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Schaffen und Schauen

Verschiedene Autoren: Schaffen und Schauen - Kapitel 10
Quellenangabe
typemisc
authorVerschiedene Autoren
titleSchaffen und Schauen
publisherB. G. Teubner
printrunDritte Auflage
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160115
projectid03b3eda5
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III. Die Wissenschaft

1. Die Wissenschaft und ihre Pflege

Die Wissenschaft ist die Spiegelung der Wahrheit im menschlichen Geiste; diese zwei Bestandteile gehören zusammen, und namentlich der zweite darf nicht übersehen werden. Wenn der Dichter uns sagt, daß der Mensch sein Wissen mit den höheren Geistern teilt, so wird der Denker gerade von seinem Standpunkte aus diese Gemeinschaft nicht gelten lassen. Dort über den Nebeln der Erscheinungswelt denken wir uns seit Plato gern die reine Wahrheit thronen: was wir Menschen unsre Wissenschaft nennen, ist nicht die Wahrheit selbst, sondern das, was wir nach der Beschaffenheit unsres Geistes von ihr haben aufnehmen können. Damit ist der objektiv-subjektive Charakter dieser Wissenschaft gegeben. Sie ist objektiv, insofern sie auf Erforschung der Wahrheit ausgeht; sie ist aber subjektiv, insofern sie diese Erforschung nicht anders als mit den menschlich gearteten und menschlich beschränkten Mitteln des erforschenden Geistes betreiben kann.

Halten wir hier inne: ist es wahr, daß die Wissenschaft auf Erforschung der Wahrheit ausgeht? Ihre Samen sind überall auf Erden ausgestreut, kein Volk ist so wild, keine Zeit so dunkel, daß sie ihrer nicht teilhaftig wären. Wieviel Tage von Neumond zu Neumond vergehen müssen, woran die Spur des Hirsches im Schnee zu erkennen ist, welches Krautes Saft ein gegebenes Hautleiden heilt – das alles ist Wissenschaft. Was der Mars im trigonalen Aspekt mit dem Jupiter dem Neugeborenen als Horoskop verkündet, was ein Gewitter im Stadtwappen bedeutet, wie die Scheiter des Brandopfers gelegt werden müssen, damit es Indra genehm sei – das ist zwar in unserem Sinne keine Wissenschaft, war es aber im Sinne derjenigen, die alle diese Sätze ausgeklügelt haben, und wird es auch für uns wieder, sobald wir uns auf den historischen Boden stellen. Läßt sich nun behaupten, daß es die Erforschung der Wahrheit, die reine, selbstlose war, die all diese Wissenschaft geschaffen hat? Nein: der Stern, der über ihrer Entstehung gewaltet hat, war der Nutzen; man ging der Wahrheit, der echten oder eingebildeten, nur insoweit nach, als man sich davon einen Vorteil für den Kampf des Lebens erhoffte. Wir sagten soeben, die Samen der Wissenschaft seien allenthalben in Raum und Zeit, soweit Menschen leben, ausgestreut; wir müssen jetzt eine Einschränkung hinzufügen: die Samen der nutzbringenden Wissenschaft. Was die reine Wissenschaft anbelangt – die ja auch ihren Nutzen, aber nicht als Hauptgabe und nicht unbedingt mit sich führt –, so ist ihr Geltungsbereich weit weniger ausgedehnt: gefunden haben sie von all den Völkern des Altertums allein die Griechen, und ihre Anerkennung bei den Völkern der Neuzeit stieg und fiel mit dem Einfluß der Antike selbst. Wiederholt hat sich im Strome der europäischen Kultur der Unterschied zwischen utilitas und curiositas für sie verhängnisvoll erwiesen; für den, der keinen »wissenschaftlichen Trieb« in sich spürt, ist sie unmittelbar nicht zu beweisen.

Ich betone dies »unmittelbar«; denn auf dem Wege der Geschichte der Wissenschaften läßt sich der Beweis wohl führen. Der Stern des Nutzens leitet uns zwar eine Strecke lang, aber dann verschwindet er, um erst viel später wieder hervorzutreten; wer den Kompaß des wissenschaftlichen Triebes nicht mit sich führt, wird die Zwischenstrecke nie überwinden. Wie riesengroß ist doch der praktische Nutzen der Elektrizität für das moderne Leben! Gewiß; aber die neckische Kraft, die im Elektron haust, sah wahrlich nicht darnach aus, als ob sie diesen Nutzen im Gefolge haben könnte. Die sie zuerst untersucht und allmählich so weit gebracht haben, daß auch nur die Ahnung eines künftigen Nutzens sie zu umspielen begann, waren selbstlose und von der Nutzgier unberührte Forscher. So ist denn die Wissenschaft allerdings eine reich ausgestattete Braut; sie folgt aber nur dem, der sie um ihrer selbst, nicht um ihrer Mitgift willen begehrt.

Es bleibt daher bei unserer Bestimmung: die Spiegelung der Wahrheit im menschlichen Geiste. Mit ihr und ihren zwei Bestandteilen ist die doppelte Wandelbarkeit der Wissenschaft gegeben: die objektive, die auf der Wandelbarkeit der Wahrheit, und die subjektive, die auf der Wandelbarkeit des menschlichen Geistes beruht. Die erste ist nicht durchgehend: es gibt Wahrheiten, die keinem Wandel unterworfen sind, die überall und immer ihre Geltung behalten. Daß zweimal zwei vier ist, daß die Winkelsumme des Dreiecks zwei Rechte beträgt, daß das Wasser eine Verbindung von Sauer- und Wasserstoff ist, daß die Schnelligkeit des Falles mit dem Quadrate der Entfernungen wächst, daß die Prädikation der Ganzaussage auch für die Teilaussage gilt – das sind solche Wahrheiten von überall und immer, wenigstens soweit die Grenzen unserer dreidimensionalen Welt gehen; außerhalb der fünf angedeuteten Wissenschaften – von der Zahl, dem Raum, dem Stoff, der Kraft, dem Gedanken – wird man solche nicht finden. Die übrigen Wissenschaften, die exakten wie die humanen, haben wandelbare Wahrheiten zu ihrem Gegenstande. Unsre Zoologie ist die Lehre von der heutigen Entwicklungsstufe der tierischen Arten – wer sie zur Steinkohlenzeit hätte schreiben können, der hätte sie ganz anders dargestellt; unsre Geographie ist die Lehre von der heutigen Gestalt der Erdrinde – wer sie zur Hellenenzeit gelernt hätte, müßte sie heute vielfach gründlich umlernen; und gar unsre Rechtswissenschaft als die Lehre vom heute geltenden Recht würde schon die nächste zu Grabe gegangene Generation wiederholt in Verlegenheit setzen.

Aber, wird man fragen, hatte nicht auch die Physik, die Chemie, ja selbst die Mathematik vor Jahrhunderten ein anderes Aussehen als heutzutage? Gewiß; doch hängt das nicht damit zusammen, daß ihr Gegenstand sich geändert hätte, sondern damit, daß der menschliche Geist in seiner Erkenntnis fortgeschritten ist. Nicht erst für Newtons Apfel galten die Fallgesetze – schon Evas Apfel hätte nicht anders fallen können –, aber erst mit jenem beginnt ihre Erkenntnis. Es ist einleuchtend, daß diese zweite Wandelbarkeit, die subjektive, für alle Wissenschaften ohne Ausnahme gilt; sie haben wir gewöhnlich im Auge, wenn wir von einer Geschichte der Wissenschaften reden.

Und es ist gut, von dieser Geschichte recht oft und recht eindringend zu reden. Zum ersten darum, weil sie uns die Bedingungen erkennen lehrt, die dem Fortschritt der Wissenschaften förderlich oder hinderlich sind; wer da gelernt hat, wie beschaffen die Schule, der Staat, die Gesellschaft sein muß, damit die Wissenschaft gedeihe, der wird sich Mühe geben, diese Bedingungen zu schaffen, wo sie fehlen, und wird sich hüten, sie dort zu vernichten, wo sie vorhanden sind. Zum zweiten darum, weil sie ihrem Jünger, wenn der Ausdruck erlaubt ist, zu einem besseren Herzen verhilft. Wer die Geschichte einer Wissenschaft kennt, wer da gelernt hat, mit wie vielen Irrtümern ihre Fortschrittsbahn bestreut ist und wie fruchtbar mancher Irrtum gewesen ist –, der ist für immer gefeit gegen jenen unleidlichen Hochmut der Populargelehrten gewöhnlichen Schlags, die über die Großen der Vorzeit verächtlich die Nase rümpfen, weil sie das Feuer für einen Stoff und das Wasser für ein Element gehalten haben; er weiß, daß ein Forscher, der auch nur eine Wahrheit entdeckt, auch nur einen Irrtum vernichtet hat – mag er auch im übrigen die Vorurteile seiner Zeit geteilt haben –, berghoch dasteht einem Zusammenschreiber gegenüber, der seine Weisheit aus dritter und zehnter Hand schöpft. Endlich zum dritten (es ließe sich noch manches anführen, doch seien wir kurz), weil sie uns einen Maßstab gewinnen läßt für das Kennzeichen des Wertvollen in beiden Bestandteilen, die die Wissenschaft ausmachen – des Wertvollen in der Wahrheit sowohl als auch in dem sie erforschenden Menschengeist.

Denn die Einschränkung ist allerdings zu machen: nicht jede Wahrheit gehört in die Wissenschaft, nicht jeder Geist ist befähigt, an ihrem Ausbau zu arbeiten. Doch hüte man sich im ersteren Punkte vor allzu raschen Urteilen, zu denen der Laie nur zu sehr geneigt ist. Daß die traurige Wahrheit von dem gestern erfolgten Tode meines Kanarienvogels nicht in die Wissenschaft gehört, sieht jeder ein; ob es den Briefmarkensammlern je gelingen wird, ihre »Philatelie« zur Wissenschaft zu erheben, ist trotz ihres gelehrten Namens sehr zweifelhaft; aber die ihr verwandte Numismatik (Münzkunde) ist uns heutzutage, wenn auch keine Wissenschaft, so doch eine stellenweise sehr nützliche Hilfsdisziplin einer solchen. Man wird daher in den meisten Fällen gut tun, sich des wohlfeilen Spottes über absonderlich scheinende gelehrte Aufgaben zu enthalten: was in einer Wissenschaft Unkraut, was Nutzkraut ist, danach frage man am besten bei aufgeklärten Vertretern ebendieser Wissenschaft nach. Und da wird dem Frager der Unterschied zwischen dem allgemeinen und dem speziellen Interesse einer wissenschaftlichen Arbeit aufgehen. Allgemein interessant sind solche, die bei jedem gebildeten Menschen einen Widerhall finden; speziell interessant solche, die zwar an sich keine beim bloß Gebildeten denkbare Frage beantworten, dafür aber für andere, allgemein interessante die notwendige Grundlage schaffen oder schaffen helfen. Ob sie das aber tun, kann natürlich niemand wissen als ein Vertreter der jeweiligen Wissenschaft; und ebendarum wird der Laie gut tun, mit seinem Urteil und seiner Verurteilung zurückzuhalten. Nicht als ob jener Vertreter durchaus unfehlbar wäre; vielmehr weiß die Geschichte mancher Wissenschaft von Fällen zu erzählen, wo der von den Baumeistern verworfene Werkstein nachher zum Eckstein des wissenschaftlichen Gebäudes geworden ist. Und wer wird zu behaupten wagen, daß die Geschichte überall der Wahrheit zum Siege verholfen habe? Doch daran läßt sich nichts ändern: der Kenner urteilt besser als der Laie, die Gemeinschaft der Kenner besser als der einzelne, die Geschichte besser als die jeweilige Gemeinschaft, aber auch sie ist Menschenwerk und nur deshalb für uns das Weltgericht, weil es auf Erden ein höheres nicht gibt.

Und wie es für die zu erforschende Wahrheit ein Wertmaß gibt, das ihr den Zugang zur Halle der Wissenschaft erschließt, so gibt es ein solches auch für den sie erforschenden Geist. Wenn in grauer Vorzeit dem sinnenden Hirten das Geheimnis des Sonnenlaufes aufging, und er in ihr einen göttlichen Jüngling sah, der tagsüber die Himmelsbahn auf funkelndem Wagen von Osten nach Westen befährt und dann bei Nacht seinen Kahn durch den Ringstrom nach Osten zurücklenkt –, so war dieser Hirte für seine Zeit ein Gelehrter, denn besser als er wußte die Sache niemand; sollte aber heutzutage ein zurückgebliebener Träumer das kopernikanische System durch eine solche Erklärung ersetzen wollen, so würde sich niemand darum kümmern. Das bedeutet: man muß auf der Höhe des zeitgenössischen Wissens stehen, um zur Wissenschaft zu gehören; um einen andren Preis ist der Name eines Gelehrten nicht zu haben.

Auf der Höhe! Das klingt wohl ganz stolz, ohne es aber immer zu sein; es kommt eben alles darauf an, was man unter jenem Wissen versteht. Wer das Wort von einem Aristoteles und seinen Geistesverwandten braucht, der meint das ganze Wissen oder nahezu das ganze; heutzutage ist es nicht mehr möglich, den Begriff in dieser Ausdehnung zu fassen, selbst bei einem Herbert Spencer oder Wilhelm Wundt. Der gelehrte Enzyklopädist ist nachgerade zu einer Unmöglichkeit geworden; mag der Umfang des Wissens auch noch so klein sein, – wer nur mit ihm auf der Höhe seiner Zeit steht, also daß wir im Bedarfsfalle ihn um Rat angehen können, der ist uns ein Gelehrter. Da hat der eine über das Leben der Spinnen ein dickes Buch geschrieben, ein anderer über die Altertümer von Schöppenstädt, ein dritter über den Gebrauch des Wortes »derselbe« in der deutschen Literatur von Luther bis Gerhart Hauptmann; sind sie alle »auf der Höhe«? Jawohl, alle; ist diese Höhe auch von so winzigem Flächenraum, daß die Herren auf ihr mit Mühe ihre zwei Füße unterbringen können – den Gelehrtennamen darf ihnen niemand streitig machen. Man sieht hieraus, daß der Begriff des Gelehrten gar manche Unterarten in sich schließt; suchen wir uns in ihnen zurechtzufinden.

Da haben wir zunächst die beiden Haupttätigkeiten des Gelehrten, die Analyse und die Synthese. Die spezielle Bedeutung, die diese Wörter seit Aristoteles in der Logik haben, ist hier zugunsten einer allgemeineren aufgegeben: in der Wissenschaft überhaupt verstehen wir unter einer analytischen jede ins einzelne gehende, unter einer synthetischen jede zusammenfassende Arbeit. Damit ist zugleich gesagt, daß eins scharfe Grenze nicht möglich ist und jede wissenschaftliche Arbeit von beiden Elementen etwas enthalten wird – aber immerhin von dem einen jeweils mehr als vom andren, und so wird dennoch jede wissenschaftliche Arbeit vorwiegend analytisch oder synthetisch sein. Jede Arbeit, nicht jeder Gelehrte: vielmehr ist es das Kennzeichen des Gelehrten im höchsten Sinne des Wortes, daß er beides in gleich hervorragendem Maße ist. Charles Darwin hat viele analytische Untersuchungen, wie die über »die Befruchtung der Orchideen« geschrieben, wenngleich der Fernerstehende mehr an die synthetische Arbeit über die »Entstehung der Arten« denkt, wenn er den Namen des großen Mannes hört; ebenso ist Theodor Mommsens geniales synthetisches Hauptwerk, die »römische Geschichte«, von einer Unzahl musterhafter analytischer Untersuchungen getragen, die, in gelehrten Zeitschriften zerstreut, erst jetzt in größeren Sammlungen erscheinen. Das sind die Koryphäen; steigen wir etwas tiefer, so haben manche Gelehrte als Analytiker einen achtbaren Namen erworben, ohne je zur Synthese fortgeschritten zu sein, während der umgekehrte Fall kaum nachzuweisen sein dürfte. Der Grund ist leicht einzusehen: es muß eben jeder, der es zum Gelehrten bringen will, mit der Analyse anfangen. Warum? Weil die wissenschaftliche Methode, die den Gelehrten ausmacht und ihn vom Dilettanten unterscheidet, gelernt werden will; lernen aber kann man sie nur an Arbeiten beschränkten Umfangs, die ein eigenes Forschen, Untersuchen, Experimentieren gestatten, deren Material und Beweisgang übersehbar ist, und die so auch dem angehenden Gelehrten eine Urteilsfällung ermöglichen. Es ist darum Dilettantenweise, wenn ein Anfänger in der Wissenschaft gleich ein allzu umfassendes Thema in Angriff nimmt: es mag ihn wohl interessanter dünken, aber die Folge wird sein, daß er, statt selbst zu forschen, die Resultate fremder Forschung ausschreibt und die Fähigkeit einbüßt, gegebenenfalls auf eigenen Füßen zu stehen. Darum ist der ganze Universitätsbetrieb der Wissenschaften in den Laboratorien, Seminaren usw. auf die Aneignung der analytischen Methoden gerichtet, da diese eben gelernt werden müssen: die Synthese lernt sich selber. »Es gehören viele Jahre Analyse zu einer Woche Synthese« ist ein beherzigenswertes Wort des genialen französischen Historikers, der beides vorzüglich kannte, Fustel de Coulanges. Synthese ohne Analyse ist bodenlos, Analyse ohne Synthese zwecklos; wer eine analytische Arbeit veröffentlicht, soll es stets im Hinblick auf eine künftige Synthese tun, gleichviel, ob er diese selbst leistet oder einem anderen überläßt.

Für die Lösung umfangreicher Aufgaben der Wissenschaft ist eine planmäßige Organisation der wissenschaftlichen Arbeit schon seit früherer Zeit in die Wege geleitet worden. Diese Aufgabe ist von jeher den Akademien eigen gewesen, nicht etwa nur seit der Académie française des siebzehnten Jahrhunderts mit ihrem berühmten kollektiven Wörterbuch, sondern schon seit Aristoteles und seinem Lykeion; immerhin läßt sich nicht leugnen, daß sie in neuester Zeit ganz besonders in den Vordergrund tritt. Wer Leistungen wie den neuerscheinenden Thesaurus linguae latinae der fünf großen deutschen Akademien ins Auge faßt und wahrnimmt, wie hier, Koralleninseln gleich, aus atomähnlichen Beiträgen bescheidener Mitarbeiter große gegliederte Ganze entstehen –, der könnte vielleicht dem Glauben verfallen, als sei hier auf verhältnismäßig engem Gebiete etwas geschehen, was in der Zukunft auf allen Gebieten geschehen könne und solle. Die starken sozialistischen Strömungen der Gegenwart kommen diesem Glauben zu Hilfe und lassen auch hier wie in der Industrie die Ersetzung der Einzelarbeit durch die Massenarbeit – kurz gesagt, die Proletarisierung der Wissenschaft als möglich, ja als wünschenswert erscheinen. Sieht doch schon der oder jener Utopist unter irgendeiner Sixtinischen Madonna der Zukunft (oder ihrem Äquivalent) die Signatur »gemalt von der Gewerkschaft N. N.«; warum nicht auch ein wissenschaftliches Buch mit entsprechender Aufschrift? Es soll hier die Frage unbeantwortet bleiben, ob auf dem Gebiete der Industrie die Proletarisierung nicht nur der Arbeit (die ist längst da), sondern auch der Initiative und des ordnenden Einzelwillens möglich ist; auf dem Gebiete der Wissenschaft ist nichts auch nur entfernt Ähnliches auch nur entfernt möglich.

Um sich davon zu überzeugen, ist es wichtig, sich den Unterschied der zwei Momente, die in ungleichem Maße in den Wissenschaften vertreten sind – der phänomenologischen und nomologischen –, recht eindringlich zu Gemüte zu führen. Das erste Moment hat es mit den Erscheinungen an sich zu tun; wer sich damit begnügt, aufzuzeichnen, wie sich etwas ereignet oder ereignet hat, der faßt seine Aufgabe rein phänomenologisch auf. Das zweite Moment, das nomologische, faßt das aus der Gleichmäßigkeit des Geschehens sich ergebende Gesetz ins Auge, ihm sind die Erscheinungen nur der minder wichtige Unterbau dieses zu erkennenden Gesetzes. Man hat des weiteren versucht, nach diesem Gesichtspunkte die Wissenschaften in phänomenologische und nomologische zu scheiden, ohne besonderes Glück; wohl gibt es Wissenschaften, die rein nomologisch sind, wie etwa die mathematischen, aber keine, die nicht das Bestreben hätte, ihr phänomenologisches Element zugunsten des nomologischen zu überwinden. Eben in dieser fortschreitenden Überwindung besteht die fortschreitende Verwissenschaftlichung der Wissenschaft; sie ist es, die z. B. aus der rein phänomenologischen Chronik die wissenschaftliche Geschichte entwickelt. Nun läßt sich leicht einsehen, daß die Massenarbeit nur auf dem phänomenologischen Gebiet ihre Berechtigung hat, hier aber in hervorragendem Maße. Wir versenden Fragebogen nach allen Winkeln unsres Staates, um von zuverlässigen Leuten über dies oder jenes Auskunft zu erhalten; alles, worum wir bitten, ist wahrheitsgetreue Aufzeichnung des Tatsächlichen, des Phänomen; alles Theoretisieren und Klügeln ist vom Übel. Das ist Massenarbeit. Ist sie geschehen – nun, dann beginnt das Ausziehen und Ordnen, eine mechanische Tätigkeit, die darum einer größeren Gruppe fleißiger und aufmerksamer Leute überlassen werden kann; auch das mag noch als Massenarbeit gelten. Ist auch sie geleistet, dann beginnt – die Wissenschaft und mit ihr die Arbeit des einzelnen: aus dem eingelaufenen und gesichteten Material die sich ergebenden Gesetze zu entwickeln, dazu ist nur der schöpferische Geist der hervorragenden Persönlichkeit imstande. Darwin mag manche Fragebogen versendet und manche Massenarbeit ausgebeutet haben; aber ein Buch wie die »Entstehung der Arten« ist nicht »von der Gewerkschaft N. N. verfaßt« und wird es nimmermehr werden. – Doch ist es nicht die Massenarbeit allein, die wir meinen, wenn wir von der Organisation der wissenschaftlichen Arbeit reden: ein zweites, noch älteres und nicht minder wichtiges Moment ist die Schöpfung einer wissenschaftlichen Richtung, einer sog. Schule.

Ein Gelehrter, der durch eigene, große Entdeckungen und Gedanken die wissenschaftliche Entwicklung der Folgezeit beeinflußt, ist zugleich immer Schulhaupt: Kant und Darwin machen erst die Kantianer und Darwinianer voll. Das ist nicht in dem Sinne des bekannten Spruchs gemeint: »wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun«; das gehört in das Kapitel von der Massenarbeit. Die Aufgabe der Schule ist vielmehr die Ausgestaltung und Entwicklung des vom Meister ausgehenden zeugenden Gedankens, dabei eine Entwicklung dieses Gedankens nach der ihm innewohnenden Kraft, nicht nach dem bewußten Willen des Meisters. Denn dieser ist doch nur ein Mensch; gar mancher mag es in allzu menschlichem Selbstgefühl sogar unangenehm empfinden, wenn seine Schüler seine Gedanken über die von ihm selbst gesteckten Grenzen hinaus entwickeln. Hier ist eben das Schibboleth für Schule im guten und Schule im schlimmen Sinne – sagen wir besser, für Schule und Herde. Der wahrhaft fruchtbare Gedanke hat das an sich, daß er, einem Organismus gleich, nach eigenen Gesetzen weiter wächst; das müssen sich beide, Meister wie Schüler, in gleicher Weise gegenwärtig halten, wenn sie beides im wahren Sinne des Wortes sein wollen. Geistige Freiheit ist die Grundbedingung für das Gedeihen der Wissenschaft.

Eine nach einer künftigen Synthese orientierte Analyse, eine auf viele voraufgegangene Analysen gestützte Synthese – das ist es, was einer Arbeit den Charakter der Wissenschaftlichkeit verleiht. Diese ist die virtus in medio; sie wird auf beiden Seiten von je einer Ausartung flankiert. Die eine nennen wir die Erudition: sie ist so recht eine Analyse ohne Synthese, ein Wust von rein stofflichem Material, von keinem ordnenden und aufwärtsweisenden Gedanken belebt. Sie ist nicht unbedingt zu verwerfen: es steckt oft ein gewaltiger Fleiß darin, der einem geistvolleren Nachfolger manche Arbeit erspart. Es ist darum der Erudit ein zwar wenig interessanter, aber nützlicher Handlanger des wissenschaftlichen Forschers; und weil seine Arbeit doch in der Regel um Gotteslohn geleistet wird, so macht man ihm schließlich den Gelehrtennamen, den er gewöhnlich beansprucht, nicht streitig. Die zweite der oben gemeinten Ausartungen ist die Synthese ohne Analyse: man hat sie Feuilletonismus, Dilettantismus, neuerdings auch Sophistik genannt, und diese auf die antike Terminologie gestützte Bezeichnung ist die zutreffendste. Für sie ist der Wissenschafter ohne Gnade; er verlangt, daß das Recht, in der Wissenschaft mit- oder dreinzureden, durch saure wissenschaftliche Arbeit erworben werde, da nur sie den Darsteller zwingt, auf dem Boden des Tatsächlichen zu bleiben, und ihm den Unterschied zwischen dem Beweisbaren und Unbeweisbaren, dem Bewiesenen und Unbewiesenen nicht aus dem Bewußtsein schwinden läßt. Dazu kommt, daß solchen Schriften, eben infolge der fehlenden Hemmungen, sich nur gar zu oft ein Element beigesellt, das der redliche Wissenschafter von seinen Arbeiten stets geflissentlich fernhält, das Element der Tendenz. Und da dies Element dem durchschnittsgebildeten, der für die keusche Urteilsstrenge der echten Wissenschaft kein Verständnis hat, nur allzu wahlverwandt ist, so haben die hier gemeinten Schriften nicht selten einen ebenso durchschlagenden wie kurzlebigen Erfolg.

Heißt das, daß über die ganze nicht fachmäßige, an das große Publikum sich wendende Wissenschaft der Stab gebrochen werden soll? Nein und dreimal nein; der gelehrte Eigendünkel ist im zwanzigsten Jahrhundert mit seinen mächtigen sozialen Forderungen noch weniger am Platze als je vorher; der Wissenschafter soll wissen und fühlen, daß er dem Volke, das ihn seinen Studien leben läßt, eine Art Entgelt schuldig ist. Die Nutzwissenschaft leistet dieses Entgelt, indem sie durch technische Schöpfungen und Vervollkommnungen die materielle Kultur des Volkes hebt; die reine Wissenschaft soll wie die Kunst eine ihrer Hauptaufgaben darin sehen, daß sie an der Hebung seiner geistigen Kultur arbeitet. Auch diese Arbeit leistet der Gelehrte – der Gelehrte als Popularisator. Seine Aufgabe ist dann, kurz gesagt, der Umsatz der Wissenschaft in Bildung.

Allerdings darf hier die Frage gestellt werden: soll der Gelehrte diese Aufgabe selbst in Angriff nehmen, oder soll er sie Popularisatoren von Beruf überlassen? Sehen wir von der Schulbildung ab, die immer Sache der dazu Berufenen bleiben muß, so ist die Frage in der erstgenannten Richtung zu beantworten – wenn der Gelehrte sich nur von der naiven Illusion freizumachen versteht, als ob das, was ihm eben als einem Fachgelehrten verständlich oder interessant ist, auch für den durchschnittsgebildeten verständlich oder interessant sein müsse. Aber dieser Illusion kann nur der verfallen, der »in sein Museum gebannt ist«; wer mehr zu Faust als zu Wagner hält, wer in lebendigem Gespräch den Lebendigen seiner Zeit nahe zu treten liebt, der wird auch im geschriebenen Wort den rechten Ton treffen. Also, wie wir folgern dürfen, wer nicht nur Analytiker, sondern vorzugsweise oder doch zugleich Synthetiker ist. Für diesen ist die Beteiligung an der Populärwissenschaft nicht nur, nach dem Gesagten, eine soziale Pflicht: er wird auch für seine Wissenschaft davon einen unverächtlichen Vorteil ziehen. Wer nur mit seinesgleichen verkehrt, für den bilden sich gar leicht Konventionalwerte aus, die dem prüfenden Hammer der Zeit nicht standhalten. Niemand wird an solche sein Leben wenden wollen; was ist aber Konventional-, was wahrer und echter Wert? »Das lehrt euch nur, wer nichts versteht von der Tabulatur.«

Wir sind hier einem verhängnisvollen Dilemma näher getreten: Wissenschaft und Bildung, jene als das Vorrecht weniger, diese als die Forderung der Masse. Noch sind die Gegensätze nicht aufeinandergeplatzt – und es wäre der Tod der Kultur, wenn es je geschehen sollte. Noch sucht der Staat beiden Seiten recht zu geben: die Pflege der Wissenschaft hält er ebensosehr für seine Aufgabe wie die Pflege der Bildung. Danach bestimmen sich – da auch die Wissenschaft mit der Bildung gleichzeitig betrieben werden kann und soll – drei Typen hierher gehöriger staatlicher Anstalten: der Pflege der Wissenschaft allein dient die Akademie, der Pflege der Bildung allein die Schule, der Pflege beider gleichzeitig die Universität –, wobei sich von selbst versieht einerseits, daß diese drei Namen Verwandtes mitvertreten, andrerseits, daß die Scheidung der Anstalten keine Rechtsbeschränkung der beteiligten Personen bedeutet. Weder ist es dem Akademiker verwehrt, als Dozent sein Wissen der Jugend mitzuteilen, noch schadet es dem Gymnasiallehrer, wenn er durch eigene Arbeiten seine Wissenschaft fördert; aber beim Schulmann sehen wir eben nur gern, wenn er ein Gelehrter ist, vom Universitätslehrer verlangen wir es. Es ist die Bedeutung der Wissenschaft als einer Kulturmacht, die dem Staate, in dem sie die beste Pflege findet, ein kulturelles Übergewicht über die andern verleiht. Mit dem kulturellen Übergewicht ist aber auch das materielle gegeben – jene »Mitgift«, die wir oben meinten, die nur dem selbstlosen Freier der Wissenschaft zufällt. Mag darum die blinde Demokratie noch so laut ihr Losungswort verkünden, das sie schon zu Heraklits Zeiten sich zu eigen gemacht hat: »uns sind keine großen Männer vonnöten!« – der bloße Wettbewerb wird sie veranlassen, eine solche Bürgschaft des Sieges, wie es der Besitz großer Gelehrter ist, nicht aus der Hand zu geben.

Bei der Pflege der Wissenschaft haben auch Gesellschaft und Staat vor allem den Grundsatz zu beherzigen, daß sie nur auf dem Boden der Freiheit gedeihen kann. Wie der einzelne wissenschaftliche Gedanke, so lebt auch die ganze Wissenschaft nach ihren eigenen Gesetzen; was sie von der Gesellschaft und vom Staate erheischt, womit beide sie fördern können, ist im wesentlichen etwas Äußerliches – die Herstellung der Bedingungen, unter denen sie gedeihen kann. Dahin gehört zunächst die prosaische Erwägung, daß die Wissenschaft ohne die Menschen, die sie betreiben, undenkbar ist, und daß diese letzteren so gestellt sein müssen, daß sie nicht durch die Sorge ums tägliche Brot von ihren wissenschaftlichen Arbeiten abgelenkt werden. Wohl ist das primum vivere, deinde philosophari ein banausischer Spruch, und der Gelehrte von Gottes Gnaden wird eher den heroischen Wahlspruch der Hamburger Schiffergilde mit entsprechender Korrektur auf sich anwenden: philosophari necesse est, vivere non est necesse. Aber der Heroen kann es naturgemäß nur wenige geben, und auch bei diesen wird vorzeitiger Aufbrauch der geistigen Kräfte die Lebensernte schmälern. So wird denn mit Recht die materielle Sicherstellung der wissenschaftlichen Arbeit als eine Hauptaufgabe der Kulturstaaten betrachtet; und da wir in einer Zeit leben, wo der Sieyèssche Spruch: »Es ist jedermann entweder ein Besoldeter oder ein Bettler oder ein Dieb« sich immer mehr bewahrheitet, so ist die Besoldung der Wissenschaft notwendig, wenn sie nicht betteln und nicht stehlen soll. Aber das ist nur das eine. Eine zweite Hauptbedingung ist die Atmosphäre der Achtung, die die Wissenschaft und ihre Arbeiter umgeben muß, damit der Arbeit ihr Lebensnerv, die Freudigkeit, nicht fehle. Mit dieser Forderung wenden wir uns nicht mehr an den Staat – gewiß haben Titel und Orden nie etwas in der Wissenschaft verdorben, aber ebenso gewiß ist, daß der von der Wissenschaft auf sie zurückgeworfene Reflexglanz ihren eigenen überstrahlt – wir wenden uns mit ihr an die Gesellschaft. Es sind freilich Imponderabilien, um die es sich handelt, aber sie haben unendlichen Wert- und wie in wärmeren Zonen der Mensch zu seiner Leibesnahrung weniger bedarf als im Norden, so läßt ihn auch die warme Dunsthülle der gesellschaftlichen Achtung leichter über die Schwierigkeiten eines bescheidenen Einkommens hinwegsehen. Das sind die zwei positiven Gaben, die die Wissenschaft von ihrer Umgebung erwartet; die dritte ist eine negative – eben die, von der wir zu Beginn dieses Absatzes ausgegangen sind. Die Freiheit ist die Lebensluft der Wissenschaft; wer ihr Wohl will, der lasse sie ihre selbstgewählten, von ihrer eigenen Logik ihr vorgezeichneten Wege gehen. Damit ist zweierlei gefordert: Freiheit der Forschung und Freiheit der Lehre. Jene wird gegenwärtig wohl nirgends bestritten! nicht so gut steht es um diese. In der Tat kommt hier manches Bedenken in Frage; und da das Hauptarbeitsfeld der wissenschaftlichen Lehre die Universität ist, so ist es die Autonomie dieser letzteren, in der alle Streitigkeiten gipfeln. Sollte dem Staate, der doch seine Universitätslehrer besoldet, nicht auch das Aufsichtsrecht über diese zustehen? Das klingt in der Theorie ganz annehmbar; doch verflüchtigt sich diese theoretische Annehmbarkeit sofort, wenn man den Staatsbegriff seiner abstrakten Nebelhülle entkleidet und unter ihr den Beamten findet, durch den der Staat notgedrungen sein Aufsichtsrecht ausüben müßte. Ebendiese Erwägung hat denn auch die fortschrittlich gesinnte Staatsgewalt veranlaßt – Deutschland schreitet hier in erfreulicher Weise voran –, auf dies Aufsichtsrecht zu verzichten oder es doch aus ein Minimum einzuschränken; es ist eben der Vorzug eines gesunden und starken Organismus, daß ein etwa eingedrungenes Gift durch seine eigene Schutzarbeit wieder ausgeschieden wird, ohne daß ein Eingriff von außen nötig wäre. Selbstergänzungsrecht der lehrenden Körperschaft, Freiheit der akademischen Lehre, keine andere Aufsicht als die der öffentlichen Meinung – das ist das Ideal, dem die Universität um so mächtiger zustrebt, je entwickelter und reifer das Volk ist, dessen geistiges Wesen in ihr seinen Ausdruck findet.

Der letzte Satz enthält freilich eine Einschränkung, die an sich geeignet ist, seine Tragweite zu vernichten. »Keine andere Aufsicht, als die der öffentlichen Meinung«; hier läßt sich mit Fug einwenden: entkleidet diesen letzteren Begriff seiner abstrakten Nebelhülle, und ihr werdet unter ihr den Zeitungsschreiber finden. Es ist auch viel – weniger in Deutschland als in den Nachbarstaaten – von der Lästigkeit dieser Vormundschaft der »Gasse« über die Wissenschaft geredet worden? doch aber nur mit halbem Recht. Erstens ist diese Vormundschaft im Prinzip ebenso unvermeidlich wie die freie Meinungsäußerung überhaupt – insofern hier also ein Übel vorliegt, ist es ein notwendiges. Zweitens aber – und das ist das Entscheidende – tritt es nur dort als ein Übel hervor, wo die Wissenschaft nicht stark genug ist, um sich bei der öffentlichen Meinung in gehörigem Respekt zu erhalten. So sind denn hier eigene Schutzvorrichtungen weder möglich noch auch besonders nötig. Genug, wenn der Staat die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Pflegestätten gewährleistet; sich der Gesellschaft gegenüber in ihrer Unabhängigkeit durchzusetzen, muß ihre eigene Sorge sein. Sie werden überall dort frei sein, wo sie der Freiheit wert sein werden.

Wir sahen die Bedeutung der Wissenschaft in sich selber, im Ganzen der Geisteskultur, und für den, dem sie Lebensziel und Lebensarbeit ist, den Forscher. Es bleibt noch zu reden davon, was sie der Überzahl derer sein und geben kann und soll, deren Lebensberuf auf anderen Gebieten liegt, und was sie von ihnen fordert.

Es gibt ein schönes und stolzes Wort, und jeder kennt es heute: Wissen ist Macht. Bereits ist es aber so oft und so einseitig wiederholt worden, daß es heute fast schon mehr not tut, daran zu erinnern, daß zwar Können ohne Wissen blind, aber nicht minder Wissen ohne Können, ohne die innere Durchdringung des Verständnisses, die ihm Leben gibt, ohnmächtig ist.

Dies führt uns gleich auf einen wesentlichsten Punkt, der vor allen anderen betont werden muß: die Wissenschaft stellt an jeden Forderungen, der etwas von ihr haben will, auch an den, der nur seine Mußestunden ihr widmen kann. Mit einem bloßen neugierigen Überlesen von Büchern und Vortraghören, um mitreden zu können, ist hier weniger als nichts getan. Strenge Ehrlichkeit ist hier die erste Forderung an jeden, und wer nicht entschlossen ist, die Energie und Strenge gegen sich selber aufzubringen, daß er von einem Gedanken nicht eher weitergeht, als bis er sich in dessen wirkliches Verständnis eingearbeitet hat, der bleibe auch von den Vorhallen der Wissenschaft fern. Daraus ergibt sich auch für den Laien die Notwendigkeit der Beschränkung. Er kann und soll nicht auf allen Gebieten oder möglichst vielen sich beschäftigen, sondern eines gründlich treiben, nicht überall ein wenig zu naschen, sondern kräftige Nahrung zu suchen sich bestreben. Das um so mehr, als der wahre Nutzen, den auch für ihn die Beschäftigung mit der Wissenschaft hat, nicht durch das vielerlei des Wissens, sondern durch die Tiefe des Eindringens gewährleistet wird. Darum geht es auch nicht an, sich mit allgemein einführenden populären Übersichten zu begnügen, vielmehr scheue man nicht vor tieferem Eindringen auch in speziellere Werke zurück, die gerade heute sich immer mehr um eine verständliche Ausdrucksweise bemühen, suche insbesondere auch in die Geschichte der betreffenden Wissenschaft einzudringen, die allein einen Größenmaßstab zur richtigen Einschätzung ihrer Wahrheiten liefert. Und besonders dadurch wird ihm die Beschäftigung mit der Wissenschaft auch helfen, einen richtigen Maßstab für die Schätzung der irdischen Dinge überhaupt zu gewinnen. Er sieht, daß nicht materielle Güter im Leben des einzelnen wie in dem der Völker das wirklich Wertvolle und Bleibende sind, sondern ideelle. Diese freilich muß jeder selbst neu erwerben, der sie besitzen will: und so schafft die Wissenschaft auch eine andere Wertung der Menschen, als sie das Leben sonst kennt, in dem materieller Besitz und äußerer Erfolg die Hauptrolle spielen.

Was ist es weiter, das die Wissenschaft auch dem geben kann, den sie nicht im engeren Sinne zu den Ihren zählt? Da ist das erste: Wissenschaft macht frei. Sie befreit den Geist von der drückenden Last unverstandener Traditionen, die ganzen Zeitaltern den freien Atem und den klaren Blick zu nehmen vermag. Sie lehrt den Menschen mit eigenen Füßen auf dem Boden der Tatsachen stehen und mit eigenen Augen die Welt um sich und in sich und seinen Weg zu sehen. Und gerade, um diese Wirkung zu erzielen ist nicht möglichste Breite, sondern möglichste Tiefe der wissenschaftlichen Beschäftigung notwendig. Wer nur in einem Punkte sich durch eigene Geistesarbeit befreit und selbständig gemacht, der weiß, daß es auch in allen anderen Wege dazu gibt, wenn er selbst sie auch nicht alle durchmessen kann. Sie zeigt ihm ein Gebiet, auf dem er unabhängig von allen äußeren Faktoren sich selbst verdankt, was er ist, einen Besitz, in dem ihn nichts stören, den ihm keiner streitig machen kann. Das lehrt das rechte Selbstbewußtsein auch in anderen Dingen. Wissenschaft macht aber auch bescheiden. Wer sieht, wie unendlich viel dazu gehört, um sie ein Stück – in der großen Geschichte der menschlichen Geistesarbeit nur ein Stückchen – weiterzubringen, wen sollte das nicht über den wirklichen eigenen Wert des Wissens und Könnens, das so tief unter dem jener Großen der Wissenschaft steht, recht bescheiden denken lehren?

All dieser sittlichen Wirkungen wissenschaftlicher Arbeit wegen aber ist es auch, daß von unseren Beamten, von allen, die im öffentlichen Leben an eine führende Stelle, im kleinen oder großen, berufen sind, eine wissenschaftliche Vorbildung gefordert wird, warum ihre Ausbildung an den Pflegestätten der freien Wissenschaft selber, den Universitäten, und nicht an Fachschulen erfolgt, wie heute schon von manchen befürwortet wird. Denn gerade diese Männer brauchen die Freiheit des Geistes und des Blickes, die nur die Wissenschaft verleiht, und ohne diese müßte das öffentliche Leben, das ihrer Leitung anvertraut ist, in Zopf und Schablone erstarren. Aber freilich ist dazu nötig, daß die, welche sich einer solchen Laufbahn widmen wollen, sich der hohen Erwartungen, die man von ihnen hegt, auch würdig erweisen. Kein kläglicheres geistiges Armutszeugnis kann man sich ausstellen, als eben diese Forderung einer wissenschaftlichen Vorbereitung zu öffentlichem Beruf als eine lästige und überflüssige Examensforderung zu betrachten und zu behandeln, wie es leider heute gerade in den Kreisen der Jugend, die auf solche Laufbahnen einen Erbanspruch zu haben glaubt, häufig genug geschieht.

Das Zweite ist: daß nur der, der an der Wissenschaft teilnimmt, an der geistigen Kultur seiner Zeit und seines Volkes wirklichen Anteil hat, eben weil die Wissenschaft zu den von der Beschränkung durch Zeit und Raum befreiten und darum wirklichen Errungenschaften der Völker gehört, im Gegensatz zu aller bloß materiellen Kultur. Tempel und Kanäle der alten Babylonier sind zerfallen, aber was sie an Anfängen wissenschaftlicher Arbeit geleistet, ist heute noch lebendig. Wer wollte sich begnügen, nur an den vergänglichen Werken seines Volkes Anteil zu haben, von der Teilnahme an dessen unvergänglichen Schöpfungen aber sich ausschließen? Jede Trennung von Wissenschaft und Volk muß, wie wir sehen, auf die Dauer aus der einen Seite zu Verknöcherung und auf der anderen zu Barbarei führen. In dem erstaunlichen Aufschwung, den die populärwissenschaftliche Literatur und das Interesse an ihr heute genommen haben, beruht in der Tat, freilich stets unter Berücksichtigung einer anfangs ausgesprochenen Mahnung, eine wesentliche und unentbehrliche Bürgschaft dafür, daß der hohen Entwicklung unserer geistigen Kultur auch weiterer gesunder Fortschritt wird beschieden sein.

Und in diesem Sinn kann jeder, der seine Mußestunden dazu benutzt, um mit Ernst und mit der Liebe der Sache, von welcher der Dilettantismus seinen schönen Namen hat, an irgendeinem Punkte in die Gedankengänge der Wissenschaft einzudringen und ihnen zu folgen, das schöne Bewußtsein haben, ein Freiwilliger der Kulturarmee zu sein, die von den Besten der Menschheit geführt wird, und sein Teil beizutragen zum Fortschritt der geistigen Kultur seines Volkes.

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