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Schaffen und Schauen

Verschiedene Autoren: Schaffen und Schauen - Kapitel 24
Quellenangabe
typemisc
authorVerschiedene Autoren
titleSchaffen und Schauen
publisherB. G. Teubner
printrunDritte Auflage
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160115
projectid03b3eda5
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4. Persönliches Leben

Mit der Betätigung im Beruf, mit der Teilnahme am Leben des Volkes aber ist der Lebenskreis des Menschen nicht beschlossen. So notwendige Formen sie für das Auswirken der Persönlichkeit sind, in ihnen erschöpft es sich nicht. Der heranwachsende Mann, der seine Kräfte anders regen will als das Kind in seinem Spiel, hat sich zum Kampfe für einen großen Zweck gedrängt, um etwas zu sein und zu leisten unter den andern. Aber die Arbeit des Lebens beginnt bald ihn zu erdrücken. Das Leben scheint zu groß und schwer für seine Kraft, die Menschen sind so schwer großen Zielen zuzuführen. Langsam sinkt der Mut, die Tatkraft erlahmt. Er geht gebahnte Wege, beugt sich dem herkömmlichen wie die andern auch. Kein Mensch kann seinen Beruf stark und ungebrochen erfüllen, der nicht gegenüber dieser Entmutigung die Hilfskräfte findet, die ihn darüber hinwegtragen. Er muß sich das Bewußtsein erhalten, ein ganzer freier Mensch zu sein, nicht nur ein Rad im großen Getriebe der Welt.

Unter diesen Hilfskräften kommt vor allen Dingen das in Betracht, was uns das Gefühl der lebendigen, regsamen Kraft in uns erhält. Das, was im Spiel dem Kinde, im Sehnen nach Zweck und Ziel dem Jüngling zum Bewußtsein kommt, muß der reifende Mann sich frisch bewahren: ich bin eine Summe starker lebendiger Kräfte, die sich regen wollen, die nicht so leicht zu brechen sind! Will er dieses Bewußtsein sich erhalten, so darf er nicht nur und beständig unter dem Drucke der bestimmten Arbeit stehen, hier hat er sehr oft alle Kraft notwendig, um nur das zu ertragen, was ihm zugemutet wird. Das frische, frohe Kraftgefühl geht ihm dann hier verloren. Auf einem Gebiete unseres Lebens muß es uns immer erhalten bleiben, damit es sich von dort wieder über den ganzen Menschen, Körper und Geist verbreiten kann. Dadurch wird uns das Spiel, das freie Regen der Kräfte in der kindlichen Zeit ersetzt, wir finden Erholung vom Drucke der Berufsarbeit. Erholung muß also immer so geartet sein, daß Frische, Kraft, Gesundheitsgefühl in Körper und Geist dadurch gestärkt werden. Das geschieht nun zunächst durch alles, wodurch wir die Gesundheit und Gewandtheit unseres Körpers mehren, Turnen, Schwimmen, Bewegungsspiele, Sport aller Art, Wandern und Spazierengehen. Je größer die Anforderungen des Lebens an Zähigkeit und Ausdauer von Geist und Körper sind, desto notwendiger werden diese Erholungen. Sie sind nicht nur ein Vergnügen, das sich leisten kann, wer will, sondern eine Pflicht gegen uns selbst, deren Erfüllung wir in der Jugend beginnen müssen, damit sich der Körper darin übt. Die Grenze ist natürlich da, wo diese Dinge wieder zur Arbeit werden, zu einem lebenerfüllenden Zwecke und Zwang statt zu einer freien Übung der Kräfte. Bei allem übertriebenen Sport ist diese Entartung eingetreten. Er macht den Menschen zu allem andern untüchtig, läßt ihm keine Zeit und Lust, ist aus Erholung zum Berufe geworden – und zwar zu einem zwecklosen Berufe, also zu einem Wegwerfen seiner Kraft an menschenunwürdige Zwecke.

Schon bei einigen dieser Erholungen treten neben der Erfrischung noch tiefere Wirkungen auf den Geist ein, so beim Wandern durch die Natur. In der mächtigen Ruhe der Natur oder in ihrer feinen Lieblichkeit wirkt die Ungehemmtheit ihres Schaffens, ihres Entstehenlassens gewaltiger, zahlloser Gebilde auf unsern Geist. Das Verwandte in ihm, das Schaffende, Ursprüngliche atmet wieder im Zusammenhang des schaffenden Lebens und kann sich wieder frischer und echter regen. Mutiger, mit größerem Glauben an sich kehrt er in den Zwang des Lebens zurück. Der eine Mensch fühlt dieses gewaltige Schaffen und Gestalten der Natur in der Unendlichkeit des Meeres, der andere im Walde, der dritte im Hochgebirge, der vierte im kleinen Gewächs von Wiese und Feld. Aber wer es nur irgendwie empfinden kann, dem ist ein Jungborn für sein Wirken im Beruf gegeben.

Tiefer hinein in die Natur führt dann die wissenschaftliche Betrachtung, sei es, daß wir bei ihren einfachen Anfängen stehen bleiben und uns nur Kenntnis der uns umgebenden Natur, ihrer Pflanzen und Tiere, ihrer Lebensverhältnisse und Art verschaffen, sei es, daß wir einen Überblick über dies ganze gewaltige Leben und seine Geschichte zu gewinnen suchen. Solche Beschäftigung ist gewiß eine ernste Arbeit, aber für den, der sie aus Liebhaberei, nicht als Beruf treibt, eine erquickende Übung der schaffenden Kräfte seines Geistes. Er fühlt, wie er mit diesem durch weite Räume schweifen, weite Gebiete beherrschen kann, und kehrt mit weitem, freiem Blick zur Last seiner Arbeit zurück.

Aber auch in der tieferen Erkenntnis des menschlichen Lebens um uns her liegt eine solche Kraft der Erholung. In unserem Berufe werden wir hilflos getrieben von den Riesenkräften des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Mit Hilfe der wissenschaftlichen Forschung lernen wir sie in ihrer Entwicklung und notwendigen Wirkung verstehen. Wir verfolgen, wie im Laufe der Jahrhunderte die Veränderungen vor sich gehen, und wie der menschliche Geist zu jeder Zeit die neuen Kräfte in seinen Dienst gezwungen hat, teils durch geschickte Anpassung, teils durch gewaltsames Eingreifen. Da fühlen wir, daß der Mensch ein Herrscher ist. Mit frohem Verständnis ordnen wir uns der Notwendigkeit der Entwicklung ein. Es weicht die Angst, die aus dem Unverstandenen kommt, dem wir uns nur instinktiv anpassen. Innerlich freier, schaffensfroher treten wir an unsere Arbeit. Weiter und weiter treibt uns diese frohe Erfahrung, und die einmal geweckte Teilnahme, dieses gewaltige Getriebe menschlicher Kultur, menschlichen Geisteslebens möchten wir in seiner Entstehung verfolgen, die Geschichte unseres Volkes, die Geschichte der Menschheit wird uns wichtig. Wir kehren auch von neuem wieder zu ihren großen Männern zurück. Mit den durch den Kampf des Lebens schärfer gewordenen Augen lernen wir ihr Kämpfen und Ringen erfassen, immer gewaltiger erscheint der in ihnen ringende Menschengeist. Wir fühlen unsere Verwandtschaft, und wieder wird unsere Kraft angespornt zu neuer wahrhaftiger Arbeit.

Diese Männer reden zu uns von den tiefsten und letzten Fragen des Daseins, von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, Sittlichkeit. Wir sehen den Widerspruch zwischen ihnen, wir erwachen zum Bewußtsein, daß wir uns selbst Klarheit verschaffen müssen – ein neues weites Gebiet eigener persönlichster Betätigung ist für uns da – das Ringen und Suchen nach eigener fester Überzeugung gegenüber dem Geheimnis und Zweck des Lebens. Wer aber zum selbständigen Lösungsversuche gegenüber diesen Fragen gekommen ist, der ist zu vollster und wahrer Selbständigkeit gelangt. Frei bildet er sein Eigenstes, und von diesem Punkte gewissermaßen außerhalb der Welt aus gestaltet er dann sein gesamtes Wirken, und niemand kann ihn darin hindern. Das Bewußtsein dieser innersten Freiheit erhält ihm durch alle Enttäuschungen den Glauben an die starke Macht in sich, das schaffende freie Wesen, und das wirkt sich dann wieder in seinem Berufe aus.

Überall, haben wir gesehen, gilt es, im letzten Grunde eben das Lebendige, das Regen der Kräfte in seiner Eigenart bei sich, bei andern in der Natur verstehen zu lernen. Die Sprache des Lebens in den Formen des menschlichen Lebens, im Schaffen und Bilden des Menschen, in der Natur zu erkennen, lehrt uns aber die echte Kunst. Sprache des Lebendigen, seiner innern Einheit soll und muß jede Form sein, die uns umgibt, und ganze, »gebildete« Menschen, die den geschilderten Weg zur weiteren Bildung gehen können, sind wir nur dann, wenn wir diese Sprache verstehen. In dem alten Haus, das uns gegenüber am Markte steht, müssen wir den Geist unserer Vorfahren in seiner schlichten Wahrhaftigkeit spüren können. Aber auch im eigenen Haus muß ein schaffender Geist zu uns reden. Auch der Stuhl, auf dem wir sitzen, und der Tisch, an dem wir essen, muß als das Geschöpf eines Menschen erscheinen. Er ist ein menschenunwürdiges Gebilde, wenn aus seiner Gestaltung nicht etwas von echter Ehrlichkeit zu uns spricht, nicht etwas unserem Geiste Verwandtes, schaffender Menschensinn, aus ihm uns grüßt. Wer das empfindet, der wird sich mit Dingen umgeben, aus denen schaffende Gestaltungskraft zu ihm redet, wenn er unter der Last des Berufes verzagen will, und die ihm sagen, daß doch schaffender Menschengeist da ist, das Größte in der Welt leistet, die tote Materie sogar zwingt, Ausdruck seines Gestaltens zu werden: Auch die Formen des Lebens gestalten sich nach dir, wenn du nur nicht verzagst, sondern in gestaltender Arbeit ausharrst bis zum Sieg!

Der ganze Wert der Kunst als Erholungs- und zugleich als Bildungsmittel erschließt sich dem Menschen, der so empfindet – aber nur ihm. Für die andern ist sie, deren Wesen sie nicht verstehen, ein mehr oder weniger vornehmes Reizmittel. Sie lassen sich deshalb leicht verlocken, Luxus und Pracht oder den frivolen Reiz, das Raffinierte oder die äußere Form fremdartigen Lebens als das Wesen der Kunst zu empfinden und zu genießen. Jeder sogenannte Kunstgenuß tötet ihnen dann ein Stück des wahren echten Empfindens für das lebendige Regen der Kräfte, dessen Darstellung Kunst doch vor allem sein soll. Deshalb sind die feinen Ästheten oft für das Leben zu schwach, dem die großen schaffenden Künstler, ein Dürer, Michelangelo, Goethe, Schiller, immer herrschend gegenüberstanden.

Aber jenes starke Kunstempfinden, das uns das Lebendige in seiner innern Einheit und seinem einheitlichen notwendigen Wirken verstehen läßt, ist die eigentliche Grundlage aller Bildung und die größte Kraft fürs Leben. Es gibt das tiefe Nach- und Mitempfinden mit Geist und Leben und ihren Gesetzen, gibt uns Takt, der etwas so Kleines scheint und etwas so Großes ist, da aus dem Empfinden mit der Geistesart und dem innern Zustand der Menschen um uns, das rechte Verhalten gegen sie quillt. Auf ihm beruht das letzte, das größte Erholungsmittel, das wir haben, der Verkehr mit andern Menschen. Auch er muß so gestaltet sein, daß er ein Regen der Kräfte, ein Gefühl unserer eigenen Kraft und des Schaffenden in den andern ist. Deshalb müssen wir uns die Gabe erwerben, in unsern Sitten, unserm Benehmen, unsern Worten und Taten ein Abbild unsers innern Menschen dem andern zu geben und aus denselben zarten Andeutungen wieder den andern zu verstehen. Auf der Gabe dieses Austausches beruht die Sitte und das gesamte gesellschaftliche Leben. Diese werden dann ein Austausch von Geist zu Geist, eine Erholung und eine Erweiterung des Geistes, weil sie einen Einblick in die Beweglichkeit, das Leben anderer Geister bieten und zugleich für unsern Geist ein leichtes und doch ernstes Spielen mit seinen Kräften, Beherrschen seiner Umgebung und seiner eigenen Ausdrucksmittel sind. Diese Übung unserer besten Kräfte, mit denen wir uns des Menschenwesens in seinem Innern und damit unserer selbst erst recht bewußt werden, darf und soll uns durchs ganze Leben begleiten und wird uns erst seinen eigentlichen Reiz und Wert erkennen, wird uns vor allem die rechte Stellung unsern Mitmenschen gegenüber gewinnen lassen.

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