gliedmaßen von der Aufgabe, lediglich der Fortbewegung zu dienen, die Erlernung der immer mannigfacher sich gestaltenden Handfertigkeiten ein Moment gewesen, welches die Entwicklung derjenigen Abschnitte der Großhirnrinde stark beeinflußte, in denen sich die Assoziationsvorgänge für die Bewegungen der Arme und Hände vollziehen. (Vgl. u. S. 59.)

Hat doch der Mensch seine einzigartige Stellung in der Natur erlangt durch zwei grundlegende Eigenschaften, deren erste die mächtige Entwicklung des Großhirns ist. Ihr verdankt der Mensch seine überragende Intelligenz, welche ihn zum Herrn der Erde machte und hoch hinaushob über die Tierwelt. Das zweite Moment ist die Entwicklung der hinteren (oder beim aufrechten Menschen vielmehr der unteren) Gliedmaßen. Diese ermöglichte den aufrechten Gang des Menschen und gestaltete das Bein mit dem Fuß zugleich zu einem tragenden und stützenden Pfeiler für die gesamte Körperlast wie auch zu einem hebelartig wirkenden Fortbewegungsmittel. Der menschliche Fuß, dessen Knochenstücke sich zu einem elastischen Gewölbe zusammenschließen, ist ein Organ, wie es in gleicher Form und gleicher mechanischer Brauchbarkeit kein Tier besitzt. Kein Tier auch gibt es, welches mit gestrecktem Kniegelenk aufrecht zu stehen vermöchte. Die entscheidende Errungenschaft des aufrechten Ganges hat weiterhin eine Reihe besonderer Eigentümlichkeiten im Körperbau zur Folge, welche nur dem Menschen eigen sind. Dahin gehört die Form des Beckens mit seinen breiten Darmbeinschaufeln. Wie auf einer Schüssel trägt das Becken die Last der Eingeweide. Es rechnet ferner dahin die Gestaltung der Wirbelsäule mit ihren charakteristischen Krümmungen. Insbesondere ist die scharfe Biegung der Lendenwirbelsäule allein beim Menschen vorhanden. Weiterhin machte die aufrechte Haltung beim Stehen und Gehen den allseits beweglichen Arm frei von der Aufgabe, hauptsächlich der Fortbewegung, als Kletterorgan, zu dienen. So wurde denn auch die menschliche Hand zu einem Werkzeuge, wie es in gleich vielseitiger mechanischer Verwendbarkeit, als Greiforgan, als Haken, als Klammer, als Zange, als Hammer, als Schöpfbecher usw. in der Natur seinesgleichen nicht hat. Allerdings mußte dieser entscheidende Gewinn auch mit einigen körperlichen Nachteilen für den Menschen erkauft werden. Dahin gehört z. B. die leicht sich vollziehende Entstehung von Unterleibsbrüchen, d. h. das Austreten von Baucheingeweiden aus der Bauchhöhle. Es gehört dahin wohl auch die mangelhafte Beteiligung der Lungenspitzen an der Atmung, wodurch gerade hier sich so leicht tuberkulöse Erkrankung einnistet.

Nun haben aber fernerhin die bisherigen Funde uns überzeugen müssen, daß der Ursprung des Menschengeschlechts viel weiter in der Geschichte unseres Erdkörpers zurückzulegen sei, als man früher annahm. Daß man in Ablagerungen, welche noch dem tertiären Zeitalter der Erdentwicklung angehören, bereits rohe Steinwerkzeuge gefunden hat, welche doch nur vom Menschen bearbeitet sein können, ist bereits oben erwähnt. Dieser »archäolithischen« Kultur ging zweifellos noch eine »eolithische« voraus, in welcher der Urmensch es erst gelernt hatte, Steine in ihrem natürlichen Zustand als Werkzeuge zu gebrauchen, die je nach dem Zwecke, dem sie dienen sollten, ausgesucht waren. Die Kunst, Steine zu spalten und ihre Ränder durch Behauen zu schärfen, setzt schon eine lange Reihe von Versuchen und eine langsam sich steigernde Kunstfertigkeit voraus. Erst in späteren Zeiträumen werden bestimmte Formen solcher Steingeräte üblich: jene Steinbeile, Meißel, Messer, Sägen, Schaben, Lanzen- und Pfeilspitzen, wie wir sie in unseren öffentlichen Sammlungen finden. Ihre Herstellung setzt schon einen hohen Grad technischer Fertigkeit voraus, welche der Urmensch nur in langen Zeiträumen allmählich erworben haben kann. Als Material war schon früh der Feuerstein beliebt – und so mag auch die Urkunst der Menschheit, Feuer anzuzünden und den prometheischen Funken dem Steine zu entlocken, den ersten Verfertigern jener Steingeräte bekannt geworden sein. Die Erzeugung des Feuers durch Feuerbohrer, noch heute bei zahlreichen Völkerschaften üblich, ist sicher eine spätere Errungenschaft.

Nur ärmliche Erzeugnisse seiner Hand – wenn wir die Frage nach dem Alter des Unterkiefers von Mauer als eine noch offene betrachten – geben also Kunde vom Dasein des Menschen in der tertiären Epoche. Greifbarer schon tritt uns der Mensch in der Diluvialzeit entgegen. Das diluviale Zeitalter, dessen Länge wir auch bei vorsichtigster Schätzung auf eine lange Reihe von Jahrtausenden beziffern müssen, ist uns merkwürdig vor allem durch die starken Unterschiede in seinen klimatischen Verhältnissen. Es wechseln hier mehrere sog. Eiszeiten, während derer von den Alpen und namentlich von Skandinavien her große Gletschermassen die Hauptteile Deutschlands bedeckten, so daß nur ein schmaler Streifen des Landes frei blieb, mit solchen Zeiträumen, in denen ein wärmeres Klima herrschte. Darauf weist schon hin der Charakter der Tier- und namentlich der Pflanzenwelt, die bald mehr arktischen Charakter, bald mehr den gemäßigter Zonen trägt. Vor allem treten aber zahlreiche Spuren des Gletschereises selbst bedeutsam in die Erscheinung: so die mächtigen »Findlingsblöcke«, jene von den skandinavischen Hochgebirgen stammenden Felsstücke, die, vom Gletschereis dorthin getragen, allenthalben in der norddeutschen Tiefebene sich finden; ferner die alten Grundmoränen der Gletscher mit ihren Gletscherschliffen und noch viele andere Bildungen, welche namentlich für den Charakter unserer Voralpenlandschaft bestimmend geworden sind.

Der Mensch dieses Zeitalters lebte zusammen mit zahlreichen, heute bei uns verschwundenen, ja meist ausgestorbenen Tierarten, von denen nur der mächtige Urelefant, das Mammut, das Nashorn, der Riesenhirsch, der Höhlenbär, die Höhlenhyäne, ferner das Renntier, der Moschusochse, der Urochse und das Wisent genannt sein mögen.

Was nun die körperliche Bildung des diluvialen Menschen in Mitteleuropa betrifft, so haben wir wahrscheinlich bei diesen höhlenbewohnenden Jägervölkern zwei stark verschiedene Rassen zu unterscheiden. Die eine ist die der sog. Neandertalmenschen, von welchen zuerst am Niederrhein, in dem zwischen Düsseldorf und Elberfeld gelegenen, vom Düsselbach durchflossenen »Neandertal«, Reste gefunden wurden. Im Jahre 1856 grub man dort aus der Tonschicht einer kleinen Höhle zusammen mit Knochen des Höhlenbären einen Hirnschädel aus (außerdem das rechte Oberschenkelbein und einige andere Skeletteile), welcher durch eine Reihe besonderer Merkmale von dem der heutigen Menschen scharf abweicht. Der Schädel ist vor allem auffallend niedrig und lang, hat eine stark zurückweichende oder fliehende Stirn, übermäßig vorspringende Augenwülste und große runde Augenöffnungen. Die gesamte Bildung des Schädels war offensichtlich tierischer als irgendeiner der damals bekannten Menschenschädel und paßte so wenig in das hergebrachte Schema der Rassenformen der Schädel, daß Rudolf Virchow, der in jener Zeit als erste Autorität auf diesem Gebiete galt, zu dem Auskunftsmittel griff, die Sonderbarkeiten des Neandertalschädels – er wird mit den anderen Skeletteilen im Rheinischen Provinzialmuseum in Bonn aufbewahrt – als bedingt durch krankhafte Bildungsverhältnisse zu erklären, was allerdings von vornherein als höchst unwahrscheinlich gelten mußte. Erst als 1886 in einer Grotte bei Spy (Provinz Namur) in Belgien Schädel zweier diluvialer Menschen mit denselben Rasseneigentümlichkeiten gefunden wurden, konnte es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß es sich hier um eine besondere Menschenrasse handle, die man wissenschaftlich dann als »Neandertalmenschen« bezeichnete. Die Funde in Spy wurden vervollständigt durch andere in Belgien (La Naulette), Kroatien (Krapina) und Mähren. Ganz neuerdings, im Jahre 1908, fand man dann in Südfrankreich, in der Dordogne, die Überreste eines mehr jugendlichen Individuums (bei Le Moustier) sowie die eines Greises (bei La Chapelle aux Saints, 50 Kilometer von Le Moustier entfernt), welche nach ihrer Schädelbildung der Neandertal-Spy-Gruppe zuzählen. Sie vervollständigen das Bild dieser Menschen mit fliehender Stirn, großen, weit auseinanderstehenden Augenhöhlen und schnauzenartig vorspringendem Oberkiefer mit furchtbarem Gebiß, während der Unterkiefer noch des Kinnvorsprungs entbehrt, was wohl auf eine noch geringe Ausbildung des Sprachvermögens hinweist. Auch andere Merkmale im Bau des Skeletts, so z. B. die steilen Darmbeinschaufeln, die Formen des Oberschenkelbeins, die auf einen Gang mit gekrümmten Knieen deuten, die geringe Körperhöhe, lassen bemerkenswerte Unterschiede dieser Rasse von der des heutigen Europäers erkennen.

Der vielleicht tertiäre Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg, der Pithecanthropus erectus von Java, der Neandertalmensch der Diluvialzeit und der heutige Mensch mit seinen unmittelbaren, aber auch schon weit vor Beginn unserer historischen Zeitrechnung reichenden Vorfahren, sind Formen von menschenähnlichen oder menschlichen Wesen, welche in eine durch das gemeinsame Band des aufrechten Ganges verbundene Reihe gehören. Welcher Art aber die Verwandtschaftsverhältnisse dieser Formen sind, ob die eine aus der anderen sich entwickelt hat, oder ob ihre Entwicklung sich gesondert von einer gemeinsamen Urform aus vollzog, wissen wir nicht. Auch die scharfsinnigen Untersuchungen des Anthropologen Prof. Schwalbe in Straßburg haben diese Frage der auch nur halbwegs sicheren Entscheidung nicht näher führen können. Möglich, daß spätere Funde uns hier neue und bessere Aufklärung bringen werden. Mit dem diluvialen Zeitalter verschwindet auch der Neandertalmensch und macht den besser ausgerüsteten und geistig höher stehenden Rassen Platz, denen er ohne Zweifel unterliegen mußte. Es ist jedoch eine merkwürdige Tatsache, daß die von Klaatsch jüngst untersuchten Ureinwohner von Nordwest-Australien eine Rasse darstellen, welche in mancher Hinsicht die typischen Eigentümlichkeiten der Neandertalmenschen bis auf den heutigen Tag bewahrt hat. Ihre Schädelbildung mit riesigen Stirnwülsten, großen runden Augen- und riesigen Nasenöffnungen, die eingesunkene Nase, das »mehr einer Schnauze ähnelnde« Gesicht, der zapfenartige Vorsprung des Hinterhauptes und andere Merkmale stellen uns gewissermaßen jene untergegangene Diluvialrasse lebend vor Augen. Diese Uraustralier kann man darnach als ein Überbleibsel von der Wurzel des Menschengeschlechts betrachten, welches seine primitiven Eigentümlichkeiten bewahrt hat, mit Werkzeugen hantiert, die noch der älteren Steinzeit Europas entsprechen, und an der Entwicklung der Menschheit nicht weiter teilnahm, nachdem Australien durch das Versinken der ehemals vorhandenen Landbrücke von dem übrigen Festland abgetrennt wurde. Auch ein »Naturdenkmal«, dieser Rest des Urmenschen, welcher der Erhaltung wohl wert wäre – denn leider gehen diese armen Wilden, wo sie mit dem Weißen in Berührung und in Konkurrenz treten, schnell zugrunde.

Die andere bereits in der Diluvialzeit auftretende Menschenrasse weicht in ihrer Bildung nicht wesentlich ab von den Hauptrassen des heutigen Menschengeschlechts, gehört vielmehr zu dessen unmittelbaren Vorfahren. Das Skelett des wohl ältesten bekannten Vertreters einer solchen diluvialen Rasse, der sog. »Aurignac-Rasse«, wurde im Herbst 1909 bei Combe-Capelle (40 km von Le Moustier entfernt, in der Dordogne) von dem Anthropologen Hauser entdeckt und ausgegraben. Der längliche Schädel weist durch seine schön gewölbte aber schmale Stirn, die Form der Augenbrauenbogen sowie auch durch die Bildung des Kinns, welche schon mehr auf ein bereits entwickeltes Sprachvermögen schließen läßt, ebensowohl bedeutsame Unterschiede von dem Typus des Neandertalmenschen auf, wie auch die Knochen der Gliedmaßen. Die Skelette sowohl des Neandertalers von Le Moustier als auch dieses Aurignac-Menschen, befinden sich, sorgfältigst in der ursprünglichen Lagerung mit den zugehörigen Steinwerkzeugen ausgestellt, heute nebeneinander im Museum für Völkerkunde in Berlin. Mit Ehrfurcht betrachten wir dort diese Überreste zweier Menschenrassen aus grauer Urzeit in ihren ausgesprochenen typischen Unterschieden: den edleren Typus des Aurignac-Menschen neben dem mehr tierischen des Neandertalers.

Die Höhe der Kultur der obsiegenden diluvialen Jägervölker wird bezeichnet nicht nur durch die immer vollendeter hergestellten Steinwaffen, die Geräte aus Renntierhorn und aus Knochen, sondern auch durch künstlerische Darstellungen, welche als die ältesten von Menschenhand herrührenden gelten müssen. Es sind dies Gravierungen auf Renntierknochen, Wandzeichnungen, ja selbst Reliefs auf den Wänden von Höhlen (in der Dordogne), ferner Schnitzereien aus Renntiergeweih, wobei Tiere wie das Renntier, das Wildpferd, das Mammut, der Hirsch, der Bison u. dgl. mit erstaunlicher Lebenswahrheit und Naturtreue in Haltung und Bewegung wiedergegeben sind. Wie diese Kunst schon ganz früh in der sog. neolithischen Periode mit dem Aufkommen ornamentaler und stilisierter Kunst wieder verloren gehen konnte, hat Prof. Max Verworn in einer geistvollen Studie: »Zur Psychologie der primitiven Kunst« (Jena 1908) zu entwickeln versucht. Sicherlich haben wir diese kunstreichen »Mammutjäger« zu den unmittelbaren Vorfahren der späteren, in die Geschichte eintretenden Stämme und Völker zu rechnen.

Die weitere Entwicklung des Menschengeschlechts und der menschlichen Kultur bis in das geschichtliche Zeitalter hinein ist hier nicht weiter zu verfolgen, hier galt es nur zu zeigen, was wir über die Stellung des Menschen in der Natur, über seinen Ursprung, seine Herkunft und sein erstes Auftreten in der Entwicklung unseres Erdkörpers wissen oder doch vermuten dürfen. Nur aus dürftigen Bruchstücken setzt sich, wie wir sahen, dies Wissen zusammen, aus Bruchstücken, zwischen denen scheinbar in undurchdringliches Dunkel gehüllte weite Lücken vorhanden sind. Indes, wenn unser Wissen auch hier stets Stückwerk bleiben wird: das Fortschreiten der Wissenschaft vom Menschen gibt uns die Gewähr, daß die Fülle der Tatsachen sich dauernd mehren und uns damit auch eine immer tiefere wohlbegründete Einsicht in die Zusammenhänge der belebten Natur sowie in den ältesten Entwicklungsgang der Menschheit verschaffen wird.

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