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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Max verfolgte dieselbe Straße, auf welcher er heute Morgen nach der Ruine gelangt war. Von da führte sie immer längs des Flusses stromaufwärts in das Gebirge, wo in etwa drei Meilen Entfernung von der Residenz ein steiler Höhenzug bis hart an das Ufer trat und dort eine natürliche Felsenbastion bildete, auf welcher sich das alte Schloß erhob, dessen aus den verschiedensten Jahrhunderten stammende Baulichkeiten jetzt die Landesirrenanstalt bildeten. Der Direktor derselben war ein ehemaliger hoher Militärarzt, welcher durch die Protektion des Herzogs von Raumburg diese höchst einträgliche Stellung erhalten hatte.

Er hatte sich vor wenigen Minuten erhoben und saß mit seiner Familie bei dem sehr reichlich ausgewählten Frühstücke. Der Mann erfreute sich eines bedeutenden Leibesumfanges, und seine feisten, glänzenden Wangen gehörten ganz entschieden zu der Kategorie der Hängebacken.

»Nichts Neues, meine Liebe? Bitte, schenke mir nochmals ein!«

»Es kam diese Nacht ein Kurier vom Herzog. Er wollte unbedingt Dich selber sehen; ich sagte ihm jedoch, daß Du verreist seist. Hier hast Du Kaffee! Ist er süß genug?«

»Recht so, mein Herz! Der Schlaf ist das bedeutendste Bedürfniß der menschlichen Konstitution; wer ihn kürzt, kürzt sich das Leben. Die Depesche kommt auf alle Fälle noch rechtzeitig zum Lesen. Bitte, thu mir noch ein Stück Zucker in die Tasse!«

»Sie liegt hier auf dem Teller. Willst Du sie öffnen? Hier ist Zucker!«

»Laß sie liegen! Jede Lektüre bei Tische strengt mittelbar diejenigen Theile unseres Körpers an, welche der Verdauung, also der Erhaltung unseres Lebens dienen. Gieb mir noch ein Brödchen; aber etwas mehr Butter darauf!«

»Hier hast Du, mein Lieber! Was wünschest Du zum zweiten Frühstücke? Wirst Du zum Morgenrapporte heut nicht etwas zu spät kommen?«

»Nein, liebe Frau; der Vorgesetzte kommt niemals zu spät; das mußt Du Dir merken. Eine kleine, noble Verzögerung, wie Du sie ja auch stets beim Besuche der Soiréen und Kränzchen in Anwendung zu bringen pflegst, gehört mit zu den Vorzügen und Rechten der Distinktion. Dein Schinken war gestern gut; ich möchte von ihm haben, doch gieb mir statt des Bordeaux einmal einen Trébisond. Er ist zwar etwas schwer, aber meine angegriffenen Nerven bedürfen einer solchen Stärkung. Ich glaube, ich werde einige Wochen in das Seebad gehen müssen. Ein Stück Torte hast Du wohl übrig. Magst Du mir die Tasse nochmals füllen?«

»Hier, mein Guter! Es ist wahr, Du strengst Dich wirklich zu sehr an, was um so mehr zu bedeuten hat, als diese Anstrengung eine rein geistige ist, ganz abgesehen davon, daß die tägliche Revision der Zellen auch bedeutend echauffirt. Ich werde den Konditor abdanken. Er macht mir seit einigen Tagen zu viel Mandeln in das Gebäck, welches dadurch einen bittern Geschmack erhält, der mir den ganzen Tag nicht von der Zunge kommt.«

»Ich empfehle Dir allerdings, zu einem andern zu gehen. Die bittre Mandel hat einen ganz bedeutenden Gehalt an Blausäure, bekanntlich eines der stärksten Gifte, und ich habe natürlich nicht im mindesten die Intention, mich von dem ersten besten Zuckerbäcker umbringen zu lassen. – Was Du da von der geistigen Anstrengung sagst, hat seine vollständige Richtigkeit, ganz besonders aber bei dem Irrenarzte. Durch das stete Beisammensein mit geistig gestörten Subjekten schwebt man stets in höchster Gefahr, selbst verrückt zu werden, wie es ja Fälle gegeben haben soll, daß irrthümlich Internirte, welche vollständig gesund waren, dadurch wirklich monoman geworden sind. Ich halte mich in Folge dessen von jeder näheren Beziehung zu meinen Wahnsinnigen und jeder Beobachtung ihres Zustandes grundsätzlich fern. So, das hat geschmeckt, und nun gib die Depesche her, meine Liebe!«

Sie reichte ihm das sorgfältig versiegelte Schreiben; er erbrach dasselbe, um es zu lesen.

»Hm, ein neuer Zuwachs!« meinte er sodann, das Papier zusammenfaltend.

»Männlich?«

»Nein, weiblich; eine Zigeunerin.«

»Ah! Jedenfalls eine Landstreicherin. Woher wird sie eingeliefert?«

»Sie kommt selbst.«

»Selbst? Freiwillig? Wie ist das möglich?«

»Sie kommt, um ihren Sohn zu besuchen, und wird dabei festgehalten.«

»Wer ist ihr Sohn?«

»Nummer Elf der Tobsüchtigen.«

Die ältere Tochter legte den Kaffeelöffel klirrend in die Tasse zurück.

»Der hübsche Offizier, welcher immer behauptete, er sei gesund und werde nur aus schlimmen Gründen für krank erklärt?«

»Derselbe, mein Kind.«

»Papa, ich halte ihn für nicht wahnsinnig, und die beiden Unterärzte sind ganz derselben Meinung.«

»Woher weißt Du das Letztere?« frug er frappirt.

»Ich hörte diese Bemerkung, welche sie aussprachen, ohne meine Gegenwart zu wissen.«

»Die beiden Assistenten sind noch jung im Berufe und haben also kein Urtheil. Der Oberarzt hat ebenso wie ich die Krankheit konstatirt, und überdies liegt über dieselbe ein Urtheil unserer allmächtigen Durchlaucht vor, welches Du wohl als untrüglich gelten lassen mußt. Nummer Elf wird die Anstalt nicht verlassen. Seine Störung tritt täglich mehr und mehr hervor; er gehört bereits zu den Tobsüchtigen, und da ich ihn nicht anders als durch Kostentziehung zu diszipliniren vermag, so ist er körperlich bereits so abgeschwächt, daß er sich binnen kurzer Zeit todtrasen wird. Er kommt ohnehin aus der Zwangsjacke niemals heraus.«

»Es muß hier ein höchst interessantes Geheimniß vorliegen, Papa. Er war Hauptmann trotz seines jugendlichen Alters und ist der Sohn einer Zigeunerin. Der Herzog lieferte ihn ein und gibt Dir jetzt auch den Befehl, seine Mutter festzuhalten. – Hast Du den "Irren von St. James" von Philipp Galen gelesen, Papa?«

»Mein Kind, ich habe nach der Überzeugung zu handeln, daß sich der Herzog und die Wissenschaft niemals irren können. Die Familienbeziehungen der Eingelieferten gehen mich nichts an, und daß mir für die Lektüre von Romanen nicht die mindeste Zeit übrig bleibt, weißt Du ja. Ich glaube sehr, daß an Deinem "Irren von St. James" nicht ein Tüpfelchen Wahrheit ist!«

Er erhob sich, um sich zum Rapporte zu begeben.

Die Ärzte standen bereits, von dem Diener eingeführt, in seinem Arbeitskabinete. Sie hatten schon über eine halbe Stunde auf ihn gewartet.

»Guten Morgen, meine Herren,« grüßte er herablassend. »Setzen Sie sich! Ehe ich Ihnen den täglichen Bericht abnehme, muß ich Sie auf einen Umstand aufmerksam machen. Es wird nämlich im Laufe des Vormittags eine Zigeunerin erscheinen, um ihren Sohn zu sehen. Diese Person ist wahnsinnig und wird sofort, das will ich gestatten, da die mir gewordene Instruktion es nicht verbietet, auf fünf Minuten zu ihrem Sohn gebracht, dann aber ohne jede weitere Manipulation in einer der Zellen für tobsüchtige Weiber installirt.«

»Wer ist ihr Sohn?« frug der Oberarzt.

»Der Hauptmann Nummer Elf.«

Die beiden Assistenten warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu, und auch über das Gesicht des Oberarztes zuckte ein nur halb unterdrückter Zug der Überraschung.

»Seine Mutter eine Zigeunerin? Darf ich fragen, von wem die erwähnte Instruktion gegeben wurde?«

»Von Seiner Durchlaucht dem Herrn Ministerpräsidenten und Generalissimus Herzog von Raumburg.«

»Dann ist sie allerdings wahnsinnig. Seiner Durchlaucht stehen so untrügliche ärztliche Kapazitäten zur Seite, daß eine Untersuchung hierorts vollständig überflüssig ist.«

»Natürlich! Ich wünsche nicht, – verstehen Sie wohl, meine Herren, in Folge der betreffenden Instruktion wünsche ich nicht, daß Sie Ihre ja sonst schon so außerordentlich in Anspruch genommene Divinationsgabe an der übergeschnappten Landstreicherin vergebens verschwenden. Und jetzt nun zum Rapporte!«

Dieser nahm nur wenige Minuten in Anspruch. Die Untergebenen kannten genugsam das Prinzip ihres Vorgesetzten, die Leitung der Anstalt in der Weise zu führen, daß durch dieselbe seine Verdauung nicht gestört werde.

Eben war man beim Schlusse angelangt, als der Pförtner eintrat, um zu melden, daß eine Zigeunerin im Empfangszimmer sei, welche einen Internirten zu sprechen wünsche, den sie als ihren Sohn bezeichne.

»Gehen Sie hinab, Herr Oberarzt,« befahl der Direktor. »Das Weitere ist Ihnen ja bekannt.«

Der Angeredete entfernte sich, ertheilte auf dem Korridore einige Befehle und begab sich dann in den Empfangsraum. Es war Zarba, welche seiner dort wartete.

»Wer ist Sie?« frug er barsch, sie mit seinem stechenden Auge scharf fixirend.

»Ich heiße Zarba und bin die Vajdzina meines Stammes.«

»Was will Sie?«

»Lese der gestrenge Herr dieses Papier, welches mir der Herzog von Raumburg geschrieben hat!«

»Sie war bei ihm selbst?«

»Ja.«

Er entfaltete und überflog den Befehl.

»Komme Sie!«

Er verließ mit ihr das Zimmer, schritt über den Hof hinüber und betrat ein finster dreinschauendes und mit eng und stark vergitterten Fenstern versehenes Gebäude. Hier stieg er eine Treppe empor, ließ sich von einem robusten Wärter die Eingangsthüre zu einem dunklen Korridore öffnen und schob die schweren eisernen Riegel von einer der hier befindlichen, stark beschlagenen Thüren.

»Hier herein!«

Sie trat ein. Ein doppelter Aufschrei erscholl; er aber schlug die Thür hinter ihr zu, blickte auf seine Uhr und begann dann, langsam den Korridor auf- und abzuschreiten.

In den zahlreichen Zellen zu beiden Seiten des engen Ganges herrschte ein mehr als reges Leben. Hier vernahm man ein zorniges Gestampfe, dort den Tritt eines rasenden Tanzes, dazwischen erscholl weiterhin ein brüllender Gesang, lautes Ächzen und Stöhnen, markerschütternde Hilferufe, gräßliche Flüche und Verwünschungen tönten dazwischen, oder es ließ sich eine zum Erbarmen flehende Stimme vernehmen. Der Oberarzt schien kein Ohr für all diese fürchterlichen Zeichen des schrecklichsten Zustandes geistiger Zerrüttung zu haben. Er schritt ruhig hin und her, warf zuweilen einen Blick auf die Uhr und trat, genau als die fünf Minuten abgelaufen waren, wieder an die Thür, hinter welcher nach dem ersten Aufschrei tiefe Stille geherrscht hatte. Er öffnete und befahl:

»Komme Sie einmal heraus!«

»Schon! Ich bitte den gestrengen Herrn, mich – –«

»Ruhe! Sie wird nachher wieder herein dürfen. Jetzt aber komme Sie!«

Sie trat zögernd heraus. Ihre Augen standen voller Thränen, und in ihrem verwitterten, runzelvollen Antlitze lag ein Ausdruck von Schmerz, Wuth und Rachsucht, der sich unmöglich beschreiben läßt.

»Warum hat man meinen Sohn eingeschnürt, Herr? Der Schaum und das Blut steht vor seinem Munde; er kann sich nicht bewegen, nicht reden; der Schmerz treibt ihm die Augen aus dem Kopfe und – –«

»Ruhe! Sie hat mir schweigend zu folgen!«

Er führte sie über einen zweiten Hof nach einem ähnlichen Gebäude, welches sie soeben verlassen hatten und in einen gerade so engen und finstern Korridor. Hier öffnete er eine Thür.

»Trete Sie ein!«

Die Zelle hatte ein schmales, niedriges, mit einem Gitterkorbe versehenes Fenster, durch welche der Schein des Tages nur mühsam einzudringen vermochte; die dicken Mauern waren mit starken Pfosten ausgekleidet, und mehrere an ihnen herabhängende Ketten erhöhten den abschreckenden Eindruck, welchen dieser Raum machen mußte.

Die Zigeunerin trat einen Schritt zurück. Eine fürchterliche Ahnung schien sich ihrer zu bemächtigen.

»Was soll ich da drin?«

»Das wird Sie sehen!«

»Ich gehe nicht eher hinein, als bis ich es weiß. Ich will zurück zu meinem Sohne!«

»Vorwärts!«

Ohne weitere Umstände erfaßte er sie und schob sie in die Zelle, deren Thür er wieder verriegelte.

»Die Frau bleibt in dieser Nummer,« befahl er einer bereitstehenden Wärterin. »Wenn sie sich nicht ruhig verhält, geben Sie ihr die Zwangsjacke. Zu essen bekommt sie heute nichts!«

Als er über den Hof schritt, kam ihm der Pförtner entgegen.

»Herr Oberarzt, ich suche Sie. Es ist ein Herr gekommen, welcher die Anstalt zu sehen wünscht, und ich weiß nicht, ob ich den Herrn Direktor jetzt stören darf.«

»Wer ist es?«

»Ein sehr feiner Herr. Er hat seinen Namen nicht genannt.«

»Werden sehen.«

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