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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Einige Stunden später saß Almah wieder in ihrer Laube und gedachte des sonderbaren Abschiedes, welchen der Matrose Bill Willmers von ihr genommen hatte. Da kam die Kastellanin in höchster Eile daher, schlug bereits längst vor der Laube die Hände zusammen und rief:

»Herrjesses, mein Kind, ist das ein Unglück, ist das ein Jammer, ein Elend, ein Herzeleid und ein Malheur!«

Almah erschrak im höchsten Grade.

»Was ist es denn, Mutter Horn?«

»Was es ist? O, das Schlimmste, was es gibt, oh, oh!«

»Aber bitte, Sie machen mir ja Angst. So sagen Sie es doch!«

»Was es ist? Ja, das sollen Sie gleich erfahren! Wissen Sie, was ein gewisser Schiller sagt, der so viele schöne Gedichte geschrieben hat?«

»Was sagt er denn?«

»Da werden Weiber zu Hyänen!«

»Ah, die Weiber?«

»Ja.«

»Zu Hyänen?«

»Ja, da werden die Weiber zu Hyänen und zerreißen in Fetzen den Scherz! so sagt dieser Schiller!«

»Das ist ja fürchterlich!«

»Ach, sogar schrecklich und entsetzlich!«

»Aber warum werden denn Hyänen aus den Weibern?«

»Weil – weil – nun, weil Revolution ist!«

»Revolution?«

»Ja, Revolution, Empörung, Revolte, Rebellion und Aufruhr, Hochverrath, Landesverrath, Blutvergießen, dreifacher Mord und zehnfacher Todtschlag!«

»Nicht möglich! Wo denn?«

»Wo? Herrjesses, hier in Süderland, hier bei uns ist sie, die Revolution. Aber Sie können sich darauf verlassen, Kindchen, ich werde keine Hyäne, ich leide es nicht, daß sie mich zu einem solchen Viehzeuge machen; diesen Kummer thue ich schon meinem Alten nicht an!«

»Aber erklären Sie mir doch deutlicher!«

»Noch deutlicher? Herrjesses, Kind, rede ich denn nicht deutlich genug? Die Rebellion ist ausgebrochen in der Hauptstadt, und das ganze Land macht mit, sogar das Militär. Der König hat fliehen müssen; die Königin muß fliehen, und der Kronprinz ist auch schon fort!«

»Wenn denn?«

»Heut Morgen!«

»Wohin?«

»Hinauf an die Grenze, wo der tolle Prinz mit der Armee steht. Diese soll Alles retten.«

»Woher wissen Sie es denn?«

»Es ist telegraphirt worden und, da sehen Sie einmal hinab in die Stadt nach den rothen Flaggen, welche man aufgesteckt hat. Das ist ja auch bei uns die helle Empörung!«

»Was sagt denn Vater Horn dazu?«

»Der jammert reinweg zum Verzweifeln.«

»Weiß es mein Papa auch?«

»Natürlich!«

»Und was meint er?«

»Der nickt und lächelt und lächelt und nickt, aber sagen, nein, sagen thut er nichts.«

»Da muß ich gleich zu ihm. Sagen muß er doch etwas?«

»Freilich! Und dann kommen Sie ja gleich herab zu mir, Kindchen, und sagen mir wieder, was er gesagt hat, damit ich es meinem Alten auch sagen kann. Herrjesses, ich will nur sehen, ob so etwas zu überleben ist!«

Sie eilten Beide davon, Almah zu ihrem Vater. Dieser beruhigte sie und führte sie hinaus auf den Balkon, auf welchem er vorher mit dem Generalmajor gestanden hatte.

»Uns ist dieser Aufstand nicht gefährlich, mein Kind. Die Führer desselben sind edel denkende Leute und werden keine Korruption aufkommen lassen. Dennoch aber verlassen wir Tremona morgen mit dem Frühesten.«

»Ah! Wohin gehen wir?«

»Nach Norland.«

»Mit der Bahn?«

»Nein, zu Schiffe.«

»Mit welchem Fahrzeuge? Unsere Yacht ist doch fort!«

»Die erhalten wir wieder. Wir suchen Freund Sternburg auf, der sie uns so geschickter Weise entwendet hat.«

»Ists wahr, Papa?«

Sie mußte daran denken, daß es ein Sternburg sei, der sie aus den Fluthen des Niles gerettet hatte.

»Natürlich! Blicke einmal da hinüber!«

»Nach dem weißen Segel?«

»Ja. Rathe, welches Fahrzeug es ist!«

»Doch nicht etwa unser Segeldampfer?«

»Er ist es. Er erhielt von mir Ordre, heut das Land anzusegeln, weil ich wußte, daß ich ihn brauchen würde. Dies ist nun auch der Fall, freilich in anderer Weise.«

»Kommt er in den Hafen?«

»Nein. Er kreuzt vor der Küste; wir fahren mit einem Boote hinaus. Packe zusammen!«

»Schon jetzt?«

»Sogleich!«

»O, was wird meine gute Mutter Horn sagen, wenn sie erfährt, daß wir fortgehen!«

»Wir werden wiederkommen, mein Kind, und vielleicht recht bald.«

Eben wollte Almah das Zimmer verlassen, da klopfte es draußen an und die Kastellanin trat ein.

»Herrjesses, ist das eine Freude, ein Glück und ein Vergnügen! Sie verzeihen, Excellenz, aber ich kann nicht anders, ich muß gleich heraufkommen und es Ihnen sagen!«

»Was?«

»Daß eine neue Depesche da ist.«

»Aus der Residenz?«

»Ja, aber aus der von Norland.«

»Ich denke, die Leitung wurde zerstört?«

»Ja, aber die Rebellion hat die Drähte wieder zusammengeknüpft. Der König von Norland hat nämlich heute Nacht eine ungeheure Revolution besiegt und gibt seinen Unterthanen eine Konstitution. Was das ist, das weiß ich nicht, aber durch ganz Norland läuten sie mit den Glocken, und da muß es doch wohl etwas Gutes sein.«

Der Pascha nickte und lächelte auch jetzt; dann meinte er:

»Ich danke für die Nachricht. Nehmen Sie Almah jetzt mit; sie hat Ihnen auch etwas mitzutheilen.« – –

An demselben Vormittage lichtete im Hafen von Bartholome eine norländische Flotte von sechzehn Segeln die Anker, um nach Süd zu halten. Ein sehr eigenthümlicher Umstand mußte auffallen. Der Kommandeur dieser Flotte befand sich nämlich nicht auf einem Linienschiffe, sondern auf einer Fregatte, die einen ganz ungewöhnlich schlanken Bau besaß. Sie mußte ein ganz ausgezeichneter Segler sein, und vielleicht war der Kommandeur ein Freund von solchen Fahrzeugen, weil er diese sich gewählt hatte.

Die Kapitäne der einzelnen Schiffe mußten ganz besondere Instruktionen erhalten haben, da die Fregatte stets voraus war, so daß ein Signalisiren unmöglich wurde. Endlich verschwand sie gar am Horizonte, und nun nahmen auch die andern Schiffe solche Zwischenräume, daß sie eine wohl zwölf englische Meilen weite Linie bildeten. Jetzt hätte ein feindliches Schiff sicher nicht entschlüpfen können.

Die Fregatte hatte sich weit von dem rechten Flügelschiffe der Flotte entfernt; sie hatte sich jedenfalls die Aufgabe gestellt zu rekognosciren. An ihrem Steuer stand ein starker breitschultriger Kerl, der vor Freude über die gute Fahrt am ganzen Gesichte lachte, und neben ihm lehnte eine kleinere hagere Gestalt mit einer rothen phrygischen Mütze. Ihr Gespräch war im besten Zuge.

»Heiliges Mars- und Brahmenwetter, ist das ein Gaudium, auf einem solchen Schiffe zu stehen! Nicht, Karavey?«

»Ja. Bin nur neugierig, was der Kommodore will!«

»Das weiß ich ganz genau.«

»Nun?«

»Schau, er ist in einer einzigen Nacht vom Kapitän zum Kommodore avancirt, und das will er sich verdienen. Paß auf, Bootsmann, den ersten Süderländer, dem er begegnet, nimmt er auf sich; er gönnt ihn keinem Andern von der Flotte!«

»Sollte mich freuen!«

Da erscholl vom Quarterdecke der Ruf:

»Mann am Steuer, vier Striche nach West!«

»Ay, ay, Kommodor; geht schon herum!« antwortete Schubert, indem er sich mit Gewalt in das Rad legte, und als er sah, daß der Kommodor nichts mehr zu sagen hatte, hielt er die Linke über die Augen und schaute in das Lee hinüber.

»Vier Striche nach West, also noch weiter ab von der Flotte. Er muß da drüben etwas entdeckt haben.«

»Denke es auch. Siehst Du das Segel nicht?«

»Wahrhaftig! Ich glaube, er weiß es bereits, mit wem er es zu thun hat.«

»Natürlich. Er hat das beste Fernrohr der ganzen Marine; das ist bekannt. Doch, ich will mich nach einer guten Handspeiche umsehen, denn es liegt wie Pulverdampf und Prügelei in der Luft.«

Arthur beobachtete das Segel unausgesetzt. Dann wandte er sich mit einem raschen Rucke zu dem Kapitän der Fregatte.

»Kapitän, wollen Sie sich diese Prise holen?«

»Wenn wir dabei nicht von der Flotte abkommen –«

»Wir holen sie gut wieder ein.«

»Was ist es?«

»Ein Linienschiff, Süderländer. Kenne ihn sehr genau; heißt Poseidon, ist sehr alt und nicht gut beweglich.«

»Sonst aber ist er uns überlegen, Kommodore!«

»Etwas größer und etwas mehr Mannschaft und Kanonen; werden aber rasch mit ihm fertig werden.«

»Poseidon, war der nicht drüben an den Antillen stationirt?«

»Ja. Er kommt zur unglücklichen Zeit nach Hause. Ahoi, Mann am Steuer, noch zwei Striche mehr!«

»Aye, aye, Kommodore!«

»So, Kapitän; das soll mein letztes Kommando gewesen sein. Jetzt befehlen Sie!«

Die Fregatte hielt scharf auf den Kurs des Linienschiffes. In einer Viertelstunde mußte dieses erreicht sein.

»Seid bereit, Jungens. Es wird heiß!« rief der Kapitän.

Dann setzte er das Rohr an und suchte den Horizont noch einmal ab.

»Alle Teufel, Kommodore, dort ist ja noch ein Segel, und, wahrhaftig, noch eins.«

»Wo? Die hätte ich doch sehen müssen!«

»Sie steuern in gerader Linie hinter dem Poseidon; daher können wir sie erst jetzt bemerken.«

Arthur nahm das Perspektiv auf.

»Auch ein Süderländer, Dreimaster, stark gebaut. Hoffe, daß der Dritte nicht auch dasselbe ist!«

»Wäre es nicht besser zu wenden, Kommodore?«

»Und uns auslachen zu lassen, nicht wahr? Der Poseidon wird unser, und das Übrige wird sich finden.«

Zehn Minuten später waren sie auf Sprechweite an das Linienschiff herangekommen und sahen zu gleicher Zeit, daß das zweite Fahrzeug ebenfalls ein Linienschiff, das dritte aber eine Fregatte war, beide süderländische Nationalität.

Da hißte der Poseidon die Flagge.

»Kommodore,« meinte der Kapitän, »wir wagen das Unmögliche!«

»Wollen Sie mir das Kommando geben?«

»Gern!«

Der brave Mann war jedenfalls froh, die Verantwortung von sich abgewälzt zu haben.

»Fregatte ahoi!« klang es jetzt von drüben. »Was für ein Schiff?«

»Fregatte Sperber, Kommodore von Sternburg.«

»Ah, Arthur von Sternburg.«

»Ja.«

»Wohin?«

»An den Poseidon!«

»Oho! Ist Krieg zwischen Nor- und Süderland?«

»Ja. Süderland hat uns überfallen. Ergebt Euch!«

»Oho, das werden wir uns erst überlegen! Haltet mehr ab von uns!«

»Fällt uns nicht ein. Hallo da unten, gebt ihm die Breitseite!« Die beiden Schiffe fuhren jetzt parallel neben einander. Die Fregatte öffnete ihre zwei Lukenreihen und krachte los. Der Poseidon erbebte unter dem Drucke der Kugeln, welche über und unter seiner Wasserlinie einschlugen. Er war nicht auf diesen Kampf vorbereitet, doch flogen auch seine Luken auf.

»Hallo, Kapitän,« meinte Arthur, »der Leib ist gut getroffen. Springt hinunter und sagt den Jungens, auf das Deck zu halten! Ahoi, Schubert, fall schnell ab nach Lee! Nieder mit dem Segel!«

Dieses Kommando hatte zur Folge, daß die Fregatte eine scharfe Wendung machte und den Kugeln des Linienschiffes nur den Stern bot. Die Salve flog in das Wasser.

»Bravo! Herum wieder, Schubert, herum! Herauf mit der Leinwand da vorn! Feuer!«

Ein lautes Hallo erschallte auf die zweite Breitseite. Der Hauptmast stürzte, und während man drüben beschäftigt war zu kappen, erhielt der Poseidon noch eine volle Lage, die das schwere Schiff unlenkbar machte. Dennoch ließ es die Flagge nicht fallen, da bereits in den beiden andern Schiffen die Hilfe nahe war.

»Laßt den Methusalem jetzt schwimmen; er bleibt doch unser!« rief Arthur. »Lieutenant, da vorn, herum, dem Zweiten entgegen! Schubert, leg um!«

Der Steuermann warf sich in das Rad, und der Segelmeister that seine Schuldigkeit so gut, daß sich die Fregatte in einem kurzen Bogen herumdrehte und dem zweiten Linienschiffe entgegenging.

»Kommodore,« meinte der Kapitän, »haben wir nicht genug gethan? Wenn wir Diesen angreifen, nimmt uns die Fregatte dort den Wind.«

»Werden ihn schon wieder bekommen. Heda, Martin!«

»Aye, Kommodore!« antwortete der Stückmeister.

»Fünfzig Thaler, wenn Du ihm das Steuer nimmst!«

»Werde sie verdienen!«

Der Mann kniete vor seinem Geschütz nieder und machte eine Miene, der man es ansah, daß sein nächster Schuß ein Meisterschuß werden solle.

»Hollah!« rief da der Mann auf dem Masthead. »Dort was für ein Ding?«

Arthur sah in der Richtung der ausgestreckten Hand des Mannes, und was er erblickte, war allerdings wunderbar genug. Höchstens anderthalb englische Meilen entfernt kam ein Schiff heran, welches tiefschwarze Segel trug und wegen dieser Farbe bisher nicht bemerkt worden war. Obgleich seine Masten sich unter der Last der Leinwand förmlich bogen, mußte seine Fahrt eine staunenswerth schnelle genannt werden. Es war, als würde das Fahrzeug von einer unsichtbaren Macht herbeigeschnellt. Auch der Steuermann bemerkte es, legte die Hand an den Mund und rief:

»Ahoi, Kommodore, der schwarze Kapitän!«

Auch drüben auf dem Linienschiffe ertönte derselbe Ruf.

»Ist gleich!« rief Arthur. »Drauf auf den Süderländer! Martin, aufgepaßt!«

Die Fregatte strich dicht an dem Linienschiff vorüber, und der Stückmeister drückte los. Seine Kugel krachte in den Steuerhebel und zersplitterte ihn.

»Bravo. Feuer auf Steuerbord!«

Die Breitseite der Fregatte sprühte ihre Kugeln; drüben aber war der Kommandeur entweder über die Erscheinung des "Tigers" oder über die Zerstörung seines Steuers so betroffen, daß er den rechten Zeitpunkt versäumte; der Donner seiner Breitseite erscholl, als die Fregatte bereits vorüber war.

»Halte aus im Kurs, Schubert!« gebot Arthur.

»Aye, Kommodore!« antwortete der Steuermann, sehr befriedigt über diesen Entschluß Sternburgs.

Dieser wollte vor allen Dingen sehen, was den schwarzen Kapitän herbeiführe. Auch die süderländische Fregatte war so nahe herbeigekommen, daß alle vier Schiffe den "Tiger" genau beobachten konnten. Es schien ein ungeheures Wagniß des Piraten, die Nähe von vier solchen Orlogschiffen geradezu zu suchen.

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