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Schaffen und Schauen

Verschiedene Autoren: Schaffen und Schauen - Kapitel 19
Quellenangabe
typemisc
authorVerschiedene Autoren
titleSchaffen und Schauen
publisherB. G. Teubner
printrunDritte Auflage
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160115
projectid03b3eda5
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5. Religion

Nicht weit hinter uns liegt die Zeit, die eine Auseinandersetzung mit der Religion überhaupt nicht für nötig hielt. Ja diese Stimmung mit der Religion gänzlich fertig zu sein, ist noch nicht ganz überwunden. Den Menschen jedoch, die das geistige Leben unserer Zeit mitleben, ist sie gänzlich unmöglich geworden. Verschiedene Umstände haben das bewirkt.

Bittere Erfahrungen wurden gemacht, weil man im Gemeinschaftsleben der Völker diesen einen Faktor nicht richtig einzuschätzen wußte. Es ist heute allgemein anerkannt, daß Bismarcks Kulturkampf so nicht möglich gewesen wäre, wenn die führenden Kreise Deutschlands damals eine ausreichende Kenntnis von Wesen und Eigenart der Religion besessen hätten. Noch vor kurzem hat die französische Republik durch das Gesetz der Trennung von Staat und Kirche an Stelle der erstrebten Eindämmung der Macht der Kirche eine Steigerung derselben herbeigeführt. Man arbeitete ebenfalls unter falschen Voraussetzungen über das Wesen religiösen Lebens.

Zu solchen Erfahrungen kam die Arbeit der Wissenschaft. Immer klarer wurde durch sie das Bild vom Werden menschlichen Geistes und menschlichen Gemeinschaftslebens. Immer deutlicher aber auch erkannte sie den ungeheueren Anteil der Religion an der Entwicklung aller menschlichen Kultur. So wurde den Führern der Geisteswissenschaft immer deutlicher, daß das Werden der menschlichen Kultur nur dem verständlich sein kann, der das Sein und Wesen auch dieser besonderen Macht erforscht.

Schließlich auch zeigte es sich, daß die Gleichgültigkeit gegen die religiösen Werte zu einer starken Verödung des Menschenlebens führte. Es erwachte in den tieferen Geistern die Frage: Ob nicht irgendwie eine Schätzung dieser Werte möglich und notwendig für wahrhaft menschliches Dasein und Leben sei. Das Nachdenken über die Wahrheit der Religion wurde wieder ein Bedürfnis.

Es zeigte sich jedoch, daß es nicht leicht sei, über das Wesen der Religion Klarheit zu bekommen, ob man sie nun im gegenwärtigen Leben oder ob man ihr Sein und Wirken in der Geschichte der Menschheit beobachtete. So wunderlich verschiedenartig, teils anziehend, teils abstoßend ist sie in ihrer Art und ihren Wirkungen. Sie hat ungeheure Gemeinschaften gebildet, sie hat ganze Völker zersplittert. Sie hat Völker auf die Höhe sittlicher Kraft und geistiger Bildung geführt, wie im Mittelalter die germanischen Völker, und sie war und ist oft eine Schützerin wilder Barbarei und bildungsfeindlicher Vorurteile. Sie war in Menschen eine siegende reine Überzeugung, eine Kraft in Kampf für Wahrheit, Reinheit und Recht. Sie trat auf als unheimlicher Fanatismus, der mit Feuer und Schwert und unberechenbarer Seelenqual Wahrheit und Recht niederzwang. Sie kann eine königliche Herrscherin sein wie im stolzen Bau der römischen Kirche, und eine stille demütige Dienerin. Sie kann eine Organisation von großen Massen im Kampf des Lebens und ein stilles Suchen in einzelnen, feinen Menschenseelen ganz im Verborgenen sein.

Und wie verschieden ist ihre innerliche Art, eine Überzeugung sittlicher Art wie bei Luther, Traum, Ekstase oder Vision beim indischen Mönch, wilde Erregtheit beim türkischen Derwisch, blinde Hingabe an überlieferte Lehren bei vielen Menschen unserer Zeit, ungeheuer starke, klare, weltüberschauende Selbständigkeit bei anderen. Ablehnung der wissenschaftlichen Erkenntnisse gehört bei den einen zu ihr, die andern fordern im Namen der Frömmigkeit, daß man sie anerkennt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Was ist in dem allem ihr wahres Wesen?

Beherrscht von dieser Frage tastete man sich zurück in die Geschichte der Menschheit. Aus ihrem Entstehen und ihrer Entwicklung heraus wollte man diese eigenartige Erscheinung und ihre Gewalt über die Völker begreifen.

So erkannte man, daß menschliches Geistesleben aus einer Art des Denkens und Empfindens herausgewachsen ist, die der unseren gänzlich widerspricht. Wir finden diese Art aber in den uralten Urkunden vergangener Völker bis hinauf zu den alten Kulturvölkern, wir finden sie in Spuren bis in unsere Zeit hinein und finden sie vor allem in kraftvoll ausgeprägter Gestalt bei den heutigen Naturvölkern, und zwar um so deutlicher, je primitiver ihre Kultur, je geringer ihre Berührung mit Europa ist, bei den Indianern, Australnegern, Eskimos.

Für das Denken dieser primitiven Völker hängen die Dinge auf eine geheimnisvolle Weise zusammen. Das eine Ding besitzt eine bestimmte, zwingende Macht über das andere, die man nur kennen und zu benutzen wissen muß. Dieser Zusammenhang besteht zwischen allen Dingen, die mit einem Wesen zusammengehört haben. Wer also ein Stück der Kleidung, Haare, Nägel, ja das Bild eines Menschen in seinem Besitz hat, der kann diesen durch segnende Gebräuche und segnende Worte, die er über sie ausspricht, fördern, kann ihm durch ebensolches Fluchen schaden, ja ihn töten. Schon das Aussprechen des Namens bedeutet eine Gewalt über den, dem er gehört.

Um etwas in der Welt ausrichten zu können, muß der Mensch – besonders der Mann – diese magische Kraft besitzen. Sie gibt ihm Gewalt über die Tiere, daß er sie bei Jagd und Fischfang trifft und überwältigt. Sie gibt ihm Gewalt über die Feinde. Das Wachsen der Frucht auf dem Felde wird ermöglicht durch Zauberzeremonien, die das Geschehen darstellen, das man sich dabei vor sich gehend denkt, oder das Tun der Dämonen, die das Wachsen bewirken. Daß ein Knabe ein gewaltiger Krieger wird, erreicht die Mutter durch Gesänge von seinem scharfen Auge, starken Arm und schnellen Fuß, währenddessen sie die Glieder berührt oder bestreicht. So gibt es für den werdenden Mann besondere Zeremonien, die ihn mit dieser Kraft füllen, die Pubertätsgebräuche aller Völker. Besonders wirkungsvoll hierbei sind Tänze, betäubende Getränke, Schmerzen, Schlaflosigkeit, die das Nervensystem aufreizen. In dieser Sehnsucht, sich mit magischer Kraft zu füllen, liegen also auch die Anfänge der Askese. vor Jagd und Krieg werden solche Zeremonien wiederholt, um die magische Kraft zu stärken.

Ohne Zweifel liegen hier Stimmungen, Gedanken und Gebräuche zugrunde, die als Anfänge religiösen Empfindens zu beurteilen sind. Aber ist es wirklich nur Religion? – Wenn in verschiedenen Pflanzen magische Heilkräfte ruhen nach dem Glauben der Primitiven, später aber es sich herausstellt, daß die eine davon wirklich diese Heilkraft hat, ihr Gebrauch also auf richtiger Beobachtung beruhte, der anderen nur aus irgendwelchen irrtümlichen Analogiebildungen heraus Heilkraft zugeschrieben wurde, stehen wir da nicht auch vor den Anfängen der Wissenschaft? Für das Denken der Primitiven ist eben auch die wirklich beobachtete Heilkraft magische Kraft, weil es nur magisches Wirken gibt. Ja wenn wir uns recht überlegen, daß der Zusammenhang der Welt – wie für uns Kausalzusammenhang – so für den primitiven Menschen magischer Zusammenhang ist, dann sehen wir, daß viele dieser magischen Handlungen eine Technik darstellen. Unsere Technik beruht auf der Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge, die Technik des Primitiven ist auf sein vermeintliches Wissen von magischen Zusammenhängen aufgebaut. So steckt in diesem Denken Religion, Wissenschaft und Technik gleichzeitig – ja auch die Kunst. Der Tanz, das Lied, das Bild, die das innere Wesen des Menschen erregen, sind gerade deshalb auch gleichzeitig magisch wirksam gedacht und werden um ihrer magischen Wirksamkeit willen gepflegt, die im Erregen des Innern sich dokumentiert.

Natürlich ist auch die Sittlichkeit dieser Völker auf dieser Gedankenwelt aufgebaut und durch sie bedingt. Magische Kraft besitzt die Gemeinschaft, und in ihren gemeinschaftlichen Zeremonien, Kulten, Sitten erhält und mehrt sie diese. Die Loslösung des einzelnen von ihr, löst ihn von der Kraft los, die allein Weltbeherrschung ermöglicht. Verpflichtet ist der einzelne durch seine Lebensweise, Sitte und sein Mittun mit den Gebräuchen der Gesamtheit, die vorhandene magische Kraft nicht zu hemmen, sondern zu mehren.

Aus ganz anderen Erfahrungen ist eine andere Form primitiver Gedankenbildungen entstanden, der Animismus. Er hängt einmal mit der Erfahrung des Todes zusammen. Der Tote wird als ein in anderer Gestalt weiterexistierendes Wesen gedacht. Er erscheint ja auch im Traume. Außerdem ist der primitive Mensch geneigt, alle wirkende Kräfte als Wesen zu denken, die lebendig sind, wie er auch. Einen Unterschied zwischen Lebendigem und Totem kennt er überhaupt nicht, alles ist ihm darin gleich. So werden schließlich auch die einzelnen magischen Kräfte und wieder die Gesamtkraft der Welt als Wesen gedacht.

Diese Wesen gelten nur als Ursachen der Ereignisse. So schwindet der Glaube an die bloße Zauberkraft und den magischen Zusammenhang. Man denkt sich Wesen, die durch ihre Absichten und Handlungen die Ereignisse des Lebens und der Natur hervorrufen. Aus den Zauberhandlungen, die als solche das Gewünschte schaffen sollen, werden nun Kulthandlungen, die diese Wesen beeinflussen, daß sie tun, was man wünscht. Es bedeutet dies das allmähliche Entstehen der Vorstellungen von Ursache und Wirkung. Nur ist sie an lebendige Wesen geknüpft. Jede Reihe von Ursache und Wirkung muß irgendwo aus dem Willen eines Lebendigen den Ursprung nehmen, wie sie im beobachteten Leben aus dem Willen des Menschen entspringt. – Diese Art des Denkens hat sich heute noch erhalten. Wie oft wird das Dasein Gottes daraus bewiesen, daß die Welt eine Ursache haben müsse. Es gibt eben sehr viele Menschen, die jetzt noch nicht von der Vorstellung frei sind, daß der Zusammenhang von Ursache und Wirkung zuletzt immer seinen Ausgang vom Willen eines lebendigen Wesens nehmen müsse. Ein so bewiesener Gott hat natürlich mit dem religiösen Leben nichts zu tun. Er ist eine wissenschaftliche Welterklärungshypothese, für unsere jetzigen Begriffe sehr unvollkommener Art – zur Zeit des Aristoteles war es die höchste Höhe der Wissenschaft so zu denken. Auch im Götterglauben wirkt also nicht die Religion allein. Auch er ist zugleich wissenschaftliche Welterklärung. Für alle beobachteten Gebiete des Seins und der Natur werden lebendige Wesen als Ursachen angenommen, weil man sich andere Ursachen noch nicht denken kann.

Aber was ist nun Religion, wenn sie nicht dieser Zauberglaube und Glaube an kausal wirkende Willensmächte selbst ist? Wir werden es am besten erkennen, wenn wir eine Erscheinung herausgreifen, in der jedermann ohne Zögern religiöses Leben anerkennen wird. Die Verehrung der Stadtgötter der Griechen, des Volksgottes Jahwe im Volke Israel stellen ohne Zweifel Religion dar. Hier aber sind die Götter Hüter eines über den einzelnen Menschen hinausragenden Wertes, der Gemeinschaft des Staates oder des Volkes. Ihr Wille ist alles, was dies Volk, diesen Staat zusammenhält. Ihnen dienen heißt, dieser Gemeinschaft das leisten, was sie vom einzelnen nötig hat. Gnädig sind sie dem, der sich der Gemeinschaft hingibt. Die begeisterte Vaterlandsliebe großer Menschen und Helden, die Gabe der Führerschaft und der Sinn für Gerechtigkeit um der Gemeinschaft willen sind Ausflüsse ihres Wesens. Die Träger dieser Kräfte sind »gottbegeisterte« Menschen. Hier ist deutlich Religion das Bewußtsein und Bedürfnis des Menschen einer höheren, von einem übermenschlichen geistigen Wesen ausgehenden und getragenen Gemeinschaft anzugehören und ihr verpflichtet zu sein.

Gehen wir nun nochmals zurück in die Zeit primitiver Kultur, so werden wir dies Bedürfnis nach Gemeinschaft mit Höherem vorgebildet finden in allen Bestrebungen der Menschen, sich mit der weltdurchdringenden Zauberkraft zu füllen, daß sie Beute auf der Jagd, Sieg im Krieg, Erfolg im Leben verschaffe. Überall, wo dies Tasten des Menschen zu den höheren Kräften des Lebens hin ist, da ist die Spur der Religion.

Eine doppelte Entwicklung nimmt nun das religiöse Fühlen aus der Zeit ursprünglicher Verworrenheit. Einmal löst sich das wissenschaftliche Welterkennen von ihm los, und damit fällt Stück für Stück das Bedürfnis, den äußeren Verlauf der Welt durch religiöse Kulte zu beeinflussen. Den äußeren Verlauf der Welt kann man ja mehr und mehr durch die auf die Wissenschaft gegründete Technik beherrschen; daß religiöser Kult dies könne, glaubt man nicht mehr. Dies erscheint dem äußerlichen Beobachter als ein langsames Absterben des religiösen Glaubens, der für die Weltbeherrschung des Menschen immer weniger bedeutet. Das Absterben des Glaubens an ein unmittelbares Eingreifen Gottes in die sichtbare Welt scheint eine Vernichtung des Gottesglaubens selbst zu sein. In Wirklichkeit bedeutet es eine Entlastung der Religion, die nun gänzlich von allem geschieden wird, was sie zu einem Hilfsmittel für das äußere Wohlergehen der Menschen herabwürdigte. Nicht mehr geht der Bauer in die Kirche, um gut Wetter für seine Saaten zu verdienen, und nicht mehr betet man; um äußeres Glück durch religiöse Übungen zu erlangen. Wo das noch geschieht, wird es mehr und mehr als Aberglaube beurteilt.

Denn Aberglauben ist es eben, wenn der Glaube an den zauberhaften Zusammenhang der Ereignisse oder die Rückführung auf unmittelbares Wirken übermenschlicher Willensmächte beibehalten wird, während die Wissenschaft schon längst die kausalen Zusammenhänge erforscht hat. Der Aberglaube versucht dann noch immer durch Zauberformeln und Gottesanrufungen Krankheiten zu heilen und andere Wirkungen hervorzubringen. Von der Wissenschaft, die über diese Stufe der Vermischung hinausgeschritten ist, wird er als Dummheit, von der höher entwickelten Religion als Gottlosigkeit, als Verwendung religiöser Werte zu außerreligiösen Zwecken beurteilt.

Während nun so die Wissenschaft ihr Gebiet eroberte und die religiöse Weltbetrachtung daraus verdrängte, ging andererseits die Religion auch den Weg eigener Entwicklung. Höher, reiner und geistiger wurden die Werte, die man in der Gemeinschaft mit den übermenschlichen Gewalten suchte. Anfangs sollten diese Gewalten die weltbeherrschenden Zauberkräfte geben, dann sollten sie Stammesgemeinschaft, Stadtgemeinschaft, Volksgemeinschaft und ihr äußeres Glück aufrechterhalten.

Schließlich erlebte das menschliche Gemüt mit voller Klarheit, daß der Wert aller Werte, die tragende Kraft aller Gemeinschaft und alles Geistigen die menschliche Innerlichkeit ist. Ihre glutvolle Begeisterung und Liebe und Treue schafft alle Gemeinschaft, schafft alles edle Glück, ist das Wertvolle, das über allem anderen steht. Ihre innere Selbständigkeit und Unabhängigkeit von aller Herrschaft äußerer Gewalten, Triebe und Leidenschaften in einem klaren, selbständigen Personen- und Willensleben ist die höchste Würde, die zu erreichen ist. »Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele.« Jesus ist die Gestalt, in der dieser Höhepunkt menschlichen Gemütslebens hervortritt. In ihm sucht die Religion Gemeinschaft mit einem gewaltigen Wesen, dem dies Innenleben des Menschen der einzige, höchste Wert ist. Äußerlich läßt Gott Menschen zugrunde gehen. Jesus läßt er gekreuzigt werden. Leid und Schweres müssen die Seinen ertragen. Aber das alles geschieht, daß die Kraft, Unabhängigkeit, innere Freiheit der Seele wachse und erstarke, und das Innenleben wird von ihm siegreich durch allen Erdenkampf zum Reich der Freiheit gerettet. »Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?« sprechen die, die diesen inneren Wert erkannt haben und ihn zu erreichen sich streben und sich bewußt sind, darin den Willen des Höchsten zu tun, der die Welt beherrscht.

Von dieser Höhe des Gemütslebens aus findet die von der Religion sich loslösende Entwicklung der Wissenschaft freudiges Verständnis. Es ist gut, daß die Wissenschaft alles Äußere, alles Geschehen draußen aus der unbedingten Geltung des Kausalgesetzes erklärt und durch Kenntnis der Kausalzusammenhänge Herrschaft über diese äußeren Vorgänge und Lebensbedingungen schafft. Dadurch wird auch festgestellt, daß die Religion den Gottesglauben nur nötig hat um der inneren Werte und des inneren Wesens des Menschen willen. Die Wissenschaft zeigt dem Menschen, wie er seine äußeren Lebenszwecke erreichen kann, indem er die Gesetze des Geschehens kennt und beherrscht. Hier ist ein Rückgehen auf Gott und Gottesglauben unnötig und falscher Aberglaube. Die Religion aber fragt: Ist in diesem ungeheuren Zusammenhang von Ursache und Wirkung – in all diesem äußeren Geschehen, das von notwendigen, harten, mechanischen Gesetzen beherrscht wird, ist da Rücksicht genommen auf den Wert meines Innern und seine Bedürfnisse, herrscht über allem Liebe oder tote Gleichgültigkeit?

Und von hier aus gilt es nun wieder einen Blick rückwärts in die Entwicklung der Religion zu werfen. Überall da wird man dann Religion sehen, wo der Mensch bei den irgendwie von ihm vorgestellten übernatürlichen Gewalten Liebe zu seinem Innern und dessen Werten annimmt, wo er glaubt, für diese Werte Schutz, Förderung und Erziehung bei den Schicksalsmächten zu finden. Man wird dann die übermenschlichen Wesen, die er vorstellt, weil er sich Vorgänge und Daseinsbedingungen nur anthropomorphistisch erklären kann, scheiden von denen, in deren Wesen und Willen er Beziehungen zu seinen seelischen Werten annimmt. Nur die letzteren sind religiöse Erscheinungen, nur die Beziehungen zu ihnen religiöser Glaube.

Die Entwicklung dieser Gemütswerte bedingt denn auch die Entwicklung der Vorstellung von dem göttlichen Wesen. Man konnte ursprünglich Schutzmächte für den Familienverband, den Stammesverband, den Stadt-, den Volksverband annehmen und sie alle getrennt verehren. Man konnte dazu einen Gott denken, der die Treue im Menschen wachruft und in der menschlichen Gesellschaft schützt, einen, der die Tapferkeit und Begeisterung des Krieges gibt usw. Je mehr jedoch das menschliche Innenleben und die Beziehung von Mensch zu Mensch als der zentrale Wert erkannt wurde, desto mehr mußten alle diese Trennungen schwinden. Über der Welt waltet ein Wille, der die Seele zur vollen Reinheit, Vollkommenheit und inneren Unabhängigkeit führen will, und der von uns verlangt, daß wir bei uns und anderen die Seele über alle anderen Dinge lieben und uns als Brüder fühlen.

Diese Entwicklung zum Monotheismus hat nicht von sich aus sofort dazu geführt, daß die Vorstellungen von anderen übermenschlichen Geistwesen abstarben. Judentum und Christentum haben jahrhundertelang neben Gott gute und böse Geister in der Welt wirkend gedacht. Aber eben religiösen Wert hatte nur der eine, zu dem man innerliche Beziehungen suchte, weil das Heil der Seele und die Umgestaltung der Welt zum menschenwürdigen Gemeinschaftsleben von ihm abhing. Die wissenschaftliche Entwicklung brachte dann den Geisterglauben zum Absterben. Alles, was nach der alten Anschauung Geister wirken sollten, wurde ja in die Gesetzmäßigkeit des kausalen Wirkens eingeordnet. Geisterglaube wurde Aberglaube. Und so hat denn diese wissenschaftliche Entwicklung auf der anderen Seite den Monotheismus gefördert. Schon vor der Entstehung des christlichen Monotheismus ist durch sie in der griechisch-römischen Welt der Glaube an viele Götter gestorben und der an einen Gott aufgekommen, aber eben nicht als Religion, sondern als wissenschaftliche Welterklärung. Dieser wissenschaftliche Monotheismus hat sich mit der christlichen Frömmigkeit geeint. Es bildete sich so nach und nach das Gottesbild aus, das Gott wie einen gewaltigen König im Himmel vorstellte, der von dort aus die Welt regiert.

Die neue Zeit zerstörte dieses Gebilde. Die Welt wird eine ungeheure Einheit von wirkenden Kräften. Einen von außen herein regierenden Gott kann man sich nicht mehr vorstellen. Wunderglaube, die Vorstellung von Gott als einem übermenschlichen und doch menschenähnlichen Wesen erlöschen. Aus Goethes Vorstellungswelt und anderen Einflüssen bildet sich ein Gottesglaube, der Gott identisch sieht und fühlt mit diesem unendlichen Kraftmeer, das dem Dasein der Welt seine Möglichkeit, sein Leben gibt.

Diese pantheistische Vorstellung von Gott ist nicht notwendigerweise zugleich religiöser Glaube, Frömmigkeit. Sie kann eine Zusammenfassung dessen sein, was die Wissenschaft uns vom Wesen der Welt zeigt zu einer Gesamtvorstellung philosophischer Art. Religiös wird sie erst, wenn dazu das Sehnen des menschlichen Geistes kommt mit diesem Meer der Kraft eine Einheit, eine Gemeinschaft zu finden. Dies bedeutet aber wieder in engem Zusammenhang mit den Veränderungen des wissenschaftlichen Weltbildes und der dadurch bedingten Gesamtvorstellung der Menschen von der Welt eine Umbildung im menschlichen Gemütsleben selbst.

Seit Luther war im Protestantismus ganz besonders die Seite der Frömmigkeit gesehen und gepflegt worden, die den Wert der menschlichen Seele betont, sagen wir das spezifisch Christliche an der Religion. Wer die Werte und Würde seiner Seele und der Seelen der anderen höher schätzt als alles Irdische, wer sich durch Jesus zu dieser inneren Wertschätzung und einem ihr entsprechenden Leben erheben, »erlösen« läßt, der tritt in Gemeinschaft mit Gott. Gott aber wird dabei als der gewaltige, schaffende und führende Wille über uns empfunden, der unser und der anderen Wert empfindet, wie wir ihn empfinden.

Nun tritt jene andere Seite der Religion in den Vordergrund, die schon in den alten Zauberkulten in primitiver Form vorhanden war: Gemeinschaft mit der lebenschaffenden, quellenden Macht wird gesucht, weil die Seele fühlt, daß hier Glück, Lebenserhöhung sein muß, selbst wenn man vom Wesen dieser Lebenserhöhung nur eine blasse ahnende Vorstellung hat. – Nie war diese Gefühlswelt ganz im Christentum erloschen. Ein Paulus kennt sie, ein Augustin, die mittelalterliche Mystik, Jakob Boehme. In Orthodoxie, im Pietismus, im deutschen Idealismus finden sich Spuren davon. In Goethe lebt sie gewaltig auf. Das ganze gewaltige Gebäude der katholischen Kirche ruht auf dieser Sehnsucht nach Einheit mit dem göttlichen Leben als auf einem seiner Grundpfeiler. Aller Gottesdienst, alle Sakramente, die gesamte Hierarchie der katholischen Kirche haben ja den Zweck, die unendliche Größe des Göttlichen in menschliches Leben und menschliche Seelen hineinzusenken, jene Gemeinschaft herzustellen, die Frömmigkeit ersehnt.

Noch viel ausschließlicher haben zwei andere Weltreligionen diese Seite des religiösen Erlebens ausgebildet, Brahmanismus und Buddhismus. Das Wesen ihrer religiösen Sehnsucht ist das unendliche Bedürfnis nach Gemeinschaft mit der Quelle des Lebens und Seins, wo die Kraft ist über all der Schwäche, die der Mensch so sehr täglich zu fühlen bekommt. Dort ist die Reinheit über all der Unreinheit, die ihn ekelt. Dort ist die Ruhe über all der Unruhe und dem Kampf, die ihn quälen. Dort ist die Seligkeit über all der Unseligkeit, all dem Leid, die er täglich empfindet. Dort ist das Unwandelbare über all dem Wandelbaren und deshalb so Unsicheren, in dem er versinkt und strauchelt, dort die Wahrheit nach all dem Schein und der Lüge, die ihn täuschte.

Wir fühlen es wohl, daß die Frömmigkeit niemals dieser Sehnsucht entbehren kann. Deshalb hat sie sich auch im Christentum neben dessen andersartiger Gestalt immer erhalten und es immer wieder auf irgendeine Weise durchzogen. Mystik und Ekstase, Askese und Weltflucht sind dieser Grundgestalt der Religion verwandt. Auch sie haben im Christentum immer ihre Vertreter gehabt. – Aber eines fehlt hier, die Frage: Ist in diesem Höchsten, Ewigwirklichen und Ewigkraftvollen auch die Verwirklichung des höchsten Wertes, den ich in mir fühle? Nicht nur Ruhe sucht die Seele, nicht nur Reinheit, nicht nur Seligkeit und Lebensfülle, sondern auch die Verwirklichung ihres inneren Wesens in schaffender Tat: werde ich in Verbindung mit dem Ewigen können, was ich jetzt nicht kann, Gutsein, Tapfersein, Reinsein, Unabhängigsein, Freisein? – Wir sehen, zur vollen Ausschöpfung der religiösen Wirklichkeit unserer Seele gehört zur Sehnsucht nach Gemeinschaft mit der Lebensfülle auch die Sehnsucht, diese Lebensfülle zu einem Stück unseres Seelenwesens werden zu lassen, zu schaffender Tat, die durch unser Seelenwesen geschieht. Hier liegt die Fülle des Christentums über jene anderen Religionen hinaus, daß es den Wert der einzelnen Seele so stark fühlt und fühlen lehrt und ihr Bedürfnis nach Vollkommenheit und edler Weltgestaltung und wahrhaftiger Gemeinschaft so ernst nimmt, ihr die Gewißheit zu geben sucht, daß die Gemeinschaft mit Gott gleichzeitig das Werden der vollkommenen Gestalt der Seele, ihrer Tat und ihrer Gemeinschaft mit anderen Seelen ist. Es war geschichtlich notwendig, daß diese Seite christlicher Frömmigkeit ganz überwiegend die Gestaltung der christlichen Gedankenwelt und Gottesvorstellung bedingte. Mußte doch gerade das ausschließliche Überwiegen der bloßen Sehnsucht nach Lebensfülle zurückgedrängt werden, um dieses Wertes willen. – Nun aber kann die andere Seite der Frömmigkeit wieder ungehindert erwachen. Das Gefühl für den Wert der Seele, des Inwendigen und seiner schaffenden Kräfte, der Gemeinschaft und ihrer Herrlichkeit ist im Gemütsleben der Menschen fest geworden. Wenn nun das Religiöse erwacht als eine Sehnsucht nach der Quelle des Lebens, nach der Fülle des Seins, wird immer und immer wieder das Gefühl hinzutreten, daß diese Fülle des Seins zugleich die weltbeherrschende Bürgschaft unserer eigenen Seelenkraft und ihrer werdenden Vollendung ist, die Quelle der Erlösung aus der Unkraft der Seele zur kraftvollen Gestaltung ihres vollen Wesens und ihrer vollen Würde. Damit wird sich jenem pantheistischen Gottesbild immer wieder jener Zug beimischen, der enthalten ist im Bilde Jesu vom Vater, der sein Kind zur Vollendung seines Wesens, zur höchsten Ausbildung aller seiner edlen Kräfte führen will. Das aber ist das Wesen christlicher Frömmigkeit; die dazu tretende Gottesvorstellung kann nichts Feststehendes sein, sondern muß mit dem Wandel der Welterkenntnis und dem Wandel der Gemütsstärke wechseln, wie sie immer wechselte. Wir erkennen den Ewigen nur stückweise, nicht im vollen Wesen, und müssen suchen, immer gewaltigere und ehrfürchtigere Bilder von ihm in uns zu empfinden.

Damit berühren wir die Frage nach der höchsten Religion. Sie ist selbstverständlich nicht absolut zu beantworten. In jeder Religion liegt ein Stück der unendlichen Sehnsucht der Menschenseele, die aus primitivem Ausdruck zu einem Leben und Empfinden von höchster sittlicher Würde sich emporgearbeitet hat. Aber aufzeigen kann man, daß bis jetzt das Christentum die einzige Religion ist, in der der ganze Kreis dieses Empfindens in hoher Ausbildung vorhanden und weitergegeben wird. Demgegenüber kann jede andere Stimmung immer darauf hinweisen, daß das gerade das Falsche sei, was das Christentum in die Religion hineinbringe, die große Unruhe des Kampfes, der Sehnsucht nach Vollkommenheit und vollkommener Tat und Weltgestaltung – die Ruhe, die Lebensfülle, die Stille müsse die Religion suchen, die über dem allem hinaus ist. Hier entscheidet zuletzt das sittliche Empfinden und seine Kraft und Tiefe beim einzelnen. Wer in der menschlichen Seele, ihrer sittlichen Kraft und Entwicklung die höchste, heiligste Würde seines Lebens, ja alles Seins empfindet, der wird sie auch mit seiner Frömmigkeit verbinden und in christlichem Sinne fromm sein. Er muß sich die Welt belebt denken von einem Willen zu immer weiter gehender Vollendung des geistigen Lebens, das in uns selbst in seiner Eigenart und Größe ringt und lebt, zu immer mächtigerer Gestaltung unserer geistigen Gemeinschaft zu wahrhaftiger, reiner Gemeinschaft von Seele zu Seele, in Liebe.

Deshalb ist für das Christentum der göttliche Wille ein mächtiges Tun und Kämpfen, ein Niederkämpfen des Gemeinen in uns und um uns, ein Schaffen des Wahren und Guten. Er ist für uns ein Zwang, bei diesem Werke das Unsrige zu tun oder auf Gemeinschaft mit ihm und dadurch auf Leben, Kraft und Zukunft zu verzichten. Es ist eine lebendige Hoffnung auf einmal vollendete Vollkommenheit und geistige Gemeinschaft der Wahrheit und Liebe.

Hier nun ist wieder der Islam der Gegensatz zum Christentum. Ihm ist nicht der Mensch und seine innere Vollendung Gegenstand des göttlichen Willens, sondern der göttliche Wille an sich alles und die völlige Unterwerfung des Menschen der Zweck. Auch an dieser Stimmung nimmt wieder alle Religion teil, wenn sie vom Inhalt des göttlichen Wollens absieht und nur seine Größe und Reinheit im Gegensatz zur Kleinheit des Menschen empfindet. Besonders Calvin hat innerhalb christlicher Frömmigkeit dieser Majestät Gottes gegenüber allem Menschlichen Ausdruck gegeben.

Wir sehen: Wer den Geist der Religionen verstehen will, der darf ihn nicht in erster Linie aus ihren Worten und kalten Lehren zu schöpfen suchen. Das ist einer der größten Irrtümer, daß man Religion und Lehre verwechselt. Wer nur ein wenig von der Entwicklung der Religion kennt, der muß sehen, daß die Lehre eben immer auch von dem um sie her herrschenden Maß der Welterkenntnis bestimmt ist. Das Wesen der Religion ruht aber in dem, was sie als das Höchste und Heiligste in Verbindung mit der übermenschlichen Gewalt – ihrem Gotte – sucht. Deshalb müssen wir lebendige Menschen, hervorragende Vertreter wahrer Frömmigkeit befragen, müssen zu erkennen suchen, welche Gemütsbedürfnisse zu den in den Lehren formulierten Überzeugungen führten und darin befriedigt werden sollten. Und das Leben der großen Gemeinschaften müssen wir durchforschen, müssen uns klar werden, worin die Gewalt liegt, die sie über die Massen ihrer Anhänger ausüben und welche Wirkungen sie in deren Seelenleben hervorrufen. So werden wir das eigentliche Wesen der Religionen finden, aus dem Gemüte hervorgehend und dann das Gemüt der Nachkommen wieder formend.

Denn lebendige Religion trat in der Weltgeschichte und tritt noch auf als Überzeugung einzelner, der Männer, die im großen oder kleinen unbeugsam ihr Leben in diese bestimmte Willensrichtung zwingen, entweder untergehen oder die anderen mit hineinzwingen durch die Gewalt ihrer eigenen Überzeugung. Der weltbeherrschende Wille will anderes, als ihr bis jetzt erstrebt habt – rufen sie den Menschen zu. Die Wucht ihrer religiösen Unabhängigkeit befähigt und zwingt sie zum Kampfe bis aufs Messer, in dem sie allein dies Neue durchsetzen können.

Und lebendige Religion tritt auf als gemeinsame Anschauung von Menschenmassen, bestimmten Völkern, bestimmten Gemeinschaften, die sich in einem Volke bilden oder auch über die Grenzen der Völker erstrecken. Religion wird eben zur Kirche, wenn die Überzeugung eines solchen Großen herrschend geworden ist. Seine Anhänger schließen sich zusammen, bestärken und vertiefen sich in seiner Überzeugung; später sucht man sie genau in Formeln und Lebensregeln zu fassen, die dann als gewaltige Gesetze dem Leben auferlegt von Geschlecht zu Geschlecht weitervererbt werden, bis wieder ein Großer kommt, der sagt: Gott ist nicht ein totes Gesetz! Gott ist Leben und will Leben! – der mutig den Kampf mit dem Überkommenen wagt und neue Erkenntnis des weltbeherrschenden Willens vermittelt.

So erwächst das Wichtigste zum Verständnis der Gemeinschaften immer wieder aus dem Verständnis dieser Großen, die sie bildeten. Unter allem späteren Druck und herabziehen auf das Niveau der Massen bleibt das, was sie schufen, doch die belebende Kraft darin. Alle Versuche, die in letzter Zeit von einem abstrakten Idealismus oder einem ebenso abstrakten Materialismus gemacht wurden, die Entstehung des religiösen Lebens unabhängig von der Erscheinung großer Männer, z. B. die des Christentums ohne Jesu, zu erklären, scheitern an jener unableugbaren Tatsache, daß im Menschenleben neue Höhen und neue Tiefen von einzelnen Großen erschlossen und dann der Masse zugänglich gemacht werden.

Der Geist einer Gemeinschaft liegt oft sehr verborgen hinter ihren Lehren und Formen; der Fromme fühlt ihn darin, der noch nicht Ergriffene merkt ihn erst, wenn er einem der großen Vertreter gegenübertritt. Wie anders würden oft unsere Gebildeten über evangelische Frömmigkeit und Kirche urteilen, wenn sie Luther und Zwingli besser kennten und ihren Geist in den gegenwärtigen Formen dieser Kirche fühlten, in denen er tatsächlich noch liegt. Ohne Kenntnis dieser Männer mißdeutet man diese Formen in der üblichen katholisierenden Weise und achtet sie darum oft gering.

Gerade in der Kenntnis dieser Großen wird uns aber auch von neuem klar, wie wichtig es ist, das religiöse Leben zu beachten und zu verstehen. Diese großen Propheten der Frömmigkeit sind bis jetzt immer auch die Bildner des sittlichen Gemeinschaftslebens der Völker und die Schöpfer des dieses beherrschenden Geistes gewesen. Wer sie nicht versteht, versteht sein Volk nicht. Es ist ja auch ganz selbstverständlich, daß die wirklich großen selbständigen Männer der Frömmigkeit Männer des tiefsten und stärksten Gemütslebens gewesen sein müssen. Ist Frömmigkeit in Unwahrhaftigkeit erstarrt, so bringt es der Durchschnittsmensch nur zur Loslösung – ein tiefer Mensch schafft sich neues, wahres religiöses Empfinden und fromme Überzeugung und gibt sie den anderen. Diese werden in ihrem Gemütsleben dadurch gebildet und beeinflußt, es entsteht um ihn ein Kreis sittlichen Lebens. So hat sich aus Luthers Wirken der Kreis gebildet, den wir jetzt als unser deutsches Wesen empfinden. Was in unseren großen Dichtern und Denkern aus dem Volksgemüte hervorbrach, was heute die gewaltige Gestaltung unseres Volkslebens trägt, ist durch Luther und seine Nachfolger vorgebildet worden. Was bedeutet allein ein Paul Gerhardt mit seinen Liedern für die Veredelung des Empfindens in unserem Volke. Zinzendorf mit seiner Vertiefung und Individualisierung des Innenlebens hat deutlich die Epoche unserer klassischen Literatur vorbereitet. Pietismus und Rationalismus haben das Gefühl der sittlichen Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Menschen so stark ausgebildet, daß darauf eine große, aufsteigende Volksgemeinschaft immer mehr ruhen kann.

Eine herrschende Religion legt sich wie eine mächtige Stimmung über ganze Völker hin. In dieser Gemütsstimmung wachsen alle Glieder dieses Gemeinschaftskreises auf. Von Jugend auf werden die durch diese Religion entwickelten Gemütsbedürfnisse als selbstverständliche gepflegt und zum Allerunentbehrlichsten im ganzen geistigen Leben. So pflegt der Islam jene für uns furchtbare Ergebung ins Schicksal, die zu einer Gefahr für alle Tatkraft wurde, als jener gewaltige Fanatismus verraucht war, der in der ersten Zeit mit ihm verbunden war. So hat der mittelalterliche Katholizismus die Stimmung der Weltflucht bei den edelsten Geistern gepflegt; wie er jetzt noch eine einheitliche Stimmung über die Völker legt, können uns etwa Roseggers Erzählungen lehren. Wie über seinem Leben die einheitliche Stimmung des Protestantismus liegt, merkt der ihm Angehörige erst, wenn er ins Ausland kommt; vorher ist ihm gerade das das Selbstverständliche.

Darin beruht nun die eigentliche und große Bedeutung der religiösen Gemeinschaften, daß sie unserm Gemüte die Berührung mit erziehendem, bildendem geistigen Leben vermitteln. Sie sind ja in sich solche Berührung. Ihr Gottesdienst ist die gemeinsame Erhebung des Gemütes zur andächtigen Verehrung des Willens, den man als weltlenkenden Willen empfindet, zur Stärkung in der Hingabe an ihn, zur Klärung der Vorstellungen von ihm. Jeder Gottesdienst – besonders unserer evangelischen Kirche – läßt in seinen Liedern, Bibellesungen und Gebeten das an uns heranfluten, was die Großen und Echten der Vergangenheit von Gott geahnt und an Hingabe ihm gegenüber empfunden haben. Er läßt in seiner Predigt und momentan entstehender Andacht das Weiterdenken und -sinnen der Menschheit über diese große, gewaltige Tiefe des Welträtsels an uns herantreten und sucht zugleich uns als gegenwärtige Menschen an dem zu klären und zu befestigen, was unsere Vorfahren hatten und empfanden, oft vielleicht in uns fremden Formen. Er will uns auch die Möglichkeit geben, durch diese fremden Formen die Tiefe und Wahrheit ihres Gemütslebens und ihrer Gotteserkenntnis zu fühlen und uns daran zu stärken.

Aber zu religiöser Gemeinschaft gehört auch die Familie und was sie uns an Andacht, Empfinden der Größe der Welt, Liebe, Verpflichtungsgefühlen vermittelt, und gehört die Schule mit ihrer Erziehung und ihrem Unterricht. Dazu gehört auch jede Berührung mit Menschen, die uns ein Gefühl geistiger Werte und höhere Pflichten gibt und anspornt, sie zu verwirklichen. So erstreckt sich die religiöse Gemeinschaft weit hinaus durch alle anderen Gemeinschaften hin. Aber ihren bewußten Sammelpunkt muß sie in Familie und gottesdienstlichem Leben der religiösen Gemeinschaft selbst haben. Ohne besondere Klärung und Erziehung hier muß ja alles andere am Gemüt vorüberrauschen, ohne daß dies es fassen kann.

Diese Erwägungen zeigen uns, was die religiöse Gemeinschaft dem Menschen bieten soll und muß. Will sie ihm Gedanken bieten, denen er nur zustimmen oder sich unterwerfen soll, so hat sie ihren Zweck gründlich verfehlt. Sie soll das Gemüt wecken und bilden, daß es selbst das Bedürfnis empfindet, in der Welt das Wirken eines eigenartigen gewaltigen Schicksalswillens zu suchen. Sie soll es anleiten und vertiefen, daß es das sittliche Wesen dieses Willens immer tiefer erfassen und immer begeisterter ihm sich hingeben kann. Das aber tut nur die Berührung mit lebendiger Gemütskraft.

So führt sie dem Menschen die gegenwärtige Wirklichkeit der Frömmigkeit vor Augen, indem sie die so empfindenden Menschen versammelt zu gemeinsamer Andacht. Das schon sollte einen jeden Frommen bestimmen, sich an diesem Gemeinschaftsleben zu beteiligen. Beteiligung daran ist ein Zeugnis der Wirklichkeit dieses Lebens und stärkt es in anderen, hilft es – in der nachkommenden Generation vor allem – wecken.

Dann aber läßt sie uns die Wirklichkeit des religiösen Lebens in dem Zeugnis einer frommen Persönlichkeit entgegentreten. Das ist die gewaltige Aufgabe des Predigers. Aus irgendeinem Teile der uns umgebenden Wirklichkeit, sei es dem Leben der Natur, den sittlichen Gemeinschaften, dem eigenen Ernste sittlicher Weltbetrachtung und Forderung an sich und andere muß er die Größe und Wahrheit göttlichen Willens, übersinnlicher Werte uns aufleuchten lassen. Zugleich muß er uns die Möglichkeit geben, religiöses Empfinden mit den wechselnden Anschauungen der Zeit und deren sittlichen Anforderungen an uns in Beziehung zu setzen. Es wechselt das wissenschaftliche Weltbild. Es gab Zeiten, wo das Wunder für möglich galt. Damals suchte man natürlich in Ereignissen, die als solche aufgefaßt werden konnten, das Wirken der Gottheit. Es gibt Menschen, denen das heute noch möglich ist. Viele können nach ihrem wissenschaftlichen Erfassen der Welt Wunder nicht für möglich halten. Ihnen muß gezeigt werden, wie aus dem Mechanismus kausaler Zusammenhänge auf einmal menschliches Geistesleben aufsteigt, dieses in sich die Kraft trägt, mit sittlichen Forderungen sich über den Kausalzusammenhang zu erheben, ja sich ihm entgegenzusetzen, und wie da auf einmal mit zwingender Notwendigkeit jene Ahnung einer sittlichen, ewigen Willensmacht sich in uns erhebt und jene Forderung der Hingabe an ihre übersinnliche Größe, die wir als Frömmigkeit beschrieben haben, und die uns in ihren Propheten in einem Amos, Jesaja, Jeremia, Jesus, Luther so gewaltig vor Augen tritt.

Man hat in der antiken Welt die Bedeutung der Person Jesu und die ganze christliche Gedankenwelt zunächst mit den Mitteln griechischer Philosophie ausgesprochen und gefaßt. So ist die Welt der christlichen Dogmen entstanden. Es gibt Menschen, die noch in deren Gedanken- und Empfindungswelt leben. Es gibt aber auch solche, die all das nur noch mit den Gedanken unserer Zeit fassen, mit Dreieinigkeit und Gottmenschheit nichts mehr anfangen können. Es ist die Aufgabe des Predigers, ihnen die Möglichkeit zu bieten, sich innerlich von den Formen des Überlieferten zu lösen, ohne doch den Zusammenhang mit der alten Gemeinschaft zu verlieren, in der allein sich unser Gemütsleben bilden kann.

Schließlich vermittelt die religiöse Gemeinschaft immer wieder die Berührung mit den Gedanken, aber auch dem Wesen und religiösen Gemütsleben ihrer Großen. Auch das ist für uns alle etwas ungeheuer Wichtiges. Es kann nicht unsere Bestimmung sein, immer und immer nur mit dem Engen, Kleinen, zeitlich Nahestehenden uns zu berühren. Da bleibt das Gemüt eng und der Größe der Gottheit unzugänglich. In der Berührung mit dem tiefen Empfinden und der begeisterten Hingabe großer Menschen an die ewigen Werte erschließt sich ihm erst deren ganze Bedeutung und seine eigene Kraft. Auch ist es wichtig, daß wir uns mit denen berühren, die die echtesten und größten waren in dem Kreis sittlichen Empfindens, in dem sich unser geistiges Leben gebildet hat. Fremdartiges läßt uns kalt. Doch Höheres muß uns berühren, als den meisten die alltägliche Umgebung bietet. Die Großen, die unserem sittlichen Gemeinschafts- und religiösen Empfindungsleben den Stempel ihrer Eigenart aufdrückten, sind uns nahe und doch weit über uns – erhebende Kräfte. Für unseren Kulturkreis sind das Jesus, Paulus, Augustin, Luther und viele kleinere. Ihre Art wirkt weiter im religiösen Leben der evangelischen Kirchen, und diese bringen durch die Art ihres Lebens die Menschen mit ihnen in Berührung. Das ist auch, abgesehen von der religiösen, die sittliche Bedeutung dieser Gemeinschaften für die Volkserziehung. Mit dem Tiefsten und Echtesten müssen eben die Menschen in Berührung gebracht werden. An Echtheit und Klarheit muß sich das Gemüt bilden, nicht in falscher Sentimentalität, unklarer Schwärmerei und falschen Vorstellungen von Welt und Mensch verkümmern. Ästhetisch wird der Mensch nur gebildet durch wahrhaftige Kunst, nicht durch Schein, Prunk und Schund; so wird er sittlich und religiös nur gebildet durch wahrhaftiges, klares religiöses Leben.

Das ist die Bedeutung der Frage, ob Jesus gelebt hat oder nicht. Die Gewißheit dessen, was wir einmal in uns als wahre Frömmigkeit erlebt haben, kann von der Beantwortung dieser Frage nicht abhängen. Solange das der Fall wäre, hätten wir noch keine in sich selbst sichere Erfahrung vom göttlichen Willen. Wohl aber ist es für die gesamte religiöse Gemütsbildung eine sehr einschneidende Frage. Ist er eine Gestalt der Legende, so werden wir die Bildung unseres Gemüts durch Berührung mit anderen großen Männern suchen müssen, in denen wirkliche einmal lebendige Frömmigkeit zu uns herflutet. In der Legende spricht sich ja nur aus, wie sich die Menschen das Leben wünschen, damit sie die Gottheit recht deutlich darin sehen. Was die Wirklichkeit des Lebens uns von der Gottheit zeigt, ist aber meistens ernster, schwerer zu fassen, aber auch sittlich wertvoller als all unser Wünschen. Umgekehrt wäre es eine große Gefahr, wenn wir irrtümlich die Gestalt, die am Anfang unserer Religionsentwicklung steht, von der also die stärksten Impulse ausgegangen sein müssen, wegließen und Männer zweiten und dritten Ranges zu Erziehern der Menschheit auf dem Gebiete der Frömmigkeit zu machen suchten. Hat jener Mann wirklich am Anfang gestanden, dann hat er uns sicher etwas besonders Tiefes und Starkes gegeben. So aber ist es.

Es ist eines der sichersten Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiete, daß in unseren Evangelien aus einer Masse legendarischer Überlieferung eine mächtige, klare, gewaltige Gestalt von überwältigender Kraft und Tiefe der Reinheit des religiösen und sittlichen Empfindens uns herausleuchtet. Mit einer Gewißheit ohnegleichen hat dieser Mann empfunden, daß die Welt regiert wird, unser Leben gelenkt wird von einer Macht, einem Willen, dem es nur auf Reinheit, Tiefe und Ehrlichkeit unseres Seelenlebens ankommt; daß wir uns diesem Willen hingeben, wenn uns bei uns und anderen das Seelenleben zum Heiligsten wird, für das wir leben, in dessen Dienst wir alle Arbeit und Ordnung des Menschenlebens stellen, in der Liebe. Zugleich ist in seinem Wesen und Leben die Hingabe an diesen weltbeherrschenden Willen – im Glück als stille, leuchtende Freude an allem Schönen, an den Blumen auf dem Felde und den Vöglein unter dem Himmel, der aufgehenden Sonne, dem spielenden Kinde, und aller Liebe und Fröhlichkeit der Menschen; im Unglück als stilles Vertrauen und klares Bewußtsein, daß auch Leid und Tod der Festigung und Verinnerlichung der Seele dienen, also notwendig sind für das Höchste in uns – so ergreifend ausgebildet, daß wir uns bis zum heutigen Tage weder eine klarere und innigere, noch eine stärkere Form religiösen Lebens denken können. So werden wir wohl vieles abstreifen müssen, was bei Jesus selbst zeitlich bedingt war. Wir werden auch einsehen müssen, daß vieles, was er einfach beiseite schob – er steht ja gänzlich ablehnend zu allem Gelderwerb und Besitz, hat gar kein Verständnis für die Bedeutung künstlerischer Betätigung; ihm ist das Staatsleben und die Rechtsordnung nur ein notwendiges Übel –, eine größere Bedeutung für das Seelenleben des Menschen hat, als er erkannt hatte. Wir werden aber dabei immer das Gefühl haben, daß wir weiter entwickeln, was er uns gab, daß wir nicht entbehren können, was seit ihm als eine gewissenbeherrschende Macht in der Welt ist, jene innere Bestimmtheit unseres Wesens, die in den Worten ausgesprochen ist: »Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele?« Hier wurzelt das Bewußtsein der Menschheit, einer höheren Wirklichkeit anzugehören, die sich über irdische Erbärmlichkeit und irdische Vergänglichkeit erhebt. Wir werden aber auch nie jene klare und feste Gestalt entbehren können, in deren Freud und Leid, Kampf und Kreuzestod dieser Glaube als das Leben einer menschlichen Persönlichkeit an uns herantritt und unser Gemüt zu sich emporzieht, daß es auch die Welt als eine Stätte erkennt, da diese Worte sich verwirklichen und alle Kraft, Zukunft, alles Glück bedeuten, von denen der sich scheidet, der seine Seele um des Irdischen willen in die Erbärmlichkeit versinken läßt.

So erklärt sich die Doppelgestalt des Christentums. Es ist weltverneinend und weltbejahend zu gleicher Zeit. Es verneint die Welt, indem es das menschliche Innenleben als den höchsten Wert allem äußeren Glück entgegenstellt. Ihm zuliebe muß man auf alles Äußere verzichten können. Alles Leid, alle Not des Lebens hat darin ihren Sinn und Zweck, daß unser Innenleben durch sie und ihr Überwinden gereinigt, gestärkt wird und sich selbst in seiner Kraft und seinem Wert besser versteht, auch erlebt, wie die überirdische Gewalt von innen her die Seele führt und leitet und ihr zum Siege hilft.

Ebenso aber ist das Christentum weltfreudig. Im Gemeinschaftsleben, in der Arbeit, im Ausgestalten des Lebens zu Glück, Schönheit, Helfen und gemeinsamem Dasein wirkt ja das Seelenleben und ist es erst eine Wirklichkeit. Es kann also nicht kraftvoll und rein und stark sein, wenn es sich nicht die Welt zur Stätte seines Wirkens macht und sie zu einer Gemeinschaft hoher, glückbringender Werte für alle gestaltet.

Fragen wir darum: Ist das Christentum die für unsere Zeit noch mögliche Religion? so wird unsere Antwort lauten: »Auch das Christentum ist eine werdende und wachsende Gemeinschaft, und das Gemütsleben der Menschheit wächst und vertieft sich weiter. Aber das Christentum ist die religiöse Gemeinschaft, in der sich das Gemütsleben und die Tiefe der Erkenntnis von der Gottheit entwickelt hat, die unser Kulturkreis besitzt. Eine Weiterentwicklung kann nur vom Boden der erreichten Höhenlage dieser Gemeinschaft aus geschehen, denn des Menschen geistiger Besitz ist Entwicklung und nichts, was irgendwie und irgendwo ohne Voraussetzung in der Luft steht.«

Müssen wir also die Religion kennen, weil sie die gewaltigste geschichtliche Erscheinung ist, die es gibt, weil ohne ihre Kenntnis alle Kenntnis von Geschichte, Menschheit, Mensch und Menschenseele sehr mangelhaft bleibt, so müssen wir vor allem die Religion, unter deren geistigem Einfluß unser Volk und wir innerlich gereift sind, das Christentum, kennen, weil wir sonst uns nicht kennen und in diesem, unserem eigenen Volke nicht wirken können. Wer die Frömmigkeit seines Volkes nicht kennt, die Eigenart seiner religiösen Gemeinschaften nicht versteht und sich noch nie mit ihnen auseinandergesetzt hat, der kennt sein Volk nicht. Wer aber sein Volk nicht kennt, wird in allen Angelegenheiten, die sein Wohl und seine Gesamtheit angehen, hilflos, unselbständig sein und meistens volkszerstörend statt aufbauend im besten Sinne wirken. Aufbau im Volksleben leistet nur der, welcher der Menschen Gemütsleben stärkt.

Die Religionsgemeinschaften sind eben bis auf den heutigen Tag die seelenbildenden Mächte des Volkslebens. So in die tiefsten Tiefen des menschlichen Gemütes wirkt keine andere Macht als die Religion, die wohl dem geistig Hochstehenden in den großen Männern der Vergangenheit und Gegenwart, dem Manne des Volkes aber nur als Kirche, als religiöse Gemeinschaft nahe tritt. Ob das so sein muß, fragt sich. Die Tatsachen zeigen, daß es eben so ist. Infolgedessen wird niemand bis in die Tiefen des Volkslebens gestaltend wirken können, der sich nicht mit Religion und Kirche auseinandergesetzt hat. Im neunzehnten Jahrhundert wendeten sich die Gebildeten von den religiösen Gemeinschaften ab; in diesen und damit über das Volksleben gewannen infolgedessen die Mächte Gewalt, die man abwehren wollte. Schon aus diesem Grunde muß der Gebildete die religiösen Gemeinschaften und deren Bedeutung für das Volksleben kennen. Er muß immer wieder gegenwärtiges Leben beobachten, selbst wenn er nicht an ihm innerlich teilnehmen zu können glaubt. Die Unwissenheit ist auf diesem Gebiete unglaublich groß. Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie gewaltig die Änderungen auf dem Gebiete des religiösen Lebens in den letzten zehn Jahren waren. Sie urteilen also über dessen gegenwärtigen Bestand völlig verkehrt.

Wahres Verständnis der Religion ist endlich uns vor allem notwendig um der eigenen Persönlichkeit willen. Gibt es ein wirkliches Verständnis der weltbeherrschenden Macht durch das menschliche Gemüt, so wie das menschliche Gemüt sich das innere Leben anderer Menschen erschließt. Diese Frage muß für den Menschen gelöst sein – ob er ein »Ja« oder ein »Nein« als Antwort finde. Solange er in diesem Punkte unsicher ist, ist er ein in sich haltloser Mensch; denn um das Entscheidende weiß er noch nicht Bescheid.

Aber dürfen wir die Kühnheit haben, ein »Ja« auf diese Frage zu sagen? Kann ein Gottesglaube die Wahrheit sein, der sich so deutlich in Menschenseelen im Laufe der Entwicklung gebildet hat? Ist er nicht ein Produkt menschlicher Wünsche und kein Erkennen? Die so reden, vergessen ganz, daß das menschliche Gemüt von Gott immer nur fassen konnte, was der Höhenlage seiner Entwicklung entsprach. Wenn wir in ihm die Innerlichkeit, die letzte Tiefe der Welt erkennen, so können wir ihn nicht anders verstehen, als wie wir Innerlichkeit überhaupt verstehen, auch beim Menschen. Menschen verstehen einander aber nur, soweit sie sich innerlich gleichwertig sind. Es gibt heute noch Menschen, die in der Handlungsweise eines Sokrates oder Luther nur Dummheit finden können. Ihnen fehlt völlig das Gefühl für den sittlichen Wert, dem diese auch das Leben zu opfern bereit waren. Solche Menschen werden auch jener Art der Frömmigkeit verständnislos gegenüberstehen, die vom Kreuze zu uns spricht. Sie läßt es als Wahrheit in uns aufleuchten, daß der Wille, der die Welt lenkt, in unserem Seelenleben einen alles überragenden Wert schafft, den zu erreichen Qual, Angst, Sorge des Lebens, ja der Tod, der Zusammenbruch allen Glückes nicht zu große Opfer sind. Wer das nicht verstanden hat, wird im Laufe der Welt keinen gerechten, liebenden Willen fassen können, oder er wird sich den Lauf der Welt so zurechtlegen, daß er immer wieder das Gute belohnt, das Böse bestraft sieht. Wo er einmal einen solchen Zusammenhang verfolgen kann, da wird Gott zu ihm reden. Über alles Widersprechende wird er sich hinwegtäuschen. Den anderen redet Gott gerade da, wo die Forderung an sie herantritt, um des Guten, des Gewissens, der Wahrheit und Reinheit der Seele willen irdisches Glück hinzugeben. Da fühlen sie das Wachsen und Erstarken ihres inneren, geistigen, ewigen Wertes am deutlichsten. Erst wo das Seelenleben reif geworden ist, kann die innerliche Größe der Gottheit erkannt werden. Das widerspricht ihrer Wahrheit nicht.

Doch fragt es sich: Ist eine solche Größe da, wie die Religion sie in der Gottheit verehrt? Entspricht dem Ahnen übermenschlicher Kräfte und Werte und Wirklichkeiten, das alle religiöse Gestaltungen von Urzeiten her durchzieht, eine Tatsache, und gibt es eine Gemeinschaft, wie sie sie mit solcher Wirklichkeit zu haben glaubt? Ist die Welt nicht zu gewaltig, um im Innersten erfaßt zu werden? Gewiß, sie ist und bleibt ein Rätsel. Aber es gab und gibt immer noch Menschen, die in ihren Tiefen doch ein Leben fühlten, dem sie sich und ihr Wesen getrost anvertrauen konnten, und etwas Glauben hat ihr Leben stark und in sich geschlossen gemacht.

Wie kamen sie dazu? Die Antwort ist nicht mit wenig Worten zu geben. Man muß die Großen studieren, die dies Leben entdeckt haben, um von ihnen zu lernen, wie man sich den Sinn schärft, das Gemüt vertieft, daß sie Sinn und Wesen des Universums erfassen und in dem wunderbaren Gefühl, von ihm geschaffen zu sein und zur Vollendung des eigenen Wesens geführt zu werden, Ruhe finden.

Man muß sein eigenes Wesen und Leben denkend beobachten und das Ringen nach dem Hohen in sich wachsen lassen. Dann lernt man mit den Großen der Menschheit in überwältigendem Glück erkennen, daß ein Wille uns schuf und lenkt, der unser Innerstes und Bestes will und stärkt und durch den Kampf des Lebens zur Vollendung führt.

Nicht in theoretischen Beweisen, in den Erfahrungen unseres inneren Lebens erhält das Gemüt des Menschen die Antwort auf seine Frage an die Welt.

Aber haben wir ein Recht, dieser Antwort des Gemüts zu lauschen? Sagt uns nicht die Wissenschaft das Gegenteil: Die Welt ist ein unzerbrechlicher, eiserner Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Keine Rücksicht ist da genommen auf die Bedürfnisse unseres Innern!

Sagt das die Wissenschaft wirklich? Ja, sie stellt fest, daß die Welt ein gewaltiger Zusammenhang von Ursache und Wirkung ist. – Stellt sie aber nicht auch fest, daß aus diesem Zusammenhang das menschliche Seelenleben aufsteigt, zart und fein und doch wieder so stark, daß es sich gegen diesen zermalmenden Zusammenhang behaupten kann? Ist das nicht das ganze gewaltige Ringen der Menschheitsgeschichte, dies Inwendige festzustellen, sicherzustellen gegen die Gewalten des Äußern und dies Inwendige immer edler, wahrer, gewaltiger auszubilden und immer deutlicher im religiösen Leben der Gewalt gewiß zu werden, die dies Inwendige aus Tiefen der Welt noch jenseits des unzerbrechlichen Kausalzusammenhangs durch diesen hin aufsteigen läßt?

Gerade die größten unserer Denker haben uns darauf immer wieder hingewiesen. Die Erkenntnis der Wissenschaft vom Kausalzusammenhang ist sicher und kann nicht zerbrochen werden. Aber sie ist nicht die ganze Wirklichkeit. Das ist das Gewaltige in der Welt, daß der Mensch in sich etwas erlebt, was größer und stärker ist als der Kausalzusammenhang, sein sittliches Leben und Werden, hier tut sich uns eine Wirklichkeit kund, die über das Äußerliche hinaus ist. Lasset sie uns immer mehr zu erkennen und zu erleben suchen, d. h. Gemeinschaft suchen mit der letzten Wirklichkeit hinter allem Sein und Leben und Ringen. Das aber heißt »fromm« sein!

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