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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Er beachtete den "Sperber" gar nicht, sondern hielt gerade auf das Linienschiff zu, welchem Arthur soeben seine Salve gegeben hatte. Schon war er demselben ziemlich nahe, da fielen wie durch einen Zauberschlag seine sämmtlichen Segel, und dennoch kam er in ungeminderter Schnelligkeit heran. Man sah seine nackten Masten, seine Raaen, man sah jede seiner Stangen und Spieren, aber man konnte sich nicht erklären, durch welche Kraft er getrieben wurde. Kein Mann stand am Steuer, keine Luke, kein Mensch an Deck war zu sehen, und nur da vorn, draußen auf dem Klüverbaume stand Einer, völlig schwarz gekleidet und schwarz im Gesichte, eine wahre Riesenfigur, in der Rechten den krummen türkischen Säbel und die Linke an den Pistolen im Gürtel. Er hielt sich nicht an und stand doch so fest und sicher wie in der Mitte eines Zimmers.

Es waren auf den vier Schiffen gewiß Wenige, denen nicht das Herz klopfte. Er ging zwischen dem Sperber und dem Linienschiffe durch. In diesem Augenblicke erhob der Schwarze den Säbel, das schwarze Schiff erbebte dreimal; drei fürchterliche Salven donnerten aus seinem Rumpfe in den des Linienschiffes, dann war er vorüber. Aber er ging nicht weiter, sondern schlug, ohne daß das Steuerrad bewegt wurde, einen Bogen auf die süderländische Fregatte ein. Jetzt nun sah man deutlich, daß das Wasser unter seinem Kiele verschlungen wurde, wie von einem unsichtbaren Ungeheuer, und da, da schwebte auch eine Flagge empor, scheinbar ganz ohne Zuthun einer menschlichen Kraft – es war die norländische.

»Hurrah, Hurrah!« ertönte es aus allen Kehlen, die es auf dem Sperber gab. Sogar Arthur stimmte mit ein. Einen solchen Verbündeten hatte er nicht vermuthen können.

»Leg um, Schubert, ans Steuerbord der Fregatte!« gebot er donnernd. »Sie muß auf den Grund!«

Der Sperber flog herum. In diesem Augenblicke senkte aber die Fregatte die süderländische Flagge und zog die weiße auf. Sie ergab sich ohne Gegenwehr, und das war sehr richtig, denn sie wäre verloren gewesen, da die beiden Linienschiffe so zugerichtet waren, daß sie ihr nicht den mindesten Beistand leisten konnten. Auch sie ließen ihre Flaggen fallen. Da drehte der "Tiger" herüber und hielt auf den Sperber zu. Dabei flogen seine Signale empor, welche zum Beidrehen aufforderten.

»Kapitän, folgen Sie ihm, und übernehmen Sie jetzt das Kommando wieder,« meinte Arthur. »Ich möchte ihn nur beobachten.«

Er trat hinter die Schanzverkleidung, so daß er vom "Tiger" aus nicht gesehen werden konnte. Die Windsegel fielen, und auch das schwarze Schiff stellte seine Fahrt ein, von ganz derselben unsichtbaren Macht festgehalten. Die beiden Schiffe lagen sich schaukelnd einander gegenüber.

»Sperber ahoi! Welcher Kapitän?« rief der Schwarze, der den Namen der Fregatte gelesen hatte, herüber.

»Kapitän Baldauf mit Kommodor Sternburg an Bord!«

»Kommodore? Arthur von Sternburg?«

»Ja.«

»Bitten Sie ihn sofort zu mir an Bord!«

»Oho! An Bord eines Kapers?«

»Nicht Kaper, sondern norländisches Orlogschiff!«

»Auf Ehre?«

»Auf Ehre!« antwortete der Schwarze in überzeugendem Tone, indem er die Rechte auf das Herz legte.

»Was werden Sie thun, Kommodore?« frug der Kapitän halblaut.

»Ich werde hinüber gehen.«

»Wie viel Mann Begleitung?«

»Zwei Ruderer im kleinen Boote.«

»Ein großes Wagniß!«

»Werden sehen!«

Das Boot wurde ausgesetzt, und in zwei Minuten schwang sich Arthur an einem herabfallenden Seile, an welches die Ruderer das Boot befestigten, an Bord des "Tigers".

Es war kein Mensch da zu sehen. Der Schwarze stieg vom Klüver auf das Spriet, von da auf das Deck herab und kam auf ihn zu, blieb aber plötzlich erstaunt halten.

»Bill! Bill Willmers!«

»Ah, woher kennen Sie diesen Namen?«

»Wer sind Sie?«

»Ich heiße von Sternburg und bin seit gestern Kommodore.«

»Ah, daher diese Ähnlichkeit mit Ihrem Vater! Aber warum dieses Inkognito?«

»Welches?«

»Pah! Kommen Sie!«

Er schritt ihm voran nach hinten und öffnete.

»Treten Sie einstweilen hier in die Kajüte. Ich habe unten einige Befehle zu ertheilen und komme dann nach!«

Arthur folgte dem Gebote. Die Thür schloß sich hinter ihm und er stand vor einer jungen Dame, welche in orientalische Tracht gekleidet war.

»Almah!«

Sie hatte sich bei seinem Eintritte erhoben.

»Bill – Willmers!« rief sie erstaunt, bemerkte aber dann die Uniform mit den Abzeichen seines Ranges. »Was ist das? Ein – ein Kommodore!«

»Ja, der nicht mehr Bill Willmers, sondern Arthur von Sternburg heißt.«

Sie legte erstaunt die Hände in einander.

»Ists möglich! Mein – mein Retter!«

»Den Ihnen dieser Bill Willmers zuführen wollte. Verzeihen Sie mir den kleinen Scherz?«

Sie stand vor ihm da wie mit Blut übergossen, und ihre Stimme zitterte leise, als sie frug:

»Aber warum dieses häßliche Inkognito?«

»Weil ich die Seligkeit genießen wollte, Ihnen dienen zu dürfen mit jedem Gedanken meines Herzens und jeder Bewegung meiner Hände, Almah.« Ihre Schönheit und die Überraschung wirkten fast berauschend auf ihn, und er fuhr fort, ihre beiden Hände ergreifend: »Almah, jetzt bin ich ein Prinz, wie Sie es gegen Mutter Horn gewünscht haben. Zürnen Sie mir, daß ich dies erfahren habe?«

Sie erglühte noch tiefer. Er konnte sich nicht halten; er zog sie an sein Herz und küßte sie auf die rosigen Lippen.

»Almah, ich habe Dein gedacht mit heißer Sehnsucht, seit ich Dich damals aus dem Wasser trug. Sag, o sag, darf ich, nun ich Dich gefunden habe, Dich festhalten für das ganze Leben?«

Sie neigte ihr Köpfchen an seine Brust.

»Arthur, Du darfst!«

»Habe Dank, Du liebes, Du süßes, Du herrliches Wesen!«

Er zog sie fester an sich und küßte sie wieder und immer wieder.

»Ah, Kommodore,« rief es da hinter ihm, »Sie langweilen sich nicht, wie ich sehe!«

Er fuhr herum. Der Schwarze war leise eingetreten.

»Excellenz!«

»So erkennen Sie mich? Nun, dann herab mit dem Dinge!« Er nahm die dünne Gazelarve ab, welche sein Gesicht verhüllte. »Willkommen auf dem Tiger!«

»Dem fürchterlichen Piratenschiffe!« lächelte Arthur.

»Sind Sie nicht selbst Pirat geworden, der kommt, sieht und siegt? Doch davon später! Wir haben keine Zeit zu langen Verhandlungen übrig. Sie gehen nach Tremona?«

»Ja. Meine Flotte ist bereits voraus.«

»Darf ich mich anschließen?«

»Als was?«

»Als einer Ihrer Kapitäne einstweilen. Ich gebe Ihnen den "Tiger" als Flaggenschiff.«

»Topp!« rief Arthur erfreut. »Eine solche Aquisition ist eine ganze Flotte werth. Aber Ihr Verhältniß zu Süderland?«

»Gibt es nicht. Aber, Kommodore, Sie sind ja ein ganz verwogener Teufel. Wagen sich da an die drei Orlogschiffe! Sie nehmen doch die Prisen mit?«

»Natürlich!«

»Werde Ihnen behilflich sein; kann eine oder zwei von ihnen ins Schlepptau nehmen.«

»Per Dampf!«

»Sie errathen?«

»Natürlich. Sie haben statt Rad oder Schraube eine Pumpe und dabei einen Kessel, der den Rauch verzehrt.«

»Richtig. Und das Andere ist auch keine Hexerei. Wenn wir in Ordnung sind, können Sie sich alles ansehen. Jetzt kommen Sie an Deck!«

Als sie wieder in das Freie kamen, fand Arthur das Deck ganz mit orientalisch gekleideten Leuten bemannt. Einer derselben kam ihnen entgegen. Nurwan-Pascha stellte ihn vor:

»Mein erster Lieutenant Ali-el-Hakemi-Ebn-er-Rumi-Ben-Hafis-Omar-en- Nasafi, der den "Tiger" führt, wenn ich nicht an Bord bin. Er wird dies auch jetzt thun, denn ich begleite Sie natürlich an Bord der drei Prisen, um Ihnen an die Hand zu gehen, wenn Sie erlauben.«

»O, ich bitte darum. Kommen Sie!« – –

Es war eine Woche später. In dieser Woche war viel, sehr viel geschehen. Die Vertreter der Wahlbezirke saßen in der Residenz bei der Berathung der Konstitutionsvorlage; Tremona befand sich in den Händen Norlands, und General Helbig stand mit seiner daselbst gelandeten Armee in der durch einen Handstreich genommenen Residenz von Süderland. Der Norden dieses Landes war von den Schaaren der Aufständischen und den Truppen, welche mit diesen gemeinschaftliche Sache machten, besetzt, und zwischen diesen und der Armee des Fürsten Sternburg lagen die Truppen des tollen Prinzen eingeschlossen, bei denen die Familie des Königs Schutz gesucht hatte. Nur von dem Herzoge von Raumburg war keine Spur aufgefunden worden.

Der König von Norland saß an seinem Schreibtische und hatte einen geöffneten Brief in der Hand. Unweit von ihm hatte Max Platz genommen. »Also Prinzeß Asta läßt mich durch Dich um die Erlaubniß bitten, das Unglück ihres Vaters theilen zu dürfen?«

»Darf ich diese Bitte unterstützen, Majestät?«

»Einer solchen Befürwortung kann ich unmöglich widerstreben. Max, ich habe Dir viel, sehr viel, vielleicht Alles zu danken, und ein König hat die Macht, dankbar zu sein. Willst Du mir eine Frage offen beantworten?«

»Ich werde es,« antwortete er einfach.

»Du liebst die Prinzessin?«

»Majestät!«

»Sei offen!«

»Ich kann nicht gegen die Stimme meines Herzens; dieses aber muß ich dem Verstande unterordnen. Ich werde es besiegen.«

»Vielleicht brauchst Du es nicht. Wie denkt oder fühlt Asta?«

»Ich habe mich ihr gegenüber nicht verrathen, aber ich weiß, daß sie leidet.«

»Gut. Willst Du sie zu ihrem Vater bringen?«

»Ich?«

»Ja, Du und ich, wir Beide. Dein Plan, welchen ich meinen Weisungen an Sternburg zu Grunde legte, hat sich bewährt. Während wir dem tollen Prinzen nur eine einzige Gardebrigade in den Pässen entgegenstellten und er nicht Acht auf seinen Rücken hatte, ist er von Sternburg auf beiden Seiten umgangen. Wir haben nicht nur ihn, sondern auch die aufständischen Süderländer eingeschlossen und sind Herren der Situation. Hier in diesem Briefe zeigt mir Sternburg an, daß der König bereit sei, Verhandlungen anzuknüpfen; die Grundlagen des abzuschließenden Friedens habe ich mit Dir bereits eingehend beschlossen, und so bin ich bereit, mich in Deiner Begleitung zur Armee zu verfügen. Asta wird uns begleiten. Es wäre wünschenswerth, den jungen Sternburg und auch diesen verteufelten Nurwan-Pascha im Hauptquartier des Fürsten vorzufinden. Wenn Du Beiden sofort nach Tremona telegraphirst, so können sie binnen zwei Tagen dort eintreffen.«

»Ich werde das sofort besorgen.«

»Und dann wirst Du vielleicht noch Zeit zu einer weiteren Besorgung finden?«

»Welche?«

»Ich höre, daß Du jetzt täglich die Prinzessin Asta besuchest?«

»Allerdings.«

»Sie soll sogar öfters bei Deinen Eltern absteigen?«

»Zuweilen. Sie sitzt mit Mutter stundenlang in Unterhaltung.«

»Dann wirst Du vielleicht Gelegenheit haben, ihr bei Euch oder in ihrer gegenwärtigen Wohnung diese Zuschrift zu überreichen. Sie enthält eine Überraschung für sie.«

»Danke, Majestät! Dieses ebenso liebliche wie edle Wesen bedarf wirklich einmal einer Botschaft, welche ihr einige Freude macht.«

»Das sollen diese Zeilen. Was nun das Arrangement für unsere Reise betrifft, so fahren wir nicht per Bahn, sondern per Wagen, zwei Wagen werden genügen; der eine für mich und Deinen Vater, der andere für Asta, Dich und Deine Mutter.«

»Wie, Majestät befehlen, daß die Eltern – –«

»Natürlich! Dein Vater ist mein bester und treuester Freund; er muß unbedingt an meinem Siege persönlich theilnehmen. Und da Du mir erzählst, welche Theilnahme Asta für Deine Mutter empfindet, so soll sie ihr Gesellschaft leisten, da ich doch einmal für eine Begleiterin Sorge tragen müßte. Was die Bedienung anbelangt, so bin ich versehen, Du aber noch nicht. Wie wäre es mit Eurem Thomas?«

»O, der ginge mit Freuden mit!«

»So sind wir fertig. Adieu, mein Junge!«

»Adieu, Majestät!«

Sie drückten sich die Hände wie zwei einfache, biedere Männer durch die Bande des Blutes in Liebe zusammengehören, und es lief dem Doktor dabei aus lauter Rührung und Dankbarkeit feucht in die Augen. Der König bemerkte es, legte den Arm um seine Schulter, zog ihn an sich und küßte ihn.

»Max, Gott hat mir Kinder versagt, aber wenn ich mir einen Sohn wählen dürfte, so müßtest Du es sein. Bleibe mir treu und lieb, wie Du es immer gewesen bist. Adieu!«

Er wandte sich ab. Auch in seinem Auge glänzte etwas, was er nicht sehen lassen wollte.

Max versorgte zunächst die Depeschen und ging dann – nicht zu seinen Eltern, sondern zur Prinzessin.

Er fand sie in derselben Laube, in welcher er sie damals in Gesellschaft des Generals von Raumburg getroffen hatte.

»Willkommen, Herr Doktor!« empfing sie ihn. »Darf ich behaupten, daß Sie sehr Erfreuliches erfahren haben?«

»Warum?«

»Ich lese die Kunde davon in Ihren Zügen.«

»Sind dieselben so redselig, Hoheit?«

»Redselig nicht, aber offen und ehrlich, gar nicht, wie man es bei einem solchen Diplomaten sucht, als der Sie sich ja erwiesen haben.«

»Danke. Allerdings habe ich Erfreuliches erfahren, aber nicht in direkter Beziehung auf mich, sondern indirekt, indem es sich auf Ew. Hoheit bezieht.«

»Ah!«

»Majestät beauftragte mich Ihnen mitzutheilen, daß er sich entschlossen hat, die Reise zu Ihrem Königlichen Herrn Vater in meiner und Ihrer Begleitung anzutreten. Er fährt in Gesellschaft meines Vaters und stellt die Frage an Sie, ob Sie ihm erlauben, während dieser Fahrt meine Mutter bei sich zu sehen.«

»Natürlich von ganzem Herzen gern, Herr Doktor, oder vielmehr, Herr Geheimerath.«

»Danke! Ich darf annehmen, daß die Grundlagen unserer Verhandlung mit Ihrem Herrn Vater aus den humansten Rücksichten erwachsen. Vielleicht finden Sie einige darauf bezügliche Andeutungen in diesem eigenhändigen Schreiben des Königs, welches er mich beauftragte, Ihnen zu überreichen.«

Sie nahm es in Empfang, öffnete das Couvert und las den Inhalt durch. Ihre schönen Züge nahmen einen eigenthümlichen Ausdruck an.

»Dieses Couvert, Herr Geheimerath, enthält einige an mich gerichtete Zeilen, in denen mich Majestät ersucht, Ihnen die beiden beigelegten Dokumente zu übergeben. Ich habe sie gelesen. Bitte, hier sind sie.«

Er war überrascht und griff zu. Er las und las; sein Auge umflorte sich, und seine Lippen zitterten vor innerer Bewegung.

»Nun, Erlaucht?« frug Asta, und auch ihre Stimme bebte.

»Das kann ich nicht annehmen! Solche Liebe und Güte habe ich nicht verdient!«

»O doch! Und ich fühle mich glücklich die Erste zu sein, welche Ihnen gratuliren darf.«

Sie reichte ihm ihre Hand entgegen, die er fast bewußtlos fest in der seinigen hielt. Der König hatte ihn in dem einen Dokumente zum »Grafen von Brandau« erhoben und ihm in dem andern den von der Prinzessin jetzt bewohnten Palast sammt der ganzen Ausstattung desselben und außerdem eines der größten Rittergüter des Landes als Ehrengeschenk zugewiesen.

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